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WM 2018 | MVP James Rodríguez

13. Juni 2018
Nico Scheck

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WM 2018 | MVP James Rodríguez

James Rodríguez hat eine bärenstarke Saison beim FC Bayern hinter sich. Man könnte fast sagen, der Wechsel im letzten Sommer von Real Madrid zum deutschen Rekordmeister hätte den Kolumbianer zurück in das Jahr 2014 katapultiert. Das Jahr, in dem er insbesondere bei der WM in Brasilien die ganze Fußballwelt verzückte. Doch das wäre zu kurz gegriffen. Denn James hat sich seitdem weiterentwickelt. 

In der NBA wird nach jedem Spiel, nach jeder Serie und nach jeder Saison ein MVP gekürt. Most Valuable Player. Im Fußball spricht man schlicht vom Spieler des Spiels oder der Saison. Doch die elegante und filigrane Spielweise von James verlangt fast schon nach einer klangvolleren Auszeichnung als einfach nur “Spieler der Saison”. Denn James ist tatsächlich so etwas wie der MVP der Bayern in der zurückliegenden Saison gewesen. Anfängliche Probleme unter Carlo Ancelotti, der ihn unbedingt haben wollte? Geschenkt! Unter Heynckes vollzog der Edeltechniker eine Entwicklung, die die Vereinsbosse bei Real Madrid vermutlich nicht mehr für möglich gehalten hatten. Glaubt man den spanischen Medienberichten, hätten die Königlichen James gerne wieder in der spanischen Hauptstadt.

 

Anfänge in Südamerika

Doch fangen wir von vorne an. James David Rodríguez Rubio kam am 12. Juli 1991 in Cúcuta nahe der venezolanischen Grenze auf die Welt und wuchs in Ibagué auf. Schon früh kickte er in einer Schulmannschaft und wechselte im Alter von zehn Jahren an die Academia Tolimense de Fútbol, wo der Junge mit der Rückennummer zehn alle Jugendmannschaften durchlief. Bei einem Fußballturnier in Tolima erkannten Verantwortliche des kolumbianischen Zweitligisten Envigado FC das Talent des Jungen und verpflichteten ihn 2006 in Folge dessen. In seinem ersten Jahr musste James allerdings mit seinem neuen Verein den Abstieg antreten, doch nur ein Jahr später gelang der Wiederaufstieg in die Categoria Primera A.

(Photo credit should read MIGUEL ROJO/AFP/Getty Images)

2008 zog es den Kolumbianer zum ersten Mal weg von seinem Heimatland. Für schlappe 280.000 Euro Ablöse wechselte er zu CA Banfield nach Argentinien, wo er zunächst in der U20 des Klubs spielte. Doch schon kurz darauf kam James in der ersten Mannschaft zum Einsatz, mit der er die Qualifikation für die Copa Libertadores für die Saison 2009/10 erreichte. Dort schied Banfield im Achtelfinale gegen den späteren Sieger SC Internacional aus Brasilien aus. In dieser Spielzeit brachte es James auf neun Treffer und acht Assists in 38 Spielen. Wie auch schon bei seinen vorherigen Klubs setzten ihn seine Trainer zu diesem Zeitpunkt meist auf der linken Außenbahn ein. Eine Position, die er Jahre später nur noch aus der Nationalmannschaft kennen sollte.

 

Der Schritt nach Europa

Das große Talent war den Scouts aus Europa natürlich nicht verborgen geblieben und so sicherte sich der FC Porto die Dienste des Kolumbianers im Sommer 2010 für rund 7,35 Millionen Euro Ablöse. Diese Investition sollte sich umgehend bezahlt machen. Gleich in seiner ersten Saison in Europa entwickelte sich James zum absoluten Stammspieler bei Porto und steuerte zur portugiesischen Meisterschaft umgehend sechs Treffer und 18 (!) Vorlagen in 32 Partien bei. Auch hier spielte der Edeltechniker meistens auf den Außenpositionen. Das Jahr darauf lief sogar noch besser. Neben dem erneuten Gewinn der Meisterschaft holte James mit dem FC Porto auch den portugiesischen Pokal und die Europa League. Mit 14 Treffern und elf Vorlagen hatte der Linksfuß erneut großen Anteil am Erfolg seines Klubs.

(Photo credit should read FRANCISCO LEONG/AFP/Getty Images)

Nach einer dritten sehr starken Spielzeit des Kolumbianers konnte Porto seinen Spielmacher nicht mehr halten. Zusammen mit Joao Moutinho wechselte James 2013 für stolze 45 Millionen Euro Ablöse zur AS Monaco nach Frankreich und unterschrieb einen Fünfjahresvertrag im Fürstentum. Auch hier brauchte er keine große Anlaufzeit und überzeugte nicht zuletzt aufgrund seiner 24 Scorerpunkte in 38 Spielen ganz Europa von seinem Können. Anders als seine Vorgänger setzte ihn sein Trainer Claudio Ranieri hauptsächlich auf der Zehnerposition ein, wo er zusammen mit Moutinho das Spiel der Monegassen gestaltete. Sein Stern sollte aber erst im nächsten Sommer endgültig aufgehen.

