Sheffield United – Die englischen Eisernen

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Im Fokus | Sheffield United ist einer der, wenn nicht die Überraschungsmannschaft der Premier League 2019/2020. Über die Rückkehr der englischen Eisernen…

Es war der 18. August 2019, als die 32.000 Fans an der Bramall Lane wie vor jedem Heimspiel den Greasy Chip Butty Song anstimmten. Ein kleines, enges Stadion, von der Stimmung her der alten Försterei sehr ähnlich. 

You fill up my senses,
like a gallon of Magnet,
like a packet of Woodbines,
like a good pinch of snuff,
like a night out in Sheffield,
like a greasy Chip Butty,
like Sheffield United,
come fill me again.
Na na na na na…Ooooohh!

Besungen wird hier das Leben der eisernen Arbeiter in der Stadt, die mehr als ein Jahrhundert lang ein weltbekanntes Zentrum der Stahlindustrie war. Ein Leben mit Bier (Magnet), Zigaretten (Woodbines), Schnupftabak (snuff) sowie einer Spezialität aus Yorkshire, dem Greasy Chip Butty, einem mit Pommes Frites gefüllten Sandwich, wenn möglich noch fettig. Diesmal allerdings erklang der Song besonders inbrünstig, denn der Gegner hieß Crystal Palace und der Wettbewerb somit Premier League. Für Sheffield United war dieser Tag das Ende einer Odyssee. 

Sheffield United – Absturz in die dritte Liga

2006 führte Neil Warnock die Blades zum letzten Mal ins englische Oberhaus. Es war ein relativ kurzes Vergnügen, am Saisonende stieg Sheffield United ab. Sie versuchten zwar noch vor Gericht einen Punktabzug für West Ham zu erwirken, da die Transfers von Carlos Tevez und Javier Mascherano zu Saisonbeginn regelwidrig waren – ersterer schoss die Hammers im Old Trafford zum Klassenerhalt – aber die Versuche liefen ins Leere. Es blieb bei der Geldstrafe in Höhe von 5,5 Millionen Pfund. 

Sheffield United musste also den Gang in die Zweitklassigkeit antreten. Es sollte sich für die Blades als ein Fahrstuhl herausstellen, bei dem der Knopf für die oberen Etagen klemmt. Der Klub versank im Chaos. Spieler kamen, die viel kosteten, aber die Summen nicht zu rechtfertigen wussten, dazu gab es einen Trainerwechsel nach dem anderen. Sie erreichten 2009 zwar nochmal das Playoff-Finale, verpassten dort aber durch ein 0:1 gegen Burnley den erneuten Aufstieg in die Premier League. 2011 ging es nach zwei weiteren Trainerwechseln innerhalb einer Saison gar noch eine Etage tiefer: in die League 1. 

Dort war es ausgerechnet Stadtrivale Wednesday, der ihnen den direkten Wiederaufstieg vor der Nase weggeschnappte. United musste in die Playoffs, und ging wieder leer aus. Diesmal unterlagen sie im Finale Huddersfield vom Elfmeterpunkt. 

(Photo by Jamie McDonald/Getty Images)

11 Freunde an der Bramall Lane

Vier Jahre und eine weitere Playoff-Niederlage später wurde Chris Wilder 2016 Trainer von Sheffield United. In den 80er und 90er-Jahren hatte er selbst für den Verein als Rechtsverteidiger gespielt und verfolgte auch die ein oder andere Partie aus dem Fanblock. „Blade born and bred“ also. Und mit ihm kam der Erfolg zurück. 2017 sicherte sich United mit 100 Punkten den Wiederaufstieg in die Championship und ein Jahr später mit Platz 10 den souveränen Klassenerhalt.

(Photo by Nathan Stirk/Getty Images)

Es war also ruhig wie lange nicht mehr um die Bramall Lane – Chris Wilder hatte wieder den Optimismus nach Sheffield gebracht. Er hat eine Mannschaft geformt, die – und das sagen die Spieler auch – mehr als nur eine Mannschaft ist. Das Herberger’sche Zitat von den 11 Freunden, es wurde in Sheffield wieder gelebt. Man war wieder der Underdog, der die Großen ärgerte.

Dazu passt, dass im Spätsommer 2018 andere für Schlagzeilen sorgten. Leeds United hatte zur neuen Saison Marcelo Bielsa verpflichtet. Der wusste schon am 2. Spieltag das erste Ausrufezeichen zu setzen – mit einem 4:1-Auswärtssieg bei Frank Lampards Derby County. Wie so oft zählten die Peacocks auch in der Saison 2018/19 zu den Topfavoriten auf eine Rückkehr in die Premier League.

