Die ideale Verstärkung? Jorge Mere im Porträt

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Der 1. FC Köln stand in diesem Transferfenster durchaus im Fokus. Die lange andauernde Transfergeschichte rund um Anthony Modeste, der den Verein im Endeffekt in Richtung China verließ, beschäftigte die Medien. Nebenbei zog Jörg Schmadtke in Ruhe Neuzugänge an Land. Jhon Cordoba kam aus Mainz, Jannes Horn aus Wolfsburg, Joao Queiros aus Braga, Tim Handwerker aus Leverkusen und Jorge Mere von La Liga-Absteiger Sporting Gijon.

Der Effzeh hat vor allem bei Jorge Mere eine wohl namhafte Konkurrenz hinter sich gelassen und konnte den spanischen U21-Nationalspieler für 7 Millionen Euro in die Domstadt lotsen. Vereine aus der ersten spanischen Liga waren an Mere interessiert, Köln bekam den Zuschlag. Bei den Kölnern spielt er in der Europa League und hat gute Aussichten auf einen Stammplatz – spätestens mittelfristig.

Ausbildung und erste Erfahrungen

Mere spielte in seiner Jugend für Real Oviedo, ehe er 2010 in die Jugendabteilung von Sporting Gijon wechselte. Der damals 13-jährige empfand diesen Wechsel als den nächsten, logischen Schritt, entwickelte sich persönlich und fußballerisch weiter und gab 2013 sein Debüt in der 2. Mannschaft des Klubs. In der Saison 2014/15 spielte Mere bis zum April 2015 weiterhin für die zweite Mannschaft, wurde dann aber zu den Profis in die 2. Liga befördert, absolvierte 5 Ligaspiele und saß dreimal über 90 Minuten auf der Bank. Das waren seine ersten Schritte im Profifußball und bereits ein Ausblick auf die kommenden Spielzeiten. Nebenbei absolvierte Mere in seiner bisherigen Karriere 41 Spiele für die Juniorennationalmannschaften des spanischen Verbandes.

(Photo by JOSE JORDAN/AFP/Getty Images)

Die Saison 2015/16 war eine enorm wichtige für Jorge Mere. Nach dem Aufstieg des Klubs etablierte er sich endgültig im Profigeschäft. Zu Saisonbeginn wurde er nur sporadisch eingesetzt, bis einschließlich des 13. Spieltages absolvierte er nur 170 Einsatzminuten in der Liga, danach war er aber nicht mehr aus der Mannschaft wegzudenken, verpasste im restlichen Saisonverlauf nur das Spiel in Levante aufgrund einer Gelbsperre und das Spiel beim FC Barcelona. Am Ende hielt Gijon die Klasse. In der abgelaufenen Saison avancierte Mere mehr und mehr zum Stammspieler und unverzichtbaren Teil der Defensive. Mit 2864 Einsatzminuten und lediglich 7 verpassten Spielen, davon 5 aufgrund einer Blessur oder einer Sperre, war er einer der Dauerbrenner des Klubs. Am Ende stieg Gijon allerdings in die zweite Liga ab und Mere wollte seine positive Entwicklung auf einem höheren Niveau fortführen.

Verhältnismäßig klein? Kein Problem

Mit seinen 1,79m Körpergröße und einem eher schmächtigen Erscheinungsbild wirkt Mere auf den ersten Blick nicht gerade wie ein beinharter Innenverteidigier. Das ist er auch nicht und das muss er auch nicht sein. Der Spanier hat andere Qualitäten, die ihn auszeichnen. Zudem ist die Körpergröße ohnehin kein Hindernis, um ein starker Spieler im Defensivzentrum zu sein. Die Beispiele Carles Puyol (1,78) und Fabio Cannavaro (1,76) sind wohl die bekanntesten. Auch diese beiden Spieler waren keinesfalls schwach im Defensivkopfballspiel, Sprungkraft, Timing und Entschlossenheit sind ebenfalls wichtige Elemente, die man beherrschen muss. Damit lassen sich fehlende Zentimeter kaschieren.

(Photo by MACIEJ GILLERT/AFP/Getty Images)

Je mehr Erfahrung Mere besitzt und je länger er diese Komponenten trainieren kann, desto ausgeprägter sind diese Fähigkeiten, desto kompletter wird er in der Innenverteidigung. Trotzdem sind die Luftzweikämpfe zurzeit noch die wohl größte Schwäche von Mere. Bei der U21-Europameisterschaft hinterließ Mere einen guten Eindruck, absolvierte vier der fünf Spiele über die volle Dauer und musste sich lediglich im Finale der deutschen Mannschaft geschlagen geben. Hier zeigte er auch international seine Fähigkeiten. Das kann er in Köln in der kommenden Saison ebenfalls tun, denn es ist davon auszugehen, dass Mere seine Einsatzminuten in der Europa League bekommen wird.

