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Ein First Touch zum Verlieben: Zum Karriereende von Dimitar Berbatov

23. September 2019
Manuel Behlert

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Ein First Touch zum Verlieben: Zum Karriereende von Dimitar Berbatov

Spotlight | Wenn man über die größten und erfolgreichsten Stürmer der letzten 15-20 Jahre spricht, dann fallen Namen wie Samuel Eto’o oder Thierry Henry. Diese Spieler haben Besonderes geleistet, Titel gefeiert und standen im Fokus der Öffentlichkeit. Aber es existieren auch Spieler, die ihrerseits eine Menge zur Entwicklung des Stürmerspiels beigetragen haben, ohne permanent dem Scheinwerferlicht ausgesetzt gewesen zu sein. Einer dieser Spieler hat nun das endgültige Ende seiner Karriere verkündet: Dimitar Berbatov.

Ein Bulgare mischt die Bundesliga auf

Im Januar 2001 wechselte Dimitar Berbatov von ZSKA Sofia aus seiner bulgarischen Heimat zu Bayer 04 Leverkusen. Die „Werkself“ ist durchaus bekannt dafür in der Vergangenheit häufig einen guten Riecher bei solchen Transfers gehabt zu haben – und das traf auch auf Berbatov zu. Fünfeinhalb Jahre spielte der Angreifer für Bayer 04, 69 Tore und 32 Vorlagen in 154 Spielen in der Bundesliga sprechen eine klare Sprache. 

(Photo by MARCUS BRANDT/AFP/Getty Images)

Berbatov schaffte in der Bundesliga seinen Durchbruch und zeigte bereits dort Elemente in seinem Spiel, die sich durch die gesamte Karriere zogen. Viele Fans von Bayer Leverkusen, aber auch generell Zuschauer der Bundesliga, erinnern sich gerne an das Genie aus Bulgarien, das an einem guten Tag – und auch das zog sich durch die ganze Karriere – den Gegner komplett in seine Einzelteile zerlegen konnte, gleichzeitig aber auch immer mal wieder ein Totalausfall war. 

Es gibt viele Erinnerungen, die einem, blickt man auf die Zeit von Berbatov in Leverkusen zurück, im Kopf bleiben. Beim 4:1 am 28. August 2004 zerlegte Berbatov, zusammen mit Franca und Ponte, den FC Bayern München und gewann mit der „Werkself“ 4:1. Dabei steuerte der Bulgare zwei Tore zum Erfolg bei, beteiligte sich an vielen, schnellen Kombinationen und strahlte über die gesamten 90 Minuten eine enorme Spielfreude aus. Doch auch abseits der großen Galavorstellungen war Berbatov immer in der Lage etwas zu kreieren oder aus einer Chance, die eigentlich keine war, einen herausragenden Treffer entstehen zu lassen. Das beste Beispiel? Sein Tor bei der Roma, bei dem bis heute noch niemand den genauen Bewegungs- und Gedankenablauf erklären kann.

In den internationalen Fokus

Dass der Offensivspieler nicht ewig für Bayer Leverkusen spielen würde, wussten alle Beteiligten. Im Sommer 2006 zog es Berbatov weiter, er folgte dem Ruf der großen Premier League und unterschrieb bei den Tottenham Hotspurs. Weitere Stationen bei Manchester United und dem FC Fulham folgten, seine Bilanz war auch hier absolut beeindruckend. 229 Spiele absolvierte Berbatov in Englands höchster Spielklasse, dabei erzielte er 94 Treffer selbst und bereitete 42 weitere vor. Berbatov hatte keine allzu großen Anpassungsprobleme und wusste mit seiner typischen Spielweise, die nur schwer zu katalogisieren ist, schnell aufzufallen. 

Der Schritt in die neue Liga fiel Berbatov leicht, doch bei den Spurs war er noch nicht am Ende der Nahrungskette angekommen. Durch seine Genialität, seine Tore und seine Vorlagen weckte er das Interesse von Sir Alex Ferguson und Manchester United. Ein größerer Sprung innerhalb Englands war zu dieser Zeit nicht möglich und so verpflichteten die “Red Devils” den Bulgaren im Sommer 2008 für rund 38 Millionen Euro.

(Photo by Jamie McDonald/Getty Images)

Seine Zeit bei Manchester United steht sinnbildlich für seine gesamte Karriere. Berbatov war für einige Highlights (mit-)verantwortlich, zockte in einigen Spielen großartig auf und war für Spieler wie Wayne Rooney oder Cristiano Ronaldo ein sehr guter Mitspieler, weil er eben nicht nur auf den Abschluss fokussiert war. Kaum ein Spieler verkörperte zu diesem Zeitpunkt diese Mischung aus einer körperlichen Präsenz auf dem Platz, Kaltschnäuzigkeit vor dem Tor, der Spielintelligenz und teilweise schon lächerlich gut anmutenden Technik. Berbatov ließ sich in einer sehr fluiden Offensive der „Red Devils“ häufig ins Mittelfeld zurückfallen, leitete die Bälle per Fuß oder mit dem Kopf weiter, machte das Spiel in den richtigen Momenten schnell und unkompliziert.

