„Er wollte schon immer nach Spanien“ – Das Panel zur Causa Lewandowski

Robert Lewandowski im Trikot des FC Bayern München
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Panel | Nach acht Jahren beim FC Bayern zeichnet sich der Abgang von Robert Lewandowski ab. Seit der ablösefreien Verpflichtung des Polen im Sommer 2014 feierten die Münchener acht Meisterschaften, vier Pokalsiege und einen Champions-League-Sieg, der die Ära Lewandowski im Sommer 2020 krönte. Nun scheint die Trennung bevorzustehen.

Wie geht es mit dem wechselwilligen Stürmer weiter? Gibt es noch Chancen auf einen Verbleib? Welcher Klub könnte das Rennen um den Topstürmer machen? 90Plus-Redakteur Simon Lüttel sprach mit Alex Truica (Freier Sportjournalist und Chefredakteur bei Barcawelt.de, dem deutschen Portal über den FC Barcelona) und Kerry Hau (Chefreporter bei Sport1 mit Schwerpunkten bei dem FC Bayern und der deutschen Nationalmannschaft) über die Causa Lewandowski.

Lewandowski vor Torabschluss

(Photo by KERSTIN JOENSSON/AFP via Getty Images)

90Plus: Am vergangenen Montag sagte Robert Lewandowski im Rahmen einer Pressekonferenz der polnischen Nationalmannschaft, dass er sich „keine gute Zusammenarbeit mit dem Klub mehr vorstellen könne“. Nach kicker-Informationen plant der deutsche Rekordmeister die Saison 2022/2023 dennoch mit dem Stürmer. Wie wahrscheinlich ist es, dass der Stürmer in der kommenden Spielzeit das Trikot des FC Bayern trägt?

Alex Truica: Durch seine deutlichen Aussagen auf der PK hat Lewandowski meiner Meinung nach die Wahrscheinlichkeit gesenkt, dass er bei Bayern bleibt. Wechselwillig sein ist das eine, aber klar und deutlich zu sagen: „Meine Ära bei Bayern ist vorbei, ich kann mir nicht vorstellen, weiter bei dem Klub zu spielen“, das hat schon eine andere Qualität. Einen unzufriedenen, womöglich schmollenden, lustlosen Spieler im Kader zu behalten kann auch nach hinten los gehen, das ist keine angenehme Situation – weder für den Klub noch für den Spieler selbst. Wie heißt es so schön: Reisende soll man nicht aufhalten.

Ich denke, ob Bayern ihn doch abgibt, hängt von zwei Faktoren ab: Findet der FC Bayern München noch diesen Sommer einen geeigneten Nachfolger? Und: Macht der FC Barcelona eine Offerte, die den Verkauf auch finanziell rechtfertigt. Bei einem Jahr Restvertragslaufzeit hat jeder Klub, der nicht PSG oder ManCity heißt, eine Schmerzgrenze.

Kerry Hau: Nach den verachtenden, respektlosen, ja fast schon spöttischen Aussagen von Lewandowski in Richtung FC Bayern („In mir ist etwas gestorben“) kann ich mir kaum noch eine gemeinsame Zukunft vorstellen. Klar, die Bosse bleiben nach außen hin bei ihrem „Basta“ und pochen auf den Lewandowski-Vertrag, aber: Wie würden sie den Fans einen Verbleib eines Spielers verkaufen wollen, der keinen Bock mehr auf den Verein hat und eine öffentliche Schlammschlacht anzettelt?

Lewandowski würde zweifellos seine Tore machen, wenn er bleiben müsste, doch mit dieser Vorgeschichte wäre zu viel Unruhe im Verein – und die kann weder Trainer Julian Nagelsmann noch die Mannschaft gebrauchen. Die schwache Rückrunde 2021/22 war auch der Tatsache geschuldet, dass Lewandowski intern für viel Stunk sorgte. Die Verantwortlichen tun deshalb gut daran, ihn für eine ordentliche Summe (40 bis 50 Millionen Euro) nach Barcelona zu verkaufen und in die Zukunft zu investieren. Überlegungen in diese Richtung gibt es, auch wenn die Bayern öffentlich noch eine andere Kommunikationsstrategie an den Tag legen.

