FC Arsenal | Das zentrale Mittelfeld – Nach 13 Jahren endlich wieder das Rückgrat?

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Ein unterbewerteter Grundstein der berühmten Invincibles des FC Arsenal, die 2003/2004 ohne eine einzige Niederlage die Premier League gewannen, war das zentrale Mittelfeld. Patrick Vieira, mit seiner unvergleichbaren rohen Physis und Dynamik, bildete mit Defensivspezialist Gilberto Silva ein perfekt ausbalanciertes Rückgrat in der Schaltzentrale. Das Duo dominierte gemeinsam so ziemlich jedes Mittelfeld und war maßgeblich für den Erfolg der Nordlondoner verantwortlich. Im Sommer 2005 verließ Vieira die Gunners. Mit ihm brach das Rückgrat und das zentrale Mittelfeld wurde zur Dauerbaustelle…bis heute…

 

Dauerbaustelle Mittelfeld

In den letzten 13 Jahren versuchte Arsene Wenger einiges, um im zentralen Mittelfeld des FC Arsenal wieder eine derartige Balance zu schaffen. Er versuchte es mit verschiedenen taktischen Varianten und Kniffen. Er versuchte es mit begnadeten Kreativspielern wie Cesc Fabregas oder Santi Cazorla, mit angriffslustigen, dynamischen Antreibern wie Aaron Ramsey oder Jack Wilshere, mit Strategen wie Mikel Arteta, mit reinen Zerstörern wie Mathieu Flamini und mit Projekten wie Denilson oder Abou Diaby. Alles unter limitierten Budgetvorgaben. Es gab individuelle Enttäuschungen und individuelle Erfolge. Doch das zentrale Mittelfeld als Ganzes würde während der Amtszeit des Elsäßers nie wieder zu diesem zuverlässigen und sattelfesten Rückgrat werden, das den FC Arsenal 2003/2004 sowohl offensiv als auch defensiv so ausnahmslos stützte und prägte.

(Photo ODD ANDERSEN/AFP/Getty Images)

 

Falscher Ansatz

Im Sommer 2016 wagte Wenger mit Neuzugang Granit Xhaka den nächsten Versuch, die Baustelle zu beheben. Der Schweizer kam für stolze 45 Millionen Euro aus Mönchengladbach. Doch auch er war nicht die Lösung des Problems. Xhaka konnte der hohen Ablösesumme in den ersten zwei Jahren nicht wirklich gerecht werden, geschweige denn im Alleingang die Schaltzentrale stabilisieren. Das lag allerdings auch zu einem Großteil daran, dass Wenger etwas aus dem Linksfuß machen wollte, was er nicht ist: Einen Sechser. Xhaka sollte die defensive Verantwortung übernehmen, die Abwehr abschirmen und somit für Balance im Mittelfeld sorgen.

Das war der falsche Ansatz, denn diese Rolle passte nur bedingt zu seinen Stärken. Schlimmer noch, sie entblößte seine größten Schwächen: Konzentration und defensives Stellungsspiel. Immer wieder würde der heute 26-Jährige entweder zu weit vorrücken, seine offensiven Gegenspieler aus den Augen verlieren oder durch mentale Aussetzer negativ auffallen. Sein Selbstbewusstsein litt und damit auch seine große Stärke, nämlich die Sicherheit in seinem zielorientierten Einfluss auf das Aufbauspiel. Sein Spiel wurde so unkonstant, dass viele die Vertragsverlängerung vergangenen Sommer ernsthaft in Frage stellten.

(Photo by Catherine Ivill/Getty Images)

 

Neues Arsenal…

Wäre die Vertragsverlängerung nur wenige Monate später über die Bühne gegangen, wäre sie von den Anhängern fast einstimmig gefeiert worden. Grundverantwortlich dafür ist das neue Arsenal, insbesondere zwei Neuzugänge, die auch symbolisch dafür stehen.

Fangen wir mit dem wichtigsten „Neuzugang“ an, dem Wenger-Nachfolger. Unai Emery hat eine klare taktische Vision und hat schon jetzt die Art, Fußball zu spielen in Nordlondon grundlegend verändert. Der Spanier, und das ist kein Nachtreten an seinen Vorgänger, legt deutlich mehr Wert auf akribische Vorbereitung, Struktur und vor allem auf Taktik. Allesamt Faktoren, die im modernen Fußball spielentscheidend sind und bei Arsenal in den letzten Jahren zu kurz kamen.

