Der Heilsbringer Heynckes

Nachspielzeit

Es ist der erste Oktober, kurz nach halb sechs. Soeben hat der FC Bayern München im Auswärtsspiel bei der Hertha aus Berlin noch eine 2:0-Führung aus der Hand gegeben, Endstand 2:2 und damit bereits fünf Punkte Rückstand auf Titelkonkurrent Borussia Dortmund. Doch diese Partie erlebt Carlo Ancelotti nur noch als Zuschauer, Sagnol ist für dieses eine Spiel Chef an der Außenlinie, kurz danach übernimmt zur Überraschung vieler Jupp Heynckes das Amt. Knapp einen Monat später sind die Bayern wieder auf Erfolgskurs. Die Bilanz des alten und neuen Trainers Jupp Heynckes ist dabei mehr als beeindruckend: Sieben Spiele, sieben Siege. Nun steht die Länderspielpause an. Zeit also für ein erstes Résumé der Arbeit von Heynckes.

Vor der letzten Länderspielpause lagen die Münchner fünf Punkte hinter den Dortmundern, zudem hatte man gerade von PSG die Grenzen aufgezeigt bekommen. Knapp vier Wochen später steht der FCB ganz oben in der Tabelle der Bundesliga und hat sechs Punkte Vorsprung auf die Schwarzgelben. Hätte man dies den Bayern-Bossen an jenem ersten Oktober gesagt, sie hätten es sofort unterschrieben, wirklich dran geglaubt hätten sie vermutlich aber nicht. Also alles wieder gut an der Säbener Straße? Nicht alles, aber vieles, der Rekordmeister befindet sich zumindest wieder in der Spur, eine derart schnelle Besserung war sicherlich nicht zu erwarten und ist Jupp Heynckes hoch anzurechnen. Trotzdem gibt es für den ganzen Verein noch viel zu tun,  es ist noch nicht alles Gold was glänzt.

(Photo by Jan Hetfleisch/Bongarts/Getty Images)

 

Mia san wieder mia

Ein großes Manko unter Carlo Ancelotti war sicherlich die fehlende Geschlossenheit. Insbesondere in den letzten Wochen seiner Amtszeit trat die Mannschaft nicht mehr als Einheit auf, es gingen Gerüchte von Grüppchenbildungen im Team um, einige Spieler steckten fest im Formtief und die fehlende Fitness war so manchem Profi anzusehen. Dies war somit die erste Baustelle für Heynckes, die es zu reparieren galt. Innerhalb kürzester Zeit, so scheint es zumindest, schaffte es der 72-jährige, die Risse in der Mannschaft zu kitten und wieder eine Einheit zu bilden. Das Training, dies gaben gestandene Spieler wie Boateng oder Robben zu Protokoll, wurde wieder deutlich intensiver, es musste an der Fitness gearbeitet werden.

Eine weitere wichtige Baustelle war die defensive Stabilität, die unter Ancelotti quasi nicht vorhanden war. Es fehlte jegliche Abstimmung zwischen Offensive und Defensive, die Abstände waren teils eklatant. Heynckes legte also von Beginn an großen Wert auf ein Spiel aus einer stabilen Defensive heraus, bei der alle Spieler nach hinten mitarbeiten. So gewann das Münchner Spiel schnell an Stabilität, was sich auch auf die Leistungen der einzelnen Spieler auswirkte. Thomas Müller, der gefühlt seit der EM 2016 in einem Formtief steckt, zeigte sich bis zu seiner Verletzung wieder deutlich verbessert und spielte zudem wieder auf seiner Lieblingsposition hinter Lewandowski. Auch Robben und Coman, der bereits in der Vorbereitung zu überzeugen wusste, spielten wieder deutlich effektiver. Selbst James, dem nach Ancelottis Entlassung nachgesagt wurde, dass er darüber sehr traurig sei und bereits wieder an einen Abschied aus München denke, hinterließ in seinen letzten beiden Einsätzen gegen RB Leipzig und in Dortmund einen bleibenden Eindruck.

(Photo by Alex Grimm/Bongarts/Getty Images)

 

Stabilisator Martinez

Möchte man ein Gesicht für die wiedergewonnene defensive Stabilität des FCB haben, so muss es das von Javi Martinez sein. Der Spanier wurde von Heynckes sofort wieder ins defensive zentrale Mittelfeld versetzt, dort, wo er auch in der Triple-Saison 2013 unter Heynckes gespielt hatte. Die Versetzung erwieß sich sofort als richtig. Martinez überzeugte vor der Abwehr als Abräumer, hielt Thiago den Rücken frei und übernahm auch selbst den Spielaufbau. Sicherlich wäre es zu viel, zu behaupten, die defensive Stabilität der Bayern sei sein Verdienst, doch es ist unbestreitbar, dass er eine der Schlüsselfiguren in Heynckes System bildet. Neben seiner Zweikampfstärke kommt den Münchnern nun auch vermehrt dessen Torgefahr durch sein gutes Kopfballspiel zu Gute. Durch die Position im Mittelfeld kann sich Martinez jetzt häufiger auch in der Offensive einbringen. Als Innenverteidiger tauchte der spanische Nationalspieler meist nur bei Standards im gegnerischen Strafraum auf.

