| Spotlight Deutschland Weißt du noch...?

Nord-Derby Spezial | Weißt du noch…? Als Werder den HSV schon einmal ins Tal der Tränen stürzte

24. Februar 2018

Nord-Derby Spezial | Weißt du noch…? Als Werder den HSV schon einmal ins Tal der Tränen stürzte

Am Samstag (18:30) wird die neuste Auflage des ruhmreichen Nord-Derbys zwischen dem SV Werder Bremen und dem Hamburger Sport Verein angepfiffen. Erneut ist es ein hochdramatisches Spiel, der HSV steht näher denn je am Abgrund namens Abstieg, und erneut hat der verhasste Rivale aus Bremen die Chance die Hamburger ins Tal der Tränen zu stürzen. Wie schon in der Saison 2008/09, als es innerhalb von nur drei Wochen gleich viermal zu diesem Duell kam.

Am Morgen des 22. April 2009 war die HSV-Welt noch in Ordnung. Die stolzen “Rothosen” standen nach einem 2:1-Sieg über Hannover am 28. Spieltag der Bundesliga auf einem starken dritten Tabellenplatz, punktgleich mit dem FC Bayern und nur drei Punkten Rückstand auf Tabellenführer Wolfsburg. Die Bremer waren zu diesem Zeitpunkt lediglich Zehnter und hatten bereits 18 (!) Punkte Rückstand auf die Hamburger. Und am Abend sollte dann das Halbfinale des DFB-Pokals stattfinden, der HSV gegen den SV Werder. Die Gastgeber galten als favorisiert und schielten bereits still und heimlich auf das Double, wenn nicht sogar auf das “kleine Triple”, schließlich standen sie auch im Halbfinale des UEFA-Cups, wo sie ebenfalls im Halbfinale auf Bremen treffen sollten. Doch es sollte alles ganz anders kommen…

22. April 2009, DFB-Pokal Halbfinale, Hamburger SV vs. SV Werder Bremen

Im Vorfeld des Duells knisterte und kribbelte es in der Stadt, die Fans waren voller Vorfreude, endlich, so schien es, war der “große HSV” zurück. Trainer Martin Jol schickte seine vermeintlich beste Mannschaft auf das Feld: Der legendäre Frank Rost im Tor, Guy Demel, Michael Gr

avgaard, Joris Mathijsen und Marcell Jansen in der Verteidigung, Alex Silva, David Jarolim, Dennis Aogo und Paolo Guerrero als Mittelfeld-Raute davor und die beiden Kroaten Mladen Petric und Ivica Olic im Sturm. Jerome Boateng und Piotr Trochowski fanden sich sogar auf der Bank wieder.

Doch das Spiel verlief dann zunächst gar nicht nach Wunsch der Gastgeber. Bremen fand besser ins Spiel und hatte die ersten Möglichkeiten. In der 11. Spielminute wurden sie dann bereits belohnt, Per Mertesacker erzielte per Abstauber (nach einem Diego-Freistoß) das 1:0 für Werder. Der HSV mühte sich anschließend sichtlich, wurde aber nicht wirklich gefährlich. Anders die Gäste, die u.a. durch Naldo weitere Gelegenheiten hatten, doch mehr sollte in Halbzeit eins nicht passieren. Danach zeigten sich die Gastgeber aber deutlich verbessert und kamen in der 67. Spielminute durch Olic zum Ausgleich.

Anschließend entwickelte sich eine leidenschaftlich Schlussphase, die ihren negativen Höhepunkt in einem harten Foul von David Jarolim an Mesut Özil fand. Jarolim unterband damit einen vielversprechenden Konter, sah dafür allerdings die Rote Karte. Da keine weiteren Tore mehr fielen, musste der HSV die Verlängerung in Unterzahl bestreiten. In der hatten beide Teams gute Chancen das Spiel zu entscheiden, doch da es letztlich doch keinem von ihnen gelang, ging es sogar ins Elfmeterschießen. Das letzte Mittel.

