Amiens statt Weltkarriere: Die Geschichte des Gael Kakuta

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Es gibt sie, diese Spieler, denen schon in jungen Jahren eine sehr große Karriere prophezeit wird. Auch beim damals 16-jährigen Gael Kakuta war dies 2007 der Fall, als er aus der Jugend des RC Lens zum FC Chelsea wechselte. Der in Lille geborene Offensivspieler mit kongolesischen Wurzeln galt als herausragendes Talent seiner Altersklasse und Versprechen in die Zukunft.

Heute, knapp 13 Jahre später: Gael Kakuta spielt beim französischen Erstligisten SC Amiens, steht mit dem Klub auf einem Abstiegsplatz in der Ligue 1. Statt Eden Hazard, N’Golo Kante oder Neymar heißen seine Teamkollegen Serhou Guirassy, Prince Gouano oder Alexis Blin. Doch wie kam es dazu?

Lehrjahre in der Chelsea-Jugend

Der mediale Hype nach dem Wechsel von Gael Kakuta zum FC Chelsea war groß. Verpflichtungen junger Teenager mit großem Potenzial boomten, jeder wollte den neuen Superstar in sein Team holen und aufbauen. Insbesondere Chelsea verfuhr häufig nach dem gleichen Muster: Talente wurden verpflichtet, konnten sich akklimatisieren und wurden dann entweder verliehen oder intern herangeführt. Kakuta konnte sich in der Jugend der „Blues“ an das höhere Tempo und die neuen Anforderungen gewöhnen, entwickelte schnell Lösungen für neue Probleme, die der teilweise ruppigere Spielstil mit sich brachte.

 (Photo by Michael Regan/Getty Images)

Intern war man sich bei Chelsea unisono einig: Aus Kakuta wird ein sehr, sehr guter Fußballer. Technik, Zielstrebigkeit und Raffinesse, der Linksfuß brachte alle Elemente mit, die es brauchte. Fans und Medien warteten sehnsüchtig auf das Debüt, Kakuta sollte aber noch etwas warten müssen. Es war der 21. November 2009, beim Heimspiel gegen Wolverhampton (4:0), als der damals 18-Jährige sein erstes Profispiel in der Premier League absolvieren durfte. 31 Minuten stand er auf dem Feld, zeigte zwei, drei nette Sprints, schlug den ein oder anderen Haken, hatte den ersten, wichtigen Schritt in seiner Karriere geschafft.

An dieser Stelle, in diesem Stadium einer Entwicklung geht es häufig steil bergauf. Oder eben nicht. Im Fall von Gael Kakuta war weiterhin Geduld gefragt, denn im Verlauf der Saison 2009/10 folgten lediglich noch drei Einsätze für die erste Mannschaft der Blues.

Gefangen in der „Loan Army“

Die Hinrunde der Saison 2010/11 verlief besser. Als Joker durfte Kakuta in der Champions League erste Europapokalluft schnuppern, auch in der Premier League kam der Offensivspieler auf fünf Kurzeinsätze. Allerdings: Mehr als Ansätze waren nicht sichtbar. Brauchte Kakuta regelmäßig Spielpraxis, möglicherweise bei einem kleineren Klub? Diese Fragen wurden bejaht, Chelsea verlieh das Talent zum FC Fulham.

In Fulham gelang ihm beim 3:0 in Sunderland seine erste Torvorlage in der Premier League, weitere Akzente konnte er in seinen wenigen Einsätzen aber nicht setzen. Die Leihe endete im Sommer, es folgte die nächste Saison – und das nächste Experiment. Als Kakuta im Sommer 2011 zu den Bolton Wanderers ausgeliehen wurde, war klar, dass er noch nicht die Reife hatte, um bei Chelsea in eine tragende Rolle hineinzuwachsen. Außerdem war er spätestens jetzt ein beständiger Teil der „Loan Army“, gehörte also zu den Spielern, die vom FC Chelsea von Leihstation zu Leihstation geschickt werden – in der Hoffnung auf einen Durchbruch.

(Photo by Michael Steele/Getty Images)

Die nächsten Stationen im Schnelldurchlauf: Ein halbes Jahr Bolton, ein halbes Jahr Dijon, gefolgt von eineinhalb Jahren bei Vitesse. In der Eredivisie, einer offensiv ausgerichteten Liga mit vielen jungen Spielern, konnte Kakuta dann erstmals wirklich regelmäßig zum Einsatz kommen – mit 21 Jahren. Doch mehr als sechs Torbeteiligungen in 34 Ligaspielen kamen nicht zustande. Umso überraschender war die Leihe zu Lazio für die Rückrunde der Saison 2013/14. Weniger überraschend war, dass Kakuta nur ein einziges Spiel in der Serie A absolvierte.