Hohe Konzentration, kaum Schwächen

Insgesamt bringt der 20-jährige Jorge Mere schon sehr viel mit. In der spanischen Liga zeichnete er sich durch einen ordentlichen Aufbau aus, brachte über 82 % seiner Zuspiele an den Mann. Mere besticht durch ein hohes Maß an Konzentration, auch wenn der Gegner aggressives Pressing spielt, lässt er sich nicht aus der Ruhe bringen und klärt den Ball nötigenfalls mit einem langen Schlag. Mere weiß genau, wann er sich das Risiko im Passspiel zutrauen kann und wann er eher die sichere Variante wählen muss. Der Rechtsfuß verfügt außerdem über ein gutes Stellungsspiel und bereinigt gefährliche Situationen mitunter schon, bevor sie entstehen.

Die Zeit im Abstiegskampf bei Sporting Gijon hat ihm durchaus geholfen. Mere stand in seinem jungen Alter bereits dauerhaft im Fokus, es gab wenige Spiele, in denen er nur wenig gefordert wurde. So konnte er vor allem die elementaren Dinge immer wieder im Wettkampf trainieren. Sein Antritt ist ordentlich, seine Entschlossenheit beeindruckend. Er gibt keinen Ball verloren, gewinnt Zweikämpfe und blockt viele Schüsse und Flanken. Ihn auszudribbeln ist nicht einfach, denn er ist für einen Innenverteidiger sehr wendig. Neben dem Kopfballspiel fehlt es ihm noch an Konstanz, aber das ist einerseits dem Alter geschuldet, andererseits dürfte er in einer individuell und mannschaftstaktisch besseren, homogeneren Defensive ohnehin noch aufblühen. Eine Investition in die Zukunft sollte er definitiv sein.

Perspektiven in Köln

Peter Stöger setzt in Köln vor allem auf flexible Formationen. Er kann sowohl mit einer Viererkette als auch mit einem Hybrid aus Dreier – und Fünferkette agieren und seine Spieler entsprechend der Aufgabenverteilung anpassen. Mit Dominique Heintz, Frederik Sörensen und dem erfahrenen Dominic Maroh stehen drei etablierte Spieler neben Mere zur Verfügung, Joao Queiros muss langsam herangeführt werden. Auch Jannes Horn könnte sogar in einer Dreierkette die Position des halblinken Innenverteidigers einnehmen, aber grundsätzlich ist er eher für die linke Seite eingeplant. Die Konkurrenz für Mere ist also vorhanden, aber nicht riesig. Zumal er die Anlagen besitzt sich schnell auf ein Niveau zu hieven, dass ihm einen Startplatz in der Dreierkette erlaubt, gerade wenn der Akklimatisierungsprozess abgelaufen ist.

(Photo by JAVIER SORIANO/AFP/Getty Images)

Perspektivisch wird Mere als Stammspieler eingeplant sein. Seine Einsätze wird er ohnehin zuhauf bekommen, der Effzeh spielt in der Europa League und hat auch den Plan, in eben jenem Wettbewerb zu überwintern, also nicht nur 6, sondern eher 8-10 Spiele international zu absolvieren. Die Zukunftsaussichten in Köln sollten ohnehin rosig sein. Beim Effzeh wird mit Schmadtke und Stöger gute und vor allem kontinuierliche Arbeit geleistet. Man sollte nicht erwarten, dass der 1. FC Köln ein Dauergast im Europapokal wird, die vergangenen Berg- und Talfahrten mit Abstiegskampf und gegebenenfalls einem Ligawechsel sollten zumindest in den kommenden Jahren der Vergangenheit angehören. Die Vorkehrungen sind getroffen, der Kader ist gut und ausgewogen und die Mischung aus erfahrenen Spielern wie Kapitän Lehmann oder einem Höger und jungen Spielern wie eben Jorge Mere scheint zu stimmen.

Manuel Behlert

Vom Spitzenfußball bis zum 17-jährigen Nachwuchstalent aus Dänemark: Manu interessiert sich für alle Facetten im Weltfußball. Seit 2017 im 90PLUS-Team. Lässt sich vor allem von sehenswertem Offensivfußball begeistern.

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