EL-Titel im Blick: Sollte Frankfurt die Liga abschenken? Das Streitgespräch

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Eintracht Frankfurt kann in dieser Saison einen Titel gewinnen. Das kommt nicht allzu oft vor, schon gar nicht auf internationalem Parkett. Das überragende Spiel beim FC Barcelona öffnete die Tür, West Ham ist im Halbfinale die nächste Hürde für die Hessen. Vorher steht aber noch ein Ligaspiel auf dem Programm. Und das bringt eine Frage mit sich. 

Frankfurt: Die Bundesliga als lästiges Nebenwerk?

In Frankfurt darf man aktuell träumen. Träumen von einem der größten Erfolge der letzten Jahre. Das Endspiel in der Europa League winkt, ist nicht allzu weit entfernt. Die Liga will aber auch noch zu Ende gespielt werden. Hoffenheim, Leverkusen, Gladbach und Mainz lauten die Gegner, die allesamt auf ihre Weise unangenehm sein können. Zuletzt merkte man den Hessen an, dass sie einen guten, aber natürlich keinen perfekt ausbalancierten Kader haben, wie es bei den ganz großen Klubs der Fall war. Nach der Spannung und dem Jubel gegen Barcelona folgte gegen einen ekligen Gegner, nämlich Union, ein Spannungsabfall, der auch mit müden Beinen zu tun hatte.

Eintracht Frankfurt steht aktuell in der Bundesliga im Niemandsland. Platz zehn, sieben Punkte Rückstand auf den siebten aus Köln, das ist der aktuelle Stand. Die Hessen haben außerdem zwei „englische Wochen“ vor der Brust, die beiden Spiele gegen West Ham finden im Abstand von nur einer Woche statt. Vor dem Spiel gegen Hoffenheim stellt sich die Frage, ob die Hessen die Liga nicht vielleicht „abschenken“ sollten, um auf den großen Wurf in der Europa League zu hoffen. Das Wort ist dabei bewusst in Anführungszeichen gesetzt, denn Frankfurt soll ja nicht absichtlich drei Gänge rausnehmen, aber die überspielten und die Schlüsselspieler schonen. Wie sollte Trainer Oliver Glasner (46) reagieren?

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Es hilft nichts: Frankfurt muss in der Bundesliga durchrotieren

Dass die erste Bundesligasaison nach den Abgängen von André Silva, Adi Hütter, Bruno Hübner und Fredi Bobic keine einfache werden würde, dessen waren sich die verbliebenen Frankfurter Verantwortlichen wahrscheinlich selbst bewusst.

Genauso sollte es auch kommen. 39 Punkte nach 30 Spielen, ganze 17 Zähler weniger als zum gleichen Zeitpunkt der Vorsaison. Platz 10 statt Platz 4. Über die Bundesliga ist Frankfurts heißgeliebte Europa League nicht mehr zu erreichen, diesen Platz werden wohl Leverkusen und Freiburg unter sich ausmachen – vielleicht sogar im direkten Duell am 34. Spieltag. Bliebe noch die weniger prestigeträchtige Europa Conference League. Allerdings ist selbst Hoffenheim auf Platz 8 vier Spieltage vor Schluss sechs Punkte entfernt.

Wie wäre es dann eigentlich mit…der Champions League? Drei Siege trennen sie im Optimalfall noch von einem Ticket für Europas renommiertesten Klubwettbewerb. Der Weg dorthin ist vergleichsweise machbar. Die letzte Mannschaft, der man seriös nachsagen könnte, sie sei im Duell mit der Eintracht haushoher Favorit haben sie vergangene Woche selbst eliminiert. Im Halbfinale der Europa League wartet mit West Ham der Tabellensiebte der Premier League. Wie man im London Stadium besteht, hat Peter Boszs Lyonnais vorgemacht. Im eigenen Stadion ist den Frankfurtern der Finaleinzug zuzutrauen. Dort würden entweder BVB-Besieger Rangers oder RB Leipzig warten. Gegen Letztere blieb die Eintracht in beiden Bundesligaduellen ungeschlagen (1:1, 0:0). Die wettbewerbsübergreifend letzte Niederlage gegen RB datiert vom 25. August 2019, ein 1:2 in Leipzig. Julian Nagelsmann bestritt damals sein zweites Bundesligaspiel für Leipzig nach seinem Wechsel aus Hoffenheim.

