Samstag, Dezember 5, 2020

Wie Geisterspiele den Bundesliga-Fußball verändern

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Spotlight | Seit Frühling dieses Jahres verändert die Corona-Pandemie unser aller Leben. Im Kontext des Sports bedeuten die nicht mehr ganz so neuen Hygienemaßnahmen, dass kaum bis gar keine Zuschauer:innen in Stadien/Arenen/Hallen dürfen. Geisterspiele stehen seit rund einem halben Jahr auf der Tagesordnung. Doch hat das einen Effekt auf das Spiel? Eine Datenanalyse.

Fehlen die Fans wirklich?

„Die Fans haben uns heute extrem gepusht, das hat sicherlich zum Sieg beigetragen“ – ein Satz, den man von Spielern wie Vereinsverantwortlichen im Fußball immer wieder hört. Die Bedeutung der Stadionatmosphäre und der Unterstützung der Anhänger:innen wird im Sport regelmäßig herausgestellt und als wichtig für das Spiel empfunden. Im Rückstand noch einmal von den Fans angefeuert und zum Ausgleich regelrecht gebrüllt werden, den schmerzenden letzten Sprint von der Stadionaura beflügelt noch anziehen, sich von der hitzigen Stimmung anzünden lassen und nach einem herben Foul die Rudelbildung anzetteln – alles Szenarien, die nur mit vollen Stadionrängen assoziiert werden.

Doch ist das wirklich so? Haben volle Stadien einen Effekt auf das Geschehen auf dem Rasen? Schließlich wird aktuell auch oft die Aussage bemüht, die Fans würden den Spielen natürlich fehlen. Und selbstredend würde niemand abstreiten, dass die Menschen auf den Rängen das Salz in der Suppe sind, ja sogar das Lebenselixier des Sports. Doch geben die Daten her, dass die Corona-bedingten Geisterspiele bzw. kaum besuchten Partien sportlich weniger attraktiv oder zumindest anders verlaufen als mit Zuschauer:innen?

90PLUS hat sich nach dem 7. Bundesliga-Spieltag in die Welt der Zahlen begeben. Anhand verschiedener Kennwerte wird aufgearbeitet, ob und inwiefern Partien im deutschen Oberhaus anders verlaufen. Hierfür wurden die Begegnungen der laufenden Spielzeit mit den vorherigen Saisons verglichen. Um statistisch einigermaßen robust zu arbeiten, wurde nicht nur die vergangene Saison als Vergleich herangezogen, sondern gleich die letzten drei Spielzeiten. Wenn möglich, wurden zudem auch nur die Werte bis jeweils zum 7. Spieltag gemessen, ansonsten musste mit den Zahlen aus der Gesamtsaison gearbeitet würden.

Weniger Heimsiege, mehr Unentschieden

Zur Methodik dieses Artikels muss außerdem noch angemerkt werden, dass ausschließlich Kennwerte ausgewählt wurden, zu denen man nachvollziehbare Annahmen bzgl. des Einflusses eines Geisterspiels treffen kann. So ist das wohl plakativste Beispiel die Anzahl der Heimsiege. In keinem anderen Szenario spielen die Zuschauer:innen eine vermeintlich größere Rolle als bei Heimspielen, in denen die Gastgebermannschaft besonders von ihren Fans unterstützt wird. So wäre die These, dass der Heimvorteil bei wenigen bis gar keinen Stadionbesucher:innen verfällt.

Foto: IMAGO

Der Blick auf die Zahlen bestätigt diese Annahme. 2017/18 und 18/19 gab es nach den ersten sieben Ligaspielen noch 30 bzw. 31 Heimsiege, 19/20 immerhin noch 23. In der aktuellen Spielzeit hat es allerdings nur 20 Siege seitens der Gastgeber gegeben – der niedrigste Wert in den von uns betrachteten Jahren.

Eine weitere interessante Marke ist die Anzahl an Unentschieden. Auch hier zunächst die Annahme: Aufgrund der fehlenden Fans, die sich mit Punkteteilungen nur selten zufrieden geben und ihre Mannschaft daher bei Gleichstand noch einmal anfeuern, werden sich die Punkte öfter geteilt. So geben sich die Bundesligisten im „geschützten“ Raum eher mit einem Punkt zufrieden und tun nicht mehr alles für einen Sieg, um die explodierende Menge im Stadion zu genießen. Auch hier geben die Zahlen genau das her. Bereits 20 Unentschieden hat es in der laufenden Saison gegeben, ganze 16 Mal gingen Partien mit 1:1 aus. Zum Vergleich: Vergangene Saison hat es zum gleichen Zeitpunkt nur zwölf Punkteteilungen gegeben, davor 16 und 18. Zuvor war also sogar ein negativer Trend zu erkennen, der nun mehr als nur gestoppt wurde.

