Hannover 96: Die Schuld hat nicht nur Breitenreiter

Spotlight

Trainer Andre Breitenreiter steht bei Hannover 96 derzeit gehörig unter Druck. Nach dem Aufstieg und einer guten letzten Saison befinden sich die Niedersachen mitten im Abstiegskampf, sind Tabellenletzter mit 10 Punkten und bereits 33 Gegentreffern. Häufig wird zuerst der Trainer ausgetauscht, doch auch die Vereinsführung muss sich hinterfragen. 

Ja, man merkt Andre Breitenreiter dieser Tage den Druck an. 10 Punkte sind viel zu wenig, die Mannschaft wirkt instabil und die Effizienz der letzten Saison ist verloren gegangen. Breitenreiter faltete zuletzt Stürmer Füllkrug zusammen, drohte mit dem Streichen von freien Tagen. Die Anspannung ist spürbar. 

Breitenreiter wies früh auf die Probleme hin

Die Probleme deuteten sich bereits im Sommertransferfenster an. Nach einer guten Saison 2017/18 waren die 96-Profis beliebt. Niclas Füllkrug, der lange von Borussia Mönchengladbach umworben wurde, blieb dem Verein erhalten, allerdings verlor man mit Salif Sané eine wichtige Stütze in der Defensive und mit Martin Harnik einen wichtigen Offensivspieler – für insgesamt nur 10 Millionen Euro. Ansonsten wurden einige Spieler abgegeben, die der Kaderbreite dienten.

Als Verstärkungen für die Offensive verpflichtete 96 Bobby Wood, Takuma Asano, den jungen Florent Muslija und Genki Haraguchi. Während Wood (3 Tore) und Muslija (2 Tore) noch ordentliche Leistungen zeigten, haben Haraguchi und Asano zusammen nur zwei Torbeteiligungen in der Bundesliga auf dem Konto, standen aber über 1000 Minuten auf dem Feld. Kurzum: Man hat individuelle Klasse abgegeben, sie aber nicht gleichwertig ersetzt, sondern in die Breite investiert. Und dieser Schuss ging nach hinten los. Kein Wunder, dass Linton Maina und Hendrik Weydandt, die aus der eigenen Jugend respektive der 2. Mannschaft nach oben beordert wurden, die positiveren Erscheinungen sind. 

Photo by Simon Hofmann/Bongarts/Getty Images)


Sicher, Hannover 96 tätigte auch gute Transfers, beispielsweise Walace, den man vom Hamburger SV nach Niedersachsen lotste. Der Brasilianer, in Hamburg noch als „Problemprofi“ verschrien, fügte sich gut ein und ist ein Leistungsträger. Doch Andre Breitenreiter erkannte, dass das nicht reichen wird und forderte schon in der Sommerpause öffentlich weitere Verstärkungen – in fast allen Mannschaftsteilen. Ob Niclas Füllkrug noch eine solche Saison hinlegen kann? Ob der Abgang von Salif Sané ohne einen gleichwertigen Ersatz, mit dem man langfristig planen kann, zu verkraften ist? Das waren nur wenige von vielen Fragezeichen zu Saisonbeginn.

Und Breitenreiter sollte Recht behalten. Der Kader wirkt tatsächlich nicht komplett zuende gedacht. In der Offensive fehlt ein weiterer zuverlässiger Torjäger, Kreativmomente aus dem Mittelfeldzentrum sucht man vergebens. Vielmehr liegt hier der Fokus auf Dynamik und Zweikampfstärke, mit dem Ball weiß man zu selten etwas anzufangen. Ein Verteidiger wurde mit Kevin Wimmer zwar noch verpflichtet, aber Medienberichten zufolge schließt die Leihe von Stoke City eine Kaufpflicht mit ein, die nach 24 Pflichtspieleinsätzen in Kraft tritt. Mit 12 Millionen Euro wäre Wimmer dann der neue Rekordtransfer – und behinderte womöglich weitere Investitionen im Sommer. 

