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WM 2018 in Russland – “Fast jeder Favorit ist mit einem kleinen ‘aber’ versehen”

9. Juni 2018

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WM 2018 in Russland – “Fast jeder Favorit ist mit einem kleinen ‘aber’ versehen”

1.Teil

Noch genau eine Woche, dann ist es endlich soweit! Die WM 2018 findet mit der Auftaktpartie zwischen dem Gastgeber Russland und Saudi-Arabien seinen Startschuss. Alles guckt gespannt auf die Favoriten, während manch andere “große” Fußballnation die Weltmeisterschaft nur vor dem Fernseher verfolgen kann. Doch wer zählt zu den Titelkandidaten, gelingt Deutschland erneut der große Wurf und welche Spieler sollte der Fußballfan auf dem Schirm haben? Unsere Redakteure Manuel Behlert, Christoph Albers und Julius Eid haben sich diesen und weiteren Fragen gewidmet und wagen eine Prognose.

 

Videobeweis! Hilfe oder “Emotions-Killer”?

90PLUS: Die Saison ist vorbei und es war wieder einiges los in diesem Jahr. Nun steht die WM vor der Tür. Bevor wir zu den Turnier-Favoriten kommen, sollte vielleicht erst einmal der Videobeweis angesprochen werden. Denn dieser kommt nun erstmalig auch bei einer WM zum Einsatz. Von vielen Seiten hagelt es Kritik, da das System noch nicht ausgereift sei und viele der bei der WM eingesetzten Schiedsrichter in den nationalen Ligen bisher noch nie mit dem Videobeweis in Berührung gekommen sind. Hinzu kommen die Probleme beim Confed-Cup im letzten Sommer und selbst in der Bundesliga lief die Premierensaison mit dem VAR nicht unbedingt reibungslos. Teilt ihr die Kritik, kommt der Einsatz des Videoassistenten bei einer WM zu früh oder ist die Diskussion überflüssig?

M. Behlert: Was ich sicher sagen kann: Der Videobeweis wird bei dieser Weltmeisterschaft garantiert ein großes Thema sein. Denn einerseits werden Anhänger zahlreicher Nationen erstmals mit dieser Neuerung konfrontiert, andererseits trifft dies auch auf einige Schiedsrichterteams zu. Ich bin ein Befürworter des Videobeweises (kann dennoch einen gewissen Teil der Kritik absolut nachvollziehen), aber er muss sich noch deutlich weiterentwickeln. Soll heißen: Die Entscheidungen müssen für das Publikum nachvollziehbar sein und kommuniziert werden, denn das nimmt einem nicht unerheblichen Teil der hitzigen Diskussionen bereits von Beginn an den Nährboden. Ich weiß nicht, ob es tatsächlich „zu früh“ für den Videobeweis bei einem großen Turnier ist, das wird im Endeffekt natürlich auch von der Umsetzung und etwaigen Problemen abhängen, aber ich hoffe vorab, dass die entscheidenden Figuren einen besseren Eindruck hinterlassen als an manchen Wochenenden in den heimischen Ligen.

C. Albers: Ich bin per se gegen den Einsatz des Video-Assistenten. Die abgelaufene Saison hat mich in meiner Meinung auch eher bestärkt, da es trotzdem zu teilweise wirklich gravierenden Fehlentscheidungen gekommen ist und es offensichtliche Schwierigkeiten mit der Handhabung gibt. Darüber hinaus, und das ist das absolute K.O.-Kriterium für mich, sind diese unsäglichen Momente, in denen alle ihre Emotionen zurückhalten, weil sie einen Eingriff des VAR befürchten, einfach ein enormer Killer für ein Spiel. Gerade bei einer Weltmeisterschaft, die für mein Fan-Herz immer noch das Allergrößte ist, möchte ich das einfach nicht sehen. Positive Beispiele, wie es sie u.a. in der Serie A gibt, stimmen mich da auch nicht um.

