Stuttgart. Es gibt Fragen, die ein Trainer einmal beantwortet, zweimal, dreimal – und dann nicht mehr. Sebastian Hoeneß war am Dienstag an diesem Punkt. Angesprochen auf die Form seines Kapitäns Deniz Undav, drei Spiele ohne Tor, gegen Köln nach 70 Minuten ausgewechselt, holte der VfB-Trainer aus: „Jetzt muss ich mal einen Pflock reinsetzen. Das nimmt langsam überhand.“
Was Hoeneß gesagt hat
Die Verteidigung hatte drei Ebenen. Erstens das Verdienst: „Deniz Undav ist ein ganz großer Bestandteil dessen, dass wir morgen Champions League spielen. Das muss einfach allen klar sein.“ Zweitens die Relation: „So katastrophal wie jetzt hier teilweise die Berichterstattung gewesen ist, hat er auch nicht gespielt. Er hat jetzt vielleicht nicht an seinem Peak gespielt, aber jetzt auch nicht irgendwie verweigert oder jeden Ball verloren.“
Und drittens ein Satz, der die Debatte auf eine andere Ebene hebt: „Wer Deniz Undav anhand von Statistiken erklären will, hat aus meiner Sicht schon verloren. Er ist da, wo er heute ist, weil er seinen eigenen Weg gegangen ist und einen eigenen Kopf hat. So muss man ihn auch angehen.“ Undav sei „immer wertvoll, auch wenn er vielleicht mal nicht die besten Aktionen hat“ – ein Spieler, der das Spiel „unglaublich gut versteht und lesen kann“ und der ihm als Trainer „sehr gute Impulse“ gebe.
Worum es geht
Undav, 30, ist seit dieser Saison Kapitän. In der Vorsaison erzielte er zusammen mit Ermedin Demirović und Jamie Leweling 38 der 71 Stuttgarter Tore. Sein Weg dorthin ist der, den Hoeneß meint: TSV Havelse, Braunschweig II, Meppen, Union Saint-Gilloise, Brighton, Stuttgart – ein Spieler, der mit 24 noch in der Regionalliga stand und mit 28 Nationalspieler wurde. Kein Akademieprodukt, keine Datenbank-Entdeckung.
Der Saisonstart war unauffällig. Beim 2:5 in München und beim 4:1 gegen Köln blieb Undav ohne Tor, dazu kamen Beschwerden an der Achillessehne, über die Hoeneß selbst berichtet hatte. Vor dem Champions-League-Auftakt gegen Viking Stavanger stellte er klar: Undav habe „problemlos trainiert“.
Warum die Reaktion so deutlich ausfiel
Man kann Hoeneß‘ Ton als Reflex lesen – ein Trainer, der seinen Kapitän schützt, bevor eine Debatte zur Belastung wird. Man kann ihn auch als Hinweis auf die Kaderlage lesen. Mit Dzenan Pejčinović hat der VfB im Sommer einen 25-Millionen-Stürmer geholt, der gegen Rostock einen Hattrick erzielte und seither zweimal in der Startelf stand. Die Frage, ob Undav noch der erste Neuner ist, stellt sich dadurch von selbst. Hoeneß beantwortet sie, indem er sie nicht als Frage der Tore beschreibt, sondern als Frage der Spielintelligenz.
Das ist ein Argument, das eine Weile trägt. Aber nicht ewig. Ein Stürmer, der über Spielverständnis erklärt wird, braucht irgendwann wieder ein Tor, damit die Erklärung nicht zur Entschuldigung wird. Die nächste Gelegenheit ist am Mittwochabend um 18.45 Uhr – vorausgesetzt, Hoeneß stellt ihn auf.

