Kontinuität, Defensive, Balance im Kader: Die Mängelliste des BVB

Enttäuschung beim BVB
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Am vergangenen Sonntag musste sich Borussia Dortmund im heimischen Westfalenstadion mit 2:5 gegen den Ligakonkurrenten Bayer 04 Leverkusen geschlagen geben. Wie kam dieses Ergebnis zustande und wo liegen die Probleme des BVB? Wir haben eine Mängelliste erstellt.

Fehlende Kontinuität – seit Jahren

Bereits ein oberflächlicher Blick auf die Ergebnisse der Dortmunder im Jahr 2022 wirft erste Fragen auf. In der Bundesliga startete der amtierende DFB-Pokalsieger mit drei Siegen in die zweite Saisonhälfte. Zwei 3:2-Siege gegen Eintracht Frankfurt und die TSG Hoffenheim, sowie eine 4:0 Galavorstellung gegen den SC Freiburg stimmten die Anhänger optimistisch. Der Schein der guten Ergebnisse trügte.

Im DFB-Pokal hingegen schied der BVB gegen den FC St. Pauli auf enttäuschende Art und Weise mit 2:1 aus und die jüngste Niederlage gegen Bayer 04 Leverkusen bestätigte, dass das DFB-Pokalaus weit mehr als nur ein Ausrutscher war. Im Januar ist weder ein klarer Aufwärts- noch ein Abwärtstrend erkennbar.

Dass der BVB über eine Spielzeit konstant auf einem Leistungsniveau spielt, war bereits in den vergangenen Spielzeiten nicht der Fall. Das liegt auch daran, dass viel Fluktuation im Verein herrscht. In den vergangenen fünf Jahren beschäftigte Borussia Dortmund fünf Trainer, die jeweils verschiedene Spielphilosophien bevorzugten. Namhafte Abgänge wie zuletzt der Sancho-Wechsel zu Manchester United fordern innovative Lösungen, da ein 1:1-Reinvestment aus Dortmunder Perspektive nicht möglich ist.

Im vergangenen Sommer wurde mit Donyell Malen nur ein Offensivspieler verpflichtet, der ein schweres Erbe antreten musste und in seinen ersten Monaten beim BVB nur bedingt überzeugte, wenngleich Ansätze vorhanden waren.

Anhaltende Defensivschwächen

Am vergangenen Sonntag offenbarten die Dortmunder Konzentrationsschwächen, die sich in Ballverlusten im eigenen Drittel äußerten. Dan-Axel Zagadou, der zuvor verletzungsbedingt mehrere Monate fehlte, ließ sich am eigenen Sechzehnmeterraum in der elften Spielminute den Ball abnehmen und leitete so den Leverkusener Führungstreffer ein. Im weiteren Verlauf des Spiels fielen seine Teamkollegen Jude Bellingham und Manuel Akanji ebenfalls mit Ballverlusten in der eigenen Hälfte auf.

Wenige Minuten nach dem ersten Treffer der Leverkusener wurde die Naivität der Dortmunder ein zweites Mal bestraft. Während sich zahlreiche BVB-Profis nach einem Ballverlust noch im Offensivdrittel befanden, nutzte die Mannschaft von Gerardo Seoane die mangelhafte Konterabsicherung und erzeugte durch gutes Umschaltspiel eine 4-gegen-3-Überzahlsituation, die zum 2:1 führte.

Pressingwellen zeigen zu selten ihre Wirkung

Beschäftigt man sich mit der Spielphilosophie von Marco Rose, fällt ein Begriff immer wieder: Pressing. Ballgewinne nach aggresivem Anlaufen zählten bei den vorherigen Stationen des BVB-Trainers zu den Paradedisziplinen der Teams. Besonders bei RB Salzburg griffen die Mechanismen des überfallartigen Pressings im Offensivdrittel ineinander, was die BVB-Verantwortlichen beim 1:2-Auswärtssieg der Salzburger im März 2018 nachdrücklich beeindruckte.

Am vergangenen Sonntag waren die Dortmunder Pressingwellen wirkungslos. Die im 4-2-3-1 agierenden Leverkusener überspielten die Dortmunder Offensivspieler mit Leichtigkeit und ließen im Gegensatz zum BVB kaum Ballverluste im eigenen Drittel zu. Ein Gegenbeispiel stellt der Auftritt gegen den SC Freiburg dar, als Roses Team mit zahlreichen (Gegen-)Pressingszenen überzeugte.

BVB: Wenig Spielfreude, keine Durchschlagskraft

Obwohl die Dortmunder Offensive mit Akteuren wie Erling Haaland, Marco Reus, Donyell Malen und Thorgan Hazard namhaft besetzt ist, fehlte es zuletzt an Durchschlagskraft. Haaland entwickelte sich beim BVB zur Allzweckwaffe im Sturmzentrum, doch ist kein Allheilmittel für die Offensive. So schieden die Dortmunder mit dem 21-Jährigen in der Starfelf gegen gut organisierte St. Paulianer im DFB-Pokal aus. Schon die Viererkette des SC Freiburg zeigte in der Hinrunde, dass es durchaus möglich ist, den bulligen Stürmer mit einer strukturierten Defensivorganisation aus dem Spiel zu nehmen. Mit 16 Toren in 14 Bundesliga-Partien zählt Haaland dennoch zweifelsohne zu den Schlüsselspielern des BVB und spielt keineswegs eine schwache Saison.