90Plus: Uli Hoeneß warf Lewandowski und seinem Berater Geldgier vor, Pini Zahavi spricht hingegen von mangelnder Wertschätzung seitens des FC Bayern. Welches tragendende Motiv seht ihr im Abgangswunsch des Stürmers?

AT: Noch etwas Neues zu erleben. Er ist seit acht Jahren beim FC Bayern, wurde achtmal deutscher Meister, siebenmal Torschützenkönig der Bundesliga. Er ist 33, wird im August, wenn die neue Saison beginnt, 34. Er will einfach jetzt im Herbst seiner Karriere nochmal etwas Neues machen. Sich seinen Spanien-Traum erfüllen. Viele Chancen dazu, zu einem Topklub zu wechseln, gibt es in dem Alter nicht mehr. Wer weiß, ob er nächstes Jahr, wenn er zwar ablösefrei, aber im August 2023 dann 35 Jahre alt ist, nochmal die Chance dazu hat, beim FC Barcelona oder Real Madrid zu landen. Man darf es bezweifeln. Das weiß Lewandowski natürlich am besten. Deswegen will er nun unbedingt den Wechsel forcieren. Es könnte wirklich seine allerletzte Chance sein, bei einem spanischen Topklub zu landen. Denn Barça will ihn diesen Sommer unbedingt.

KH: Es ist ein Mix aus vielen Dingen. Lewandowski wollte schon immer nach Spanien und sieht jetzt die perfekte (und womöglich letzte) Gelegenheit dazu. Seine Familie drängt auch darauf, vor allem seine Frau fühlt sich in München nicht mehr wohl und will in den Süden. Happy wife, happy life. Es geht ihm wie den meisten Fußballern natürlich auch ums Geld, doch das ist nicht das Hauptmotiv. In Barcelona würde er nicht viel mehr verdienen als in München, wenn überhaupt (zumal Barca in den vergangenen Jahren Gehälter nicht immer pünktlich gezahlt hat).

Vor allem, das hört man immer wieder aus dem direkten Umfeld von Lewandowski, hat ihn das Werben der Bayern um Erling Haaland und das damit einhergehende Zögern in Bezug auf seine Vertragsverlängerung verletzt. Er fühle sich von den Verantwortlichen betrogen und hintergangen. Man könnte fast schon sagen: wie ein Ehemann, der seine jahrelang von ihm auf Händen getragenen Frau in flagranti mit einem Jüngeren erwischt hat.

Jetzt ist natürlich auch Verständnis für die Bayern angebracht, die berechtigterweise an die Zukunft denken müssen, weil Lewandowski demnächst 34 Jahre alt wird. Den stolzen Polen hat jedoch in erster Linie gestört, dass die Bosse dabei nie mit offenen Karten gespielt haben. Sie haben ihm nicht gesagt „Wir zögern gerade mit deiner Verlängerung, weil wir voll auf Haaland gehen“, sondern einfach geschwiegen – scheinbar in dem Glauben, Lewandowski kriege das nicht mit.

Ein No-Go für den Superstar, der deshalb jetzt öffentlich von fehlendem Respekt und fehlender Loyalität spricht – und weiter auf Angriff gehen wird, wenn die Bosse seinem Wunsch nach einer Freigabe nicht nachkommen.

90Plus: Zuletzt wurden mit unter anderem Sebastién Haller, Sadio Mané und Sasa Kaladzjic einige namhafte Offensivspieler mit einem Wechsel nach München in Verbindung gebracht. Wie könnte der FC Bayern den Qualitätsverlust durch einen Lewandowski-Abgang kompensieren?

