Totaalvoetbal – Die niederländische Pressingkunst

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Das „Pressing“ ist seit der Geburtsstunde des Fußballs ein elementarer Bestandteil des Spiels. Die Art des Ausübens von Druck auf den Gegner hat sich im Laufe der Jahre gewandelt. Heute werfen wir einen Blick auf den „Totaalvoetbal“, eine Spielidee mit einem systematischen Pressing, die in den Niederlanden entstand und weltweite Berühmtheit erlangte.

Die Ursprünge liegen weit zurück

Bereits in den frühen Jahren des Fußballs war das Pressing ein essenzieller Bestandteils des Spiels. Ballbesitz ist die Grundlage um Tore zu erzielen und Spiele zu gewinnen, Pressing das Mittel zum Gewinnen des Balls. Besonders im Angriffs- und Mittelfelddrittel sind Ballgewinne attraktiv, da die Distanz zum gegnerischen Tor gering ist und unmittelbar nach dem Ballgewinn ein eigener Angriff erfolgen kann. Dass Fußballmannschaften Druck auf den Gegner ausüben um Ballgewinne zu erlangen, ist bereits seit der Geburtsstunde des Fußballs so. Die Ursprünge des Totaalvoetbals liegen somit viel weiter zurück, als dessen Etablierung in den 1970er-Jahren. Dem Duo Johan Cruyff und Rinus Michels gelangen mit Ajax Amsterdam und der niederländischen Nationalmannschaft riesige Entwicklungsschritte im Bezug auf das systematische Pressing, gepaart mit einer offensiven Grundausrichtung und klaren Prinzipien.

Die Prinzipien des Totaal voetbals

Im Spielsystem des Totaalvoetbal wurde meist eine 4-3-3-Formation gewählt, bei dem die Positionen keinesfalls in Stein gemeißelt waren. Die Anordnung der Spieler in dieser Grundformation erwies sich nach dem „trial and error“-Konzept als die bestmögliche Grundformation, um schnelle Überzahlsituationen bei gegnerischen Ballbesitz zu erzeugen. Die Dreierreihe im Sturm konnte die gegnerische Verteidigung schon bei deren Versuch das eigene Spiel aufzubauen im gegnerischen Abwehrdrittel unter Druck setzen. Das Ziel war die direkte Eroberung des Balls, dafür war ein systematisches Anlaufen und eine Verknappung des Raums notwendig. Die eigene Viererkette stand sehr hoch um den Raum, in dem sich die 20 Feldspieler bewegten, möglichst eng zu halten und bei gegnerischem Ballbesitz einen möglichst schnellen Übergang zum gemeinsamen Pressing zu ermöglichen. Gewannen die Niederländer den Ball, schwärmten die Spieler aus und nutzen die gesamte Breite des Spielfelds. Mit Direkt- und Kurzpässen kombinierten sie sich möglichst gradlinig vor das gegnerische Tor.

„Photo by Imago“

Die Positionen, die von den Spielern beim Totaalvoetbal besetzt wurden, waren fluide. Das bedeutet, dass jeder Spieler jede Position besetzen konnte. So kam es beispielweise vor, dass Cruyff, der eigentlich im Offensivzentrum spielte, sich zwischenzeitlich bis in die Innenverteidigung fallen ließ, um sich den Ball abzuholen und einen Angriff einzuleiten. Eine geordnete Manndeckung des Gegners war so kaum möglich ohne den Überblick zu verlieren. Aus der hohen Dynamik im Spiel ergaben sich neben Anspielstationen und Handlungsoptionen für das eigene Team eine gewisse Unberechenbarkeit gegenüber dem Gegner.

Die Athletik als wichtiger Faktor

Neben dem Verständnis für Raumaufteilung und Laufwege mussten die Spieler über eine sehr gute athletische Verfassung verfügen. Während das intensive Pressing für die eigene Mannschaft eine physische Belastung war, litt die gegnerische Mannschaft unter einem psychischen Druck. Jeder Spieler musste das System des Totaalvoetbal verinnerlichen, damit es funktionierte und ein ideales Anlaufverhalten an den Tag legen, um keine Kräfte zu verschwenden. Diese Spielweise suggerierte dem Gegner das Streben nach vollkommener Dominanz und den Wunsch von 100% Ballbesitz im Angriffsdrittel.