Europa League Barcelona Frankfurt

Photo by Eric Alonso/Getty Images

Man sieht: Frankfurt hat in der Europa League eine vielleicht einmalige Chance. Ob sie in der Bundesliga Neunter, Zehnter oder Zwölfter werden, macht keinen großen Unterschied mehr. Natürlich wäre es löblich, wenn sie den Kampf um Europa auch national noch kämpfen. Allerdings kämpfen sie ihn nach menschlichem Ermessen aussichtlos. Man würde unnötig Verschleißerscheinungen und Verletzungen riskieren. Frankfurts Fokus muss nun auf der Europa League liegen. Mit Spielern wie Danny Da Costa, Makoto Hasebe, Christopher Lenz, Ajdin Hrustić oder Gonçalo Paciência ist auch der zweite Anzug qualitativ mehr als gut genug für die verbliebenen vier Partien. Ob der Sperren von zuerst Tuta und nun Evan Ndicka ist eine Rotation vielleicht sogar hilfreich. Dass nicht zwingend ein Rhythmusverlust drohen muss, hat der noch amtierende Titelträger Villarreal nach seinem Sieg gegen den FC Bayern bewiesen. Unai Emery rotierte im Heimspiel gegen den Athletic Club die gesamte Mannschaft, inklusive Torhüter, durch, kam mit einem 1:1 davon und noch wichtiger: Seine Mannschaft war frisch genug, um sich in München durchzusetzen. Wenn Oliver Glasner im Training nicht allzu viel falsch macht – und danach sieht es nicht aus – dann ist Eintracht Frankfurt von vornherein eingespielt genug für die großen Duelle.

Victor Catalina

Vorsicht: Es droht ein Rhythmusverlust!

Es gibt durchaus Argumente dafür, dass Frankfurt rotieren sollte. Und eine mögliche Beeinflussung in der Liga ist kein Gegenargument, das ich gelten lassen würde. Denn: Rotation in einer Phase, in der Schlüsselspieler zur Überlastung neigen, muss kein großes Problem im Hinblick auf die Ergebnisse sein. Frankfurt hat nun aber keinen Kader, der es locker auffangen kann, in den letzten Wochen der Saison munter zehnmal pro Spiel zu rotieren. Dafür fehlte es an der Breite, was kein Vorwurf ist, denn so weit kann das Team nicht in der Entwicklung sein.

Deswegen gibt es zweierlei Probleme, die eine große Rotation mit sich bringen kann. Da wäre zuerst natürlich der Rhythmusverlust. Die Automatismen, die beim Stammpersonal herrschen, sollten gerade am Saisonende auf ihrem Höhepunkt sein. Verteidiger 1 weiß, wie sich Verteidiger 2 verhält. Kommt zwischendurch einmal Verteidiger 5 hinzu, kann man sich darauf einstellen. Die Frage ist nur, wie es sich verhält, wenn es sehr viele Änderungen in naher Abfolge nacheinander gibt. Eine kluge Rotation zur Belastungssteuerung unter Beibehaltung des Rhythmus ist ein Balanceakt, an dem nicht selten Trainer gescheitert sind.

Es ist also ein schwieriger Spagat, „alles auf die Europa League“ zu setzen. Trainer Glasner wird abwägen müssen, wie viele Wechsel noch sinnvoll sind, ohne den Rhythmus zu sehr zu zerstören und welche Schlüsselspieler für die Grundstabilität des Systems und das Funktionieren des eigenen Spiels unabdingbar sind.

Manuel Behlert 

(Photo by David Ramos/Getty Images)

Manuel Behlert

Vom Spitzenfußball bis zum 17-jährigen Nachwuchstalent aus Dänemark: Manu interessiert sich für alle Facetten im Weltfußball. Seit 2017 im 90PLUS-Team. Lässt sich vor allem von sehenswertem Offensivfußball begeistern.

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