CL | Reifeprüfung für Flick und Bayern bei Chelsea!

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Am Dienstagabend tritt der FC Bayern im Hinspiel des Achtelfinale der Champions League beim FC Chelsea an der Stamford Bridge an. Für den Rekordmeister steht einiges auf dem Spiel, auch Chelsea will sich beweisen. Vorab sprachen wir mit Johannes Mittermeier (FOCUS Online), um auf das Duell vorauszublicken.

Anstoß der Partie ist um 21:00 Uhr, das Spiel wird Live bei Sky Sport übertragen.

FC Bayern: Welches ist das wahre Gesicht?

Dass der FC Bayern München nach dem Trainerwechsel von Niko Kovac zu Hansi Flick eine Entwicklung durchlaufen hat, ist unbestreitbar. Der Rekordmeister entwickelte zumindest phasenweise wieder eine ungeheure Wucht und Spielfreude, ist wieder dort angekommen, wo man nach eigenem „Mia san Mia“-Selbstverständnis hingehört: An der Tabellenspitze. Auch wenn vor dem Spiel an der Stamford Bridge noch einige Teilaspekte des Spiels verbessert werden müssen und längst noch nicht alles wie geplant funktioniert, ist man auf einem guten Weg.

(Photo by Sebastian Widmann/Bongarts/Getty Images)

„Ich sehe Bayern in der Lage, gegen jede Mannschaft der Welt zu gewinnen. Diese Aussage hätte ich im Herbst nicht getätigt, sodass die Entwicklung schon sehr positiv ist. Ganz banal: Mir macht’s wieder Spaß, die Spiele zu verfolgen. Allerdings sind diese Leistungsdellen und -schwankungen auffällig, zumal ich finde, dass sich Hansi Flick beim In-Game-Coaching – schönes Wort – noch steigern muss. Trotzdem: Der FC Bayern ist wieder der FC Bayern, eine annehmbare Zwischenbilanz aus meiner Sicht“, fasst Johannes Mittermeier den derzeitigen Ist-Stand zusammen.

Die größten Fortschritte unter Flick konnte der FC Bayern im Spiel gegen den Ball machen. Das Pressing ist deutlich effizienter als noch unter Kovac. Es ermöglicht der Mannschaft höher zu stehen, frühere Ballgewinne zu provozieren und im Anschluss daran schnell und direkt den Weg nach vorne zu suchen. Sofern dieses Pressing mit der entsprechenden Konzentration ausgeführt wird, entsteht eine Dauerdrucksituation, aus der sich der Gegner nur schwer befreien kann. Im Spiel gegen den 1. FC Köln sorgte eine solche Anfangsphase dafür, dass die Partie bereits nach elf Minuten so gut wie entschieden war.

Die größten Ansatzpunkte für Flick: Absicherung, Kontrolle, Konstanz

Allerdings ist nicht alles Gold, was dieser Tage rund um den Rekordmeister glänzt. Der FC Bayern, der in der Gruppenphase mit sechs Siegen souverän Tottenham, Olympiakos und Crvena Zvezda hinter sich ließ, steht vor seiner bislang schwersten Aufgabe in der diesjährigen Saison in der Königsklasse. Die Konzentration muss über die gesamte Spieldauer hochgehalten werden – und genau das könnte zum Problem werden.

(Photo by Christian Kaspar-Bartke/Bongarts/Getty Images)

Die Leistungsdellen, die in der zweiten Halbzeit vermehrt auftraten, gilt es abzustellen. Auffällig war, dass der Rekordmeister nicht in den Verwaltungsmodus schaltete und das Spiel kontrollierte, sondern vielmehr anfälliger wurde und sich das Spiel aus den Händen nehmen ließ. Es fehlt der Mannschaft derzeit an der Fähigkeit, den Ball und den Gegner laufen zu lassen und selbst nach dem engagierten Pressing durchzuschaufen, um weitere Druckphasen erzeugen zu können.