Der offensive Spielstil birgt jedoch auch Risiken. Schlägt das Pressing fehl und die eigene Mannschaft wird überspielt, ergeben sich für den Gegner große Räume und Kontergelegenheiten, denn wenn eine Mannschaft auf einem Teilbereich des Feldes eine Überzahl erzeugt, entsteht in einem anderen Teilbereich automatisch eine Unterzahl. Um das entstehen von Kontern zu verhindern muss sowohl das Timing, sowie das Anlaufverhalten der Mitspieler aufeinander abgestimmt und perfektioniert werden.

Rinus Michels und Johan Cruyff – Protagonisten der Totaalvoetbal-Ära

Zwei Niederländer hatten großen Einfluss auf die Entstehung und Entwicklung dieses Spielstils. Gemeint sind Rinus Michels, der den Spielstil auf dem Trainingsplatz mit seiner Mannschaft bis ins letzte Detail einstudierte und Johan Cruyff, der auf dem Feld des Öfteren das Kommando übernahm.

Die beiden Niederländer galten als schwierige Charaktere, die keinen Konflikt scheuten. Cruyff war ein Rebell, der außerhalb des Platzes regelmäßig auf Konfrontationskurs war. Das bekamen unter anderem der niederländische Fußballverband und später auch der spanische Staat zu spüren. Michels galt als autoritär und lehnte gelegentlich sogar den Dialog mit den eigenen Spielern ab. Den Spitznamen „Der General“ trug Michels nicht ohne Grund.

Johan Cruyff am Ball, daneben Trainer Rinus Michels (beide Los Angeles Aztecs) – (Photo by Imago)

Trotz der schwierigen Vorzeichen funktionierte die Zusammenarbeit zwischen Cruyff und Michels bestens. Der sonst oft so rebellische Cruyff fügte sich und zeigte Bewunderung für Michels moderne Ideen. Die beiden Niederländer bildeten ein kongeniales Duo, deren Wege sich bei Ajax Amsterdam, der niederländischen Nationalmannschaft, dem FC Barcelona und den Los Angeles Aztecs kreuzten.

Johan Cruyff war bereits in jungen Jahren ein absoluter Ausnahmespieler, der über eine brillante Technik und ein exzellentes Taktik- und Spielverständnis verfügte. Seine Auftreten brachte ihm den Spitznamen „Der König“ ein.

Cruyff & Michels – Erfolgreich mit Ajax Amsterdam in den Siebzigern


Zu Beginn der 1970er-Jahre feierte Ajax Amsterdam die erfolgsreiche Zeit ihrer Vereinsgeschichte. Der niederländische Hauptstadtklub gewann den Europapokal in den Jahren 1971, 1972 und 1973. Hinzu kommen zwei Meisterschaften in den Jahren 1971 und 1973, sowie drei Pokalsiege in den Jahren 1970, 1971 und 1973. Während dieser Zeit wurden in Amsterdam eine innovative Spielidee mit hochbegabten Einzelspielern wie Johan Neeskens, Piet Keizer, Barry Hulshoff und eben dem König Johan Cruyff kombiniert. In Amsterdam besitzt der im März 2016 verstorbene Cruyff einen Heldenstatus. Im Juni 2018 wurde die Heimspielstätte von Ajax Amsterdam in „Johan-Cruyff-Arena“ umbenannt, zudem wird die Nummer 14 zu Ehren des Niederländers nicht mehr vergeben.

(Photo by Dean Mouhtaropoulos/Getty Images)


Rinus Michels trainierte Ajax Amsterdam von 1965 bis 1971, danach übernahm Ștefan Kovács. Der Erfolg riss unter dem Rumänen nicht ab, was darauf zurückzuführen war, dass die Schlüsselspieler dem Verein erhalten blieben und Kovács einen lockeren Führungsstil wählte, statt zwanghaft einen Neustart zu forcieren. Die einstudierten Abläufe aus der Michels-Ära blieben, genauso wie der Erfolg.

