| Spotlight England

Christian Eriksen – Ein überlebenswichtiger Verbleib?

7. September 2019
Chris McCarthy

author:

Christian Eriksen – Ein überlebenswichtiger Verbleib?

Spotlight | Im Juni 2019 entschied sich Christian Eriksen, Gespräche über eine Vertragsverlängerung bei Tottenham abzubrechen, um eine neue Herausforderung zu suchen.

Der Abschied aus dem Norden Londons schien nach sechs Jahren unausweichlich. Immerhin läuft der Vertrag des Dänen 2020 aus und die Spurs sind nach dem teuren Stadionbau finanziell nicht gerade auf Rosen gebettet. Auf eine Ablösesumme in Höhe von mindestens 50 Millionen Euro zu verzichten und Eriksen ablösefrei ziehen zu lassen, passt dabei nicht gerade in den Businessplan. Nichtsdestotrotz, nach einem Sommer anhaltender Spekulationen bleibt Eriksen Tottenham vorerst erhalten.

Pochettino wird erleichtert sein, denn seine Mannschaft hat ein Problem mit der Kreativität.

(Photo by Ian Walton/Getty Images)

Pragmatismus statt Kreativität

Bereits letzte Saison hatten die Tottenham Hotspur mit der Kreativität zu kämpfen. Damals war das noch leicht auf den kleinen und überspielten Kader zurückzuführen, der zudem eine Vielzahl an signifikanten Verletzungen kompensieren musste. Mauricio Pochettino wählte einen passiveren und damit kräfteschonenderen Spielansatz. Die Chancen nahmen ab und man verließ sich auf seine herausragende Effizienz, defensiv wie offensiv, sowie eine beachtliche Mentalität.

Der Ansatz wurde von Erfolg gekrönt. Dank eines Kraftakts marschierten die Lilywhites nicht nur in das Finale der Champions League, wo sie sich Liverpool letztendlich geschlagen geben mussten. Sie erreichten auch das wichtigste Saisonziel, eine erneute Platzierung innerhalb der Top-Four, denn die Königsklasse ist bei der positiven Entwicklung des Klubs essenziell, für Geldbeutel und Ruf.

So groß die Rolle des taktisch flexiblen Trainers sowie die tatkräftige Unterstützung der Konkurrenz auch war (Arsenal gewann nur zwei der letzten sechs Spiele), ohne Christian Eriksen wäre all das nicht möglich gewesen.

Der Spielmacher sorgte dafür, dass das Maximum aus den sinkenden Spielanteilen herausgeholt werden konnte. Eriksen erzielte insgesamt zehn Tore und führte seine Mannschaft sowohl in Assists (16) als auch Torschussvorlagen pro Spiel (2,37) an.

(Photo by Julian Finney/Getty Images)

Neues Jahr, gleiches Problem

2019/2020 ist der Kader weiterhin nicht der größte, dafür aber deutlich ausgeruhter, fitter und nach den Verpflichtungen von Tanguy Ndombélé und Giovani Lo Celso gerade in der Schaltzentrale besser besetzt. Die Probleme hinsichtlich der Kreativität bestehen allerdings weiterhin, vor allem dann, wenn Tottenham das Spiel machen muss.

Das war insbesondere bei den Heimspielen gegen Aston Villa und Newcastle der Fall. Spiele, die eine Mannschaft mit der Qualität der Spurs eigentlich gewinnen sollte. Auch ohne Christian Eriksen, auf den Pochettino in Anbetracht seiner zu dem Zeitpunkt unklaren Zukunft bewusst verzichtete.

Gegen Aston Villa ging Tottenham früh in Rückstand und hatte es anschließend mit einem Gegner zu tun, der mit Mann und Maus verteidigte. Nach 65 Minuten hatten die Spurs rund 80% Ballbesitz vorzuweisen. Ohne Eriksen wussten sie allerdings nicht, ihr spielerisches Übergewicht in Torchancen umzumünzen. Die Offensive wirkte statisch, ideenlos und verzweifelt. Statistisch gesehen, hatte sich Tottenham lediglich 0,97 expected goals (xG) erarbeitet.


xG

Gemessen an historischen Daten und diversen Faktoren, wie die Entstehung einer Chance (Flanke, Kurzpass etc.), bemisst “xG” auf einer Skala von 0 bis 1, wie wahrscheinlich es ist, in einer bestimmten Situation und Position ein Tor zu erzielen. Ein Schuss mit 0,75 xG entspräche beispielsweise einer Torwahrscheinlichkeit von 75%. Ein Wert von 2,55xG in einem Spiel bedeutet, dass alle Chancen in diesem Spiel zusammen addiert theoretisch in 2,55 Tore resultieren sollten.