„Die Einbrüche in der zweiten Halbzeit sind mir nicht erklärlich. Körperliche Gründe hat es nach der Winterpause nicht, Konzentrationsschwächen wären unüblich für Bayern, an mangelnder Gier kann’s auch nicht liegen, wenn man sieht, wie sich Spieler wie Thomas Müller noch immer über Last-Minute-Siege gegen Freiburg freuen. Grundsätzlich gefällt mir die Intensität, das kollektive Pressing sowie die Variabilität in der Offensive – wenn es läuft. Andernfalls bräuchte es in meinen Augen den berühmten Plan B, vielleicht sogar C, und unabhängig davon bleibt die Defensive ein Sorgenfall. Selbst hinter Dauerläufer Benjamin Pavard setze ich ein Fragezeichen“, sieht auch Johannes Mittermeier Nachholbedarf.

Insgesamt meckert man beim FC Bayern wieder auf einem deutlich höheren Niveau. Gegen hochklassige Gegner können die angesprochenen Defizite aber teuer werden. Hansi Flick, der auch Argumente für eine Weiterbeschäftigung über den Sommer hinaus sammeln will, muss dafür nun Lösungen finden. In seinem bisher wohl größten Spiel als Cheftrainer.

FC Chelsea: Eine sehr gute Mischung

Frank Lampard und der FC Chelsea wurden vor der Saison mit einer schwierigen Ausgangslage konfrontiert. Die gegen die „Blues“ verhängte Transfersperre schränkte den Handlungsspielraum im Sommer enorm ein, was dazu führte, dass Chelsea vermehrt auf junge Spieler setzte. Immerhin konnten sich die „Blues“ ihrer großen „Loan Army“, also einem großen Pool ausgeliehener Spieler, bedienen. Was den Verantwortlichen zunächst die Sorgenfalten in das Gesicht trieb, erwies sich schnell als große Chance für Chelsea. Denn junge Akteure wie Reece James, Fikayo Tomori, Mason Mount, Callum Hudson-Odoi oder Tammy Abraham blühen in dieser Saison auf.

Die dem Klub aufgezwungene Verjüngungskur hatte enorm positive Auswirkungen auf die Homogenität im Kader. Die angesprochenen jungen Spieler fügen sich vorbildlich ein, erfahrene Kräfte wie Cesar Azpilicueta, Willian oder Olivier Giroud können die Mannschaft führen. Gute Ansätze in den ersten Wochen und vor allem auch eine herausragende Torquote des wuchtigen Angreifers Abraham ließen schnell eine Art Euphorie rund um die Stamford Bridge entstehen.

(Photo by Clive Rose/Getty Images)

Doch war für den FC Bayern gilt, trifft auch auf Chelsea zu. Es gibt noch jede Menge Aspekte im Spiel, die verbessert werden müssen. Lampard ist noch ein vergleichsweise unerfahrener Trainer, der die Situation beim den Blues weitgehend sehr gut handhabt. Die vergangenen beiden Spiele gegen Manchester United und Tottenham verdeutlichten die Bandbreite der Auftritte Chelseas sehr gut.

Gegen Tottenham spielte die Lampard-Elf sehr zielstrebig und geduldig, beschäftigte die gegnerische Defensive fortwährend sehr gut mit cleveren Bällen aus dem Zentrum, vorzugsweise durch Jorginho und Matteo Kovacic. Der 2:1-Sieg war absolut verdient und ein Gegenentwurf zur Pleite kurz zuvor gegen die Red Devils, als Chelsea teilweise übermotiviert und zu kopflos agierte. Der Reifeprozess, den Trainer und Mannschaft durchlaufen, ist also noch lange nicht abgeschlossen.

Lampards Bewährungsprobe auf der großen Bühne

Die Spiele gegen den FC Bayern sind für Chelsea eine sehr gute Standortbestimmung. Die Gruppenphase verlief insgesamt durchwachsen, nur ein Heimspiel (2:1 gegen Lille) konnte gewonnen werden. Mit elf Punkten zog Chelsea hinter Valencia und vor Ajax Amsterdam und dem OSC Lille in das Achtelfinale ein, in Erinnerung blieb vor allem das 4:4 zuhause gegen die Niederländer. Die nun anstehenden K.O.-Duelle sind aber nicht mit der Gruppenphase zu vergleichen.

