Corona: Premier-League-Saison vor Abbruch?

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News | Wie alle anderen europäischen Topligen pausiert auch die Premier League aufgrund des Coronavirus. Wann es weitergeht, ist offen. Doch nun soll es bei vielen Klubs eine immer klarere Tendenz in eine bestimmte Richtung geben.

„Ihre Egos können es nicht ertragen, dass man ihnen den Spiegel vorhält“

Diese bestimmte Richtung heißt: Saisonabbruch mit allen Kosten und Folgen, berichtet The Athletic. Die interne Meinung: Es soll dann weitergespielt werden, wenn es wieder sicher ist. Auch wenn das bedeuten würde, dass Liverpool die erste Meisterschaft seit 30 Jahren verwehrt bliebe.

Ein anonymer, hochrangiger Vertreter sagte zu The Athletic, dass es moralisch nicht vertretbar sei, Fußball zu spielen, während das Coronavirus draußen auf seinem Höhepunkt sei. Weiter heißt es: „Wenn man sich die Leute anschaut, die um den Premier League-Tisch sitzen und sich via Skype unterhalten: Ihre Egos können es nicht ertragen, dass man ihnen den Spiegel vorhält. Fakt ist, dass sie im Moment nicht so wichtig sind, wie der Auslieferungsfahrer von Tesco. Wir spielen ein Spiel. Nicht mehr, nicht weniger. Im Moment ist kein Platz für Sport.“

Noch letzte Woche gab es bei einem Treffen aller 20 Premier League-Klubs eine hundertprozentige Zusage, dass man die Saison 2019/20 zu Ende bringen wolle, mit allen Folgen, also auch: Geisterspielen. Der Plan, die Saison als null und nichtig zu erklären, war eigentlich vom Tisch. Was nicht zuletzt daran lag, dass man sonst 762 Millionen Pfund (841,2 Millionen Euro) an TV-Geldern hätte zurückzahlen müssen.

UEFA hält an Saisonende fest, Klubs wollen Zeit gewinnen

Aber insgeheim sollen einige Klubs starke Bedenken gegenüber der Idee, Fußball in Zeiten des Coronavirus zu spielen, entwickelt haben. Sie tendieren eher dazu, die Saison zu wiederholen – mit allen Konsequenzen. Diese Idee hatte ursprünglich West Hams stellvertretende Vorsitzende Karren Brady am 14. März geäußert und von Brightons Geschäftsführer Paul Barber Zustimmung erhalten. Sie haben davor gewarnt, die Saison zu Ende zu spielen.

Die UEFA hält weiterhin daran fest, die Saison mit nationalen und internationalen Wettbewerben regulär bis zum 30. Juni zu beenden. In England wird es vor dem 30. April aber keinen Fußball geben. Ein Vorsitzender bezeichnete den aktuellen Plan als „peinlich“ und ergänzte: „Was wir machen, ist falsch.“ Mehrere Klubs sind sich deshalb einig, dass der 30. April nicht das Datum sein sollte, an dem wieder gespielt wird, sondern dass man sich dann noch mehr Zeit verschaffen sollte, um mit den Sendern über eine Rückzahlung der TV-Gelder zu verhandeln.

Die nächste Hauptversammlung der Premier League-Klubs findet am 3. April statt und ein ranghoher Vertreter eines Vereins sagte: „Ich hoffe, die Situation verändert sich bis dahin. Aber leider verändert sich die Welt und sie verändert sich jeden Tag mehr zum Schlechten.“

„Wir sehen gerade aus, wie bockige, alberne Kinder“

„Es ist klar, was passieren wird. Das ist eine weltweite Pandemie. Man fängt die Saison von Neuem an und es gibt wenige Verlierer. Klar, Liverpool, ich weiß. Aber im Großen und Ganzen ist es, ganz ehrlich, nicht wichtig. Wir müssen einfach von vorne anfangen.“

„Das (Coronavirus, Anm. d. Red.) wird hier (in England, Anm. d. Red.) noch schlimmer werden, also geht es nicht es nicht um Spieler, die ins Training zurückkehren. Wenn wir alle für die nächsten zwei, drei Monate zuhause bleiben, dann werden wir ziemlich einfach da durchkommen. Aber selbst dann wird es eine Phase der langsamen Wiedereingliederung in die Normalität geben, sonst wird das Virus wieder zuschlagen. Also, wenn wir Glück haben, startet die neue Saison im September.“