 

Die WM 2014 – Alle wollen James

Natürlich hatte schon vor der WM 2014 der eine oder andere Verantwortliche der großen Vereine mitbekommen, dass da ein Juwel bei Monaco spielt. Doch durch seine Performance bei der WM 2014 wurde James zum begehrtesten Spieler in diesem Sommer. Kolumbien zählte nicht unbedingt zu den Favoriten in seiner Gruppe C. Trotzdem setzten sich diese überraschend souverän als Gruppenerster durch und besiegten, angeführt von einem überragenden James Rodríguez, alle drei Gruppengegner. Dabei traf der Spielmacher in jedem Spiel und lieferte beim 4:1-Sieg gegen Japan auch noch zwei Assists.

(Photo by Julian Finney/Getty Images)

Im Achtelfinale wartete nun Uruguay. Die Partie war recht ausgeglichen, bis James in der 28. Minute den Ball 20 Meter vor dem gegnerischen Tor mit der Brust annahm und volley unter die Latte ins Tor zimmerte. Ein Wahnsinnstor, das später zum Tor des Jahres gewählt werden sollte. Auch das zweite Tor zum 2:0-Endstand besorgte die Zehn der Kolumbianer höchstselbst und der sensationelle Einzug ins Viertelfinale war perfekt. Hier musste man sich am Ende allerdings mit 1:2 gegen den Gastgeber aus Brasilien geschlagen geben. Auch hier war es James, der das Tor der Kolumbianer erzielte. Mit sechs Treffern wurde er Torschützenkönig der WM 2014 und das, obwohl seine Mannschaft ab dem Halbfinale zuschauen musste. Dass das Telefon in Monaco nun heiß laufen sollte, war vorprogrammiert.

Die neue “Zehn” bei den Königlichen

Nach dieser Weltmeisterschaft war nun gefühlt jeder Top-Klub aus Europa hinter dem Offensivkünstler her. Monaco konnte sich vor aberwitzigen Angeboten kaum retten und am Ende wechselte James für fast 80 Millionen Euro zum amtierenden Champions-League-Sieger Real Madrid. Auch hier bekam er die Rückennummer mit der Zehn und sein Höhenflug setzte sich nahtlos fort. Anpassungsschwierigkeiten? Ein Fremdwort für den Kolumbianer und auch, dass er oft auf der rechten Außenbahn zum Einsatz kam, tat seinen Leistungen keinen Abbruch. Anfang 2015 dann doch der erste herbe Rückschlag: Mittelfußbruch, zwei Monate Zwangspause. Dennoch standen am Ende der Saison überragende 17 Treffer und 18 Vorlagen in 46 Einsätzen auf der Haben-Seite des damals 24-jährigen.

Die zweite Saison bei den Königlichen begann allerdings katastrophal. Schon nach zwei Spieltagen verletzte sich James und musste erneut zwei Monate pausieren. Anschließend kam er nicht mehr richtig in Tritt, pendelte zwischen Startelf und Ersatzbank. Der zwischenzeitliche Trainerwechsel zu Zinédine Zidane tat sein Übriges. Insbesondere in den wichtigen Spielen in den Pokalwettbewerben war James nur noch zweite Wahl, im Champions-League-Finale gegen Atletico Madrid wurde er nicht einmal eingewechselt. Die Saison darauf lief noch schlimmer. Zidane setzte lieber auf Isco und Bale, sodass James in der Liga nur fünf Spiele über die volle Distanz machte und auch in der Königsklasse nicht zum Zug kam. Zwar standen am Ende der Spielzeit starke 23 Scorerpunkte aus 33 Einsätzen zu Buche, doch beim erneuten Champions-League-Triumph über Juventus Turin stand der kolumbianische Nationalspieler nicht einmal im Kader. Somit hatte James die Königsklasse bereits zweimal gewonnen, aber nicht eine Minute in einem CL-Finale gespielt.

(Photo by Denis Doyle/Getty Images)

 

Das Aufblühen unter Heynckes

Nach zwei für den Spieler enttäuschenden Spielzeiten war es nun an der Zeit, Real zu verlassen. Und so wechselte James per Leihe für zwei Jahre mit anschließender Kaufoption zum FC Bayern München. Er galt als der absolute Wunschspieler vom damaligen FCB-Coach Carlo Ancelotti, der mit den Bayern nun einen erneuten Angriff auf Europas Krone starten wollte. Doch so weit kam es gar nicht. Nach einem schwachen Saisonstart musste der Italiener seine Koffer packen und Jupp Heynckes, eigentlich seit 2013 im Ruhestand, kehrte an die Seitenlinie zurück. Eine ärgerliche Situation für James, der zu Saisonbeginn mit kleineren Blessuren zu kämpfen hatte und dem nachgesagt wurde, vor allem wegen Ancelotti nach München gekommen zu sein. Stattdessen sollte sich dieser Trainerwechsel aber als Segen für den 26-jährigen herausstellen.

