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WM Porträts: Gary Lineker – Herausragender Stürmer als Alleinunterhalter

31. Mai 2018
Manuel Behlert

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WM Porträts: Gary Lineker – Herausragender Stürmer als Alleinunterhalter

Wenn man einen Spieler aus der Geschichte der englischen Mannschaften, die an einer Weltmeisterschaft teilnahmen, hervorheben möchte, dann rücken sofort die Weltmeister von 1966 in den Fokus. Torhüter Gordon Banks oder Spieler wie Bobby Charlton oder Dreierpack-Held Geoff Hurst werden zuerst genannt. Und gewiss, diese Spieler hätten es verdient, doch wir haben uns für einen anderen Akteur entschieden, der eine elementare Rolle in der englischen WM-Geschichte einnahm.

Und zwar handelt es sich hierbei um einen zweifachen englischen Fußballer des Jahres, der sogar beinahe zu Europas Fußballer des Jahres gewählt wurde (1986) – und in diesem Jahr auch ein besonders gute Weltmeisterschaft spielte. Doch dazu später mehr.

Hervorragende Vereinskarriere

Geboren wurde Gary Lineker am 30. November 1960 im englischen Leicester. Der Verein aus dieser Stadt spielte eine wichtige Rolle in seiner Karriere, denn bereits nach dem Schulabschluss wechselte der damals 16-jährige zu den „Foxes“ von Leicester City. Für den Klub absolvierte Lineker in seiner Karriere 194 Spiele, spielte sich in den Fokus der Öffentlichkeit, erzielte während seiner Zeit in Leicester 95 Tore. In der Saison 1985/86 spielte Lineker für den FC Everton, wurde Torschützenkönig und hinter dem Lokalrivalen FC Liverpool Vizemeister in England. Für rund 2,8 Millionen Pfund Ablöse wechselte Lineker nach diesem hervorragenden Jahr zum FC Barcelona.

(Photo by Jeff Spicer/Getty Images)

Trainer der Katalanen war Linekers Landsmann Terry Venables, der ein Faible für den wendigen Angreifer hatte. Mit einem Hattrick gegen Real Madrid und insgesamt 20 Saisontoren spielte sich Lineker schnell in die Herzen der Fans des FC Barcelona, blieb dort bis 1989, ehe es zurück nach England ging, diesmal zu den Tottenham Hotspurs. Nach drei guten Jahren bei den Spurs ließ der Angreifer seine Karriere in Nagoya, Japan, ausklingen. 1994 beendete er seine Karriere mit 33 Jahren und galt als Inbegriff des Fairplay, denn er wurde in seiner gesamten Laufbahn nie vom Platz gestellt, kassierte nicht einmal eine Verwarnung.

Debüt 1984 – vernichtender Auftakt 1986

1984 absolvierte Lineker im Alter von 24 Jahren sein erstes Länderspiel für England in einer Begegnung gegen die schottische Nationalmannschaft. Bis 1992 war er ein fester Bestandteil der „Three Lions“ und absolvierte insgesamt 80 Länderspiele, erzielte dabei 48 Tore. Die Weltmeisterschaft 1986 war das erste große Turnier für Lineker – und gleichzeitig auch sein bestes. Und das, obwohl es verheerend begann. Die englische Mannschaft traf in der Gruppe F auf Portugal, Marokko und Polen. Das Auftaktspiel fand gegen Portugal statt, England verlor durch einen Treffer von Carlos Manuel mit 0:1. Lineker stand über die gesamten 90 Minuten auf dem Teld, konnte aber keine nennenswerten Akzente setzen.

Im zweiten Gruppenspiel gegen Marokko stand England schon unter Druck, ein Sieg wäre immens wichtig gewesen. Die Hoffnungen ruhten natürlich erneut auf Lineker, der wieder ohne einen großen Effekt durchspielte. Das Spiel in Monterrey endete 0:0, für Marokko war dieses Ergebnis ein Erfolg, die Engländer standen vor einer große Enttäuschung. Der gewohnt kritische, fast schon feindselige englische Boulevard stürzte sich auf Lineker, die Schlagzeilen waren alles andere als freundlich. Der Offensivspieler stand im Zentrum der Kritik, wurde als „Sportwagen im Leerlauf“ bezeichnet – und nahm sich diese Kritik offensichtlich zu Herzen.

Die Initialzündung – danach Torschützenkönig

Der 11. Juni 1986 sollte für Gary Lineker ein ganz besonderer Tag werden. Im Entscheidungsspiel gegen Polen bekam er von Trainerlegende Bobby Robson mit Peter Beardsley einen neuen Sturmpartner zugewiesen und beide harmonierten von Beginn an hervorragend. Beardsley konnte Räume für Lineker öffnen, diese nutzte bereits nach 9 Minuten seine erste Chance und traf zum 1:0 für England. Nur 5 Minuten später legte erneut Lineker nach, erzielte das 2:0 und sorgte für eine relativ beruhigende Führung. Doch der zu diesem Zeitpunkt 25-jährige wollte es seinen Kritikern so richtig zeigen – und erzielte in der 34. Minute noch das 3:0. Lineker schoss die „Three Lions“ im Alleingang in die K.O.-Runde und war mit drei Treffern auch lukrativ im Rennen um die Torjägerkanone.