Dort machte der HSV den Anfang, Mathijsen verwandelte, Pizarro glich aus. Doch dann avancierte Tim Wiese zum Helden des Spiels. Zunächst parierte er den Strafstoß vom eingewechselten Jerome Boateng, Özil verwandelte, das Gleiche gelang ihm auch gegen Olic, Frings verwandelte, und schließlich konnte er auch noch Jansens Elfmeter halten. 3:1 – Bremen siegt und zieht ins Pokalfinale ein.

(Photo by Joern Pollex/Bongarts/Getty Images)

Eine erste schmerzhafte Niederlage für die Hamburger, die anschließend auch in der Liga mit 0:2 gegen den BVB verloren und damit einen bitteren Rückschlag erlitten. Bremen besiegte den VfL Bochum unterdessen mit 3:2, nach einem 0:2 Rückstand wohlgemerkt. 

30. April 2009, UEFA-Cup Halbfinale (Hinspiel), SV Werder Bremen vs. Hamburger SV

Nachdem der HSV im UEFA-Cup u.a. NEC Nijmegen, Galatasaray Istandbul und Manchester City ausgeschaltete hatte, bekam er es im Halbfinale einmal mehr mit Werder zu tun. Nur acht Tage nach dem Pokalspiel, stand das Halbfinal-Hinspiel im Bremer Weserstadion an. Mit den beiden bitteren Niederlagen gegen Bremen und Dortmund im Rücken, hatte sich der HSV sehr viel vorgenommen, mit Trochowski und Pitroipa brachte Martin Jol dafür zwei neue offensive Impulse, die sich auszahlen sollten.

Das Spiel begann den Voraussetzungen entsprechend furios mit Chancen auf beiden Seiten. Der HSV erspielte sich ein Übergewicht und machte es den Gastgebern schwer. In der 28. Minute war es dann endlich soweit, Pitroipa setzte den überragenden Guy Demel klug ein, der den nur 1,69m-kleinen Piotr Trochowski mit einer perfekten Flanke bedient. Trochowski bedankte sich artig und köpfte den Ball gegen Wieses Laufrichtung ein. 1:0 für den HSV. So hatte sich Werder-Coach Thomas Schaaf seinen 48. Geburtstag sicherlich nicht vorgestellt.

In der Folge entwickelte sich ein zähes Spiel. Aber nur bis zur Pause. Nach dem Seitenwechsel gab es Chancen in Hülle und Fülle und auf beiden Seiten. Die starken Torhüter verhinderten aber weitere Einschläge, sodass es bis zum Schluss beim 0:1 blieb. Auch Claudio Pizarro, der einige gute Gelegenheiten ausließ, konnte daran nicht ändern. Der HSV erkämpfte sich somit eine ausgesprochen gute Ausgangssituation für das Rückspiel, in dem es wirklich dramatisch zugehen sollte.

(Photo by Lars Baron/Bongarts/Getty Images)

In der Bundesliga mussten anschließend beide Mannschaften der hohen Belastung Tribut zollen, Werder unterlag beim 1. FC Kön mit 0:1, während der HSV nicht über ein 1:1 gegen Hertha BSC hinaus kam. Werder stagnierte damit auf dem zehnten Rang, der HSV blieb auf Rang 5. 