Aber nur weil man nicht im Fokus der Öffentlichkeit steht, muss das nicht heißen, dass die eigene Arbeit selbigen nicht verdienen würde. Jedenfalls dauerte es nicht lang, bis die breite Masse auf Sheffield United aufmerksam wurde.

Mit unkonventionellem System zum Aufstieg

Verantwortlich dafür war das System, das Chris Wilder spielen ließ und noch immer lässt. Im Ballbesitz stehen die Blades in einem 3-5-2 mit den drei Innenverteidigern Jack O’Connell, John Egan und Chris Basham. Bei eigenen Angriffen sollen die beiden Außen der Dreierkette die Seiten überladen, die Außenbahnspieler Enda Stevens (links) und George Baldock (rechts) überlaufen und den Ball in die Mitte flanken. Abgesichert werden sie bei ihren Ausflügen von den eigenen Mittelfeldspielern.

So hinterliefen und flankten sich die Blades konsequent in und um die Playoff-Plätze. Vor allem an den letzten Spieltagen, als sie zwischen Platz zwei und drei pendelten, war die Hoffnung vieler United-Fans groß, die ungeliebten Playoffs zu vermeiden und direkt aufzusteigen. Und nach einem 2:0-Heimsieg gegen den Tabellenletzten Ipswich am vorletzten Spieltag sowie einem 1:1 zwischen Leeds United und Aston Villa war es vollbracht: Zum ersten Mal seit 12 Jahren sollte es wieder Premier-League-Fußball an der Bramall Lane geben. Das letzte Spiel in Stoke war lediglich Makulatur. 

(Photo by Nathan Stirk/Getty Images)

Wilde Party in Sheffield

Am 5. Mai 2019 endete die Championship-Saison und zwei Tage später war ganz Sheffield in rot und weiß getaucht. Trotz strömenden Regens ließen es sich die Anhänger der Blades nicht nehmen, ihr Team zu feiern. Am Stadion ging die Busparade los, einmal quer durch die Stadt, vorbei am städtischen Casino und dem Citycampus der Sheffield Hallam University. Am Rathausplatz warteten schon eine fertig aufgebaute Bühne sowie namhafte Fernsehsender wie BBC oder itv. Normalerweise ist auf diesen Straßen nicht sonderlich viel los. Diesmal blieb kaum Luft zum Atmen. Es war, als würde man in Maisstärke schwimmen: Je härter man drückt, desto weniger tut sich. Diejenigen, die eine Wohnung in der Nähe gar mit Balkon besaßen, konnten sich in diesem Moment glücklich schätzen. Sofern sie nicht Sheffield Wednesday unterstützen, oder wie United-Fans im „Lüdenscheid-Nord-Herne-West-Stil“ sagen: South Barnsley, werden sie noch ihren Enkeln von diesem Tag erzählen. 

(Photo by George Wood/Getty Images)

Dann konnte die Party steigen: Jeder, aber auch wirklich jeder Spieler durfte mal ans Mikrofon. Es ertönten Klassiker wie „Jack O’Connell’s magic, he wears a magic hat“ oder „Chrissy Wilder, he’s one of our own”. Und natürlich auch der “Greasy Chip Butty Song”. Jeder bekam seinen eigenen „Chant“. Ein typisch englisches Phänomen. 

Besitzerstreit im Hintergrund

Aber während die Mannschaft auf dem Rasen Erfolge feierte, tobte im Hintergrund ein Streit der beiden Eigentümer Kevin McCabe und Prinz Abdullah bin Mosaad bin Abdulaziz al Saud. Wie der Guardian am 3. Februar berichtete, hatte McCabe 2013 50 Prozent der Klubanteile für 10 Millionen Pfund an den saudischen Prinzen verkauft.

Über die Jahre gab es häufiger Streit zwischen den beiden Eigentümern. So beschloss McCabe eine Klausel ihres Partnerschaftsvertrags zu ziehen, um eine Trennung herbeizuführen. Für 5 Millionen Pfund sollte der Prinz seine Anteile erwerben und darüber hinaus automatisch für weitere 40-50 Millionen Pfund die an den Klub vermieteten Immobilien, wie unter anderem das Stadion und die Akademie. Anderenfalls sollte al Saud seine Anteile an McCabe für 5 Millionen Pfund verkaufen.

