Wie bezwingt man den Unbezwingbaren? So stürzte Watford den FC Liverpool

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Spotlight | Nach 44 Spieltagen wurde der FC Liverpool erstmals wieder bezwungen und das durch einen Abstiegskandidaten, dem FC Watford.

44 Spiele lang war der FC Liverpool unbezwingbar. Ein Jahr, ein Monat und 28 Tage lang, fanden insgesamt 22 Mannschaften der Premier League kein Mittel gegen die rote Welle der Konstanz. Die Hochgeschwindigkeitsoffensive um Mohamed Salah, Sadio Mané und Roberto Firmino produzierte über diesen Zeitraum Tore wie am Fließband, insgesamt 104 an der Zahl. Das Abwehrbollwerk um die regelrecht majestätische Präsenz eines Virgil Van Dijk und die brasilianische Reflexmaschine Alisson im Tor kassierte dabei lediglich 19 Gegentore.

Am Samstag, den 29. Februar, fand eine Mannschaft endlich einen Weg, die Reds zu schlagen und damit die zweitlängste ungeschlagene Serie in der Geschichte der Premier League sowie jegliche Träume einer makellosen Saison auf einen Schlag zu beenden: Der FC Watford, seinerseits Tabellenvorletzter mit mehr Niederlagen auf den Konto als der FC Liverpool in den letzten drei Spielzeiten zusammen.

Watford mit Glanzleistung gegen Liverpool

Als Watfords Trainer Nigel Pearson nach dem sensationellen 3:0-Heimsieg über den FC Liverpool vom einem BBC-Reporter beglückwünscht wurde, konnte er es offenbar selbst nicht glauben was soeben passiert war. „Was für eine Leistung“, sagte der Reporter. Das sonst so markante und ernste Gesicht des 56-jährgen Engländers mit der grauen Kurzhaarfrisur zierte plötzlich ein seltenes Lächeln, eher er lachend anmerkte: „Die haben wir auch gebraucht.“

Das Lächeln verschwand recht schnell und bei Pearson, bereits der dritte Trainer der abstiegsbedrohten Klubs aus Hertfordshire in dieser Saison, kehrte der Ernst ins Gesicht zurück, als er mit seinem Fazit begann: „Wir taten uns in den letzten Wochen schwer, Leistungen in Siege zu verwandeln“. Dann aber musste er vor Stolz wieder schmunzeln: „Ich glaube diese Leistung hat all das, was wir bisher abgeliefert haben übertroffen.“

Doch was zeichnete diese Leistung aus, die einen Abstiegskandidaten den schier unbezwingbaren FC Liverpool an diesem Tag in die Knie zwingen ließ?

(Photo by Lewis Storey/Getty Images)

1. Intensität

Es waren keine fünf Minuten gespielt, da hatte der FC Watford bereits neun Fehlpässe der sonst so ballsicheren Gäste erzwungen. Die Hornets machten ihrem Spitznamen alle Ehre. Angeführt von Kilometerfresser Abdulaye Doucouré in der Schaltzentrale schwärmten sie über den Platz und stachen bei der ersten Gelegenheit zu. Der Gegner wurde schonungslos und mit einem hohen Tempo aggressiv angelaufen. Die technisch begnadeten Fußballer der Reds wirkten verunsichert. Die Zuspiele waren überhastet, landeten beim Gegner oder gar im Aus.

17 Bälle fingen die Spieler des FC Watford am Samstag ab, in den bisherigen 27 Spielen waren es im Schnitt nur 11,7.

Liverpool beruhigte sich zwar in der Folge, doch die Hausherren hatten die ersten erfolgreichen Nadelstiche gesetzt. Watford gewann an Selbstbewusstsein, die Spieler waren auf den Geschmack gekommen und die Intensität schwappte vom Spielfeld auf die 21.634 Fans im kleinen aber mit zunehmender Spieldauer elektrisierten Vicarage Road über.

(Photo GLYN KIRK/AFP via Getty Images)

2. Verteidigung im Kollektiv

Das Spiel der Reds konnte nicht atmen, der offensive Fußball kam nicht zur Entfaltung. „Wir hatten einen Gameplan und haben ihn wirklich gut befolgt“, sagte Torhüter Ben Foster nach dem Spiel und erklärte: „Ihre offensive Dreierreihe musste sich tief fallen lassen, um den Ball zu bekommen und wir wussten, dass unser Gameplan funktioniert.“

Bei der hohen individuellen Klasse der Reds war es dennoch unausweichlich, dass ein Salah, Firmino oder Mané in eine aussichtsreiche Position in Ballbesitz kamen. Doch Watford war an diesem Tag hellwach, stellte den Gegner oftmals gleich mit mehren Spielern in Windeseile zu und bereinigte somit die Situation. Die fokussierten Verteidiger Cathcart, Kabasele, Masina und Co. klärten 41 Mal den Ball, 17 Mal mehr als ihr Saisonschnitt.