(Photo by Alex Grimm/Bongarts/Getty Images)

J. Eid: Natürlich gibt es Risiken dabei, den Videobeweis bei der WM anzuwenden. Wie auch in der Bundesliga immer wieder sichtbar, kann der VAR teilweise für mehr Unmut als Klarheit sorgen. Die Technik steckt in manchen Bereichen noch in den Kinderschuhen. Das Schiedsrichter auf dieser Bühne dann zum ersten Mal mit der Technik in Berührung kommen, ist auch ungewöhnlich und nicht ganz ungefährlich. Dennoch muss man herausstellen, dass der VAR auch helfen kann und es hoffentlich auch wird. Denkt man nur an die vergangene CL-Saison zurück, wird deutlich, dass krasse Fehlentscheidungen auf dem höchsten Niveau alles andere als selten sind. Und außer Real Madrid kann das doch eigentlich niemand wollen :)

 

Problemfall Niederlande – Qualitätsmangel?

90PLUS: Nach der EM 2016 verpasst mit der Niederlande eine große Fußballnation auch das nächste  Turnier. 2010 standen Robben und Co. noch im WM-Finale, vier Jahre später immerhin im Halbfinale. Was ist seitdem mit der einst so starken Elftal passiert? Liegt es an fehlenden nachkommenden Talenten oder ist der Übergang von der Generation Robben, Sneijder, van Persie zur nächsten einfach nicht geglückt? Was muss passieren, damit die Niederlande im Idealfall schon bei der nächsten EM wieder ein Wörtchen mitreden kann und ist das überhaupt realistisch?

C. Albers:  Die Gründe für die momentane Misere der „Elftal“ sind sicherlich vielfältig, doch es ist wohl nicht zu bestreiten, dass der Umbruch schlichtweg nicht gelungen ist. Meiner Meinung nach wurde viel zu lange an den alternden Stars festgehalten, sodass es die jüngeren Spieler schwer hatten, sich zu etablieren und auch die Führungsstruktur nachhaltig zu verändern. Die verantwortlichen Trainer hatten dabei sicherlich einen entscheidenden Anteil, die mangelnde Kontinuität auf dem Trainerposten sollte aber sicherlich auch erwähnt werden. Darüber hinaus fehlt es in vielen Mannschaftsteilen auch einfach an individueller Qualität, was auch auf das Schwächeln der heimischen Eredivisie zurückzuführen ist. Es wartet also ein sehr langer Weg auf sie, bis sie eventuell in den Kreis der „Großen“ zurückkehren können.

J. Eid: Der Niederlande fehlt es mittlerweile schlicht und ergreifend an Qualität. Im gesamten Kader steht wenn überhaupt nur Quincy Promes, der ein Niveau erreichen kann, das Van Persie, Robben und Co. in ihren besten Momenten abrufen konnten. Das Prunkstück im Kader der Elftal ist mittlerweile die Verteidigung, die mit De Vrij, De Ligt und van Dijk vor allem in der Zentrale fantastisch besetzt ist. Und bei allen Dreien ist noch Potenzial da. Wenn man allerdings in nächster Zeit ein ernstzunehmender Titelkandidat sein will, muss vor der Abwehr noch eine Menge geschehen.

M. Behlert: Die Niederlande ist ein sehr spannendes Thema, denn an talentiertem Nachwuchs mangelt es dieser Nation eigentlich nie. Das Problem ist aber, dass es in den letzten Jahren nicht gelang, eine gewisse Ausgewogenheit in der Talentausbildung herzustellen. Natürlich ist es für ein Land wie die Niederlande eklatant, wenn Spielerpersönlichkeiten wie Robben, van Persie und Sneijder nach und nach zurücktreten, aber in der Historie wurde dies häufig sehr gut aufgefangen. Es fehlt dieser Elf meiner Meinung nach derzeit vor allem an adäquaten Spielgestaltern und vor allem an zuverlässigen Angreifern. Derzeit sehe ich beispielsweise keinen herausragenden Mittelstürmer, der zur Verfügung stünde. Aber – und das ist auch klar: Mit Spielern wie Depay, Kluivert, van de Beek, van Dijk, de Ligt, de Vrij und co. kann erneut eine sehr starke Generation heranwachsen, wenn es gelingt, die „Problempositionen“ entsprechend zu besetzen. 

