Daniel Engelbrecht: „Ich werde alles dafür tun, um wieder auf den Platz zurückzukommen“

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Daniel Engelbrecht hat seinen Worten Taten folgen lassen. Der 24 jährige Angreifer des Drittligisten Stuttgarter Kickers, ist der erste deutsche Profifußballer mit eingesetztem Defibrillator, nachdem bei ihm eine Herzmuskelentzündung und Herzrhythmusstörungen diagnostiziert wurden. Durch gezielte Stromstöße setzt der Defibrillator im Fall von Herzrhythmusstörungen ein. Nach vier Operationen und einer fast 16-monatigen Pause, feierte er am 22.11.2014 gegen Erfurt sein Comeback in der Dritten Liga.

 

Für 90Plus spricht Tim Seitter mit ihm über seine Erkrankung, seine Perspektive und über die Stuttgarter Kickers.

90Plus: Herr Engelbrecht, auf Sie ist nach dem Comeback medial einiges zugekommen, wie war diese Aufmerksamkeit für Sie, wurde es Ihnen auch mal zu viel?

Daniel Engelbrecht: Nein das war überhaupt kein Problem für mich, da ich mit so etwas gerechnet habe, wenn ich wieder spiele. Von daher war das nichts Besonderes. Ich kam damit gut klar.

90Plus: Haben Sie sich auf diesen „Medienrummel“ in irgendeiner Art vorbereitet, oder haben Sie das alles einfach auf sich zukommen lassen?

Engelbrecht: Nein überhaupt nicht, ich habe das alles auf mich zukommen lassen, die Geschichte hab ich schon sehr oft erzählt, daher brauchte ich mich darauf auch nicht vorbereiten.

90Plus: Wie haben Sie die Zeit nach Ihrem Zusammenbruch im Sommer 2013 erlebt?

Engelbrecht: Bis zu meinem Comeback war es die schlimmste Zeit meines Lebens. Durch die Momente in denen ich fast gestorben wäre, habe ich auch die anderen Sachen im Leben gesehen. Man weiß alles mehr wertzuschätzen und dass es nichts wichtigeres gibt als die Gesundheit und dass wenn man an seine Träume glaubt, einfach nicht aufgeben darf und dafür wird man im Endeffekt belohnt.

90Plus: Wer waren in dieser Zeit Ihre wichtigsten Bezugspersonen?

Engelbrecht: Am Anfang meiner Erkrankung war meine Ex-Freundin viel für mich da. Ich war sehr oft und sehr lange bei ihr und habe viel mit ihr gesprochen und auch meine Familie und meine Freunde waren für mich da. Auch der Verein hat mir immer Rückendeckung gegeben und hat mich nicht hängen lassen.

90Plus: Wie hat der Verein auf Ihren Entschluss reagiert? Haben sie ihn befürwortet oder waren sie kritisch?

Engelbrecht: Im Verein war keiner kritisch, im Gegenteil: es stand nie zur Debatte, dass mein Vertrag aufgelöst wird. Der Verein stand immer hinter mir und meinte ich soll erst mal wieder gesund werden und dann schauen wir ob es geht oder nicht. Wenn es nicht geht ist das in Ordnung und wenn es geht sind wir alle glücklich, aber mach dir keinen Druck, wir geben dir so viel Zeit wie du brauchst.

90Plus: Gab es im Verein besondere Bezugspersonen während Ihrer Krankheit?

Engelbrecht: Sportdirektor, Trainer und Präsidium standen in dieser Zeit alle hinter mir und es gab auch keine Zweifel bezüglich einer Vertragsauflösung was mir sehr wichtig war, dass ich da die Unterstützung hatte. Besonders mit dem Trainer habe ich öfter gesprochen, er hat sich auch immer erkundigt wie es mir geht. Insgesamt war der gesamte Verein über die Zeit ein guter Ansprechpartner.

