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Die Bayern und der BVB vor dem Topspiel in der Liga

3. November 2017 | Spotlight | BY Manuel Behlert

Als Jupp Heynckes vor wenigen Wochen das Traineramt beim FC Bayern München übernahm, hatte Borussia Dortmund einen komfortablen Vorsprung in der Bundesliga und nur wenige bewerteten den 2:1-Sieg des BVB in Augsburg als ein Zeichen, das den „Schwarzgelben“ Sorgen bereiten könne. 6 Pflichtspiele später steckt der BVB in der Krise, in der Zwischenzeit wurde nur das Pokalspiel beim 1. FC Magdeburg (5:0) gewonnen, ansonsten hagelte es Enttäuschungen.

Und der FC Bayern? Der spielt zurzeit auch nicht die Sterne vom Himmel, gewann aber die viel zitierten „Schlüsselspiele“ gegen Leipzig, schlug Celtic zweimal, wenn auch auswärts nur sehr knapp und hat sich schneller als erwartet die Tabellenführung zurückerobert. Doch auch hier ist noch nicht alles Gold, was glänzt. 

 

BVB: Das Bayernspiel als Chance?

Dass die Stimmung in Dortmund derzeit eher so mittelgut ist, ist jedem bewusst. Die Mannschaft steht in der Kritik, das System von Peter Bosz ebenfalls. Der mentale Aspekt wurde bereits vor der Partie gegen APOEL angesprochen und ist weiterhin relevant. Die Mannschaft lebte bis zuletzt von der guten Serie zu Beginn der Saison. Torchancen spielt man sich weiterhin heraus, mitunter auch viele, aber der fußballerische Aspekt ist nicht so ausgeprägt wie zu Saisonbeginn, die Leichtigkeit fehlt, alles sieht mehr nach Arbeit aus. Wenn dazu eine schwache Chancenverwertung und systembedingte Defensivschwächen kommen, sieht es düster aus.

(Photo by Maja Hitij/Bongarts/Getty Images,)

Vielleicht kommt der FC Bayern München genau zum richtigen Zeitpunkt. Duelle mit dem Rekordmeister sind immer etwas besonderes, gerade jetzt kann der BVB sich wohl recht gut mit der Außenseiterrolle anfreunden, die Vorzeichen sprechen nahezu komplett für die Bayern. Der ganz große Druck, der in Hannover oder gegen APOEL auf den Spielern lastete, ist nicht vorhanden. Man hat nicht viel zu verlieren, außer man kassiert eine exorbitante Klatsche. Die Mannschaft kann eventuell genau deswegen eine gute Leistung abrufen, aber ob sich dadurch Automatismen generieren lassen und die systembedingten Probleme durch Motivation alleine zu kaschieren sind, bleibt anzuzweifeln.

 

FCB: Letzter Teil von Phase 1

Zugegeben, den allerschönsten Fußball spielt der FC Bayern zurzeit nicht. Doch bedingt durch die Formschwäche und die Missstimmungen vor der Heynckes-Übernahme, dem offensichtlichen Fitnessrückstand und der Tatsache, dass mit Bernat, Ribery, Neuer, Müller, zuletzt Lewandowski und vorher Coman einige wichtige Spieler fehl(t)en, ist die Ausbeute formidabel. Im Endeffekt wurde jedes Spiel dieser ersten Phase der Stabilisierung unter Heynckes gewonnen, gelingt dies auch in Dortmund, ist es nahezu irrelevant, wie die Leistung am Samstag ausfallen wird. Was zählt ist das Zurückkehren in die Erfolgsspur.

(Photo by Ian MacNicol/Getty Images)

Und das ist dem FC Bayern gelungen. Im DFB-Pokal steht man im Achtelfinale, in der Königsklasse ebenfalls. In der Liga ist man Tabellenführer und hat sich bereits jetzt einen kleinen Vorsprung herausgearbeitet. Heynckes liegt zurzeit im Plan, erhöht die Intensität im Training peu a peu und wird auch in der Länderspielpause weiterhin Akzente setzen. Nach der hohen Belastung zuletzt hofft er ohnehin, dass der ein oder andere Spieler eben nicht zu den Testspielen fahren, sondern in München an Form, Fitness und zunächst einmal der Regeneration arbeiten wird. Die Wochen nach der Pause werden ebenfalls kein Zuckerschlecken, lediglich der erste Schritt ist gemacht.

 

Das Topspiel aus Sicht des FC Bayern

Friede, Freude, Eierkuchen herrscht beim FC Bayern München dieser Tage noch nicht, trotz einer deutlichen Verbesserung der Lage. Zu groß sind noch die Personalprobleme, zu lang ist der Weg dahin, wo man eigentlich hin will. Und: Es wird ein Trainer für die kommende Saison und womöglich auch ein Backup für den Angriff gesucht. Vor einem Duell mit Borussia Dortmund muss man sich als Verantwortlicher des FC Bayern aber eher wenig mit diesen Themen beschäftigen, das Spiel als solches gibt zu viel her. Der Rekordmeister ist optimistisch, kennt die Probleme der Dortmunder und kommt mit einer Serie an guten Resultaten.

