Am 22. Mai 2010 stand José Mourinho auf dem Rasen des Santiago Bernabéu und hatte gerade mit Inter Mailand die Champions League gewonnen – 2:0 gegen Bayern, Milito zweimal, das Triple perfekt. Wenige Wochen später war er Trainer von Real Madrid. Heute Abend, 16 Jahre später, steht er wieder in diesem Stadion, wieder als Real-Trainer, und ihm gegenüber sitzt Cristian Chivu, der 2010 als Spieler in seiner Startelf stand. Es ist der erste Spieltag der Ligaphase, und er könnte kaum mehr Geschichte tragen.
Real: Der Druck ist nach vier Spielen schon da
Mourinho war mit drei Siegen in die Saison gestartet – 2:1 bei Espanyol, 4:1 gegen Real Sociedad, 4:0 gegen Málaga. Dann kam Freitag: 0:1 bei Betis, ein Spiel mit einem Expected-Goals-Wert von über drei, einem Lattentreffer, einem aberkannten Ausgleich und einem verschossenen Elfmeter von Mbappé in der Nachspielzeit. „Manchmal verliert man und weiß nicht, warum“, sagte Mourinho danach. Heute Abend muss er es wissen.
Dazu kommt ein Personalproblem. Laut Football Italia fehlen Bernardo Silva, Eduardo Camavinga und Arda Güler gesperrt, Aurélien Tchouaméni fällt aus. Das Mittelfeld dürfte Federico Valverde mit Jude Bellingham bilden. Vorn steht Kylian Mbappé, dahinter Vinícius Júnior und – so die übereinstimmende Erwartung – der 125-Millionen-Neuzugang Yan Diomande. Rechts hinten könnte laut Sky Italia Denzel Dumfries beginnen: der Niederländer, der im Sommer von Inter kam und heute gegen seinen alten Klub spielt.
Die Bilanz, die für Real spricht, ist Mourinhos eigene: In seiner ersten Amtszeit gewann er 24 von 36 Champions-League-Spielen mit Madrid, in 35 davon traf seine Mannschaft. In der Vorsaison holte Real fünf Siege aus sieben Heimspielen in der Königsklasse. Die Bilanz, die dagegen spricht: zwei Viertelfinal-Ausscheiden in Folge seit dem Titel 2024 – und eine persönliche Vorgeschichte gegen Inter, die laut italienischen Medien nicht zu seinen Gunsten ausfällt.
Inter: Meister, Pokalsieger, 15 Spiele ungeschlagen
Chivu kommt mit einer Mannschaft, die in Italien alles gewonnen hat, was es zu gewinnen gab: Scudetto und Coppa Italia 2025/26, drei Siege aus drei Serie-A-Spielen in dieser Saison, zuletzt gegen Napoli. Inter ist seit 15 Pflichtspielen ungeschlagen und hat in jedem davon getroffen. Auswärts gab es zuletzt sechs Spiele ohne Niederlage.
Der Makel liegt in Europa. Inter erreichte in den 2020er-Jahren zwei Champions-League-Finals und verlor beide – und schied in der Vorsaison in den Play-offs gegen Bodø/Glimt aus, nach fünf Niederlagen in den letzten sechs Königsklassen-Spielen. Das Ziel diesmal: die direkte Qualifikation für das Achtelfinale, ohne Umweg über die Play-offs. Der Auftakt dafür ist der schwerstmögliche.
Personell fehlt Djed Spence mit Wadenproblemen, Federico Dimarco hat Knieprobleme und könnte geschont werden – ein Verlust, weil seine Flanken von links Lautaro Martínez‘ wichtigste Versorgung sind. Im Sturm stellt sich die Frage Pio Esposito oder Marcus Thuram; der Franzose traf am Wochenende als Joker und drängt auf seinen ersten Startelfeinsatz der Saison. In der Abwehr stehen mit Manuel Akanji und John Stones zwei Sommerzugänge aus Manchester, dazu Yann Bisseck.
Voraussichtliche Aufstellungen
Real Madrid (4-2-3-1): Courtois – Dumfries, Konaté, Huijsen, Cucurella – Valverde, Bellingham – Diomande, Díaz, Vinícius – Mbappé
Inter (3-5-2): J. Martínez – Bisseck, Akanji, Bastoni – Luis Henrique, Barella, Çalhanoğlu, Zieliński, Carlos Augusto – Lautaro, Thuram/Esposito
Nach Football Italia und Sky Italia, Stand Dienstagmittag.
Worauf es ankommt
Erstens: Reals Mittelfeld ohne Camavinga und Tchouaméni gegen Inters Zentrum. Hakan Çalhanoğlu gehörte in der Vorsaison zu den effektivsten Linienbrechern der Champions League; wenn Inter durch Reals Pressing spielt statt tief zu stehen, entscheidet sich dort das Spiel.
Zweitens: Die Frage, ob Real nach Sevilla trifft. Die Chancen waren da, die Tore nicht. Gegen eine Dreierkette mit Akanji und Stones, die seit Jahren Premier-League-Angriffe verteidigt, wird das nicht einfacher.
Drittens: Mourinho gegen Chivu. Der Lehrer gegen den Schüler, im Stadion des gemeinsamen Triumphs. Der eine hat gerade seine erste Niederlage erlebt, der andere ist seit Februar ungeschlagen. Nur einer von beiden wird heute Abend über 2010 sprechen wollen.
Das Finale dieser Champions-League-Saison findet am 5. Juni 2027 in Madrid statt – im Metropolitano, nicht im Bernabéu. Für Real wäre es das erste Heimfinale seit 1957. Der Weg dorthin beginnt heute gegen den Klub, mit dem Mourinho im Bernabéu schon einmal gewann.