90Plus: Wie schnell stand für Sie der Entschluss fest, alles dafür zu tun wieder Fußball spielen zu können? Haben Sie sich die Entscheidung sehr schwer gemacht?

Engelbrecht: Das stand für mich sofort nach der Diagnose fest, egal wie es zwischenzeitlich aussah und was die Ärzte gesagt haben, für mich stand fest, dass ich wieder zurück will und das um jeden Preis. Klar gab es auch Tage an denen ich daran gezweifelt habe, ob ich mit meinen Problemen jemals wieder spielen kann, aber am Ende des Tages bevor ich eingeschlafen bin stand für mich fest: ich werde alles dafür tun, um wieder auf den Platz zurückzukommen.

90Plus: Man hat Sie oft im Umfeld der Mannschaft gesehen. Hat Sie die Zeit mit dem Team, während Ihrer Erkrankung motiviert, weil Sie so ein Ziel vor Augen hatten?

Engelbrecht: Nein, für mich ist das selbstverständlich, wenn es mir gesundheitlich gut ging und mit dem Herzen alles in Ordnung war, dass ich dann auch die Spiele meiner Mannschaft verfolge. Auch als ich nicht spielen konnte war ich trotzdem noch ein Teil der Mannschaft und habe versucht die Mannschaft mit den Mitteln die ich im Moment habe zu unterstützen, deshalb habe ich immer versucht bei der Mannschaft dabei zu sein.

90Plus: War es sehr schwierig von außen zuschauen zu müssen?

Engelbrecht: Ja, es war sehr schwierig. Es tut zum einen weh wenn man zuschaut und nicht aktiv helfen kann, weil es einfach nicht geht wegen der Krankheit. Andererseits ist es schon ein kleiner Trost wenn wir dann die Spiele gewinnen, was in der letzten Rückrunde der Fall war und auch diese Hinrunde spielen wir bisher eine gute Saison. Dadurch wird es ein bisschen leichter, aber zuschauen von außen tut natürlich weh.

90Plus: Wie gehen Ihre Mitspieler mit Ihnen um? Wird da beispielsweise im Training Rücksicht genommen?

Engelbrecht: Rücksicht nicht wirklich, klar werde ich oft gefragt wie es mir geht und ob alles in Ordnung ist aber „verschont“ werde ich deshalb nicht, was ich auch gar nicht will, sonst würde ich mich nicht ernst genommen fühlen.

90Plus: Denken Sie an Ihren Defibrillator, wenn Sie Sport treiben?

Engelbrecht: Ich denke immer an meinen Defibrillator. Zum einen denke ich daran, dass er mir das Leben gerettet hat aber mit ihm verbinde ich auch das schlimmste Gefühl meines Lebens. Daher habe ich ihn immer im Kopf, weil ich auf ihn aufpassen muss, dass ihm nichts passiert.

90Plus: Auf dem Platz sieht man Sie oft dabei, wie Sie sich an die Linke Brust fassen. Überprüfen Sie da den Defibrillator oder Ihren Schutz?

Engelbrecht: Da checke ich den Schutz, da er ab und zu noch etwas verrutscht. Wir probieren im Moment noch den Schutz soweit zu verbessern, dass er nicht mehr rutscht, damit alles fest sitzt.

90Plus: Sie trainieren seit Anfang November wieder mit der Mannschaft. Für wie lange reicht die Luft?

Engelbrecht: Etwa 20-30 Minuten. Diese Woche bin ich ausgefallen weil ich erkältet war, aber für 20-30 Minuten reicht die Luft schon.

90Plus: Ist der Plan Sie kurzfristig über die zweite Mannschaft wieder an den Profikader zurück zu führen oder plant Horst Steffen jetzt schon für die erste Mannschaft mit Ihnen?

Engelbrecht: Das kann man bei meiner Erkrankung schlecht sagen. Ich trainiere mit der Mannschaft mit und versuche bis zur Winterpause so viel Spielpraxis wie möglich zu sammeln. In der Vorbereitung auf die Rückrunde versuche ich komplett einzusteigen um wieder auf 100% zu kommen. Vor der Rückrunde stehen auch einige Testspiele an, in denen ich auch versuchen werde viel Spielpraxis zu sammeln und dann schauen wir weiter.

