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Gedankenspiele – Thomas Tuchel und Bayer Leverkusen

4. Juni 2017
Manuel Behlert

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Gedankenspiele – Thomas Tuchel und Bayer Leverkusen

Über Thomas Tuchels Abschied bei Borussia Dortmund wurde viel geschrieben. Grund genug, dieses Thema ad acta zu legen und sich nicht mit der Vergangenheit, sondern mit der Zukunft zu beschäftigen. Der Trainer ist offenbar begehrt, hat sich selbst aber auch aufgrund der turbulenten Tage nicht zu seiner Zukunft geäußert. Eine Pause ist nicht ausgeschlossen, aber auch nicht sehr wahrscheinlich. Gleichzeitig sucht mit Bayer Leverkusen ein potenzieller Topverein, der eine schwierige Phase durchmachte, einen neuen Trainer. Warum Tuchel und Bayer passen könnte.

UPDATE VORAB: Gegenüber der “FAZ” betonte Tuchels Berater, dass der Trainer nicht (!) zu Bayer Leverkusen gehen wird. Interessant hätten wir diese Konstellation dennoch gefunden. Hier lesen Sie nun, was womöglich hätte passieren können. Noch einmal: Der Berater hat jeglichen Kontakt dementiert und ein Engagement in Leverkusen ausgeschlossen!

 
Rudi Völler hat in den letzten Jahren viele Entscheidungen getroffen. Einige waren klug, einige waren solide, einige haben sich als unglücklich herausgestellt. Auch die Verpflichtung von Tayfun Korkut war eine unglückliche Entscheidung. Während es sonst einige Argumente für und gegen die Entscheidungen Völlers gegeben hat, war die Geschichte rund um Korkut von Beginn an zum Scheitern verurteilt. Völler weiß eines ganz genau: Der nächste Schuss auf dem Trainermarkt muss sitzen.

Leverkusener Sorgen

Die abgelaufene Saison der Werkself war insgesamt verkorkst. Die eigenen Ansprüche konnten nicht erfüllt werden, einzelne gute Spiele waren die Ausnahme. Roger Schmidt konnte die Mannschaft nicht weiterentwickeln, nicht den notwendigen nächsten Schritt gehen, nicht die Fehler abstellen, die zuletzt häufiger gemacht wurden. Die Defensivprobleme, viele verletzte Spieler und nicht zuletzt mangelnde Konstanz, schwankende Leistungen und auch eine gewisse Sturheit Schmidts waren ausschlaggebend für die Negativspirale.

(Photo by ROBERT MICHAEL/AFP/Getty Images)

Auch unter Tayfun Korkut wurde es nicht besser. Die Mannschaft wirkte weiterhin ideenlos, spielte zwar kein alternativloses Pressing mehr, hatte aber teilweise überhaupt keine Identität mehr. Korkut rotierte häufig, verunsicherte eine ohnehin schon nicht besonders gefestigte Mannschaft weiter und war am Ende nicht unzufrieden mit dem Klassenerhalt, obwohl bei Amtsantritt von einem vorsichtigen Angriff auf Europa die Rede war. Nun hat man den Europapokal deutlich verpasst, der ein oder andere Spieler steht vor dem Absprung oder denkt wohl zumindest über einen Wechsel nach. Hinzu kommt, dass noch kein Trainer gefunden ist.

Diese Situation, so unbefriedigend sie auch sein mag, bringt neben Risiken auch eine Chance mit sich. Mit guten Entscheidungen, einem klaren Schnitt und einer Neuausrichtung könnte Leverkusen die Fehler der Vergangenheit wieder ausbügeln. Mit der nötigen Ruhe. Nach dieser Saison verlangt niemand spektakulären Fußball und Platz 2. Die Anhänger der Werkself fordern ein klares Konzept, bessere Strukturen, mehr Entscheidungen, die wohlüberlebt getroffen werden. Mannschaften, die zuletzt vor Leverkusen standen und nun mit der Doppelbelastung zu kämpfen haben, sehen sich ebenfalls Problemen gegenüber, die sie nicht kennen. Leverkusen kann sich in der kommenden Saison sehr akribisch auf die Bundesligagegner vorbereiten. Hertha, Köln und Hoffenheim können das nicht mehr. Eine Ausgangslage, die unter Umständen auch für Thomas Tuchel verlockend sein könnte.

