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HSV | Wie die mediale Kritik an Titz Unruhe stiftet

2. Oktober 2018

HSV | Wie die mediale Kritik an Titz Unruhe stiftet

Beim HSV scheint einfach keine Ruhe einkehren zu wollen – zumindest wenn es nach den Hamburger Medien geht. Der Klub steht nach acht Spielen auf dem vierten Tabellenplatz, und fand nach leichten Anpassungsproblemen in Liga Zwei schnell in die Spur. Doch jetzt, wo die Hanseaten in einer kleinen Ergebniskrise stecken, sehen die Hamburger Medien Trainer Titz schon entlassen. Für 90Plus-Redakteur Steffen Gronwald Grund genug zu versuchen aufzuklären.

 

Der Tristesse folgte stets die Euphorie

Für den HSV war der Gang in die 2. Bundesliga mit Sicherheit ein schwerer Schlag in die Magengrube. Dennoch versprühte Trainer Christian Titz eine gewisse Zuversicht, wurde von den Fans und den Medien zum Heilsbringer gekürt und hatte, trotz des Abstiegs, einen besonderen Status in der Hansestadt. Diesem wurde er in der Sommervorbereitung auch weitestgehend gerecht. Der HSV zeigte sich angriffslustig, spielte offensiven und ansehnlichen, vor allem im Aufbau sehr kreativen Fußball, was zur Folge hatte, dass der Dauerkartenverkauf kaum Verluste davon trug und die Mitgliederzahlen stetig stiegen. Es war eine Euphorie zu spüren, wie sie der HSV-Fan schon lange nicht mehr erlebte. Doch mit dem Saisonstart waren die ersten bitteren Erkenntnisse vorhanden, dass die Rothosen noch eine Menge Arbeit vor sich haben werden.

Doch diese Arbeit schien für Titz kein Problem, er setzte seine Art und Weise des Fußballspielens fort und sollte damit auch Erfolg haben. Es folgten fünf Pflichtspielsiege in Folge, eine Serie, die Fans in meinem Alter kaum in Erinnerung hatten. Doch beim Heimspiel gegen Jahn Regensburg setzte es die bittere Erkenntnis, dass der HSV noch längst nicht so weit ist, wie ihn viele sahen. Ein desolates Defensivverhalten, was durch keine Rotation dieser Welt zu entschuldigen ist, sorgte für die herbe 5:0 Schlappe. Und wo Gegentore sind, sind die Kritiker nicht weit. Von vielen Seiten prasselten die Kritiken auf Trainer Titz ein, der jedoch gewohnt sachlich blieb und seine Sicht der Dinge beschrieb. Es folgten zwei torlose Unentschieden gegen Fürth und St. Pauli, zwei Gegner die mitnichten im Vorbeigehen zu schlagen sind. Aus diesen drei Spielen resultierte urplötzlich eine Unruhe und Kritik an Christian Titz, die – meiner Meinung nach – nicht nur an den Haaren herbei gezogen, sondern auch völlig überzogen ist! Denn Veränderungen, vor allem in diesem Maße, benötigen Zeit.

(Photo by Oliver Hardt/Bongarts/Getty Images)

Untergangsstimmung trotz Platz 4

Nach den angesprochenen drei Spielen ohne eigenen Treffer und damit auch ohne Sieg, machen sich die Hamburger Medien, allen voran die BILD-Zeitung ein Spaß daraus Christian Titz schon entlassen zu sehen. Seit Tagen herrscht in den Boulevardblättern eine Art Untergangsstimmung, Probleme werden gesehen, wo keine sind und Aussagen verdreht, damit es nach einem Trainerwechsel aussieht. Die Berichterstattung fällt meist wesentlich negativer aus, als es eigentlich Not tun würde. Doch wie sind eigentlich die Fakten?