 

90PLUS: Neben der Niederlande wird auch Italien die Reise nach Russland nicht antreten. Mit Spanien hatte der Weltmeister von 2006 natürlich einen dicken Brocken in seiner Gruppe, doch gegen Schweden hätte man das Blatt noch wenden können (müssen). Warum ist dies nicht gelungen? Ist bei den „Azzurri“, ähnlich wie bei der niederländischen Nationalelf, der Generationenwechsel misslungen oder sind andere, vermeintlich „kleinere“ Fußballnationen wie z.B. Schweden, Island etc. einfach stärker geworden?

J. Eid: Im Gegensatz zur Niederlande ist der Kader der Italiener deutlich stärker besetzt, vor allem auch schön vermischt zwischen alten Hasen, wie zum Beispiel Bonucci, und einer neueren Spielergemeration um Insignie und Co. Was die Italiener scheitern ließ, ist vor allem die fehlende Spielphilosophie sowie ein Mannschaftsgebilde, das noch nicht gefestigt wirkte und im Zusammenspiel Schwächen offenbarte. Das werden die Punkte sein, an denen der neue Coach der Italiener ansetzen muss. Die Leistung von Schweden, Island etc. soll natürlich nicht geschmälert werden, ist aber eine zweischneidige Sache. Einerseits ja: „Kleinere“ Nationen arbeiten mittlerweile sehr professionell und auch taktisch interessant, dadurch sind sie besser geworden. Andererseits: Wenn z.B. Italien sein Potenzial nur ansatzweise ausgeschöpft hätte, wäre Schweden trotz toller Arbeit nicht zur WM gefahren.

(Photo by Claudio Villa/Getty Images)

M. Behlert: Die Wahrheit liegt auch hier wie so häufig in der Mitte. Natürlich haben die Italiener einige Spieler in ihren Reihen, die bereits ein beträchtliches Alter erreicht haben (de Rossi, Buffon, Chiellini). Aber das allein war nicht der Grund für das Ausscheiden in den Playoff-Spielen, genauso wenig wie die stärker werdenden kleineren Nationen nicht ausschließlich für diese Resultate verantwortlich waren. Ja, die „kleinen“ Nationen werden stärker. Das liegt an der immer professionelleren Ausbildung, der Tatsache, dass deren Schlüsselspieler immer häufiger den Weg in große Ligen antreten und vor allem auch daran, dass die absoluten Topnationen eben nicht mehr so viel Spielraum in ihrer Entwicklung haben. Und das spürt auch die große Fußballnation Italien, die jetzt – ebenso wie die Niederlande – die Weichen für eine erfolgreiche Zukunft stellen muss. Und auch wird. Italien kommt wieder. 

C. Albers: Also zunächst einmal zu den Gründen für das Verpassen der Qualifikation: In ihrer Qualifikationsgruppe hatten sie es mit Spanien zu tun, von daher war es kein Wunder, dass es nur zum zweiten Platz gereicht hat. Im Play-Off hat Italien dann aber ohne jeden Zweifel auf ganzer Linie versagt. Die Mannschaft spielte sehr bieder und uninspiriert, obwohl die Mannschaft der schwedischen Auswahl qualitativ klar überlegen war. Hier trifft aus meiner Sicht vor allem auch Trainer Ventura die Schuld, da er offensichtlich bewusst auf seine kreativsten Spieler, hier ist allen voran Lorenzo Insigne zu nennen, verzichtet hat. Das war schlichtweg nicht nachvollziehbar und hat ihm dann auch völlig zurecht den Job gekostet. Der Umbruch steht jetzt natürlich mehr denn je an, doch ich habe nicht das Gefühl, dass sie ihn grundsätzlich verpasst haben. Ich sehe Italien da durchaus auf einem guten Weg. Was den zweiten Teil der Frage angeht, würde ich konstatieren, dass sich zuletzt ein gewisser Trend abgezeichnet hat, der genau darauf hindeutet, dass die vermeintlich „Kleinen“ mehr und mehr mithalten können. Ähnlich wie in weiten Teilen der Bundesliga fehlt es den meisten größeren Mannschaften an Mitteln, eine stabile, defensiv eingestellte Mannschaft spielerisch in Bedrängnis zu bringen. Fast jede Mannschaft auf dem Niveau ist in der Lage, taktisch diszipliniert und geschlossen zu verteidigen, gut angreifen können dagegen die Wenigsten. Das einzige Mittel, was den meisten Teams dann bleibt, ist die individuelle Klasse. Das kann oftmals die Lösung sein, aber bei Weitem nicht immer. Und wenn dem nicht so ist, können die „Kleinen“ mit einer guten Defensive und über stumpfe Konter durchaus zum Erfolg kommen. Teams wie Deutschland, Spanien, Frankreich oder auch Brasilien, die auch sonst Lösungen finden, stechen daher auch klar heraus.