„Die erste Halbzeit war schwer“, gestand Jürgen Klopp auf der Pressekonferenz, „es gab viele zweite Bälle, viel Laufen, wir hatten viel vom Ball aber kamen gegen eine richtig gut organisierte und eingestellte Mannschaft nicht in die richtige Positionen, um zu flanken oder abzuschließen“.

Zum ersten Mal seit März 2019 erzielte der FC Liverpool kein Tor. Zum ersten Mal seit Februar 2019 hatte Klopps Offensive nur einen Schuss aufs Tor vorzuweisen. „Wir fanden keinen Weg da durch“, sagte Abwehrchef Van Dijk nach Schlusspfiff.

3. Effizienz

Liverpool kam deutlich besser aus der Pause. „Wir redeten in der Halbzeit und ich mochte den Start in den zweiten Durchgang sehr“, erklärte Klopp. Doch genau dann schlug Watford eiskalt zu.

55. Minute. Adam Masina wirft den Ball auf Strafraumhöhe ein, Dejan Lovren stellt seinen Gegenspieler und verpasst es dabei, den aufspringenden Ball per Kopf anzugehen. Die Kugel landet bei Doucouré, der das Spielgerät mit der Brust gegen den passiven Van Dijk behauptet und scharf querlegt. Ismaïla Sarr reagiert schneller als Andrew Robertson und staubt zum 1:0 ab.

Das Tor war sinnbildlich für das gesamte Spiel. Watford wirkte bissiger, hungriger und wacher, während der FC Liverpool behäbig zu Werke ging. Ähnlich wie nur sechs Minuten später, als gleich zwei Spieler der Gäste den Ball an Höhe der Mittellinie im Aus wähnten und den Arm hoben. Will Hughes reagiert, legt auf Deeney ab, der den pfeilschnellen Sarr auf die Reise schickte. Der 22-jährige Senegalese enteilte Van Dijk mit großen Schritten und überlupfte den herauseilenden Alisson nervenstark zum 2:0. Nur zwölf weitere Zeigerumdrehungen später folgte die Entscheidung, als Trent Alexander-Arnold ungewohnt fahrlässig einen Rückpass in die Füße des allseits präsenten Sarrs spielte. Der Doppeltorschütze reagierte gedankenschnell, legte vor dem heranstürmenden Alisson auf Deeney, der den Ball vom Strafraumeck aus lässig ins leere Tor schlenzte.

Watford hatte zwar nur 29% Ballbesitz, wusste ihn allerdings gezielt in 14:7 Torschüsse und letztendlich drei Treffern umzuwandeln.

(Photo by Luke Walker/Getty Images)

Message perfekt umgesetzt

„Wir haben nicht so performt, wie wir sollten“, sagte Klopp. Doch anders als in den letzten Wochen, als die Formkurve Liverpools trotz der Resultate nach unten zeigte, trafen sie am Samstag auf einen Gegner, der dies ausnutzen wusste.

„Sie sind so eine herausragende Mannschaft, wir mussten unsere Performance hinbekommen – so nahe am Maximum wie möglich – und ich glaube wir haben es absolut verdient, zu gewinnen“, bilanzierte Nigel Pearson, ehe er die Schlüssel zum Sieg hervorhob: „Jeder einzelne da draußen lieferte das ab, was er abliefern sollte. Wir haben sie mit dem Ball bedroht, mit Disziplin, Energie und Entschlossenheit verteidigt. Das war vom ersten Tag an die Message“.

Am Samstagabend wurde diese in Perfektion umgesetzt, sodass selbst der unbezwingbare FC Liverpool nach einem Jahr, einem Monat und 28 Tagen tatsächlich bezwungen werden konnte…

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Chris McCarthy

(Photo by Luke Walker/Getty Images)

Chris McCarthy

Gründer und der Mann für die Insel. Bei Chris dreht sich alles um die Premier League. Wengerball im Herzen, Kick and Rush in den Genen.

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