Den Disziplinfanatiker Michels zog es zum Start der Spielzeit 1971/72 weiter zum FC Barcelona, für den auch Cruyff im weiteren Verlauf seiner Karriere als Spieler und später auch als Trainer unter Vertrag stand. Im März 1974 übernahm „der General“ zudem die niederländische Nationalmannschaft für die Weltmeisterschaft in Deutschland.

Bei der WM 1974: Die Niederländer scheitern knapp vor dem Triumph

Die niederländische Nationalmannschaft hatte zur WM 1974 mit Spielern wie Johan Neeskens, Piet Keizer und Johan Cruyff nicht nur einen herausragend besetzten Kader, sondern mit Rinus Michels einen Trainer, der eine innovative und brilante Spielidee hatte. Michels legte großen Wert darauf, dass die Spieler das Konzept des Totaalvoetbals verstanden und verinnerlichten. Der niederländischen Nationalmannschaft gelang die Umsetzung des Totaalvoetbals nahezu in Perfektion, was auch daran lag, dass einige Nationalspieler bei Ajax Amsterdam unter Vertrag standen und bereits mit dem Spielstil in Berührung gekommen sind. Die Niederländer zogen bei dem Turnier in (West-)Deutschland ins Finale ein. Bei gegnerischem Ballbesitz kam es in den Spielen mit niederländischer Beteiligung des Öfteren zu jagdähnlichen Szenen. Das Pressing erfolgte überfallartig und genauso, wie Michels es von seinem Team forderte und bis ins Details einstudierte.

Der Weg zum Endspiel war für die Oranje keinesfalls mit Freilosen gepflastert. Im Achtelfinale gewannen die Niederländer mit 4:0 gegen Argentinien, im Halbfinale schlug die Elf von Rinus Michels den Titelverteidiger aus Brasilien mit 2:0. Nach sechs Turnierspielen konnten die Niederländer ein überragendes Torverhältnis von 14:1 vorweisen. In Anbetracht dessen, dass der Totaalvoetbal, den die Niederländer in jedem Spiel umsetzten, aufgrund des offensiven Pressings der hochstehenden Viererkette mit viel Risiko verbunden war, ist die Tatsache, dass die Niederländer in sechs Spielen nur ein Gegentor hinnehmen mussten, noch beeindruckender. Im Jahr 1974 bekam die attaktive Spielweise, die auch bei Ajax Amsterdam unter Michels schon praktiziert wurde ihren Namen: „Totaalvoetbal“.

Im Finale traf das Team von Rinus Michels auf die Bundesrepublik Deutschland. Die Niederländer galten als Favorit, obwohl die Deutschen vom Heimvorteil profitierten. Einen Grund die taktische Ausrichtung oder die Formation des Teams zu verändern, sah Michels vor dem Finalspiel nicht. Die Oranje gingen mit der gewohnten 4-3-3-Formation ins Spiel, welche sich im Turnierverlauf als passende Grundordnung bewährte.

Die BRD-Elf als klaren Außenseiter darzustellen, würde jedoch nicht der Wahrheit entsprechen. Im Kader der deutschen Nationalmannschaft standen zahlreiche Spieler mit großen Namen, unter anderem Sepp Maier, Gerd Müller, Wolfgang Overath und Franz Beckenbauer. Mit dem „Kaiser“ Franz Beckenbauer und dem „König“ Johan Cruyff trafen im Endspiel zwei große Persönlichkeiten aufeinander, die trotz der deutsch-niederländischen Rivalität ein gutes Verhältnis zueinander pflegten.