Die Transition in diese neue, von Taktik, Direktheit und Pressing geprägte Ära war dennoch holprig und ist noch lange nicht abgeschlossen. Die Spieler taten sich anfangs enorm schwer, mit der Umstellung klar zu kommen. Insbesondere die Defensive stellte im Vergleich zur immer besser funktionierenden Offensive eine Schwachstelle dar. Trotz der zunehmenden Erfolge wirkte das Team nicht ausbalanciert. Was uns zum nächsten Neuzugang führt, Lucas Torreira.

Der defensive Mittelfeldspieler kam für 30 Millionen Euro von Sampdoria und wurde zunächst behutsam herangeführt. Den Einfluss, den das Energiebündel auf das komplette Spiel des FC Arsenal haben können würde, war jedoch schon bei den Kurzeinsätzen zu erkennen. Im September sagten wir;

Ob er durch hervorragende Antizipation und defensives Verantwortungsgefühl den offensiv so wichtigen, aber defensiv nachlässigen Granit Xhaka entlastete, oder als zielorientierter Passgeber im Aufbau, Lucas Torreira verbesserte das Gesamtspiel der Gunners auf Anhieb.

Über einen Monat später kann man mit Recht behaupten, dass Torreira das Gesamtspiel der Gunners tatsächlich nachhaltig verbessert hat und zwar deutlich. Nicht nur das. Auch Granit Xhaka hat sich verbessert und allmählich scheint ein Zahnrad ins andere zu greifen.

(Photo by Marco Rosi/Getty Images)

…neuer Xhaka?

Die Struktur und die Handschrift des neuen Trainers sind immer klarer zu erkennen, das Team wirkt plötzlich ausbalanciert. “Jedes Spiel wissen wir, was wir machen müssen“, lobte Xhaka seinen neuen Trainer nach einer starken Leistung gegen Liverpool. „Er hilft uns, nicht nur mir, aber allen Spielern, mit den kleinen Dingen. Die taktischen Dinge. Das kann man auf dem Platz sehen“.

Dort sehen wir neben dem herausragenden Torreira plötzlich einen wiedererstarkten Xhaka. Einen selbstbewussteren und konzentrierteren Xhaka, der durch die neu gewonnene Sicherheit, die geteilte Defensivlast und eine klare Rolle mental stabiler wirkt und sich zu einem absoluten Schlüsselspieler der Gunners entwickelt. Sowohl im Abwehrverhalten, als auch in seinem bevorzugten Verantwortungsgebiet, dem Spielaufbau.

 

Von Baustelle zurück zum Rückgrat?

Das 1:1 gegen den FC Liverpool war taktisch bisher wohl die beste Leistung der Gunners unter Emery, vielleicht sogar eine der besten seit Jahren. Maßgeblich dafür verantwortlich war vor allem das neue zentrale Mittelfeld. Torreira und Xhaka ergänzten sich hervorragend, dominierten das Zentrum, defensiv, wie offensiv. Perfekt ausbalanciert.

Das Duo brachte es durch klare Raumaufteilung und starkes Antizipationsvermögen gemeinsam auf sage und schreibe 26 Balleroberungen. Das Dreiermittelfeld (!) der Reds, bestehend aus Wijnaldum, Milner und Fabinho, schaffte zum Vergleich lediglich neun! Darüber hinaus gewannen die zwei Mittelfeldspieler der Gunners 73% ihrer Zweikämpfe, die drei der Gäste lediglich 55%.

Welchen Einfluss gerade Xhaka dabei noch auf das Offensivspiel seiner Mannschaft hat, zeigt die folgende Statistik. Er (85) spielte zusammen mit Torreira (57) stolze 142 erfolgreiche Pässe bei einer beachtlichen Quote von 88%. Die beiden diktierten zusammen die Ballbesitzwerte (62%) und leiteten zahlreiche Angriffssituationen ein.

„Es ist sehr wichtig für unsere Balance, dass wir zwei Mittelfeldspieler wie Xhaka und Torreira haben“, sagte Emery nach dem Spiel. „Die Balance im Mittelfeld“, so der Spanier, „ist auch wichtig für die Balance in der Defensive und die Balance in der Offensive.“ Damit ist das Mittelfeldduo für das komplette Spielgeschehen und die gesamte Balance der Mannschaft verantwortlich.

Es ist nach den ersten Eindrücken ein ungemein stabiles Duo. Nicht direkt Gilberto Silva und Patrick Vieira, aber dennoch fein abgestimmt und nach 13 Jahren womöglich endlich wieder ein absolutes Rückgrat für den FC Arsenal.

(Photo IAN KINGTON/AFP/Getty Images)

Chris McCarthy

Gründer und der Mann für die Insel. Bei Chris dreht sich alles um die Premier League. Wengerball im Herzen, Kick and Rush in den Genen.

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