Kakuta: Letzte Chelsea-Leihe und nächste Schritte

Auch die Saison 2014/15 verbrachte der Franzose auf Leihbasis im Ausland. Diesmal war Spanien dran, bei Rayo Vallecano sollte der große Schritt nach vorne endlich gelingen, dreieinhalb Jahre nach der ersten Leihe. Und tatsächlich: Kakuta profitierte vom technisch anspruchsvollen Spielstil in La Liga, spielte mit Rayo eine gute Saison. Fünf Tore, sieben Vorlagen und ein Platz im Tabellenmittelfeld waren als klarer Fortschritt zu betrachten. Doch beim FC Chelsea traute man ihm nicht zu, daran anschließend den nächsten großen Entwicklungsschritt bei den Blues zu machen. Das „Projekt Kakuta“ bei Chelsea war endgültig gescheitert, mit dem FC Sevilla sicherte sich aber immerhin ein sehr guter und ambitionierter Klub in Spanien die Dienste des Offensivspielers. Kakuta wurde fest verpflichtet, nicht ausgeliehen – ein wichtiger Faktor für den 24-Jährigen.

 (Photo by JOSE JORDAN/AFP via Getty Images)

Der Schritt zum Weltstar, der ihm acht Jahre zuvor zugetraut wurde, schien in dieser Zeit weit weg. Doch Sevilla spielte immerhin regelmäßig international, in der Europa League eine gute Rolle. Doch leider wurde auch aus dieser Liaison nichts. Erst wurde der Linksfuß von einer Knöchelverletzung ausgebremst und im Winter, als er langsam an die Mannschaft herangeführt wurde, folgte plötzlich der Wechsel nach China. Kakuta erhielt mehr Geld, wechselte zu Hebei Fortune und war in der europäischen Medienlandschaft mit einem Schlag von der Bildfläche verschwunden. 

Doch auch in China fehlte die Kontinuität. Kakuta spielte zwar regelmäßig und war auch an fünf Treffern in der Liga beteiligt, trotzdem nahm er keine prägende Rolle ein. Und auch in China blieb er zunächst nur rund elf Monate. Es folgten wieder einmal Leihgeschäfte, zunächst zu Deportivo La Coruna, anschließend zum  SC Amiens nach Frankreich. Eine Station, bei der er vollends überzeugen und sich festspielen konnte, war leider nicht dabei.

Alte Bekannte: Über Vallecano nach Amiens

Und so ging die Reise des Gael Kakuta weiter. Hebei Fortune verließ er im Sommer 2018 auf permanenter Basis und schloss sich Rayo Vallecano an. Den Klub kannte er bereits aufgrund seiner Zeit als Leihspieler, hier wollte der mittlerweile 27-Jährige endlich Fuß fassen. Doch auch das gelang nicht. Zwölf Spiele, ein Tor, eine Hüftverletzung und viele Wochen, in denen es Kakuta nicht einmal in den Kader von Rayo Vallecano schaffte, sorgten dafür, dass das einstige Supertalent wieder zurück nach Frankreich wechselte.

Der SC Amiens ist seit dem Sommer 2019 der Klub, bei dem Kakuta unter Vertrag steht. Für drei Millionen Euro wurde er fest verpflichtet, kämpft derzeit mit dem Klub gegen den Abstieg. Kakuta ist Stammspieler, war an sieben Treffern direkt beteiligt, könnte endlich einmal länger bei einem Verein bleiben.

(Photo by GERARD JULIEN/AFP via Getty Images)

Doch das wird auch mit dem Ausgang der Saison zusammenhängen. Wie bereits erwähnt, steht der SC Amiens auf Platz 19, hat schon sieben Punkte Rückstand auf das rettende Ufer. Zehn Spiele sind noch zu absolvieren, sofern dies aufgrund der Coronakrise möglich ist. Steigt der SC Amiens ab, wird Kakuta mit der Frage konfrontiert, ob er mit dem Klub in die Ligue 2 geht, oder ob er erneut ein neues, ungewisses Abenteuer bei einem anderen Klub startet.

Nach den turbulenten letzten Jahren ist dem einstigen Versprechen in die Zukunft zu wünschen, dass er einfach nur in Ruhe Fußballspiele kann. Ob in Amiens oder anderswo.

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(Photo by Michael Regan/Getty Images)

Manuel Behlert

Vom Spitzenfußball bis zum 17-jährigen Nachwuchstalent aus Dänemark: Manu interessiert sich für alle Facetten im Weltfußball. Seit 2017 im 90PLUS-Team. Lässt sich vor allem von sehenswertem Offensivfußball begeistern.

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