90Plus: Sie sind Anfang 2013 vom VfL Bochum zu den Kickers gewechselt, wie kam der Wechsel zustande?

Engelbrecht: Mein Berater kannte Guido Buchwald (Präsidiumsmitglied der Stuttgarter Kickers bis Oktober 2013, Anmerkung der Redaktion). Die Kickers waren Anfang 2013 noch auf Stürmersuche und Buchwald hat sich bei meinem Berater nach mir erkundigt. So kam der Kontakt zustande.

90Plus: Sie wurden als Mittelstürmer verpflichtet, spielten bei den Kickers vor Ihrer Verletzung aber auch Rechtsaußen. Auf welcher Position sehen Sie sich in Zukunft?

Engelbrecht: Meine Lieblingsposition ist vorne im Zentrum, aber über Außen spiele ich auch gerne, das ist kein Problem für mich.

90Plus: Wie bewerten Sie die Hinrunde der Stuttgarter Kickers? Sie sind stark gestartet und haben nach der Verletzung von Kapitän Enzo Marchese etwas den Faden verloren. Wie fällt Ihr Fazit zu den ersten 19 Spielen aus?

Engelbrecht: Wir haben meiner Meinung nach eine super Hinrunde gespielt. Auch wenn in den letzten Partien viele Unentschieden dabei waren. Wenn man die Spiele gesehen hat, hat man festgestellt, dass keine Mannschaft dabei war, die uns im Griff hatte. Im Gegenteil, wir haben die Gegner so gut wie immer beherrscht. Dafür hätten wir uns das ein oder andere Mal öfter belohnen müssen. Der Ausfall von Enzo soll da keine Ausrede sein, er ist der Kapitän und ein wichtiger Teil der Mannschaft, aber er ist auch nicht der Einzige der fehlt. Fabian Baumgärtel fehlt auch 3 Spiele gesperrt (rote Karte gegen Münster am 17. Spieltag, Anmerkung der Redaktion), Elia (Soriano) hat am Wochenende verletzt gefehlt und so kommt einiges zusammen aber ich denke nicht, dass das Ausreden sind. Wir haben einen guten Kader und wenn zur Rückrunde wieder alle an Bord sind, werden die Spiele auch wieder anders verlaufen.

90Plus: Was sind ihre Ziele mit dem Verein und persönlich? Ist der Aufstieg ein Thema?

Engelbrecht: Das Ziel mit dem Verein ist eine gute Runde zu spielen und oben ein bisschen mitzumischen, sodass wir uns nach unten keine Sorgen machen müssen. Der Aufstieg ist dabei kein Thema, darüber sprechen wir nicht. Persönlich möchte ich wieder an meine 100% kommen, um dort weitermachen zu können, wo ich vor meiner Verletzung aufgehört habe.

90Plus: Zum Abschluss noch eine spezielle Frage. Sie haben sich sehr darüber geärgert, dass Sie keinen Treffer an der Torwand im Sportstudio erzielen konnten. War das persönliche Motivation oder hatten Sie eine Wette mit der Mannschaft laufen?

Engelbrecht: (lacht) Nein da hab ich mich einfach über mich selbst aufgeregt. Dass ich von 6 Schüssen keine treffe war einfach unglaublich. Vor allem weil ich bei der Probe noch drei Mal getroffen habe und in der Sendung dann keinen einzigen. Wer mich kennt, der weiß dass ich mich sowieso immer aufrege wenn ich das Tor nicht treffe und das ist bei der Torwand nicht anders (lacht).

An dieser Stelle vielen Dank an die Stuttgarter Kickers und Daniel Engelbrecht für das angenehme Interview!
Zum Spielerprofil von Daniel Engelbrecht

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