Doch es war nicht alles Gold, was glänzte. Die „Auszeiten“, die man von Berbatov schon aus Leverkusener Zeiten kannte, gab es auch in Manchester vereinzelt. Und: Der Bulgare war, vorsichtig formuliert, kein Arbeiter, der Kilometer um Kilometer abriss. Im mitunter hektischen, sehr lebhaften englischen Fußball gehört aber auch dieses Element dazu und eine Mannschaft darf nicht zu viele Spieler haben, die eher nicht durch den großen Arbeitseifer auf dem Platz glänzen. Um zu den ganz großen, bedeutenden Stürmern zu zählen, fehlte Berbatov vielleicht das ein oder andere wichtige Tor oder die Möglichkeit noch mehr im Fokus zu stehen. Aber gerade weil seine Karriere vielleicht nicht einhundertprozentig ideal verlief und er nicht in einem Atemzug mit bereits genannten Stürmergrößen aufgezählt wird, lohnt sich ein Blick zurück. 

Mit den Händen in den Hosentaschen

Von Manchester United ging es für Berbatov zum FC Fulham. Auch für den Verein aus London zauberte der Bulgare im altehrwürdigen Craven Cottage ein ums andere Mal und verzückte die Fans mit einigen schönen Toren. Auch stellte er seine sensationelle Technik mehrfach unter Beweis, seine Ballannahmen und sein First Touch waren während der gesamten Karriere eine Augenweide.

Diese Szene steht symbolisch für viele Momente in seiner Karriere. Berbatov konnte, egal welche Station man sich anschaut, quasi mit den Händen in den Hosentaschen unter Beweis stellen, was für ein begnadeter Fußballer er war. Berbatov wusste selbst sehr gut, wie gut er ist und was er auf dem Platz machen muss, damit das Offensivspiel durch ihn beeinflusst wird. Dass er manchmal aufreizend lässig spielte, ist richtig. Aber er konnte es sich erlauben.

Dass am Ende nicht allzu viele Titel auf der Habenseite des Dimitar Berbatov stehen, gehört auch irgendwie zu seiner Karriere dazu. Zweimal gewann der den Community Shield in England, dreimal wurde er Ligapokalsieger, zweimal Meister. Außerdem gewann der Bulgare 2008 die Klub-Weltmeisterschaft. Weitere Titel auf Vereinsebene kamen nicht hinzu, bitter sind vor allem die drei Niederlagen in den Endspielen der Champions League 2002, 2009 und 2011, als er sogar nicht einmal im Kader war, obwohl er in der Saison 2010/11 einen für ihn bedeutenden Titel gewann, nämlich den als Torschützenkönig in der Premier League.

Zwei Bildbeweise für die Klasse des bulgarischen Stürmers gab es bereits, doch noch eine andere Szene steht sinnbildlich für den Ideenreichtum, die Ballbehandlung, die Spur Verrücktheit und die – in letzter Instanz – Effizienz Berbatovs. Dafür müssen wir zurück in das Jahr 2008, in den Oktober, um genau zu sein. Manchester United spielte vor heimischer Kulisse gegen West Ham United, Dimitar Berbatov wurde der Ball in den Lauf gespielt, schien eigentlich etwas zu weit zu sein, doch seine Mannschaftskollegen zogen ihren Sprint in die Offensive dennoch durch. Denn sie wussten: Von ihm kann man dennoch erwarten, dass er in der Lage ist, Gefahr heraufzubeschwören. Und so kam es auch. 

In dieser Phase, als seine Zeit bei Manchester United begann, befand sich Berbatov auf dem absoluten Höhepunkt seiner Karriere. In England hinterließ er einen bleibenden Eindruck, ehe er nach seiner Zeit dort noch einmal eine andere Herausforderung im Ausland suchte.

Die Karriere klingt aus

Vom FC Fulham, wo Berbatov bis Januar 2014 spielte, zog es ihn in die Ligue 1, zu einer spannenden Mannschaft aus Monaco. Dort war der lässige, erfahrene Berbatov ein gelungener Gegenpol zur jungen, dynamischen und teilweise wilden Mannschaft, steuerte 19 Torbeteiligungen in der französischen Liga bei. Genau 18 Monate spielte er für die Monegassen und obwohl er an Spritzigkeit eingebüßt hatte, war er noch immer ein guter Stürmer, der mit instinktiven Bewegungen für Furore sorgen konnte.

(Photo by Laurence Griffiths/Getty Images)

Die restlichen Stationen in der Karriere des Dimitar Berbatov, die relativ ruhig und ohne den großen medialen Fokus ausklang, sind schnell erzählt. 2016 wechselte der Angreifer von den Monegassen zu PAOK Saloniki, wo er nicht mehr über eine Jokerrolle hinaus kam. Nach nur einem Jahr wurde das Arbeitsverhältnis beendet, der Bulgare war vereinslos, ehe es ihn im Sommer 2017 noch einmal nach Indien zog, als er ein neues Abenteuer suchte. Dort kam er auf neun Ligaspiele, erzielte ein Tor und war ab dem Frühjahr 2018 wieder vereinslos. Eine offizielle Bestätigung seines Karriere gab es  lange nicht – bis zuletzt. Mittlerweile ist klar: Dimitar Berbatov hat die Fußballschuhe endgültig an den Nagel gehängt. 

Es ist durchaus nicht unwahrscheinlich, dass man den Bulgaren noch einmal im Fußballgeschäft erleben wird, denn derzeit macht er seinen Trainerschein. Was zum jetzigen Zeitpunkt bleibt, sind die Erinnerungen an eine Karriere, die von persönlichen Highlights und spektakulären Szenen, aber eben nicht vom durchschlagenden Erfolg geprägt war. 

(Photo by Jamie McDonald/Getty Images)

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