Zwei direkte Typen

Sowohl Völler als auch Tuchel sind meinungsstarke Personen. Tuchel wirkt häufig sachlich und ruhig, kann aber auch direkt werden, Dinge, die seinen Vorstellungen widersprechen prägnant benennen. Er beharrt gerne auf seiner Meinung, wirkt mitunter auch etwas trotzig und stur. Das kann man von Völler ebenfalls behaupten. Man könnte noch weiter gehen: Rudi Völler ist gerne auch aufbrausend, legt sich mit Medien und Schiedsrichtern an. Seine Art ist nicht immer einfach, doch Rückendeckung für den Trainer gab es in der Vergangenheit häufig. Sollte es eine Zusammenarbeit geben, treffen zwei nicht ganz einfache, aber doch meinungsstarke und in einigen Gesichtspunkten nicht unähnliche Charaktere aufeinander.

(Photo by Boris Streubel/Bongarts/Getty Images)

Vorab müssten also einige, wichtige Grundregeln festgelegt werden. Völler und Tuchel müssen an einem Strang ziehen, der sportliche Weg muss deutlich formuliert werden, die Strukturen im Verein hinterfragt und verändert werden. Tuchel muss darauf vertrauen, dass Völler ihm in gewissen Punkten freie Hand gewährt und dass sich der Verein um Spieler bemüht, die in das Konzept des Trainers passen. Gleichermaßen muss Rudi Völler auch darauf vertrauen, dass Tuchel den Weg, den man gemeinsam festlegt, mit der nötigen Akribie verfolgt. Wer die Arbeit von Tuchel, vor allem den sportlichen Gesichtspunkt, beobachtet hat, der weiß, dass das nicht zum Problem werden sollte. Tuchel hat klare Vorstellungen, die er umsetzen will und die von allen Verantwortlichen die größtmögliche Akribie und Hingabe verlangen.

Kein Europapokal? (K)ein Problem

Die Tatsache, dass Leverkusen nicht im Europapokal vertreten ist, muss für Tuchel kein Hindernis sein. Der 43-jährige befindet sich trotz seiner Erfahrung im Anfangsstadium seiner Karriere, muss und will auch selbst noch neue Erfahrungen sammeln. Es ist sowohl denkbar, dass der ehemalige Coach des BVB und von Mainz 05 in naher oder ferner Zukunft eine Nationalmannschaft betreut, auch das Ausland muss für den fließend englisch sprechenden Tuchel in Erwägung gezogen werden, aber Druck hat er keinen. Er muss keine Spitzenmannschaft übernehmen, nirgends trainieren, wo Titel als Pflicht angesehen werden.

Möglicherweise würde der Trainer auch eine Saison ohne den ganz großen medialen Trubel vorziehen. Natürlich hätte er auch in Leverkusen Druck, auch Völler, Schade & co. erwarten viel von ihrem neuen Coach, aber er hätte gleichermaßen auch Zeit, etwas aufzubauen, Spieler zu fördern, die Ausrichtung des Vereines zu optimieren. Das Verpassen des Europapokals kann auch einen reinigenden Effekt haben, man kann alle Abläufe im Verein gründlich hinterfragen. Wie gesagt, Druck ist vorhanden, Leverkusen muss sich verbessern und wieder eine klare Identität entwickeln, aber mit einem 6. Platz und vielen jungen Spielern, die den nächsten Schritt gemacht haben, könnte man bei der Werkself leben.

