Neymar und die Kritik – Champions League mit PSG als Reifeprüfung

UEFA CL/EL

Spotlight | Seit Jahren gehört Neymar zu den besten Spielern der Welt. Doch es ist die Kritik an seiner Person, die überwiegt. Am Sonntag, wenn er mit PSG im Finale der Champions League auf den FC Bayern trifft, hat der exzentrische Brasilianer die Chance, das endgültig zu ändern.

Die theatralischen Schwalben, das übertriebene Herumrollen auf dem Rasen, die spontanen Ausflüge in die Heimat während der Saison und ein Instagram-Profil, welches an einen Luxus-Influencer erinnert: Dass Neymar nicht der beliebteste Fußballer der Welt ist, ist leicht nachvollziehbar. Sein Status als teuerster Spieler aller Zeiten und der Transfer zu einem neureichen Scheich-Klub dürften das Bild für seine Kritiker abgerundet haben.

„Es ist hart, Neymar für all die Dinge, die er neben Fußballspielen tut, zu verteidigen. Der Fußballgott gab dir ein Geschenk, was du tust, verkompliziert es“, gestand selbst Fußball-Legende Pélé.

Über Neymars fußballerisches Talent gibt es in der Tat kaum Zweifel. Seit seinem Wechsel vom FC Barcelona zu Paris Saint-Germain 2017 steuerte der unbekümmerte Beachboy mit dem Zahnpastalächeln in der Ligue 1 in 52 Spielen unfassbare 47 Tore, 27 Vorlagen und einige (arrogante) Kabinettstückchen bei. „In Frankreich“, werden seine Kritiker sagen. Die Qualität der Liga sei immerhin nicht mit Spanien, England oder auch Deutschland zu vergleichen. Ein Umstand, der auch Mannschaftskollege Kylian Mbappé zuletzt übel aufstieß. Immerhin stellte die als „Bauernliga“ verschriene Ligue 1 gleich zwei Halbfinalisten der Champions League.

Und eben in jener Königsklasse steht Neymar trotz seiner starken Ausbeute von 35 Treffern und 24 Assists in 59 Spielen besonders im Fokus, vor allem wegen seinem Arbeitgeber.

Neymar: Als Batman bei PSG gefordert

Ob als Kapitän für Brasilien oder als Hoffnungsträger bei Paris Saint-Germain, zuweilen musste sich Neymar den Vorwurf gefallen lassen, in den wichtigen Momenten nicht da gewesen zu sein, zu lustlos oder überheblich zu agieren.

Mit dem FC Barcelona gewann Neymar 2015 zwar die Champions League, allerdings war er neben Lionel Messi eher der „Robin“ und nicht der „Batman“, obwohl beide in der Königsklasse jeweils zehn Tore erzielten. Das ist wohl auch ein Grund, wieso Neymar das Weite suchte, er wollte der Superheld sein und nicht mehr die zweite Geige spielen.

Und so projizierte PSG 2017 das Batman-Symbol an den Himmel: Neymar wurde für 222 Millionen Euro das Aushängeschild eines Mega-Projekts, das seit der Übernahme durch Qatar Sports Investments 2011 um jeden Preis die Champions League einfahren soll. Die Meisterschaft ist bei sieben Titeln in den letzten acht Jahren ohnehin per Flatrate gebucht. Doch in der Königsklasse war seit Neymars Ankunft stets bereits im Achtelfinale Schluss.

Auf dem europäischen Parkett wussten die Franzosen bislang nicht abzuliefern, dazu gehört für Brasilien-Legende Zico auch Neymar, den er in die Pflicht nimmt. „Ich mag Ney, sein Spielstil ist unfassbar. Aber er muss sich professioneller verhalten. Er ist nun 28 Jahre und und spielt bei PSG in einer guten Mannschaft. Dieses Team kann die Champions League gewinnen“, erklärte der ehemalige Nationalspieler der Selecao und betonte: „Es hängt von Neymar und seinen Qualitäten im Laufe des Wettbewerbs ab. Nicht nur in einem Spiel. Neymar braucht Erfahrung und Reife.“

Neymar schießt PSG in das Viertelfinale der Champions League

Es scheint, als hätte sich Neymar die Kritik zu Herzen genommen. 2019/2020 ist der Edeltechniker für Paris Saint-Germain in der Champions League unverzichtbar.

Nachdem Neymar in der Gruppenphase wegen Verletzung und Sperre nur 135 Minuten mitwirken konnte, war er in der K.O.-Phase zur Stelle. Trotz einer für seine Verhältnisse frustrierenden Leistung im Achtelfinal-Hinspiel gegen Borussia Dortmund, markierte er das wichtige Auswärtstor zum 1:2. Im Rückspiel brachte er PSG mit seinem 1:0 nach 28 Minuten auf die Siegerstraße.

