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Der fehlende Plan des FC Bayern in der Trainerfrage

25. März 2018

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Der fehlende Plan des FC Bayern in der Trainerfrage

Als Fan des FC Bayern hat man es in dieser Saison nicht nur einfach. Seit der Entlassung von Trainer Carlo Ancelotti und der vorübergehenden Lösung Jupp Heynckes hoffte man auf eine schnelle Klärung der Trainerfrage für den Sommer 2018. Ein wichtiges Jahr steht an, der Umbruch muss vorangetrieben und ein klares Konzept entwickelt werden. Ende März steht der FC Bayern nicht nur ohne neuen Trainer, sondern offenbar auch ohne einen konkreten Plan da. Wie kann das sein? 

Am gestrigen Samstagabend wurde die Meldung publik, dass sich Thomas Tuchel, der lange Zeit als Topkandidat auf die Heynckes-Nachfolge galt, aufgrund einer Vereinbarung mit einem anderen Klub gegen den FC Bayern entschieden hat. Heute folge dann die Meldung einer Einigung mit dem FC Arsenal.

Heynckes’ Freundschaftsdienst

Die Amtsübernahme von Jupp Heynckes war von Anfang an ein Freundschaftsdienst gegenüber Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge. Heynckes betonte bereits früh, dass es eine Vereinbarung bis zum Saisonende gibt, die er erfüllen wird – und nicht mehr. Zu diesem Zeitpunkt war noch genug Zeit vorhanden um intern eine Ideallösung für den Sommer zu diskutieren und die ersten Schritte zu unternehmen um diese Option an den Verein zu binden. Bereits im September gab es Kontakt zu Thomas Tuchel, die Heynckes-Lösung für den Übergang schien aber durchaus logisch und legitim.

(Photo by Ronny Hartmann/Bongarts/Getty Images)

Denn: Einen Trainer wie Tuchel, der viel verändert, viel fordert und anpasst, während der Saison zu installieren, ist riskant. Es gab diverse Missstimmungen innerhalb der Mannschaft und Heynckes, der gerade auf die zwischenmenschlichen Komponenten achtet, war ideal um der Mannschaft wieder Stabilität zu geben. Eine enorme taktische Weiterentwicklung forderte niemand von Heynckes, die Aufgabe, die nötigen Resultate einzufahren, meisterte der 72-jährige mit Bravour, sodass im Hintergrund die Drähte hätten glühen können, in aller Ruhe.

Zu langes Zögern bei Tuchel

Doch dem war nicht so. Je mehr positive Resultate Heynckes einfuhr, desto größer war die Hoffnung von Uli Hoeneß, dass der gerade aus dem Ruhestand zurückgekehrte Übungsleiter vielleicht doch zu überreden ist, noch einmal weiterzumachen. Einen 72-jährigen, der in München im Hotel wohnt und seine Familie vermisst, mehrfach über den großen Druck sprach, eine weitere, komplette Saison zu beschäftigen, wäre aus vielerlei Gründen ein Wagnis. Stress und Druck könnten nicht nur Auswirkungen auf Heynckes selbst, sondern auch auf die weiterhin intakte Freundschaft mit Hoeneß haben.

(Photo by Ronny Hartmann/Bongarts/Getty Images)

Übereinstimmenden Medienberichten zufolge galten Karl-Heinz Rummenigge, Hasan Salihamidzic und auch Jupp Heynckes als Tuchel-Befürworter. Die Trainerfrage rückte mit zunehmender Dauer der Saison immer mehr in den Fokus, Hoeneß beruhigte die Situation nicht, sondern befeuerte seine Heynckes-Hoffnung noch mit teils sehr unglücklichen Aussagen. Der Kontakt zu Tuchel bestand demnach weiterhin, lange wurde er in den Medien als Kandidat oder gar Topkandidat gesehen, doch Vollzug konnte nicht gemeldet werden.

Wie die “Süddeutsche” nach dem gestrigen Paukenschlag berichtete, habe man beim FC Bayern zu lange gezögert und keine konkreten Verhandlungen mit Thomas Tuchel begonnen. Im Laufe der vergangenen Woche habe Tuchel den Verein informiert, dass er bei einem anderen Klub im Ausland im Wort stünde, woraufhin es beim Rekordmeister hektisch zuging. In einer Telefonkonferenz wollten Hoeneß, Salihamidzic und Rummenigge kurzfristig dafür sorgen, dass sich Tuchel umentscheidet – vergebens. Sollte dies tatsächlich der Wahrheit entsprechen, ist das der Ausdruck der Plan- und Ratlosigkeit.

Der Faktor Hoeneß

Uli Hoeneß sorgt, seitdem er wieder Präsident des FC Bayern ist, regelmäßig selbst dafür, dass es immer mehr Skeptiker gibt, die ihn immer kritischer beurteilen. Sollte es tatsächlich stimmen, dass Hoeneß alleine derjenige war, der eine frühere Konkretisierung des Tuchel-Themas verhindert hat, würde das erneut dafür sprechen, dass Hoeneß fehl am Platz wirkt und kein gutes Bild abgibt. Auch bei der nicht gelungenen Integration von Philipp Lahm nach dessen Karriereende dürfte Hoeneß eine Rolle gespielt haben. Dabei wäre gerade ein Charakter wie Lahm, der bereits während seiner aktiven Karriere Dinge angesprochen und weitergedacht hat, ein Gewinn.