Denn Heynckes führte James langsam an die Startelf ran und setzte ihn häufig als Achter auf den Halbpositionen ein. Dadurch konnte James seine Spielintelligenz und Passsicherheit noch effizienter ausspielen, war besser in das Spiel eingebunden. Schnell avancierte die Nummer elf der Münchner zum Schlüsselspieler im Mittelfeld. Sehr viel lief über ihn und am Ende brachte es der Kolumbianer auf acht Treffer und 14 Vorlagen in 39 Spielen. Im Vergleich zu einigen Werten aus den Vorjahren vielleicht nicht überragend, doch das lag vor allem an James’ Rolle, die Heynckes ihm zugeteilt hatte. Oft spielte er den vorletzten, aber öffnenden Pass und mit einer durchschnittlichen Passquote von unglaublichen 90 Prozent gehörte James in der letzten Saison zu den besten Mittelfeldspielern in Europa.

(Photo by Adam Pretty/Bongarts/Getty Images)

 

Nationalmannschaft Kolumbien – Spielmacher von links

James Rodríguez spielte sowohl für die U17 als auch für die U20 der kolumbianischen Nationalmannschaft. Im Sommer 2011 machte er bei der U20-WM in der Heimat auf sich aufmerksam, als er mit seinem Team bis in das Viertelfinale vorstoß und drei Treffer in fünf Partien beisteuerte. Die Beförderung zur A-Nationalmannschaft ließ daraufhin nicht lange auf sich warten. Am 11. Oktober 2011 lief der damals 20-jährige erstmals im Dress der “Los Cafeteros” auf. Der Gegner hieß Bolivien und für Kolumbien ging es um die Qualifikation für die WM 2014 in Brasilien. Also dort, wo James drei Jahre später das Turnier seines (bisherigen) Lebens spielen sollte.

Seit diesem 11. Oktober ist James 63 Mal für Kolumbien aufgelaufen und war an 39 Toren direkt beteiligt (21 Tore, 18 Vorlagen). Allein diese Werte lassen erahnen, welch’ wichtige Rolle er in der kolumbianischen Nationalmannschaft einnimmt. Gerade zu Beginn wurde er dabei meist auf links eingesetzt, was ihn aber nicht daran hinderte, das Spielgeschick seiner Mannschaft zu lenken. Häufig zog er in die Mitte und schaffte so Räume für seine Mitspieler. Mittlerweile wird er auch von Nationaltrainer Pékerman oft auf der “Zehn” eingesetzt und soll für eine Verbindung zwischen Defensive und Offensive bei den Kolumbianern sorgen.

 

Die WM 2018 – Nächste Gala von James?

Womit wir bei der Frage wären, welche Rolle James bei dieser WM spielen kann. Dafür gehen wir kurz zum Anfang zurück. Wenn James der MVP der abgelaufenen Saison bei den Bayern war, dann gilt diese Bezeichnung für ihn in der Nationalmannschaft umso mehr. Zwar tummeln sich auch hier die einen oder anderen bekannten Gesichter, doch ist dies natürlich nicht mit dem Star-Ensemble beim deutschen Rekordmeister zu vergleichen. Möchte Kolumbien weit kommen bei dieser WM, braucht es einen James Rodríguez in seiner besten Form. Und die scheint er aktuell zu haben, wenn man sich die abgelaufene Spielzeit anschaut.

(Photo credit should read JAVIER SORIANO/AFP/Getty Images)

Interessant wird sein, welche Rolle er von Pékerman zugeteilt bekommt. Denn der argentinische Coach hat nicht DAS eine System, das er spielen lässt. So probierte er in der Vorbereitung zur WM wild herum, ließ mal im 4-2-3-1 oder im klassischen 4-4-2 spielen, und mal im 4-3-3. Je nach System wird James entweder wieder auf dem linken Flügel zum Einsatz kommen (bspw. im 4-3-3) oder aber im Zentrum hinter den Stürmern (bspw. im 4-2-3-1). Doch egal, welche Position für ihn angedacht ist, seine zentimetergenauen Pässe werden mitentscheidend sein.

Ob als vorletzter Passgeber, der die Lücke in der gegnerischen Defensive findet, oder als Torschütze mit seinem guten Abschluss, seine Rolle bei Kolumbien ist klar. Er lenkt das Spiel und soll die Stürmer um Falcao, Muriel oder auch Bacca in gute Schusspositionen bringen. Gerade bei den Bayern zeigte er in dieser Saison wieder seine gefürchteten Schnittstellenpässe. Zudem dürfte es Kolumbien zu Gute kommen, dass sich James’ Defensivverhalten unter Heynckes deutlich verbessert hat. Seine Nationalmannschaftskollegen dürfen sich also auf ihren wieder zu alter Form zurückgekehrten MVP freuen, der überdies seit der WM 2014 deutlich gereift ist. Kann James diese Form auch in den nächsten maximal vier Wochen auf den Platz bringen und werden Schlüsselspieler wie Falcao, Cuadrado oder Davinson Sánchez ihrer Rolle gerecht, kann Kolumbien durchaus erneut für Furore sorgen.

 

 

 

 

Nico Scheck

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