Die Franzosen gewannen 2:0 und qualifizierten sich für das Viertelfinale. In Lissabon nahm Neymar dann endgültig das Heft in die Hand.

(Photo by UEFA – Handout/UEFA via Getty Images)

Gegen Atalanta: Neymar der Matchwinner trotz Abschlussproblemen

Aufgrund der Coronavirus-Pandemie wurde die Champions League ab dem Viertelfinale als Blitz-Turnier in Lissabon ausgetragen. Ein Spiel entscheidet über das Weiterkommen. Tagesform und Nuancen spielen eine deutlich größere Rolle als beim traditionellen Modus mit Hin- und Rückspiel.

Um so folgenschwerer drohten Neymars ungewohnten Abschlussprobleme im Viertelfinale gegen Atalanta zu werden. Der Brasilianer scheiterte gleich mehrfach aus aussichtsreicher Position, während die Italiener mit 1:0 in Führung gingen. Und trotzdem war er am Ende einer der besten, weil einflussreichsten Spieler auf dem Platz.

Mit seinen 16 Dribblings gegen Atalanta stellte er in der Königsklasse einen neuen Bestwert seit 2008 auf, ermüdete die Verteidigung Atalantas, sodass PSG den Rückstand noch drehen konnte. In der 90. Minute legte Neymar das 1:1 für Marquinhos vor, ehe er drei Minuten später mit einem genialen und perfekt getimten Zuspiel auf Kylian Mbappé das entscheidende 2:1 zum Halbfinal-Einzug einleitete, Eric Maxim Choupo-Moting vollendete. In den entscheidenden Momenten war Neymar da.

Gegen Leipzig: Neymar glänzt auch ohne Ball

Auch im Halbfinale gegen RB Leipzig verpasste Neymar zunächst eine goldene Chance, traf nur den Pfosten. Seine Bedeutung auf das Spiel der Pariser war allerdings erneut enorm und zwar in einem Bereich, den man den als Schönwetterfußballer abgestempelten Techniker nicht zutrauen würde: Ohne den Ball.

Neymar arbeitete unermüdlich, war speziell in Thomas Tuchels Pressing stets an vorderster Front, wenn es dabei ging den Bundesligisten energisch anzulaufen. Der Druck trug zur Verunsicherung der Leipziger bei und führte zu einer Vielzahl von Fehlern.

Darüber hinaus hatte Neymar erneut bei einem wichtigen Tor seine Füße im Spiel. Als RB-Keeper Gulacsi in der 42. Minute durch das Forechecking der Franzosen zu einem Fehlpass gezwungen wurde, spielte Paredes den Ball umgehend in den Strafraum. Der Ball erreichte Neymar, der antizipationsstark, uneigennützig und technisch hervorragend per Hacke auf Di Maria durchsteckte: 2:0, die Vorentscheidung.

PSG gewann mit 3:0 gegen RB und zog in das Finale der Champions League ein, was Neymar nicht unkommentiert lassen konnte.

Neymar: Der etwas andere Leader?

Die Provokationen auf und abseits des Platzes, sie alle werden bei einem Exzentriker wie Neymar, der seit seiner Jugend von einem ganzen Land wie der leibhaftige Erlöser gefeiert wurde, immer dazu gehören. 2019/2020 ist er dennoch dabei, Zicos Worte in die Tat umzusetzen. In der Champions League demonstrierte er Uneigennützigkeit, Verantwortungsbewusstsein und Führungsqualitäten.

„Neymar ist ein anderer Führungsspieler“, sagte sein Trainer Thomas Tuchel auf der Pressekonferenz vor dem Spiel gegen Leipzig und ergänzte: „Er führt mit seiner Qualität, seinem Selbstbewusstsein, seiner Courage. Er will immer gewinnen, mit seinem Hunger, seinem Kampfgeist.“

Sollte PSG am Sonntag im Finale gegen FC Bayern München zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte endlich die Champions League gewinnen, dann hat das viele Gründe: Die heftigen Investitionen auf dem Transfermarkt, ein Trainer, der aus einem millionenschweren Starensemble eine Mannschaft formte. Und natürlich Neymar, der endgültig Verantwortung übernahm. So, wie es sich für einen Superhelden gehört.

Chris McCarthy

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(Photo by MANU FERNANDEZ/POOL/AFP via Getty Images)

Chris McCarthy

Gründer und der Mann für die Insel. Bei Chris dreht sich alles um die Premier League. Wengerball im Herzen, Kick and Rush in den Genen.

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