In der Veltins-Arena hängt ein Banner mit dem Namen Olaf Thon. Der Mann ist in Gelsenkirchen geboren, wurde auf Schalke groß und wechselte 1988 zum FC Bayern. Am Samstagabend sang dieselbe Arena einem anderen gebürtigen Gelsenkirchener entgegen: „Wir sind Schalker und du nicht.“
90 Minuten Pfeifkonzert
Manuel Neuer betrat zum Aufwärmen den Rasen, und aus der Nordkurve kam die Antwort, bevor er einen Ball berührt hatte. Bei der Verlesung der Bayern-Aufstellung wurde es lauter. Danach begleiteten Pfiffe nahezu jede seiner Ballberührungen, 90 Minuten lang, bis zum 0:0.
Neu war daran nichts. Seit dem Wechsel 2011, für kolportierte 30 Millionen Euro Ablöse, empfängt ihn Gelsenkirchen so. Neu war nur der Umstand, dass es das letzte Mal gewesen sein dürfte. Der 40-Jährige hat mehrfach durchblicken lassen, dass er nicht damit rechne, noch einmal in dieser Arena aufzulaufen.
Der Appell, der niemanden erreichte
Vor der Partie hatte Olaf Thon bei „ran“ um etwas anderes gebeten. Man möge Neuers Leistung als weltbester Torhüter respektieren, sagte der Ehrenspielführer, und wurde dann konkret: „applaudiert und empfangt ihn mit offenem Herzen.“ Er fügte hinzu, er wisse, dass es dazu vermutlich nicht kommen werde. Das war weniger Prognose als Lebenserfahrung.
Thon hat recht behalten. Und genau hier wird die Sache interessant – denn Thon ist der lebende Gegenbeweis zur Regel, die die Kurve am Samstag durchsetzte.
Zwei Wechsel, zwei Urteile
Beide sind Schalker Jungs. Beide gingen nach München. Der eine steht als einer von zehn Ehrenspielführern auf einem Banner im Stadion, der andere bekommt „Wir sind Schalker und du nicht“ ins Gesicht gesungen. Erklären lässt sich das mit Ablösesumme, Zeitgeist, Timing, mit dem Umstand, dass Neuer 2011 in einer besonders empfindlichen Phase ging. Nur ist keine dieser Erklärungen ein Prinzip. Sie sind Umstände.
Wer Vereinstreue zur Währung erklärt, muss sie für alle gleich verzinsen. Sonst ist es keine Haltung, sondern Erinnerungspolitik.
Eberls Grenze – und wer sie zieht
Nach dem Spiel zog Max Eberl eine Linie. Der Bayern-Sportvorstand lobte ausdrücklich den weit überwiegenden Teil des Schalker Publikums, stieß sich aber an einzelnen Ausfällen: Der Verein solle stolz sein, in der eigenen Knappenschmiede einen Weltmeister und Welttorhüter ausgebildet zu haben. Sein Fazit: „Diese Ausdrücke braucht es nicht.“ Pfeifen gegen Bayern – geschenkt. Beleidigungen – nein.
Die Unterscheidung ist richtig. Sie hat nur zwei Schönheitsfehler. Erstens hat kein einziger Bericht dokumentiert, welche Ausdrücke gefallen sein sollen; sie werden zitiert, ohne je zitiert zu werden. Zweitens kommt die moralische Empörung ausgerechnet vom Vorstand des Gastvereins, was sie nie ganz uneigennützig aussehen lässt.
Der Betroffene selbst nahm es gelassener als sein Arbeitgeber. „Das sind Komplimente, das ist Liebe“, sagte Neuer in der Mixed Zone. Er sprach von einem sehr emotionalen Tag, davon, über 20 Jahre für diesen Verein gespielt zu haben, davon, dass Familie und Freunde auf der Tribüne saßen. Wer so redet, braucht keinen Anwalt.
Was die Kurve für sich anführen kann
Und jetzt die andere Seite, die in dieser Debatte meist zu kurz kommt. Schalke ist gerade erst aus drei Jahren zweiter Liga zurückgekehrt. Die 62.094 ausverkauften Plätze am Samstag, die Lautstärke, die Bereitschaft, gegen einen Gegner mit 122 Bundesligatoren aus der Vorsaison 90 Minuten lang zu verteidigen – all das speist sich aus exakt der Identität, die in „Wir sind Schalker und du nicht“ steckt. Man kann diesen Satz nicht loben, wenn er die Mannschaft trägt, und verurteilen, wenn er einen Torhüter trifft.
Lothar Matthäus, selbst 1988 nach München gegangen, erinnerte bei Sky daran, dass es ihm in Mönchengladbach nicht anders erging. Die Kurve stehe hinter ihrer Mannschaft, die Vergangenheit zähle da wenig. Das ist keine Entschuldigung. Es ist eine Beschreibung.
Der Held des Abends kam aus Newcastle
Bleibt eine Pointe, die an diesem Samstag niemand laut ausgesprochen hat. Gefeiert wurde in Gelsenkirchen am Ende Loris Karius, der die drei Großchancen der Bayern entschärfte und zum Spieler des Spiels gewählt wurde. Karius ist in Biberach an der Riß geboren, kam über Mainz, Liverpool, Beşiktaş, Union Berlin und Newcastle, und mit Schalke verbindet ihn ein Vertrag.
Eine Kurve, die Herkunft zur höchsten Währung erklärt, hat an diesem Abend einen Zugereisten auf Händen getragen und einen Einheimischen ausgepfiffen. Beides zu Recht, wenn man Leistung zum Maßstab nimmt. Nur ist Leistung dann eben der Maßstab – und nicht die Geburtsurkunde.
Was bleibt, wenn das Flutlicht aus ist
Der deutsche Fußball hält seine Fankultur für die beste Europas, und in vielem ist er das: bezahlbare Tickets, Stehplätze, Mitgliederstrukturen, volle Stadien in der zweiten Liga. Dieselbe Kultur schafft es nicht, einem 40-jährigen Weltmeister aus dem eigenen Nachwuchs dreißig Sekunden Applaus zu geben, bevor sie ihn wieder auspfeift. Man kann beides haben wollen. Man sollte nur nicht so tun, als wäre das eine der Preis für das andere.
Neuer hat sich den Abend nicht verderben lassen, Thon hat den Wunsch geäußert, den viele nicht mal formulieren wollten, Eberl hat sich geärgert, und die Nordkurve wird beim nächsten Mal genauso singen – nur ohne Adressat. Denn dieses nächste Mal wird es nicht geben. Wer ein Ritual pflegt, sollte gelegentlich prüfen, ob es noch jemandem gilt.