 

Spanien gilt es zu schlagen

90PLUS: Kommen wir zu denen, die dabei sind: Spanien wird von vielen als einer der ganz großen Favoriten auf den Titel gehandelt. Nach den glorreichen Meisterschaften 2008, 2010 und 2012 mit zwei EM-Titeln und dem ersten WM-Titel folgten bei der WM 2014 und der EM 2016 das frühe Aus. Jetzt hat sich „La Roja“ als Gruppenerster sehr souverän für die WM qualifiziert. Ist mit den Spaniern bei diesem Turnier wieder zu rechnen oder ereilt sie erneut das frühe Aus?

C. Albers: Für mich gehört Spanien zu den ganz großen Favoriten, ohne jeden Zweifel. Die Mannschaft ist sehr stark besetzt, vor allem in der Defensive. Mit de Gea steht der womöglich beste Torwart der Welt zwischen den Pfosten, Alba, Piqué, Ramos und Carvajal bilden eine extrem eingespielte Viererkette, die zudem qualitativ kaum zu übertreffen ist und mit Busquets davor wird es sehr schwierig werden, sie in Bedrängnis zu bringen. Zudem sind alle extrem ballsicher, was ein extremes Plus ist, wie man z.B. im Champions-League-Finale gut sehen konnte. Die Offensive ist natürlich auch extrem gut besetzt und hat mit Spielern wie z.B. Isco und Asensio auch wirkliche Unterschiedsspieler dabei, die eher für Einzelaktionen gut sind als die Akteure vor vier Jahren in Brasilien. Wenn man betrachtet, dass Spieler wie Martínez, Bellerin, Morata, Fabregas, Pedro oder auch Vitolo zu Hause bleiben müssen, ist das schon beeindruckend. Außerdem wissen alle Spieler sehr genau, wie man Turniere gewinnt und für viele ist es die letzte WM, sodass die Motivation groß sein wird. Sie sind eine der Mannschaften, die es zu schlagen gilt.

M. Behlert: Ich rechne ganz fest mit Spanien. Besonders das erste Spiel gegen Portugal wird hochinteressant, denn neben der gesunden Rivalität spielt natürlich auch eine Rolle, dass mit Portugal der amtierende Europameister der Auftaktgegner ist. Hier wird man schon sehen können, was Spanien auf dem Kasten hat, auch wenn die „Furia Roja“ dort noch nicht alle Karten auf den Tisch legen wird. Der Kader ist in der Spitze und in der Breite hervorragend besetzt, einige Spieler sind auf ihrem absoluten Karrierehöhepunkt und es gibt fast nichts zu kritisieren. Wichtig wird sein, dass man Diego Costa gut in das eigene Spiel einbindet und neben der natürlichen Dominanz und technischen Überlegenheit gegen fast jeden Gegner die nötige Effizienz mitbringt. Dann wird es für Spanien sehr weit gehen.

(Photo by Manuel Queimadelos Alonso
/ Getty Images Sport)

J. Eid: Spanien wirkt im Moment sehr gefestigt und souverän. Iniesta spielt gerade in der Nationalmannschaft so, dass man den Rücktritt in Barcelona schwer akzeptieren kann. Die Mannschaft ist unter Lopetegui eine neue Einheit geworden. Der Trainer kannte viele jüngere Spieler schon aus Zeiten als Jugendtrainer Spaniens und konnte diese stark integrieren. Das Team funktioniert, alle Mannschaftsteile sind stark besetzt, Spanien ist definitiv ein Titelkandidat.

 

In Teil 2 geht es weiter mit den Titelfavoriten…

 

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