Dänische Impulse

Erst mit der Einwechslung Eriksens wurden die Angriffe durchdachter und zielorientierter. In den letzten 25 Minuten erarbeiteten sich die Spurs nicht nur mehr, sondern qualitativ hochwertigere Chancen, in Zahlen 1,6 xG. Die Spurs drehten das Spiel und gewannen mit 3:1.

Der Spielmacher legte drei Torschüsse vor und hatte dabei mit 0,52 den höchsten xA-Wert (expected Assist) vorzuweisen. Das demonstriert, dass seine Vorlagen den jeweiligen Abnehmer in aussichtsreiche Positionen brachten.

Im zweiten Heimspiel gegen Newcastle konnte selbst Eriksen das Kreativitätsproblem nicht lösen. Der Einfluss des Spielgestalters nach seiner Einwechslung in der 65. Minute war sichtbar. Binnen 25 Minuten schoss er zwei Mal auf das Tor und bereitete weitere zwei Torschüsse vor. Aber auch seine Impulse waren nicht von Effizienz gekrönt. Die Magpies verteidigten um ihr Leben, ließen lediglich 1,26 xG zu, wovon sich immerhin 0,94 erst nach Eriksens Hereinnahme ergaben.

(Photo by Dan Istitene/Getty Images)

Überlebenswichtiger Verbleib

In Duellen, in denen der Gegner das Spiel macht, ist die Mannschaft mit der passiveren Spielausrichtung dank der schnellen, beziehungsweise abschlussstarken Heung-Min Son, Lucas Moura und Harry Kane weiterhin gut aufgestellt. Auswärts gegen Manchester City schoss man trotz 3:30 Schüssen, 20:181 Pässen im Angriffsdrittel und 0,22 zu 3,0 xG sensationellerweise zwei Tore und holte einen (glücklichen) Punkt.

Beim 2:2 auswärts gegen Arsenal erarbeitete man sich zumeist aus Kontersituationen 1,93 xG und nutzte diese effizient aus. Auch hier war Eriksen mit seinen klug initiierten Gegenangriffen, den meisten Torschussvorlagen seiner Mannschaft und einem Tor maßgeblich am Punktgewinn beteiligt.

Speziell nach den Kostproben der noch jungen Saison dürfte Tottenham 2019/2020 jedoch vermehrt auf Gegner treffen, die die Probleme der Londoner erkannt haben und daher kompakt sowie defensiv agieren werden. In diesen Spielen werden zwar ruhmlosere aber dafür deutlich mehr Punkte vergeben als in den Duellen mit den Top-Teams der Premier League.

Während Pochettino also versucht, die Offensive gefährlicher zu gestalten und Eriksens potentieller Nachfolger Giovani Lo Celso die Umstellung an die Premier League meistert, dürfen die Spurs glücklicherweise weiterhin auf die Kreativität Christian Eriksens zurückgreifen. Bei den Liga-meisten 547 kreierte Chancen und 60 Assists seit seiner Debüt-Saison 2013/2014, könnte alleine er den Unterschied zwischen Platz fünf und Platz vier ausmachen.

In Anbetracht der Einnahmen und des Prestiges durch die Champions League könnte Eriksens Verbleib weitaus wertvoller sein als 50 Millionen Euro Ablöse. Für die aufstrebenden Londoner könnte er überlebenswichtig sein, denn ein Jahr ohne Königsklasse passt noch viel weniger in den Businessplan…

Chris McCarthy

(Photo by Julian Finney/Getty Images)

Chris McCarthy

Chefredakteur   Twitter
Leave a comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.