Das Aus von Thomas Tuchel bei PSG: Gescheitert an zu hohen Erwartungen

UEFA CL/EL

An Heiligabend überschlugen sich die Medienberichte. Thomas Tuchel soll bei Paris Saint-Germain entlassen worden sein. Ein halbes Jahr vor dem Vertragsende und einen Tag nach einem souveränen 4:0-Erfolg gegen RC Strasbourg.

  • Thomas Tuchel: Trainer mit dem besten Punkteschnitt
  • Beinahe-Sieg in der Champions League wohl zu wenig
  • Der Trainer ist nicht zwingend der Schuldige

Der Zeitpunkt der Trennung kam überraschend. Dass es nach dem kommenden Sommer nicht weitergehen würde, damit war zu rechnen. Doch eine Entlassung kurz vor den Feiertagen – das war mindestens unglücklich gelöst. Die offizielle Bestätigung des Klubs ließ, nachdem Medien wie die Bild, RMC Sport, die L’Equipe oder der italienische Transferexperte Gianluca di Marzio unisono bestätigten, lange auf sich warten. Klar ist nun: Thomas Tuchel (47) ist derzeit ohne Job. Und das hat Gründe.

Thomas Tuchel: Sechs Titel reichen nicht

Im Sommer 2018 verpflichtete Paris Saint-Germain den deutschen Trainer Thomas Tuchel. Er sollte schaffen, was Laurent Blanc, Carlo Ancelotti oder Unai Emery nicht gelang. Der Henkelpott sollte in die französische Hauptstadt geholt werden. Dem Gewinn der Champions League war alles unterzuordnen. Tuchel, der als akribischer Taktiker gilt, änderte in Paris einiges. Sein erstes Jahr war zumindest in der Liga sehr erfolgreich. PSG schoss 105 Tore und wurde mit insgesamt 91 erzielten Toren Meister in der Ligue 1.

Doch nicht in jedem Wettbewerb lief alles nach Plan. Im Coupe de France wurde das Finale gegen Stade Rennais verloren. PSG führte bereits mit 2:0, unterlag am Ende aber im Elfmeterschießen. Im Coupe de la Ligue musste sich der französische Topklub im Viertelfinale Guingamp mit 1:2 geschlagen geben. Und in der Königsklasse war gegen Manchester United Schluss – schon im Achtelfinale. Schon hier war erstmals eine Kritik an Thomas Tuchel zu vernehmen.

(Photo by PASCAL GUYOT/AFP via Getty Images)

Tuchel forderte neue Spieler, sah den Kader nicht als homogen genug an – und lag damit auch goldrichtig. Eine Mannschaft, getragen von Superstars wie Kylian Mbappe und Neymar, kann jeden Gegner schlagen. Aber auf einigen Positionen herrschte Nachholbedarf. Sportdirektor Antero Henrique, der die ein oder andere Meinungsverschiedenheit mit Tuchel hatte, musste im Sommer 2019 gehen.

Abdou Diallo, Keylor Navas, Mauro Icardi, Ander Herrera, Idrissa Gueye, Pablo Sarabia: Die Mannschaft von PSG wurde im Sommer 2019 ordentlich verstärkt. Mehr Breite im Kader war vorhanden, die passenden Spielertypen gab es nun auf fast jeder Position. Die Folge: PSG räumte ab. Den Supercup gewann man ebenso wie die Meisterschaft und beide Pokalwettbewerbe. In der Champions League gelang der Finaleinzug und in einem sehr engen und ausgeglichenen Spiel unterlag PSG dem FC Bayern. 

PSG und Tuchel: Keine Liebesbeziehung

Das Maximum in der Saison 2019/20 wurde also fast erreicht. Eine perfekte Flanke und ein platzierter Kopfball verhinderten am Ende, dass der Traum von Präsident Nasser Al-Khelaifi in Erfüllung ging. Nach zahlreichen Jahren, in denen in der Champions League Enttäuschung auf Enttäuschung folgte und das Team teilweise unter absurden Umständen ausschied, konnte man der Tuchel-Elf kaum einen Vorwurf machen. Die Balance auf dem Feld war so gut wie noch nie bei PSG, die Entwicklung der Einzelspieler wurde vorangetrieben und alle sehnten die dritte Saison herbei, um den nächsten und letzten Schritt zu gehen.

Doch intern knisterte es weiter. Thomas Tuchel prophezeite der Mannschaft Probleme aufgrund des engen Spielkalenders. Der Kader müsste ausgedehnt werden, die Forderungen nach neuen Spielern wurden erneut laut. Der mittlerweile neue Sportdirektor Leonardo gestand dem Trainer aber auch nicht die Erfüllung jedes Wunsches zu. Unter anderem verlor PSG Spieler wie Edinson Cavani, Thiago Silva oder Thomas Meunier. Mit Moise Kean, Rafinha, Alessandro Florenzi, Danilo Pereira und der festen Verpflichtung von Mauro Icardi gelang dem Branchenprimus aus Frankreich allerdings kein formidabler Transfersommer. 