Einige Spieler im Chelsea-Kader haben noch kein solches Europapokalspiel absolviert, müssen auf diesem Level noch dazulernen. FocusOnline-Redakteur Johannes Mittermeier sieht darin aber auch eine Chance für die Engländer: „Gemünzt auf die Champions League dürfte es die Vokabel „unreif“ tatsächlich treffen. Wobei darin ja auch eine Chance für Chelsea und Gefahr für Bayern liegt: Die Außenseiterrolle könnte den Blues liegen.“

 (Photo by OLLY GREENWOOD / AFP)

Trainer Frank Lampard wird im Umfeld aber nicht nur für seine Ausrichtung gelobt, es gibt auch kritische Stimmen. Der Umgang mit Torhüter Kepa, der in den letzten Spielen von Willy Caballero ersetzt wurde, ist ein heikles Thema. Zuletzt berichteten englische Medien auch, dass die Qualifikation für die Königsklasse das Primärziel in dieser Saison ist. Sollte das nicht gelingen, dann werde man auch über die Personalie Lampard diskutieren.

Chelseas Waffen können Bayern vor Probleme stellen

Die Blues verfügen generell über ein großes Repertoire an Stärken, die gegen den FC Bayern eingesetzt werden sollen. Insbesondere wenn der Gast aus München in gewohnter Manier sehr hoch verteidigt, ergeben sich Ansätze für die Engländer. Jorginho und Kovacic sind in der Lage mit präzisen Pässen genau die Lücken anzusteuern, die schwer zu schließen sind. Selbst ohne den verletzt fehlenden N´Golo Kante ist das Mittelfeldzentrum das Aushängeschild. Kovacic und Jorginho sind spielstark, davor dürfte Mount wirbeln, der enorm dynamisch ist und über einen sehr guten Schuss verfügt. „Persönlich mag ich Mason Mount, der Junge wird seinen Weg gehen und erinnert mich durch seinen Offensivdrang ein bisschen an Lampard selbst„, lobt auch Johannes Mittermeier den 21-jährigen.

(Photo by Michael Regan/Getty Images)

Generell spielt Chelsea häufig in einem 4-1-4-1- oder 4-2-3-1-System, auch wenn zuletzt gegen Tottenham eine Dreierkette das Mittel der Wahl war. Die Blues sind in der Lage, das System auch während des Spiels zu verändern, haben einige Spieler in ihren Reihen, die auf mehreren Positionen eingesetzt werden können. Doch zurück zu den Ansatzpunkten gegen den FC Bayern. Der erfahrene Brasilianer Willian soll in der Offensive eine wichtige Rolle spielen. Der 32-Jährige dürfte gesetzt sein und bringt mit seiner Technik und Ballkontrolle ein sehr gutes Gesamtpaket mit.

Auch Abraham, der nach einer langwierigen Blessur gegen die Spurs sein Comeback gab, ist ein wichtiger Mosaikstein im Angriffsspiel der Blues. Der großgewachsene Engländer (13 Tore in der Liga) ist Zielspieler, kann Bälle sehr gut festmachen und ist eine Waffe bei Standards. Allerdings hatte er vor seiner Verletzung – genau wie Mount – eine Leistungsdelle in seinem Spiel. Offen ist noch, wer die Angriffsreihe komplettiert. Der erfahrene Pedro hat ebenso Ansprüche auf einen Einsatz wie Hudson-Odoi, der Bayern-Flirt aus dem letzten Jahr. Die Mischung aus Tempo und Ballsicherheit im offensiven Drittel stimmt bei Chelsea, der FC Bayern muss sich darauf einstellen, in mehreren Spielsequenzen unter Druck zu geraten.

Bayern muss Chelsea fordern

Aber der Rekordmeister hat natürlich auch eigene Ansätze, die Chelsea gefährlich werden können – und das abgesehen von der herausragenden individuellen Qualität von Spielern wie Thiago, Robert Lewandowski, Serge Gnabry und dem formstarken Thomas Müller. So vielversprechend die Ansätze Chelseas im Spiel nach vorne auch sind, defensiv herrscht Nachholbedarf. Individuelle Fehler ziehen sich bereits durch die gesamte Saison, weder Tomori, noch Antonio Rüdiger, Andreas Christensen oder Kurt Zouma spielen konstant auf einem hohen Level. 37 Gegentore in der Liga – die meisten der „Top Neun“ – sprechen hier eine klare Sprache.

