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Der FC Bayern nach dem 7:2: Genießen ja, Euphorie nein

2. Oktober 2019
Manuel Behlert

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Der FC Bayern nach dem 7:2: Genießen ja, Euphorie nein

Nachspielzeit | Es war ein spektakulärer Europapokalabend, den der FC Bayern München am gestrigen Dienstag in London erlebte. Bei den Tottenham Hotspurs gewann der deutsche Rekordmeister mit 7:2 und steht damit schon mit einem Bein im Achtelfinale der Champions League. Der FC Bayern beeindruckte mit gnadenloser Effizienz, hatte aber insbesondere in den ersten 30 Minuten mit den Spurs zu kämpfen. Und das muss in der Nachbetrachtung eine Rolle spielen.

Zunächst einmal sind sieben eigene Treffer in einem Auswärtsspiel der Champions League etwas, worauf man Stolz sein kann. Grundsätzlich lässt sich auch sehr viel Positives aus einem solchen Spiel ziehen und die Spieler nehmen ihrerseits viel mit, erhöhen ihr Selbstvertrauen, treten mit einer breiteren Brust auf. Denn einige Dinge funktionierten sehr gut. Damit es dazu kam, bedurfte es aber einem längerfristigen Vorlauf – und einem Wechsel.

Plan A funktionierte nicht gut

Denn der “Plan A”, mit dem Niko Kovac in das Spiel ging, funktionierte nicht. In den ersten 30 Minuten schaffte es der FC Bayern nicht, das Pressing der Spurs auszuhebeln. Die Folge: Ballverluste, die den Engländern Chancen ermöglichten. Nicht selten musste Manuel Neuer eingreifen, beim Tor von Heung-min Son konnte auch der Nationaltorhüter nichts ausrichten. Einem sehr schönen Treffer von Joshua Kimmich war es außerdem zu verdanken, dass es nach einer halben Stunde 1:1 stand.

(Photo by Catherine Ivill/Getty Images)

Die Idee, Thiago durch Tolisso zu ersetzen, schlug fehl. Die Pressingresistenz des Spaniers fehlte auf dem Platz, Tolisso war häufig falsch postiert, was Auswirkungen auf die gesamte Stabilität im Spiel des FC Bayern hatte. Tottenham, das bisher in dieser Saison von der eigenen Topform weit entfernt ist, wurde dazu eingeladen, die Elemente ins Spiel einzubringen, die sie vor allem in der letzten Saison stark machten. Physisch waren die Spurs in einigen Phasen überlegen, Ndombele walzte nur so durch das Mittelfeld. Bayern fehlte es indes an Ruhe mit dem Ball und an Kompaktheit und Organisation gegen den Ball.

Kurz vor der Halbzeit traf Robert Lewandowski dann zum 2:1, erzielte seinerseits einen sehr sehenswerten Treffer. Das Gefühl in der Halbzeit, wenn man sich noch einmal an Dienstagabend, circa 21:50 Uhr zurückerinnert, war keinesfalls eines, das ein Schützenfest im zweiten Spielabschnitt erwartbar machte. Im Gegenteil.

Der Halbzeitwechsel als Glücksfall

In der Halbzeit musste der FC Bayern dann wechseln. Für David Alaba ging es nicht weiter, Thiago Alcantara wurde eingewechselt. Dadurch verschob sich auf dem Platz einiges. Benjamin Pavard wurde auf die Linksverteidigerposition geschoben, auf der er seine Sache gut machte, Joshua Kimmich rückte nach rechts hinten und zeigte auf beiden Positionen, die er spielte, eine ansprechende bis sehr gute Leistung. Doch das Hauptaugenmerk muss in diesem Fall auf Thiago liegen. Niko Kovac wurde fast schon zu seinem Glück gezwungen, denn was der Spanier in den zweiten 45 Minuten spielte, ging aufgrund des fantastischen Gnabry-Viererpacks beinahe schon unter.