Einnahmen durch Verkäufe

Selbstredend muss Leverkusen ohne den Europapokal auf Einnahmen verzichten. Der Verein ist aber grundsätzlich finanziell gesund, hat noch Rücklagen, auf die man bauen kann und kann vor allem mit weiteren Einnahmen rechnen. Beispielsweise wurde Ömer Toprak für circa 12 Millionen Euro nach Dortmund verkauft, Danny da Costa ist ebenfalls weg. Weitere Abgänge sind möglich. Chicharito ist ein Kandidat für einen Wechsel. Viele konkrete Gerüchte gibt es derzeit nicht, aber Olympique Lyon soll Interesse bekundet haben. Eine zweistellige Millionensumme ist denkbar. Chicharito wirkte in der vergangenen Saison zeitweise lust- und inspirationslos, fand nicht in seinen Rhythmus und brachte nicht die Leistungen, die man von ihm erwartet.

(Photo by Matthias Kern/Bongarts/Getty Images)

Auch Hakan Calhanoglu, der im vergangenen halben Jahr aufgrund Vertragsbruches gesperrt war, wird immer wieder mit einem Wechsel in Verbindung gebracht. Auch für ihn würde Leverkusen eine stattliche Summe einnehmen. Weitere Abgänge, beispielsweise von Karim Bellarabi, der zuletzt auch aufgrund von Verletzungen die Konstanz vermissen ließ, sind nicht ausgeschlossen. Auch der deutsche Nationalspieler würde weiteres Geld in die Kasse spülen. Sogar Bernd Leno könnte Bayer verlassen. Es ist durchaus denkbar, dass Bewegung in den Torhütermarkt kommt, überdies ist Leno begehrt. Sein Vertrag läuft aber noch bis 2020, man müsste also viel Geld an die Werkself überweisen. Zudem betonte Rudi Völler zuletzt im „Aktuellen Sportstudio“, dass der Kader ohne den internationalen Wettbewerb eher ausgedünnt wird, damit man die vorhanden Spieler vernünftig einbinden kann.

Eine Basis ist da

Dass Thomas Tuchel mit jungen Spielern umgehen kann, ist durchaus bekannt. In Dortmund hat er viele Talente verpflichtet, einige nach Kräften gefördert, sie in schwierigen Situationen ins kalte Wasser geworfen und sie Verantwortung übernehmen lassen. In Leverkusen findet er eine gute Basis an jungen Spielern, die unter einem Trainer, der sie fördert, den nächsten Schritt machen können. Henrichs, Tah, Volland, Brandt und Havertz besitzen allesamt internationale Erfahrung, spielten mitunter schon in der A-Nationalmannschaft. Die fehlende Konstanz dieser Spieler hat einerseits mit dem Alter zu tun, andererseits fehlte in Leverkusen zuletzt auch die Kontinuität, die klare Linie, die für den Rhythmus maßgeblich ist.

Die taktische Flexibilität wäre außerdem gegeben. Die jungen Spieler der Werkself sind taktisch überwiegend sehr gut ausgebildet, Tuchel könnte überdies noch neue Spieler zu seinem Kader hinzufügen, junge Spieler integrieren. Mit Joel Abu Hanna (19) oder dem zuletzt verliehenen Lukas Boeder (19) gibt es weitere Kandidaten, die alleine schon vom Training Tuchels profitieren könnten. Auch Rückkehrer Dominik Kohr, der in Augsburg einen positiven Werdegang erlebte, könnte richtig eingesetzt als guter Kaderspieler fungieren und gerade im defensiven Mittelfeld mit dem verletzungsanfälligen Bender zu einigen Einsätzen kommen. Auch Leon Bailey könnte nach Anpassungsschwierigkeiten eine gute Rolle spielen.