(Photo by Bongarts/Getty Images)

Gegen Achtelfinalgegner Paraguay gingen die Engländer wieder als Favorit in das Spiel und die Erwartungen waren nach dem finalen Gruppenspiel nicht gerade gering. Gary Lineker wollte dafür sorgen, dass seine Kritiker keinen Grund für einen erneuten Angriff erhalten, traf beim souveränen 3:0-Sieg zweimal und schraubte seine Torquote weiter nach oben. Dieses Team war extrem abhängig von Lineker, obwohl mit Glenn Hoddle oder Trevor Steven weitere wirklich gute Spieler im Aufgebot standen.

Das Viertelfinale gegen Argentinien sollte dann die erste richtig große Herausforderung für England werden und das Team von Bobby Robson wollte natürlich zeigen, was es auf dem Kasten hat und dass man nicht nur von Lineker abhängig ist. Die argentinische Mannschaft mit Ruggeri, Burruchaga, Maradona und Valdano galt vor dem Spiel als favorisiert, aber England hielt gut mit. In der 51. Minute erzielte Diego Maradona das berühmte Tor mit der „Hand Gottes“, ehe er mit einem traumhaften Solo mit dem „Tor des Jahrhunderts“ erfolgreich war. Das Aufbäumen der Engländer gab es zwar noch, aber außer dem 2:1-Anschlusstreffer von – natürlich – Gary Lineker geschah nichts mehr. Der Angreifer wurde am Ende des Turniers sogar Torschützenkönig, obwohl er lediglich drei gute Spiele im Turnierverlauf hatte.

Drei Turniere – Drei Enttäuschungen

Die Europameisterschaft 1988 war die nächste Chance der „Three Lions“ auf ein gutes und erfolgreiches Turnier. Doch die englische Nationalmannschaft lieferte katastrophale Resultate, blieb in der Gruppenphase komplett ohne Torerfolg, schied sang- und klanglos aus. Später stellte sich heraus, dass Starstürmer Lineker vor dem Turnier an Hepatitis erkrankte, schwer angeschlagen in das Turnier ging und dementsprechend seine Leistung nicht abrufen konnte.

1990 spielte Lineker dann seine zweite Weltmeisterschaft, diesmal in Italien. Im Auftaktspiel der Gruppe F traf der Stürmer gegen Irland, brach sich im Spielverlauf aber auch eine Rippe – und das sorgte dafür, dass der Hoffnungsträger Englands im gesamten Turnierverlauf gehandicapt war. Beim 0:0 gegen die Niederlande trat Lineker nicht in Erscheinung, gegen Ägypten spielte er ebenfalls verhältnismäßig unabhängig. England gewann mit 1:0 und zog in das Achtelfinale ein, das durch einen Treffer von David Platt mit 1:0 nach Verlängerung gewonnen wurde. Gegen das mit Legende Roger Milla gut besetzte Kamerun musste England in die Verlängerung, um durch ein 3:2 in das Halbfinale einzuziehen. Auch hier zeigte sich Lineker angeschlagen, erzielte aber zwei Tore per Elfmeter und lieferte im Endeffekt eine gute Leistung ab.

(Photo by PATRICK HERTZOG/AFP/Getty Images)

Das Halbfinale der WM 1990 gegen Deutschland ging in die Geschichte ein. In einem wahren Abnutzungskampf war es natürlich Lineker, der in der Schlussphase des Spiels die Führung durch Brehme ausgleichen konnte. Die englische Mannschaft musste sich – überraschenderweise – nach erbittertem Kampf im Elfmeterschießen geschlagen geben, der Traum vom Finale zerplatzte. Wer weiß, wie das Turnier verlaufen wäre, wenn Lineker topfit gewesen wäre? Seinen letzten großen Auftritt sollte Lineker bei der EM 1992 in Schweden haben, doch England schied ohne einen Sieg in der Gruppenphase aus und die Nationalmannschaftskarriere dieses großartigen Spielers endete unrühmlich.

Was bleibt?

Gary Lineker konnte die englische Mannschaft während seiner Karriere nicht zu einem Titel führen. Sollte er deswegen nicht zu den Topspielern Englands zählen? Sollte man ihn auf eine andere, geringere Stufe als die Weltmeister von 1966 hieven? Wohl kaum. Lineker sorgte teilweise im Alleingang dafür, dass England sich überhaupt Hoffnungen machen konnte – und das bei zwei Weltmeisterschaften nacheinander. Er musste als Alleinunterhalter fungieren und geriet schnell in das Zentrum der Kritik, auch wenn seine Mannschaftskollegen mitunter deutlich schlechtere Leistungen zeigten. Die gesamte Karriere des Gary Lineker war gut, aber die große Krönung fehlte. Das soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass er ein individuell herausragender Akteur war, der auf der ewigen Rangliste der Torjäger der englischen Mannschaft bis heute Platz 3 belegt – hinter Legenden wie Wayne Rooney und Bobby Charlton. Und das nimmt ihm niemand mehr – ebenso wenig den Titel als Toptorschützen der Weltmeisterschaft 1986. Und das zählt.

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