Die niederländische Nationalmannschaft blieb ihrem Stil treu und ging bereits in der zweiten Spielminute durch ein Elfmetertor von Neeskens nach einem Foul an Cruyff in Führung. Noch in der ersten Halbzeit gelang es der Mannschaft von Sepp Herberger das Spiel durch einen verwandelten Elfmeter von Paul Breitner und einem weiteren Treffer von Gerd Müller zu drehen. In der zweiten Halbzeiten legten die Deutschen den Fokus auf die Verteidigung, einen zweiten Treffer erzielte die Offensive um Cruyff, Neeskens und Co. nicht. Schlussendlich verloren die Niederländer das Finale trotz einem Chancenplus denkbar knapp mit 2:1. Am 07. Juli 1974 verpassten die Oranje den größtmöglichen Erfolg und die Krönung der Totaalvoetbal-Ära. Nach der WM 1974 verließ Rinus Michels die niederländische Nationalmannschaft und auch Cruyff spielte kein WM-Turnier mehr für die Oranje.

Würde der Totaal voetbal im Jahr 2020 funktionieren?

Die Vorstellung den Totaalvoetbal, wie er in den Siebzigern gespielt wurde, im modernen Profifußball zu sehen, wäre zwar sehr unterhaltsam, jedoch nicht sonderlich erfolgversprechend. Die Pressingresistenz der Einzelspieler und das durchdachtere Positionsspiel würden dafür sorgen, dass das übermäßige Anlaufen zum Überspielen des Pressings und zu Überzahlsituationen des Gegners führen würde. 

Dennoch lassen sich die Einflüsse des Totaalvoetbals knapp 50 Jahre später noch immer in den Stadien des europäischen Profifußballs wiederfinden. In den vergangenen Jahren gewannen das Positionsspiel und Pressing sogar an noch größerer an Bedeutung. Die Abläufe, die bei europäischen Topclubs einstudiert werden, lassen sich häufig auf die Prinzipien des Totaalvoetbals zurückführen. Der Begriff „Gegenpressing“ existiert beispielsweise erst seit Mitte der 2000er Jahre, war jedoch im Totaal voetbal in den 1970er-Jahren schon Gang und Gebe.

Im Sommer 2017 heuerte Peter Bosz bei Borussia Dortmund an und übernahm einige Prinzipien des Totaal voetbals. Der Niederländer, der zuvor Ajax Amsterdam trainierte, setzte ebenfalls auf aggressives Pressing und eine hochstehende Viererkette in einer 4-3-3-Formation. Bosz‘ Spielstil ließ sich nicht 1:1 mit dem extrem intensiven Totaalvoetbal aus den 1970ern gleichsetzen und war eher eine Lightversion, die sich bei seiner vorherigen Station als praktikabel herausstellte. Anfangs wusste der Niederländer mit seinem Spielstil zu begeistern und konnte gute Resultate einfahren, scheiterte nach wenigen Monaten jedoch an den Risiken, die das intensive Pressing und die hochstehende Viererkette mit sich bringt. Mittlerweile ist Peter Bosz Trainer von Bayer 04 Leverkusen und setzt weiterhin auf eine offensive Ausrichtung, welche allerdings etwas risikoärmer, aber auch erfolgreicher ist.

(Photo by Alex Grimm/Bongarts/Getty Images)


Eine Renaissance konnte der Totaalvoetbal unter Bosz nicht feiern, doch Abwandlungen und Spuren von Cruyffs und Michels Ideen lassen sich in der Neuzeit des Profifußballs dennoch finden. Beispielsweise konnte Pep Guardiola mit einer Kombination aus seinem innovativem Positionsspiel, dem juego de posición und aggressivem Pressing mit idealem Anlaufverhalten zahlreiche Erfolge mit dem FC Barcelona, dem FC Bayern und Manchester City feiern. Es ist kein Geheimnis, dass der Katalane, der in den 1990er Jahren im Trikot des FC Barcelona selbst mehr als 200 Partien unter dem Trainer Johan Cruyff absolvierte, ein großer Verehrer des Niederländers ist. In der Biografie des „Königs“ wird Guardiola mit folgenden Worten zitiert: „Johan hat die Kathedrale erbaut. Wir halten sie nur instand.“

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(Photo by STF/AFP via Getty Images)

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