(Photo by Ian MacNicol/Getty Images)

Während Martinez nun wieder auf seiner Lieblingsposition brilliert, müssen sich zur Zeit vor allem Vidal und Tolisso unter Heynckes hinten anstellen. Beide fungieren momentan eher als Einwechselspieler, wobei man dazu sagen muss, dass Vidal nicht ganz fit war und erst in den nächsten Wochen wieder voll belastbar sein wird. Doch auch Tolisso, der unter Ancelotti fast jedes Spiel von Beginn an auf dem Feld stand, ist nicht Heynckes‘ erste Wahl im zentralen Mittelfeld. Einzige Ausnahme: Beim 1:0-Auswärtssieg beim HSV standen sowohl Vidal als auch Tolisso in der Startelf, wussten aber nicht sonderlich zu überzeugen.

Allerdings sollte dies nicht allzu voreilig beurteilt werden. Um die Stabilität der Mannschaft wieder herzustellen, musste Heynckes zunächst ein eingespieltes Team auf den Rasen schicken. Dass Tolisso als Neuzugang da nicht direkt dazu gehört, ist nur logisch. Auch ein nicht hundertprozentig fitter Arturo Vidal, dessen Spiel nun mal von seiner Fitness lebt, war und ist somit keine wirkliche Hilfe. Beide werden in den kommenden Wochen und Monaten auf ihre Einsätze kommen, beide werden wichtig für den Erfolg des FC Bayern in dieser Saison sein. Das weiß auch Heynckes.

 

Das Schlüsselspiel in Leipzig

Das erste sogenannte Schlüsselspiel unter Heynckes dürfte der Pokal-Krimi in Leipzig gewesen sein. Denn neben den unbestritten positiven Veränderungen des Trainers kehrte auch ein gewisses Spielglück wieder nach München zurück. Beim 6:5-Erfolg nach Elfmeterschießen gegen RB Leipzig hätte man sicherlich auch ausscheiden können. Besonders in der ersten Hälfte war Leipzig die bessere Mannschaft und ließ Bayern nicht ins Spiel kommen. Doch am Ende setzte man sich verdient durch und hätte das Spiel nach dem Platzverweis von Naby Keita kurz nach der Pause schon vorher entscheiden müssen. Ob man dieses Spiel wenige Wochen zuvor auch gewonnen hätte, darf zumindest bezweifelt werden. Der Rest der Geschichte ist bekannt: Es folgten überzeugende Auftritte erneut gegen Leipzig und beim BVB. Ein Pokalaus bei RB hätte sicherlich die Bayern-Maschinerie zunächst wieder ins Stocken gebracht und die Euphorie um Heynckes gedämpft.

 

Die BVB-Krise als Sahne auf dem Kuchen

Auch wenn der FCB unter Heynckes bisher alle Spiele gewonnen hat und aus einem Fünf-Punkte-Rückstand auf den BVB einen Sechs-Punkte-Vorsprung gemacht hat, darf man nicht vergessen, dass dies nur unter großer Mithilfe aus Dortmund gelungen ist. Gerade mal einen Punkt konnte der BVB aus den letzten vier Ligaspielen holen, während die Bayern die volle Punktausbeute verbuchen konnten. Während die Münchner also ihre Krise beendeten, fing sie in Dortmund erst an. Zwar zeigte sich die Borussia am Samstag deutlich verbessert, doch gegen ein wiedererstarktes München war in dieser Form nichts zu holen.

(Photo by Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images)

Die Geschehnisse der letzten Wochen sollten in München also auch nicht überbewertet werden. Der BVB in Normalform hätte die Tabellenführung sicherlich nicht so leicht hergeschenkt und wäre vor allem in der Defensive am vergangenen Samstag beim Topspiel ein anderer Gegner gewesen. Doch das wissen Heynckes und Co. natürlich selbst. Auch der Bayern-Coach betonte immer wieder, dass es trotz der guten Resultate und phasenweiser sehr guter Auftritte noch viel zu tun gebe. Man könne sich noch deutlich weiter steigern. Angesichts der letzten Wochen dürfte das die Konkurrenz nicht so gerne hören.

 

Der erste Schritt ist getan

Natürlich ist auch klar, dass man mit den letzten sieben Siegen einiges wieder in die Spur gebracht hat, gewonnen hat man beim deutschen Rekordmeister dadurch aber nichts. In der Liga liegt man vier Punkte vor dem Tabellenzweiten RB Leipzig, dahinter folgt Dortmund. Auch die Qualifikation für das Achtelfinale der Champions League ist den Münchnern nicht mehr zu nehmen, man wird die Gruppe wohl aber als Zweiter hinter PSG abschließen. Um die ganz großen Ziele in dieser Saison erreichen zu können, wird man sich allerdings noch steigern müssen. Obwohl die Defensive schon deutlich besser funktioniert, lässt man phasenweise immer noch zu viel zu.

Lücken in der Defensive, wie sie teilweise auch gegen den BVB vorhanden waren, werden von Teams wie Paris und in Normalform auch vom BVB selbst eiskalt bestraft. Es gilt also, weiterhin an der defensiven Stabilität zu arbeiten und Spieler wie Boateng und im neuen Jahr dann auch Ribery und Neuer peu a peu an ihr Toplevel heranzuführen. Wenn dies gelingt und Schlüsselspieler wie Lewandowski, Martinez oder Thiago fit bleiben, ist den Münchnern in dieser Saison noch einiges zuzutrauen.

 

Nico Scheck

Aufgewachsen mit Elber, verzaubert von Ronaldinho. Talent reichte nur für die Kreisliga, also ging es in den Journalismus. Seit 2017: 90PLUS. Manchmal: SEO. Immer: Fußball. Joga Bonito statt Catenaccio.

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