Dem Prinzen, dem es an Liquidität mangelte, kam der sportliche Erfolg der Blades zu Hilfe. Mit dem Aufstieg in die Premier League kassierte Sheffield United auf einen Schlag 100 Millionen Pfund aus dem TV-Pool – genug, um den Kauf der Immobilien und den Spielbetrieb im englischen Oberhaus zu finanzieren. Kevin McCabe hingegen musste zusehen, wie seine Anteile, die nunmehr 52 Millionen Pfund wert waren, für einen Zehntel des Wertes an seinen Ex-Partner gingen.  

Sheffield – der Geburtsort des Fußballs

Doch die Besitzerangelegenheiten sollen nicht darüber hinwegtäuschen, welche Tradition der Fußball in Yorkshire besitzt. Sheffield gilt in der Hinsicht als der Geburtsort dieser Sportart. In der Stadt spielt der älteste Fußballverein der Welt, Sheffield FC, gegründet 1857. Drei Jahre später kam im Stadtteil Crosspool der zweite Fußballverein, Hallam FC, dazu. Schon war das älteste Derby in der Geschichte dieses Sports geboren. Von Vereinsseite wird immer wieder betont, wie stolz man auf die Tradition in Sheffield ist. Sie spielen in Sandygate, dem – genau – ältesten Fußballplatz der Welt. Baujahr: 1804. 

Es sind genau solche Vereine, von denen man es im Optimalfall nach ganz oben schafft. Aber das ist auch eher die Ausnahme, als die Regel. Die meisten Profispieler kommen heutzutage mehrheitlich aus den Akademien. Dennoch gibt es Ausnahmen: Sheffield Uniteds Kapitän Billy Sharp ist so eine. Fußballerisch wuchs er bei den Middlewood Rovers auf, sein Meisterstück dort legte er bei der U10 hin, Saison 1995/96. Die Bilanz der Rovers: 22 Spiele, 22 Siege, 158:2 Tore, eins davon ein Eigentor. Die Tabelle von damals hängt heute noch als Motivation in der aus einem alten Schiffscontainer gebauten Umkleidekabine. Und Billy Sharp? Der hilft seinem Jugendverein auch heute noch, wo er kann. Trotz Premier-League-Verpflichtungen. 

(Photo by Justin Setterfield/Getty Images)

Gekommen, um zu bleiben

Die Frage ist aber auch, wie lange er noch eine Hilfe für Sheffield United sein kann. Sharp gehört mit 34 Jahren auch schon zur älteren Generation und – auch das klang auf der Aufstiegsfeier an: Anders als 2006, ist man diesmal gekommen, um zu bleiben und das trotz des geringsten Etats des englischen Fußballoberhauses.

Der Klassenerhalt sollte mit 39 Punkten aus 26 Spielen in keiner Gefahr mehr sein, im Moment sind es – wenngleich Chelsea noch ein Spiel in der Hinterhand hat – nur zwei Punkte Rückstand auf einen Champions-League-Platz. Trotzdem müssen sich die Blades ein Stück weit neu erfinden, wenn sie auf Dauer in der Premier League bestehen wollen. Das gilt nicht für den unkonventionellen Spielstil – Sheffield United hat trotz angriffslustiger Innenverteidiger die zweitbeste Defensive der Premier League.

Dementsprechend hat man sich auch verstärkt. Zu Saisonbeginn kamen Oli McBurnie und Lys Mousset für die Offensive genauso wie Phil Jagielka, einer der wenigen Verbliebenen aus der 2006er-Generation. Auch das Wintertransferfenster kann sich sehen lassen: Sander Berge, ein Toptalent, wenn es um spielstarke Sechser geht, kam aus Genk. Dazu lieh Sheffield United auch noch Panagiotis Retsos aus Leverkusen aus. Das Signal ist klar: Der Kader sollte qualitativ wie in der Breite verstärkt werden, dazu will man – soweit möglich – auch spielerisch stärker werden.

(Photo by Alex Pantling/Getty Images)

Und das sagt eigentlich alles, über die Reise, die dieser Verein hinter sich hat. Sie wissen durch Kampfgeist, enorme Defensiv-, wie Heimstärke zu überzeugen und haben einen Trainer mit einer Spielidee, die dem Kader wie dem Verein auf den Leib geschneidert ist. Wie weit das führen kann, sieht man. Wie weit das noch führt, ist offen. Aber der Verein hat auch mit seinen Transfers dafür gesorgt, dass man auch in Zukunft noch viel von Sheffield United hören wird, den englischen Eisernen. 

Autor: Victor Catalina

 (Main Photo by George Wood/Getty Images)

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