Fehlt der Norweger jedoch, läuft es in der Offensive nur selten rund. Im Dortmunder 4-3-3 agiert Malen im Regelfall als Haaland-Ersatz und überzeugt dort nur phasenweise. So glänzte der Niederländer gegen die TSG Hoffenheim mit drei Torvorlagen, war am vergangenen Sonntag im direkten Duell mit Jonathan Tah hingegen maßlos unterlegen. Mit Steffen Tigges und Youssoufa Moukoko bieten sich Rose zwei Alternativen, die zuletzt nicht über den Joker-Status hinauskamen.

Kaum Breite in der Offensive

Der BVB spielte zuletzt häufig im 4-3-3 mit zwei nominellen Flügelspielern, doch als Breitengeber fungieren die offensiven Außenspieler nicht. Häufig rücken die Flügelspieler ins Zentrum und die die Außenverteidiger schalten sich ins Offensivspiel ein. Spielerische Glanzmomente waren bei Thomas Meunier und Raphael Guerreiro nur unkonstant an der Tagesordnung. Auf den Offensivpositionen vor den Außenverteidigern kam es häufig zur Rotation, doch ob Malen, Reus oder Hazard, der einzig gelernte Flügelspieler, auf der Außenbahn spielten, machte bisher kaum einen signifikanten Unterschied.

Dass die offensiven Flügelspieler den Weg ins Zentrum suchen, ist nicht ungewollt. Je mehr Spieler des BVB sich in den zentralen Regionen des Spielfelds bewegen, desto einfacher lassen sich dort Überzahlsituationen erschaffen. So können nach Ballverlusten Gegenpressingaktionen gelingen, wenn der Zugriff im Zweikampf gelingt. Beim 4:0-Sieg gegen den SC Freiburg, dem überzeugendsten BVB-Auftritt im Jahr 2022, konnte die Pressingmaschinerie des BVB mehrfach bewundert werden. Das exakte Gegenteil, harmlose Pressingversuche ohne Zugriff, konnten Zuschauer am vergangenen Sonntag bei der 5:2-Heimniederlage gegen Bayer 04 Leverkusen beobachten.

Unordnung im Kader- und Gehaltsgefüge

Im Gehaltsgefüge des BVB-Kaders gibt es strukturelle Probleme, die in den Transferperioden der vergangenen Spielzeiten ihre Ursprünge finden. Mit Roman Bürki, Nico Schulz und Marius Wolf stehen mehrere Spieler unter Vertrag, für die in den letzten Transferperioden kein Abnehmer gefunden wurde. Das liegt unter anderem daran, dass man den Spielern, obwohl sie keine tragenden Säulen beim BVB sind, äußerst lukrative Verträge angeboten hat.

Exemplarisch dafür sind Aussagen von Roger Wittmann, der für die Berateragentur Rogon mitgründete und unter anderem mit Marius Wolf zusammenarbeitet. Im Buch „Der große Traum“ von Ronad Reng wird Wittmann mit den Worten: Den Vertrag in Dortmund darfst du nie aufgeben, damit finanzierst du dein ganzes Leben. zitiert, die er zum BVB-Profi gesagt haben soll.

Die Unordnung im Gehaltsgefüge erschwert Vertragsverlängerungen und Neuverplichtungen. Kaderplätze werden blockiert und selbstredend stellt es Stammspieler nicht zufrieden, wenn Rotationsspieler eine Gehaltsklasse über ihnen stehen.

Auf Identitätssuche: Was sind die Ambitionen des BVB?

Zwar geben sich die BVB-Verantwortlichen in Interviews stets ehrgeizig, doch auf die Definition eines Saisonziels wurde zuletzt verzichtet. Gewiss ist, dass sowohl Verantwortliche, als auch Spieler nach Erfolg in Form von Titeln streben. So ist es selbstredend, dass das Mininmalziel, die Champions-League-Qualifikation, den Dortmunder nicht genug ist, solange sich der FC Bayern in Schlagdistanz befindet.

Nach 21 Spieltagen steht der BVB mit 43 Punkten auf dem zweiten Tabellenplatz. Der deutsche Rekordmeister ist den Dortmundern mit einem Vorsprung von neun Punkten enteilt und von einem Meisterschaftsrennen kann nun keine Rede mehr sein. Mit fünf Punkten Abstand auf Bayer 04 Leverkusen exisitert (noch) ein annehmbarer Puffer auf den dritten Platz und die Champions-League-Qualifikation scheint, trotz der durchwachsenen Leistungen, höchstwahrscheinlich.

BVB-Kapitän Marco Reus schlägt sich enttäuscht die Hand vors Gesicht

Photo by INA FASSBENDER/AFP via Getty Images

Nach dem Pokalaus am Millerntor bleibt dem BVB nun eine letzte Titelchance in der Europa League. Bis zum Hinspiel des Sechzehntelfinals gegen die Rangers in der ersten Play-Off-K.O.-Runde sind es nur noch wenige Tage und um im starken Teilnehmerfeld konkurrenzfähig zu bleiben, ist eine Leistungssteigerung unabdingbar.

Für die Europa League ist die Zielsetzung ebenfalls nicht weniger als der Titelgewinn, wie Hans-Joachim Watzke im Dezember verkündete. Wie nah Anspruch und Realität im internationalen Wettbewerb beieinander liegen, wird die Zukunft zeigen. Grundsätzlich passen Titelambitionen nach Niederlagen wie dem jüngsten 2:5 gegen Bayer 04 Leverkusen nur schwer ins Bild.

(Photo by Getty Images)

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