Kind und Heldt halten an Breitenreiter fest – Suche nach der Lösung

Zwei Spieltage vor der Winterpause verfällt man bei Hannover 96 noch nicht in Panik, wohlwissend, dass die Spiele in Freiburg und zuhause gegen Düsseldorf richtungsweisend sein können. Horst Heldt und Martin Kind halten derzeit an Andre Breitenreiter fest. Der Grund dafür könnte auf der Hand liegen: Heldt und Kind haben erkannt, dass Breitenreiter richtig lag und seine Forderung nach weiteren Investitionen entsprechend folgerichtig war. Doch was kann man im Winter tun? Wie groß sind die Differenzen zwischen den Forderungen des Trainers und der Umsetzbarkeit? 

Diese Frage muss in Hannover als erstes geklärt werden. Denn Schnellschüsse auf dem Wintertransfermarkt, nur um den Trainer ein wenig zu beschwichtigen, dürfen nicht das Ziel der 96er sein. Vielmehr muss die Gesamtsituation ruhig, aber korrekt analysiert werden. Alle Parteien können etwas dazu beitragen, dass man in Hannover doch noch den Klassenerhalt feiern und eine Trendwende heraufbeschwören kann. Den Trainer zu entlassen und auf einen Effekt durch eine Neubesetzung zu hoffen ist eine leichte Lösung. Doch ob es in dieser Situation die richtige und vor allem eine nachhaltige Lösung ist, darf angezweifelt werden. 




(Photo by Thomas Starke/Bongarts/Getty Images)


Manuel Behlert

Vom Spitzenfußball bis zum 17-jährigen Nachwuchstalent aus Dänemark: Manu interessiert sich für alle Facetten im Weltfußball. Seit 2017 im 90PLUS-Team. Lässt sich vor allem von sehenswertem Offensivfußball begeistern.

Hinterlassen Sie eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Ähnliche Artikel

Aufsteiger Fürth und Bochum: Gut genug für die Bundesliga? Das Streitgespräch!

Aufsteiger Fürth und Bochum: Gut genug für die Bundesliga? Das Streitgespräch!

24. September 2021

Mit Greuther Fürth und dem VfL Bochum sind zwei Teams in die Bundesliga aufgestiegen, die aktuell noch große Probleme haben. Zwangsläufig stellt sich da bereits die Frage nach der Qualität. Beide mussten bisher viel Lehrgeld zahlen. Sind die Aufsteiger gut genug für die Bundesliga? Fürth und Bochum mit Problemen Der VfL Bochum unterlag am letzten […]

Rose & Gladbach: Ein Projekt mit abruptem Ende

Rose & Gladbach: Ein Projekt mit abruptem Ende

24. September 2021

Spotlight | Marco Rose kehrt an diesem Wochenende zu seiner alten Wirkungsstätte in Gladbach zurück. Sein Abgang wird bis heute kritisch gesehen, bietet aber vor allem ein Lehrbeispiel über den modernen Fußball. Rose, Gladbach und Projekte Marco Rose (44) war schon nach seiner Zeit bei RB Salzburg ein gefragter Mann auf dem Trainermark. So soll […]

Hertha | Jurgen Ekkelenkamp – Das fehlende Puzzleteil

Hertha | Jurgen Ekkelenkamp – Das fehlende Puzzleteil

21. September 2021

Spotlight | Jurgen Ekkelenkamp stieß im Transfersommer erst denkbar spät zu Hertha BSC, konnte bei seinem ersten Einsatz aber gleich überzeugen. Mit seinem Treffer zum zwischenzeitlichen 1:1 gegen Greuther Fürth legte der 21-jährige Niederländer ein Traumdebüt hin. Aber auch über sein Tor hinaus zeigte Ekkelenkamp, was ihn zukünftig so wichtig machen könnte. Ekkelenkamp mit Traumdebüt […]


'' + self.location.search