(Photo by Alex Grimm/Bongarts/Getty Images )

Lewandowski kehrt zurück, Bayern kann also mit einem Mittelstürmer spielen und den Finger in die Wunde der Dortmunder legen: die Defensive. Wahrscheinlich wird Jupp Heynckes auf Sebastian Rudy und Thiago Alcantara setzen, denn beide saßen zu beginn in Glasgow auf der Bank und wurden geschont. Mit ihnen soll die nötige Kreativität, aber auch Ruhe am Ball ausgestrahlt werden. Wahrscheinlich ist ein Dreiermittelfeld mit Javi Martinez, sodass Arjen Robben und James Rodriguez um den Platz auf dem rechten Flügel streiten, während Coman links gesetzt zu sein scheint.

Rudy, Thiago, Martinez wäre derzeit die beste Besetzung im Mittelfeld – und genau hier dürfte das Spiel entschieden werden. Wenn der FC Bayern nicht viel anbietet, ballsicher ist und dem Gegner möglichst wenige Räume offenbart, sollte man der Favoritenrolle auch gerecht werden, zumal eine gewisse Verunsicherung des Gegners zu erwarten ist. Bietet Bayern aber etwas an – und das haben sie trotz der vielen guten Resultate in fast jedem Spiel gemacht – bleibt für das Heynckes-Team zu hoffen, dass Dortmund dieses Angebot nicht annimmt. Ansonsten sind die Vorzeichen klar: Die Stimmung ist, die Mannschaft ist im Rhythmus und das Selbstvertrauen ist groß. Von Bayernseite aus kann’s losgehen!

 

Das Topspiel aus Sicht des BVB

(Text von 90Plus-Redakteur David Theis)


Spielerisch kann es beim BVB – darüber darf der zweite Tabellenplatz nicht hinwegtäuschen – aktuell kaum noch schlimmer werden. Die Bilanz: Kein Sieg aus den letzten 5 Partien gegen oberklassige Gegner. Das Spiel nach vorne war hier trotz eines aufsehenerregend schwachen Abwehrverhaltens das größte Problem. Vor allem gegen kompakt verteidigende, robuste Kontrahenten sah Peter Bosz’ Team in allen Belangen unterlegen aus. Das könnte paradoxerweise Dortmunds einziger Hoffnungsschimmer gegen die spielerisch haushoch überlegenen Münchner sein: Einen Gegner, der den Ball ich hoch aufgerückten Formationen zirkulieren lässt, hatte der BVB zuletzt nicht allzu häufig vor der Brust. Sollte der neue Tabellenführer zu nachlässig mit seinem Ballbesitz umgehen und der alte nach Balleroberungen schnell in sich bietende Räume finden – ist (vorausgesetzt, das Bosz-Team wartet mit einer deutlich verbesserten Mentalität auf) vielleicht ein Wunder möglich.

(Photo by PATRIK STOLLARZ/AFP/Getty Images)


Allein: Die Borussia lässt derzeit jegliche Antworten auf die Frage vermissen, wie sie ein solches Wunder erspielen will. Seit den Kantersiegen gegen Mönchengladbach oder den HSV werden tiefe taktische wie auch psychologische Risse innerhalb des Teams sichtbar – allerdings muss auch konstatiert werden, dass vergangene Kantersiege vor allem durch die überragende Chancenverwertung des BVB ermöglicht wurden – nicht durch taktisch disziplinierte Darbietungen. Schon zu Saisonbeginn ließe der BVB enorm viele Chancen zu und verteidigte viele Ballverluste auf Messers Schneide. Auch das vielzitierte Abschlussglück wird Bosz’ Mannschaft also hold sein müssen, will sie gegen den Rekordmeister nicht unter die Räder kommen.

Dass ausgerechnet der FC Bayern dem BVB ins Messer läuft, erscheint also denkbar unwahrscheinlich. Zu stark ist er mit Rudy, Martinez oder Thiago in Dortmunds größter Problemzone besetzt, zu brutal bestrafen Spieler wie Arjen Robben Gegner, die nicht rechtzeitig in ihre Defensivräume und -zweikämpfe finden.

Manuel Behlert

Vom Spitzenfußball bis zum 17-jährigen Nachwuchstalent aus Dänemark: Manu interessiert sich für alle Facetten im Weltfußball. Seit 2017 im 90PLUS-Team. Lässt sich vor allem von sehenswertem Offensivfußball begeistern.


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