(Photo by Lukas Schulze/Bongarts/Getty Images)

Weitere Neuzugänge

Wichtig wäre auch, unabhängig wer nun im Endeffekt neuer Trainer bei der Werkself wird, dass weitere neue Spieler verpflichtet werden. Außer Kohr und den Leihen, die auslaufen, ist noch kein Neuzugang bekannt. Leverkusen ist gut vernetzt und Bayer immer noch ein Name, der in Europa bekannt ist. Auch ohne internationales Geschäft kann man Spieler nach Leverkusen locken. Zwar ist es deutlich schwerer sich im obersten Regal zu bedienen, aber Bender, Kampl, bei einer Weiterbeschäftigung Kießling und auch Leno, falls er bleibt, sind in der Lage eine Mannschaft mitzuführen. Die Homogenität im Kader muss natürlich weiter gewährleistet werden, eine Mischung aus jungen und erfahrenen Spielern benötigt man. Auch Tuchel hatte in Dortmund mit Sokratis, Bender, Sahin, Reus & co. einige Spieler, die Führungsqualitäten besaßen.

Darauf muss geachtet werden. Selbstverständlich wird Leverkusen schon Spieler in petto haben, die man Tuchel präsentiert. Auch der BVB-Coach kennt sich mit Talenten aus, war natürlich auch in die Planungen des BVB eingeweiht, war bei der Suche nach neuen Spielern involviert. Der Kader hat Potenzial, wenn die richtigen Entscheidungen getroffen werden. Ein Jonathan Tah neben einem neuen Abwehrchef, der Toprak ersetzt, kann in den nächsten Jahren wachsen. Das gilt für viele Spieler, die einfach so nahe am Optimum wie möglich in ein funktionierendes taktisches Konstrukt eingebunden werden müssen. Die Aufgaben, die Leverkusen vor der Brust hat, sind groß und vielschichtig, aber es gibt verschiedene Lösungsmöglichkeiten und von Rudi Völler und den Entscheidungsträgern sicher auch die nötige Zeit um etwas aufzubauen.

Alternativen für beide Parteien

Leverkusen benötigt eine zumindest einigermaßen schnelle Entscheidung. Tuchel wird sich in den kommenden Tagen wohl eher nicht medial äußern, eher dann etwas mitteilen, wenn es spruchreif ist. Für Tuchel gibt es zurzeit kaum denkbare Alternativen. Ein Jahr „abwarten“ ist vielleicht eine Option, um sich gegebenenfalls weiterzubilden. Aber Tuchel war in den letzten Monaten beim BVB hochmotiviert, wirkte energiegeladen und es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass er auf eine Auszeit pocht. Einige Trainerentscheidungen bei größeren Vereinen sind bereits getroffen, Arsenal verlängerte kürzlich mit Wenger, Inter wird wohl Spalletti holen und ob Tuchel sich ein Engagement in Italien vorstellen kann, weiß ohnehin niemand. Tuchel könnte sich Leverkusen sicherlich vorstellen.

(Photo by Alex Grimm/Bongarts/Getty Images)

Umgekehrt ist das natürlich genauso. Rudi Völler kommunizierte neulich im ZDF, dass der neue Trainer vor allem deutsch sprechen muss. Das sei für die Abläufe im Verein, die Kommunikation insgesamt sehr wichtig. Peter Bosz sollte zumindest zwischenzeitlich im Fokus gestanden haben, ist jetzt aber Favorit auf ein Engagement in Dortmund. Auch David Wagner wurde gehandelt, hat aber mit Huddersfield Town gerade den Aufstieg in die Premier League geschafft, viel Geld für neue Transfers vorhanden und wird diese Mannschaft nicht ohne weiteres verlassen. Kreativlösungen wie Frank Schmidt aus Heidenheim, der sich nachhaltig für die Bundesliga empfehlen konnte und irgendwann einen nächsten Schritt in Erwägung ziehen könnte, sind für Völler zu riskant. Wie man es auch dreht und wendet, Tuchel und Leverkusen ist eine Symbiose, die zumindest logisch erscheint.

Abschließend: Sollte es tatsächlich zu einer Verpflichtung von Thomas Tuchel kommen, werden wir diesen Artikel als Grundlage nehmen und – nachdem die Kaderplanung angelaufen ist – auch auf mögliche taktische, spielerische und kadertechnische Elemente eingehen. Bis dato ist alles nur eine Spekulation, die natürlich näher beleuchtet wird, wenn das Engagement zustande kommt.

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