Bundesliga: Stillstand bei Toren

Die Hauptwährung im Fußball ist und bleibt das Tor und so ist besonders hier ein Vergleich lohnenswert. Wird im luftleeren Raum eines Geisterspiels aufgrund fehlender Emotionen weniger Risiko eingegangen und bedachter gespielt, sodass insgesamt weniger Tore fallen? Tatsächlich ist hier kein Unterschied festzustellen. In der laufenden Saison sind bislang 202 Treffer erzielt worden, somit nur drei weniger als in der Vorsaison. In Hinblick auf die Spielzeiten 17/18 (154 Tore) und 18/19 (189 Tore) lässt sich nur feststellen, dass der Trend, dass jede Saison mehr und mehr Tore fallen, nicht fortgesetzt wurde. Ob daraus jedoch etwas in Bezug auf Geisterspiele abzuleiten ist, ist eher unwahrscheinlich.

Foto: IMAGO

Auch andere Kennwerte bezüglich Toren sind nicht sonderlich auffällig. So könnte beispielsweise die Hypothese aufgestellt werden, dass bei Geisterspielen mehr Partien mit drei oder mehr Toren Differenz ausgehen. Der mögliche Grund: Ohne Fans im Rücken könnte bei den Spielern bei einem Rückstand eine gewisse „Für wen machen wir das hier gerade eigentlich?“-Attitüde entstehen, die in nachlassender Spannung und somit noch mehr Toren für den Gegner mündet. Schließlich tun krachende Niederlagen vor den eigenen Fans deutlich mehr weh und werden mit dementsprechenden Unmutsbekundungen von den Rängen quittiert. Signifikant mehr Kantersiege wurden allerdings nicht verzeichnet. In der aktuellen Saison hat es nach sieben Spielen insgesamt 13 Siege mit drei oder mehr Treffern Unterschied gegeben, letzte Saison aber 15. 20/21 hat in Betrachtung aller vier hierfür ausgewerteten Saisons immerhin noch den zweithöchsten Wert (17/18 – zehn, 18/18 – sieben).

Weniger Last-Minute-Tore?

Besonders in den Schlussminuten sollten die Fans – so die Vermutung – einen spürbaren Effekt auf ihre Mannschaft haben. So lautet die Hypothese: Bei Rückstand von nur einem Tor, Gleichstand oder einer Ein-Tore-Führung fallen bei Geisterspielen ab der 80. Minute weniger Treffer als bei vollen Stadien. Demnach müssten 20/21 am wenigsten Tore in der Schlussphase gefallen sein. Die Zahlen geben diesen Umstand allerdings kaum her. In der laufenden Saison sind es 20 Treffer ab der 80. Minute gewesen, die den Gleichstand, die Führung oder den Ausbau der knappen Führung bedeuteten. Dies ist allerdings nicht der niedrigste Wert: 17/18 hat es nur 15 Treffer ab 80. Minute gegeben. Zumindest sind es weniger Treffer als 18/19 (34) und 19/20 (23). Die formulierte Hypothese wird somit allerdings nicht wirklich gestützt.

Und so lässt sich in Bezug auf die Tore feststellen, dass sich seit den Geister- bzw. wenig besuchten Spielen wenig geändert hat, Zuschauer:innen hierauf also womöglich keinen großen Einfluss haben.

Fehlt die Leidenschaft?

Aber Tore sind ja nicht bekanntlich nicht alles im Fußball, es kann auch ohne sie hoch hergehen. Aufgeputscht von der Stadionatmosphäre kann es auch auf dem Rasen sehr hitzig werden, was letztendlich oftmals in einem Griff des Schiedsrichters in die eigene Brusttasche endet. Ob ein Foul, zu starkes Lamentieren, Rudelbildung, klare Tätigkeit – der Strafenkatalog im Fußball gibt viel her.

Ohne das Aufpeitschen der Fans könnte hier also ein Rückgang der Karten zu beobachten sein, und im Falle der Farbe Rot ist es tatsächlich auch so. Bislang zwei direkte Platzverweise hat es in der aktuellen Saison gegeben, der niedrigste Wert der letzten vier Jahre. 17/18 und 19/20 waren es noch vier rote Karten, 18/19 sogar sieben. Bereits nach dem Restart in der vergangenen Saison wurde festgestellt, dass es zu weniger Fouls und beispielsweise auch Rudelbildungen kommt.