07. Mai 2009, UEFA-Cup (Rückspiel), Hamburger SV vs. SV Werder Bremen

Gestärkt durch den Hinspiel-Erfolg, gingen die “Rothosen” sehr selbstbewusst in das Rückspiel. Das UEFA-Cup Finale in Istanbul, dem letzten bevor der Wettbewerb zur Europa League werden sollte, war nun greifbar. Im Vergleich zum Hinspiel nahm Trainer Martin Jol daher nur eine Änderung vor, der zuvor verletzte Marcell Jansen rückte für Dennis Aogo in die Mannschaft. Und auch das Spiel begann zunächst wie das Hinspiel, der HSV ging mit 1:0 in Führung. Nach einer zähen Anfangsphase, war es Ivica Olic, der vor Wiese cool blieb und das erste Tor des Tages erzielte(12.). Die Vorlage kam vom abermals herausragenden Joris Mathijsen (er spielte ohnehin eine fantastische Saison). Die HSV-Fans sangen bereits “Istanbul ist schöner als Berlin”…

Doch das war es dann auch schon mit den Parallelen, denn in diesem Spiel schlug Werder zurück. Und wie! In der 29. Spielminute schob Diego, nach einem Doppelpass mit Pizarro, zum 1:1 ein. Zu diesem Zeitpunkt völlig überraschend. Die Bremer verdienten sich den Ausgleich dann rückwirkend und erspielten sich einige weitere Chancen. In der 52. Minute war Werder der Führung dann ganz nah, Pizarro stand aber hauchdünn im Abseits und sein Treffer wurde zurecht aberkannt.

Danach übernahm der HSV aber wieder das Ruder und kam zu gleich vier guten Tormöglichkeiten, die aber allesamt ungenutzt blieben. Unterdessen nach das Spiel merklich an Härte zu. In der 66. Spielminute war es dann aber doch soweit. Und wie schon beim 1:1, kam Werder wieder in einer Phase zum Tor, in der der HSV eigentlich stärker war. Bedauerlicherweise war es ein Fehler des routinierten Keepers Frank Rost, der den Treffer ermöglichte. Rost ließ einen alles andere als unhaltbaren Fernschuss von Claudio Pizarro passieren. 1:2, das würde Werder reichen.

Und dann kam sie, die 83. Spielminute, DIE Szene des Spiels. HSV-Verteidiger Gravgaard wollte in einen ungefährlichen Ball zu Rost passen, doch eine Papierkugel, die ein Fan nach der Choreographie aufs Feld geworfen hatte, ließ den Ball so verspringen, dass Gravgaard denn Ball ins Aus zur Ecke spielte. Wie es dann so kommt, nutzte Bremen die anschließende Ecke, um zum vorentscheidenden 3:1 zu treffen. Diego brachte die Ecke rein, Almeida verlängerte und Frank Baumann drückte den Ball schließlich zum mit dem Kopf über die Linie.

Die Papierkugel wird wohl für immer im Gedächtnis der Fans bleiben, denn der HSV konnte sich nicht mehr von diesem Rückstand rehabilitieren. Olic machte es zwar mit seinem Kopfballtor zum 2:3 noch einmal spannend, doch ein weiterer Treffer sollte ihnen nicht gelingen. Der HSV schied aus, Bremen zog aufgrund der mehr erzielten Auswärtstore ins Finale des UEFA-Cups ein.

(Photo by JOHN MACDOUGALL/AFP/Getty Images)

 

Während die einen jubelten, versanken die anderen in Trauer. Der HSV hatte gerade die Chance auf zwei Finalteilnahmen verspielt, während Bremen genau das gelang. Doch zumindest in der Liga wollten die Hamburger die Oberhand behalten und zumindest in die Champions League einziehen. Passender Weise trafen beide Teams nur drei Tage nach dem Spiel im UEFA-Cup auch in der Liga aufeinander. Dieses Mal in Bremen, nur vier Spieltage vor dem Saisonende.

10. Mai 2009, Bundesliga (31. Spieltag), SV Werder Bremen vs. Hamburger SV

Nach der denkbar kurzen Pause rotierten beide Trainer stark durch, Schaaf tauschte auf fünf Positionen, während Jol auf vier Positionen Änderungen vornahm. Das Spiel hatte dementsprechend wenig mit der Klasse der vorherigen drei Partien gemeinsam. Das Spiel startete sehr müde, beide Mannschaften brachten kaum etwas Nennenswertes zustande. In der ganzen ersten Halbzeit gab es im Grunde nur einen Lichtblick, das Tor zum 1:0 für Werder Bremen durch Hugo Almeida. Der Portugiese veredelte eine gute Vorarbeit von Marcus Rosenberg (34.). Der HSV hatte zwar auch immerhin zwei gute Möglichkeiten, scheiterte aber an Tosic und dem gut reagierenden Keeper Wiese.