AT: Vielleicht durch einen anderen Topstürmer der Bundesliga: Patrik Schick. Es überrascht ein wenig, dass Bayern mit ihm nicht wirklich in Verbindung gebracht wurde und er seinen Vertrag in Leverkusen vorzeitig langfristig verlängert hat. Ich hätte gedacht, dass Bayern ihn auf der Liste haben wird, da er wirklich herausragend in abgelaufenen Saison war. Es heißt ja nun, dass die Bayern den möglichen Lewy-Abgang nicht nur durch einen, sondern durch zwei neue Stürmer auffangen wollen: Mané + X.

KH: Mané wird mit hoher Wahrscheinlichkeit nach München wechseln. Er will es so, die Bayern wollen es so – und Liverpool hat aktuell auch nicht vor, dem Spieler Steine in den Weg zu legen. Die Vereine feilschen um die Ablöse. Bieten die Bayern 35 + 5 Millionen Euro, ist eine schnelle Einigung zu erwarten.

Seine Verpflichtung allein würde aber aus meiner Sicht nicht reichen, um Lewandowski zu ersetzen, weil Mané kein klassischer Neuner ist und ich ihn auf dem Flügel am besten aufgehoben sehe. Stellt Nagelsmann auf ein neues System wie Manchester City in der vergangenen Saison ohne echten Stürmer um? Baut man auf Rückkehrer Joshua Zirkzee? Beordert man Serge Gnabry ins Sturmzentrum? Oder holt man doch noch einen neuen Angreifer wie Kalajdzic? Der Markt gibt nach Haalands Wechsel zu City nicht sonderlich viele Neuner-Optionen her, die „Bayern-like“ sind.

Mich überzeugt weder Kalajdzic noch einer der anderen gehandelten Kandidaten zu 100 Prozent. Sollte sich Kalajdzic aber mit einer Backup-Rolle zufriedengeben, wäre es nicht schlecht, ihn als Spieler zu holen, den man immer reinwerfen kann, wenn man Mittelstürmer-Qualitäten benötigt.

Ein „Offensiv-Pool“ aus Mané, Gnabry (wenn er bleibt), Leroy Sané, Thomas Müller, Kingsley Coman, Jamal Musiala plus Mittelstürmer X (übrigens ist Eric-Maxim Choupo-Moting auch noch da) verspricht viel Variabilität. 

90Plus: Die Blaugrana gelten als Favorit auf eine Lewandowski-Verpflichtung. Würde der polnische Nationalspieler in Xavis Konzept passen?

AT: Lewandowski ist es ja gewohnt, für eine dominante Ballbesitzmannschaft und somit in deren System mit hohem Ballbesitzanteil und Pressing zu spielen. Das ist schonmal die wichtigste Grundvoraussetzung, weshalb man bei der Blaugrana positiv gestimmt ist, dass er auch bei Xavis Barça gut reinpassen wird. Aber klar, letztlich kommt er aus einer anderen Liga, spricht kein Spanisch – er wird natürlich Anpassungszeit benötigen. Der Jüngste ist er ja auch nicht – und viel Zeit haben die Beteiligten nicht, es muss direkt alles passen – all das muss man auch als FC Barcelona mit einkalkulieren.

KH: Xavi will einen verlässlichen Torjäger und sieht in Lewandowski den idealen Kandidaten dafür. Er hat mit dem Spieler auch schon Gespräche geführt und ihm erklärt, wie er mit ihm plant. Memphis Depay, Martin Braithwaite und Luuk de Jong sollen nach Möglichkeit bis zum Ablauf der Transferperiode abgegeben werden, für vorne würde Xavi dann mit Lewandowski und einem anderen Ex-Dortmunder – Pierre-Emerick Aubameyang – planen.

90Plus: Der FC Barcelona wird immer wieder mit Schulden in Verbindung gebracht. Wäre ein Transfer finanziell überhaupt stemmbar?