Die Spieler kommen nun wesentlich weniger emotionaler daher – scheint es zumindest, denn während bei den roten Karten ein Abstieg der Zahlen zu verzeichnen ist, sind die gelben Karten in die Höhe geschossen. Ganze 252 Verwarnungen hat es bislang geregnet, in den drei Jahren zuvor waren es nur 196 bis 216. Über die Ursache hierfür lässt sich nur spekulieren – so könnten die gelben Karten z.B. teilweise mit dem auffällig hohen Anstieg an Elfmetern in dieser Saison zusammenhängen. Bei den gelb-roten Karten hat sich währenddessen wenig getan. Klare Schlüsse lassen sich aus der Kartenstatistik also nur teilweise ziehen. Auch hier bleibt die klare Wirkung der Zuschauer – zumindest wie zunächst erwartet – aus.

Mehr Meter und erfolgreiche Pässe

Auch die letzten drei unter die Lupe genommenen Werte lassen nicht den Schluss zu, Fans würden für sonderlich anders verlaufende Begegnungen sorgen. So könnte man annehmen, dass Mannschaften in vollen Stadien eher motiviert sind, mehr zu laufen und noch einmal alles aus sich herauszuholen, doch haben die Bundesligisten in der laufenden Saison durchschnittlich 116,85 Kilometer pro Spiel zurückgelegt – zusammen mit der Saison 18/19 ist das der höchste Wert der vergangenen vier Jahre und damit sogar 1,6 Kilometer mehr als an den ersten sieben Spieltagen der vergangenen Saison.

Eine weitere Behauptung könnte sein, dass sich Spieler in Geisterspielen mehr Dribblings erlauben, da sie bei verlorenen Duellen nicht mit der negativen Reaktion des Publikums rechnen müssen – man traut sich vor leeren Rängen einfach mehr, weil es eventuell den Pflichtspielcharakter vermissen lässt. Tatsächlich wird aktuell aber sogar seltener ins Eins-gegen-Eins gegangen – 15,4 Mal dribbelten die Bundesligisten bislang im Schnitt, was den zweitniedrigsten Wert der letzten vier Spielzeiten bedeutet und 1,5 Mal weniger ist als noch 19/20.

Foto: IMAGO

Hier lässt am ehesten noch die durchschnittliche Passquote Schlüsse zu. In der laufenden Spielzeit kamen bislang 79,6% der Bälle beim Mitspieler an – der höchste aller Werte und ganze fünf Prozent mehr als noch vergangene Saison. Hier könnte die Kommunikation eine große Rolle spielen. In (fast) leeren Stadien kommen die Kommandos der Mannschaftskameraden und des Trainerteams tatsächlich auch in den jeweiligen Ohren an, was zu einer besseren Abstimmung auf dem Platz und somit auch zu einer höheren Rate an erfolgreichen Zuspielen führt.

Fazit – Das Spiel bleibt das gleiche                    

Es wurden nun neun unterschiedliche Statistiken aufgeführt, um die Frage zu beantworten, ob volle Stadien einen wirklichen Unterschied für das Geschehen auf dem Rasen machen. Die Antwort: Ja und nein. Bei der Anzahl an Heimsiegen und Unentschieden ist ein Trend zu erkennen, der das Fehlen der Fans als tatsächlich signifikante Auswirkung beschreiben könnte. Auch die Passquote ist deutlich in die Höhe gestiegen. Doch bei allen anderen Werten ist nüchtern betrachtet nur wenig bis gar nichts passiert. Es fallen normal viele Tore, auch die Kantersiege wie auch Last-Minute-Treffer haben weder auffällig zu- noch abgenommen. Die Anzahl der Dribblings und Kilometer bewegt sich auch in einem absolut normalen Rahmen.

Dieser Artikel ist allerdings auch nur eine statistische Annäherung, ob es sich hierbei um nur Korrelationen oder aber echte Kausalitäten handelt, ist zu diesem Zeitpunkt nicht eindeutig festzuhalten. Das Fazit fällt daher eher verhalten aus: Das Spiel bleibt das gleiche. Anhand der erarbeiteten Zahlen lässt sich nicht gewissenhaft davon reden, dass Fans im Stadion eine wirkliche Veränderung auf dem Platz herbeizaubern können. Ein eher ernüchterndes Endurteil für den Fußballromantiker.

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Marc Schwitzky

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