Nach der Pause brachte Schaaf Pizarro für Rosenberg und gab seiner Mannschaft so einen weiteren Impuls. Und nur wenige Minute später (49.) erhöhte seine Mannschaft auf 2:0. Wieder war es Almeida, der dieses Mal eine gute Vorarbeit von Mesut Özil vollendete. Von diesem erneuten Nackenschlag erholten sich die Hamburger nicht, sie liefen zwar weiter an, doch die Bremer konterten sie gnadenlos aus und hätten noch deutlich mehr Tore erzielen können. Die vollkommen verunsicherten “Rothosen” brachten nichts mehr zustande und mussten am Ende dankbar sein, dass sie nur mit 0:2 verloren haben. Aus Hamburger Sicht ein äußerst trostloses Ende des Derby-Viererpacks.

    (Photo by Lars Baron/Bongarts/Getty Images)

Der HSV fiel nach der Niederlage auf den sechsten Tabellenplatz zurück und musste sogar um die Teilnahme an der Europa League zittern. Ein Sieg gegen Bochum und eine Niederlage gegen Köln später, musste der HSV am letzten Spieltag noch immer um Platz 5 kämpfen. Der 3:2-Sieg gegen Frankfurt reichte schließlich, weil der BVB in Gladbach patzte (1:1). Von einem Happyend kann allerdings absolut keine Rede sein, schließlich hat der HSV in wenigen Wochen zwei Finalteilnahmen und die Qualifikation für die Champions League verpasst. Eine große Enttäuschung. In den Jahren danach sollte es, wie wir heute wissen, sportlich weiter bergab gehen…

Werder Bremen beendete die Saison in der Bundesliga auf einem enttäuschenden zehnten Platz. Die Grün-Weißen gewannen allerdings den DFB-Pokal, 1:0 (Özil) im Finale gegen Leverkusen, und qualifizierten sich so für die Europa League. Im Finale des UEFA-Cups mussten sie sich dagegen aber geschlagen geben, Shakthar Donezk gewann mit 2:1 (Luiz Adriano, Jadson – Naldo).

 Ein weiteres Schlüsselspiel

Am Samstag treffen die beiden ewigen Rivalen wieder aufeinander. Knapp neun Jahre später geht es aber nicht mehr um die Champions League oder Finalteilnahmen, sondern einzig und allein um den Klassenerhalt.

Der HSV steht auf Rang 17 und hat bereits sechs Punkte Rückstand auf den Relegationsplatz (derzeit Mainz). Am nächsten Spieltag ist Mainz zu Gast im Volksparkstadion, sollten die Hamburger diese beiden Spiele gewinnen, wäre der Klassenerhalt wieder in Reichweite, ansonsten sieht es sehr düster aus. Die Bremer könnten die Hoffnung also erneut brutal zerstören.

Bremen selbst steht auf dem 15. Platz und ist punktgleich mit Mainz. Der Klassenerhalt wäre also auch mit einem Sieg noch lange nicht gesichert, doch der direkte Abstieg wäre mit großer Wahrscheinlichkeit vermieden, sie hätten dann bereits neun Punkte Vorsprung auf den HSV. Für Werder selbst ist ein Sieg allerdings auch Pflicht, will man nicht ins Hintertreffen geraten, schließlich spielen mit Mainz und Wolfsburg zwei direkte Kontrahenten gegeneinander.

Ein Schlüsselspiel.

(Photo by Martin Rose/Bongarts/Getty Images)
Leave a comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.