(Photo by Catherine Ivill/Getty Images)

Thiago riss das Ruder sofort an sich, dirigierte das Spiel aus der Tiefe und erhöhte die Ballsicherheit des FC Bayern im Defensivdrittel. Und er spielte mitunter überragende Pässe, wie beim 2:5, als er Gnabry mit einem langen Ball in Szene setzte. Und auch Gnabry profitierte etwas vom Wechsel in der Halbzeit, denn Pavard hielt ihm den Rücken frei, besetzte die Räume klug, sodass er immer eine Option für einen Pass nach hinten war, wenn das Spiel beruhigt und neu aufgebaut werden sollte. Kurzum: Das Spiel des Rekordmeisters war in der 2. Halbzeit besser ausbalanciert, Gnabry nutzte dies mit den Treffern zum 1:3 und 1:4. Während der FC Bayern in der ersten Halbzeit von einem gewissen Spielglück, Manuel Neuer und der gnadenlosen Effizienz lebte, konnte man sich in der zweiten Halbzeit zunächst einmal befreien, den Gegner spielerisch vor Probleme stellen und die in der gesamten Saison schon nicht mehr derart gefestigte Spurs-Defensive ins Schwimmen bringen.

Schnellere Kontrolle nach dem 2:4

Die Spurs kamen durch einen Elfmeter von Harry Kane und die Belebung durch die Einwechslung von Christian Eriksen wieder ansatzweise zurück ins Spiel, gerade der Däne prüfte Manuel Neuer noch einmal mit einem gelungenen Schuss aus der Distanz. Doch die Phase, in der die Gäste aus München schwammen, war viel kürzer als in der ersten Halbzeit. Auch daran hatte Thiago einen großen Anteil, denn er schaffte es neben dem wieder hektischer wirkenden Tolisso einen Ruhepol darzustellen, der – genau wie Coutinho – auch mal den Ball behaupten oder ein Foul ziehen konnte.

(Photo by DANIEL LEAL-OLIVAS / AFP) 

Die Spurs schafften es nicht den Druck aufrecht zu erhalten und stellten die Offensivbemühungen ihrerseits sukzessive ein. Das 2:5 von Gnabry zog Tottenham dann endgültig den Stecker. Die Mannschaft fiel auseinander, beim FC Bayern war jeder Abschluss platziert und Hugo Lloris war wieder und wieder chancenlos. Nach dem Spiel ließ sich der Rekordmeister in der Kurve zurecht von den mitgereisten Anhängern feiern, ein solches Spiel ist nämlich alles andere als alltäglich. Der eingewechselte Thiago, Manuel Neuer, die auf mehreren Positionen gebrauchten Kimmich und Pavard, natürlich Serge Gnabry und auch Robert Lewandowski unterstrichen ihren enormen Wert für die Mannschaft und kurz vor der zweiten Länderspielpause der Saison laufen die Dinge in vielerlei Hinsicht, wie sie sollen.

Die weniger guten Elemente werden angesprochen

Wichtig für den FC Bayern ist aber, dass man sich von dem Ergebnis nicht blenden lässt, sondern dies realistisch einschätzt. Der Spielverlauf wird durch die enorme Destabilisierung der Spurs am Ende etwas verzerrt, vor allem über den “falschen” Plan A von Niko Kovac, die mangelnde Fähigkeit in den ersten 30 Minuten zu reagieren und auch über die Phase nach dem 2:4, so kurz sie auch war, muss gesprochen werden. Man strebt als Topklub auf diesem Level immer nach dem Optimum und will sich in jeder Faser des Fußballspiels weiterentwickeln und dementsprechend ist es positiv zu sehen, dass nach dem Spiel nicht nur Friede, Freude, Eierkuchen herrschte, sondern die Spieler doch noch einmal an die schwierige Phase in diesem Spiel zurückdachten.

Im Endeffekt ist dieses 7:2 ein Abend, an dem man als Spieler gerne zurückdenkt, vor allem, wenn man Serge Gnabry oder Robert Lewandowski heißt. Die Reaktion in der 2. Halbzeit war ein guter, positiver Schritt, sie kam aber unter anderem durch einen erzwungenen Wechsel zustande, gleichzeitig war es nur ein Schritt von vielen, die diese Mannschaft noch gehen kann. Dass man sich in der Nachbetrachtung, wenn die Euphorie langsam aber sicher verflacht, fragt, warum diese Reaktion überhaupt nötig war und warum es nicht gelang, früher Zugriff auf den Gegner zu bekommen, gehört ebenfalls zum Entwicklungsprozess. Zieht man aus diesen Überlegungen die richtigen Schlüsse, dann kann es noch weit gehen für den FC Bayern. Genießen ist erlaubt, Euphorie noch nicht angebracht. Es war nur ein Spiel.

 (Photo by DANIEL LEAL-OLIVAS / AFP) 

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