(Photo by Catherine Ivill/Getty Images)

An diesem Punkt muss der FC Bayern aktiv werden. Gelingt es dem Rekordmeister, die Defensive der Blues permanent zu beschäftigen und viel zu bewegen, dann ergeben sich automatisch Lücken. Die Klasse eines Müller, der eben jene Lücken erkennen, besetzen und bespielen kann, ist hier ebenso gefragt wie die Geradlinigkeit eines Gnabry, der nicht stur auf dem Flügel agiert, sondern immer wieder auch in der Mitte auftaucht und versucht den Abschluss zu suchen.

Das unter Flick bereits angesprochene verbesserte Spiel gegen den Ball könnte zudem für Schweißperlen auf der Stirn der Chelsea-Verteidigung sorgen. Es fehlt der dominante Aufbauspieler in der Abwehr, vieles hängt von Jorginho ab. Rüdiger und Christensen sind beide in der Lage ein solides Aufbauspiel aufzuziehen und haben auch die Fähigkeit, den ein oder anderen präzisen Pass zu spielen, eine traumwandlerisch sichere Pressingresistenz sieht aber anders aus. Hält der Gast aus München das Tempo hoch und schafft es vor allem über 90 Minuten mehrere Druckphasen zu kreieren, wird Chelsea große Probleme bekommen.

Prognose

Chelsea ist jung, spielfreudig und dynamisch. Aber Chelsea hat auch noch einige Probleme und schafft es – wie der FC Bayern – derzeit nicht, 90 Minuten auf hohem Niveau zu spielen. An der Stamford Bridge kann ein enges, möglicherweise sogar wildes Spiel erwartet werden. Wer die Schwächephasen des Gegners besser nutzt, hat eine gute Chance, sich eine sehr gute Ausgangslage für das Rückspiel zu verschaffen.

Experte Johannes Mittermeier legt sich bei der Frage nach dem Weiterkommen schon einmal fest: „Der FC Bayern, weil ich mir nicht vorstellen kann, dass Chelsea in vier Halbzeiten stark genug ist, um Münchner Defizite auszunutzen!“

Mögliche Aufstellungen

Bei Chelsea stellt sich die Frage, ob mit drei Innenverteidigern oder mit einer Viererkette gespielt wird. Die Ausfälle von Pulisic und Hudson-Odoi sorgen dafür, dass der Mannschaft Tempo abhanden kommt. Die Dynamik von Mount wird noch wichtiger, Willians Fähigkeiten wurden bereits angesprochen. Sollte Chelsea mit einer Dreierkette aus Azpilicueta, Christensen und Rüdiger auflaufen, spielt der junge Reece James gemeinsam mit Alonso davor. In einem 4-2-3-1 hat Pedro gute Chancen auf einen Einsatz.

Die Aufstellung des Gastes aus München ist deutlich leichter vorherzusehen. Boateng und Lucas Hernandez kämpfen um einen Platz in der Innenverteidigung, eine weitere Entscheidung dürfte zwischen Coman und Goretzka fallen. Sollte Goretzka spielen, rückt Müller auf die Außenposition.

FC Chelsea: Caballero – Azpilicueta, Christensen, Rüdiger, Alonso – Kovacic, Jorginho, Mount, Pedro (James), Willian – Abraham (Giroud)

Es fehlen: Ruben Loftus-Cheek, N’Golo Kante, Marco van Ginkel, Christian Pulisic, Callum Hudson-Odoi

FC Bayern: Neuer – Pavard, Boateng, Alaba, Davies – Kimmich, Thiago, Müller, Gnabry, Coman (Goretzka) – Lewandowski

Es fehlen: Niklas Süle, Ivan Perisic

(Photo by Christian Kaspar-Bartke/Bongarts/Getty Images)

Manuel Behlert

Vom Spitzenfußball bis zum 17-jährigen Nachwuchstalent aus Dänemark: Manu interessiert sich für alle Facetten im Weltfußball. Seit 2017 im 90PLUS-Team. Lässt sich vor allem von sehenswertem Offensivfußball begeistern.

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