„Wenn sie sagen wollen: Diese Saison ist vorbei und sie wird mit den restlichen neun Spieltagen im September ausgetragen, fantastisch. Aber das ist einfach nicht machbar. Beendet einfach diese Saison mit allen Konsequenzen. Beendet sie und sagt, die neue Saison beginnt im September.“

„Wir sehen gerade aus, wie bockige, alberne Kinder. Ich glaube mit großer Leidenschaft daran, dass das, was wir machen, falsch ist. Und ich würde gerne denken, dass meine Kollegen derselben Meinung sind, dass die Welt sich geändert hat. Sie ist im Moment ein unheimlicher Ort und wir müssen diese Situation ernsthaft angehen.“

Und während die Spieler sich zunehmend mit Geisterspielen anfreunden, im Wissen, dass es bei einer Wiederaufnahme des Betriebs keine andere Wahl gibt, ist ein anderer Vorsitzender klar dagegen und sagt: „Wie kann man einen Kontaktsport spielen, der in Verletzungen enden kann, sodass ein hochbezahlter, hochprivilegierter Mensch ins Krankenhaus muss, um das Gesundheitssystem noch stärker zu belasten, zu einer Zeit, in der das Virus eskaliert? Ich finde es so beleidigend, dass wir überhaupt darüber sprechen. Es ist einfach nicht wichtig.“

„Dieser Standpunkt ist lächerlich“

„Wenn wir vor leeren Rängen spielen, können sie dann garantieren, dass sich nicht tausende von Menschen draußen (vor den Stadien, Anm. d. Red.) versammeln werden? Es ist absurd. Vergesst die Machbarkeit dessen. Ich finde den ganzen Vorschlag beleidigend. Dass Menschen an Beatmungsgeräten sterben und wir trotzdem ein Spiel spielen. Ich bin ratlos. Selbst in guten Zeiten ist das, was wir machen, voller Selbstgefälligkeit. Es ist nur ein Fußballspiel.“

Auf der anderen Seite steht Liverpool 25 Punkte vor Manchester City, ihnen fehlen noch zwei Siege zur Meisterschaft. Die Wolves und Sheffield United kämpfen auch noch um europäische Tickets, bestenfalls in der Champions League. Im Moment sind sie Sechster und Siebter. In der zweiten Liga belegen West Brom und Leeds die direkten Aufstiegsplätze. Ob sie alle bereit sind, ihre Leistungen dieser Saison aufzugeben, darf bezweifelt werden.

Setzt sich der Fußball falsche Prioritäten?

Jedenfalls denkt der Leiter eines Klubs, dass der Fußball sich falsche Prioritäten setzt: „Dieser Standpunkt, über den wir uns unterhalten, ist lächerlich. Es gibt so viele größere Dinge, über die wir reden müssen und trotzdem fragt jeder: Wird Liverpool den Titel gewinnen? Es ist einfach unwichtig. Diese Zeit wird als eine sehr herausfordernde in die Geschichte eingehen. Es gibt einen Platz für Fußball und Entertainment, aber nur dann, wenn es keine Gefahren und große Probleme gibt, mit denen man zurechtkommen muss.

Bei einem Meeting vor Kurzem hat ein Klub gesagt: Hör mal, ich lasse meine Spieler in den Urlaub gehen, aber, wenn sie feststecken, weil sich die Situation verändert, glaubst du, dass die Regierung private Flugzeuge rüberschickt, nur, damit sie Fußball spielen können? So lächerlich und von der Realität entfernt sind sie mittlerweile.“

Nach Angaben der Johns Hopkins Universität gibt es im Vereinigten Königreich 11.813 bestätigte Corona-Fälle, bei 578 Toten und 135 Genesenen.

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Victor Catalina

Victor Catalina

Mit Hitzfelds Bayern aufgewachsen, in Dortmund studiert und Sheffield das eigene Handwerk perfektioniert. Für 90PLUS immer bestens über die Vergangenheit und Gegenwart des europäischen Fußballs sowie seine Statistiken informiert.

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