(Photo by GABRIEL BOUYS/AFP via Getty Images)

Es kam, was kommen musste. Die Vorbereitung war quasi nonexistent, die ersten beiden Spiele in der Liga gegen Lens und Olympique Marseille verlor PSG. Auch zwei der ersten drei Gruppenspiele in der Champions League endeten mit einer Niederlage. Tuchel hatte genau davor gewarnt, doch das half ihm wenig. Nun ist der 47-Jährige auch alles andere als ein einfacher Charakter und sicher nicht komplett unschuldig an internen Missstimmungen, dennoch hatte er mehrfach darauf hingewiesen, dass eine komplizierte Saison folgen könnte.

Das PSG-Problem: Überzogene Erwartungen

Nicht alles lief während der Amtszeit von Thomas Tuchel bei PSG perfekt. Dennoch hat der Trainer, betrachtet man den Kader und die Tatsache, dass dieser noch immer auf mehreren Positionen lediglich mit gutem Durchschnitt besetzt ist, nahezu das Optimum heraus geholt. Dass es in dieser Saison schwierig wird, hatte man vorher bereits geahnt. Und der Blick auf andere Ligen zeigt, dass kein Topteam ohne Weiteres durchmarschieren kann.

Die Erwartungshaltung der Vereinsbosse ist zu hoch. Der Sieg in der Champions League ist nicht sicher planbar. Die Voraussetzungen dafür sind bei PSG nicht einmal ideal, es gibt den ein oder anderen Kader im europäischen Fußball, der besser strukturiert ist. Und glaubt man französischen Medien, dann befinden sich im Kader von PSG auch Spieler, die nicht an jedem Tag und in jeder Minute 100 Prozent geben. Von divenhaften Zügen und Undiszipliniertheiten ist die Rede. Das überträgt sich mitunter auch auf den Platz, wo beispielsweise nach einer 2:0-Führung gegen die AS Monaco viel zu lässig gespielt wurde. Das Endresultat: 2:3.

Mauricio Pochettino soll die Lösung sein

Schon vor der Pressemitteilung zur Bestätigung der Tuchel-Entlassung kamen zahlreiche Nachfolgegerüchte auf. Der heißeste Kandidat: Mauricio Pochettino (48). Der Argentinier, zuletzt bei den Tottenham Hotspurs angestellt, wartet seit seiner Entlassung auf das ideale Projekt. Dieser Nachfolgekandidat dürfte auch etwas mit der Entscheidung der Tuchel-Entlassung zu tun haben. Denn möglicherweise hat PSG die Befürchtung, dass Klubs wie Manchester United oder der FC Barcelona ebenfalls Interesse an Pochettino bekunden und ihn für den Sommer 2021 verpflichten wollen.

(Photo by Justin Setterfield/Getty Images)

Pochettino ist ebenfalls ein Taktiker, wie Thomas Tuchel. Doch er wird auch menschlich immer wieder gelobt. Seine Ex-Spieler bei den Spurs schwärmten vom Argentinier. Möglicherweise ist die Mischung aus angenehmem Charakter und einer großen Fachkompetenz genau das, was PSG benötigt. Allerdings wird auch er zur Umsetzung seines Spielplans die entsprechenden Spieler brauchen. Auch er wird sich also mit Sportdirektor Leonardo beraten müssen.

Thomas Tuchel: Nächste Station Premier League?

Für Thomas Tuchel gilt indes, dass er einiges aus der Zeit bei Paris Saint-Germain mitnehmen wird. Es war eine erfolgreiche Zeit – und eine lehrreiche. Gescheitert ist er höchstens an den zu hohen Erwartungen, die angesichts der Rahmenbedingungen nahezu überhaupt nicht zu erfüllen waren. Der nächste Schritt in der Karriere will nun wohlüberlegt sein. Derzeit ist nicht absehbar, ob sich Tuchel den Luxus einer kurzen Pause gönnt oder auf einen schnellen Wiedereinstieg in das Geschäft pocht.

Das nächste Ziel jedenfalls scheint klar zu sein. Medienberichten zufolge präferiert Tuchel einen Job in der Premier League. Kurzfristig könnte sich die Chance ergeben, bei Arsenal zu arbeiten. Der Klub aus Nordlondon steckt in der Krise, Mikel Arteta (38) wirkt teilweise ratlos und im Verein braucht es einen klaren Cut mit vielen Veränderungen. Die Aufgabe wäre groß, aber auch reizvoll. Doch auch bei Manchester United könnte sich etwas auf der Trainerposition tun. Ole Gunnar Solskjaer (47) schied in der Gruppenphase der Champions League aus, schaffte es aber immer wieder, sich mit guten Serien über Wasser zu halten. Es bleibt spannend. Sicher ist nur, dass es eine Nachfrage für Thomas Tuchel geben wird.

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Manuel Behlert

Vom Spitzenfußball bis zum 17-jährigen Nachwuchstalent aus Dänemark: Manu interessiert sich für alle Facetten im Weltfußball. Seit 2017 im 90PLUS-Team. Lässt sich vor allem von sehenswertem Offensivfußball begeistern.

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