Ohne Klarheit in den April

Der Ist-Stand beim FC Bayern Ende März, also nur wenige Monate vor Start der Sommervorbereitung, ist der, dass keine Klarheit herrscht. Weder auf der Trainerposition, noch bei der Kaderplanung. Und beides kommt einer mittelschweren Katastrophe gleich. Mit einer Lösung zumindest in dieser Länderspielpause hätte man vor den entscheidenden Wochen der Saison Ruhe in den Verein bringen können, doch das Gegenteil ist der Fall. Statt über die kommenden Gegner wird nun nur noch mehr über die Trainerfrage geredet, Heynckes auf den Pressekonferenzen weiterhin zu seiner Zukunft gelöchert. Ein Problem, das der FC Bayern sich selbst geschaffen hat.

(Photo by Sebastian Widmann/Bongarts/Getty Images)

Der Trainer für die kommende Spielzeit muss eigentlich feststehen um detaillierte Kaderplanungen anzustellen. Natürlich, es wurden einige Verträge verlängert und Leon Goretzka, dessen langfristige Unterschrift vor dem Hintergrund einer unklaren Zukunft auf der Trainerposition umso überraschender ist, für die neue Saison verpflichtet. Aber darüber hinaus? Der neue Trainer soll Mitspracherecht bei der Entscheidung über die Zukunft von Franck Ribery und Arjen Robben haben, die finalen Gespräche wurden für den April angekündigt. Stand jetzt ist keine schnelle Entscheidung in der Trainerfrage zu erwarten, man setzt sich also auch hier unter Druck.

Und nicht nur mit den vorhandenen Spielern müssen Gespräche geführt werden, der FC Bayern wird auch im Sommer einige Transfers tätigen müssen, allen voran muss ein weiterer Flügelspieler verpflichtet werden. Der Verein hat zwar mehrere Kandidaten im Blick, aber es ist unvorteilhaft einen Spieler zu verpflichten, den der neue Cheftrainer nicht als ideal ansieht. Und zu lange warten darf man auch nicht, wie man gerade am Beispiel Tuchel gesehen hat. Auch andere Topklubs suchen gute, junge Spieler und diese hochkarätigen Talente warten nicht, bis der FC Bayern anruft und sagen zuvor Chelsea, Juventus, Barcelona oder Paris ab. Auch hier ist das Problem hausgemacht, auch hier müssen schnell Lösungen gefunden werden.

Welche Optionen gibt es überhaupt…

…wenn die Ideallösung nicht mehr verfügbar ist? Das eigene Zögern hat dafür gesorgt, dass sich der Verein nun einem Dilemma gegenübersieht. In den Medien kursieren die Namen Hasenhüttl, Kovac und Favre, aber derzeit sieht es eher nach dem typischen “Namedropping” aus, eine konkrete Meldung ist nicht im Umlauf. Bei allen Kandidaten, die für den FC Bayern eine Rolle spielen könnten, müssen Abstriche gemacht werden. Niko Kovac ist ein guter Trainer, der seine Arbeit bei Eintracht Frankfurt aber nachhaltiger unter Beweis stellen sollte, bevor er den nächsten Schritt geht.

(Photo by Ronny Hartmann/Bongarts/Getty Images)

Ralph Hasenhüttl zögert zwar mit einer Vertragsverlängerung in Leipzig, teilte aber selbst mit, dass er sich den Job eher nicht zutrauen würde, zudem fehlt ihm noch die taktische Flexibilität, zumindest hat er diese noch nicht unter Beweis stellen können. Auch der Name Joachim Löw fiel in der Vergangenheit, gerade im WM-Jahr 2018 ist das aber absolut unvorstellbar, denn das Turnier im Sommer überschneidet sich mit dem Beginn der Saisonvorbereitung, Kaderplanung und Vorbereitung auf die Weltmeisterschaft sind ohnehin nicht unter einen Hut zu bringen, dazu ist Löw eigentlich ein idealer Trainer für eine Nationalmannschaft, hat in den letzten Jahren keine Erfahrung mit dem Tagesgeschäft.

Zu Tottenham-Coach Mauricio Pochettino gab es dem Vernehmen nach Kontakt, aber auch das ist eine sehr unwahrscheinliche Lösung, zumal häufig betont wurde, dass die deutsche Sprache beim neuen Trainer wichtig ist. Lucien Favre, derzeit beim OGC Nizza tätig, hat offenbar eine Ausstiegsklausel in seinem Vertrag, steht aber auch bei Borussia Dortmund auf der Liste. Favre wäre wohl allenfalls eine Not- und Übergangslösung, also genau das, was der Verein nicht braucht.

(Photo by Lars Baron/Bongarts/Getty Images)

Bleibt noch Julian Nagelsmann, der in der Rückrunde mit der TSG Hoffenheim nach einer schwierigen Hinserie wieder guten Fußball zeigt, die taktische Flexibilität mitbringt, aber eben mit 30 Jahren logischerweise nicht über die große Erfahrung verfügt. Auch bei ihm herrschte Medienberichten zufolge in der Vergangenheit Uneinigkeit im Verein. Die Art des Fußballs, den Nagelsmann bevorzugt und die innovative Denkweise könnten aber für ihn sprechen. Möglicherweise würde es dem FC Bayern gut tun in dieser Situation dieses Risiko einzugehen und einen solch jungen Trainer zu installieren. Dass man überhaupt ein verhältnismäßig großes Risiko eingehen muss, hat man sich, wie bereits mehrfach erwähnt, selbst zuzuschreiben. Und das darf nicht der Anspruch des FC Bayern München sein.

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