Ja, der HSV war auch vor dem Regensburg-Spiel defensiv äußerst anfällig, hatte oftmals Glück, dass die Gegner die Chancen nicht genutzt habe. Ja, der HSV hat seit nunmehr drei Spielen nicht getroffen und dabei offensiv ein trauriges Bild abgegeben. Aber nein, deshalb sollte nicht gleich Trainer Titz dafür entlassen werden. Eine so junge HSV-Mannschaft darf Fehler machen, darf auch mal schlechte Spiele haben und sollte nicht mit den zweitligaerfahrenden Kölnern gleichgesetzt werden. Doch genau das machen die Medien nahezu nach jeder Partie. Dieser Ansatz ist aber schlichtweg falsch und hat teilweise nichts mit seriöser Berichterstattung zu tun. Und auch der “Effzeh” hat mitunter Schwierigkeiten mit der hohen Erwartungshaltung in Liga 2, gerade nach den doch ordentlichen Investitionen im Sommer. Diese machen sich aktuell bezahlt, die Domstädter treffen – auch dank Terodde – quasi nach Belieben und stehen vollkommen verdient auf dem Platz an der Sonne.

Doch kommen wir zurück zur Kritik an Trainer Christian Titz. Was aktuell kaum beachtet wird, ist die Tatsache, dass er nicht stur sein System durchzieht, sondern in der Lage ist, Fehlerquellen ausfindig zu machen und diese zu beheben. Seit dem Regensburg-Spiel steht der HSV in der Defensive sehr kompakt und ließ keinen Hochkaräter zu. Titz kündigte bereits an, sich nun wieder der Offensive mehr zu widmen. Auch hier wird er die Probleme offen ansprechen und versuchen die Fehler zu beheben. Mit welchem Erfolg, wird sich zeigen. Der Weg, den der HSV mit Titz gehen sollte ist der einzig richtige, die Hanseaten brauchen Konstanz, Selbstvertrauen und eine gewisse Leichtigkeit. Diese wird zurückkommen, sobald die Rothosen wieder ins gegnerische Tor treffen und die Siege wieder eingefahren werden.

(Photo by Christof Koepsel/Bongarts/Getty Images)

Denn die Ansätze sind da, diese waren schon in der Bundesliga zu sehen. Nachdem Titz’ Vorgänger, allen voran Bernd Hollerbach, lediglich die typischen Abstiegskampftugenden wie Zweikämpfe, Laufbereitschaft und Willen forderten, stellte Titz eine Grundsatzfrage, wollte diese Werte zwar nicht vergessen, aber den fußballerischen Ansatz wählen. Schon in den letzten Spielen der Vorsaison (ohne eine Vorbereitung zu haben) war zu erkennen, wohin der Weg führen kann. Im laufenden Spielbetrieb sind größere Änderungen, quasi eine komplette Neuausrichtung aber nicht möglich, vor allem in dieser prekären Situation. Die Vorbereitung in diesem Sommer ist also als Aufbau einer Basis zu sehen und diese Basis muss nun mit harter Arbeit, entsprechenden Anpassungen und kleinen Schritten in die richtige Richtung verfeinert werden.

Absage an BILD der Ursprung?

Interessant ist des Weiteren ein Bericht des Hamburger Abendblatts, der besagt, dass Titz bei der BILD deshalb so unbeliebt sei, da er – im Gegensatz zu seinen Vorgängern – eben nicht nach jeder PK noch ein Exklusivinterview führt, diesen Punkt gestrichen haben soll. Eine Tatsache, die im Springer-Verlag scheinbar nicht gut ankam. Dass dies  rein spekulativ ist, sollte jedem klar sein. Dennoch passt es – meiner Meinung nach – in ein Bild, das diese Zeitung seit Wochen abgibt.

Der Kritik trotzen

Letztlich bin ich davon überzeugt, dass der HSV das Richtige macht und die Diskussion um Trainer Titz nahezu kommentarlos beobachtet. Auch wenn Manager Becker kein Statement für Titz abgeben sollte, hat er auch nicht den Trainer, sondern den gesamten Verein dazu aufgefordert, die richtigen Schlüsse aus den Spielen zu ziehen. Dazu gehört natürlich auch der Trainer, aber auch die erfahrenen Spieler um Holtby, Hunt und Co. Diese sind nun ebenso dazu aufgefordert wieder in die Spur zu finden und die Kritiker verstummen zu lassen. Angefangen mit einem Sieg in Darmstadt. 

(Photo by Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images)

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