AT: Barça setzt hinter den Kulissen alle Hebel in Bewegung, initiiert oder finalisiert Finanzdeals wie den Verkauf der Produktionssparte ‚Barça Studios‘ sowie von 49 Prozent von BLM (Barça Licensing & Merchandising), damit sie nicht nur diesen, sondern auch viele weitere wichtige Sommertransfers tätigen können. Aber natürlich werden noch diverse Spieler gehen müssen, die auf der Verkaufsliste stehen: Umtiti, Braithwaite, Neto, Mingueza, Puig, Lenglet, ggf. sogar ein großer Name wie Frenkie de Jong – um nur ein paar Akteure zu nennen. Barça muss noch einiges tun, um seine Finanzen zu bereinigen, gerade mit Blick auf La Ligas strenge Gehaltsobergrenze.

KH: Ja, das wurde zumindest so der Lewandowski-Seite zugesichert. Anderenfalls wäre Lewandowski auch nicht so „klar“ in seinen Gedanken und würde es sich jetzt so mit dem FC Bayern verscherzen. Mein Kollege Patrick Berger und ich haben aufgeschrieben, wie Barca den Lewandowski-Deal stemmen möchte.

Photo by David Ramos/Getty Images

90Plus: Neben dem FC Barcelona wurden Paris St.-Germain, Atlético Madrid, FC Chelsea und Manchester United als Interessenten genannt. Bei welchem Verein könntet ihr euch den zweimaligen Weltfußballer noch vorstellen?

AT: Beim FC Liverpool unter Jürgen Klopp – für den er ja schon beim BVB ziemlich erfolgreich gespielt hat. 

KH: Ich kann ihn mir nur in Spanien vorstellen, auch wenn PSG, Chelsea und Manchester United ebenfalls interessante und zahlungskräftige Optionen wären. Real? Nicht interessiert (weil Karim Benzema). Atlético? Eine Nummer zu klein – sportlich wie finanziell.

Barca ist, auch wenn sich der Klub nicht in seiner besten Phase befindet, immer noch einer der größten Klubs der Welt und würde Lewandowski helfen, noch bekannter zu werden. Stichwort Markenbildung. Das ist ihm bei all seinen Überlegungen übrigens auch noch sehr wichtig.

90Plus: In den vergangenen fünf (!) Bundesliga-Spielzeiten erzielte die Nummer 9 des FC Bayern die meisten Tore. Ein Lewandowski-Abgang würde den Kampf um die Torjägerkanone wiederbeleben. Kann sich auch die nationale Konkurrenz des FC Bayern höhere Chancen auf einen Titelgewinn in der Bundesliga ausrechnen?

AT: Absolut. Es gibt BVB-Fans, die mir schreiben dass sie hoffen, dass „mein“ FC Barcelona den Lewandowski-Transfer doch jetzt bitte auch wirklich eintütet. Damit der Tore-Tyrann der Bundesliga endlich weg ist. Natürlich steigen dann die Chancen der Konkurrenz, näher an die Bayern heranzurücken, wenn diese plötzlich keinen 35-Tore-Garanten mehr vorne drin haben. Sie sind trotzdem Titelfavorit, aber der BVB hat sich – gerade in der Abwehr – sehr gut verstärkt. Und Bayern wäre ganz vorne deutlich geschwächt. Das Titelrennen sollte ohne Lewandowski zumindest endlich wieder spannender werden.

KH: Mehr Spannung an der Bundesliga-Spitze wäre nicht verkehrt, aber ich sehe die Bayern ob mit oder ohne Lewandowski national weiter klar in der Favoritenrolle. Dafür sind sie als Team immer noch zu stark und werden durch die eine oder andere Verstärkung (Mané, …) sicherlich keinen allzu großen Qualitätsverlust erleiden, sollte Lewandowski tatsächlich wechseln. Und dafür muss Borussia Dortmund erst einmal den Umbruch meistern. RB Leipzig halte ich, auch wenn Christopher Nkunku bleiben sollte, nicht für konstant genug, um den Bayern den Meistertitel streitig zu machen.

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