EM 2021: Die Rivalität zwischen Schottland und England

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Spotlight ǀ England und Schottland eint die älteste Rivalität im Fußball. Am zweiten Spieltag der Europameisterschaft 2020 treffen die beiden Länder, die außerhalb des Fußballs eins sind, aufeinander. Im Zuge dessen möchten wir die Anfänge und Entwicklung der Rivalität beleuchten sowie einen Ausblick auf das Spiel in Wembley geben.

Das erste Länderspiel der Geschichte zwischen England und Schottland

Am 30. November 1872 ist es soweit: Erstmals duellieren sich Spieler zweier Nationen im Fußball. Es gab zwar schon früher Begegnungen, doch erstmals treten beide Nationen mit elf Spielern an, die Größe des Balles und des Spielfelds sowie die übrigen Regeln entsprechen auch weitestgehend dem, was wir heute kennen. In Glasgow trafen England und Schottland aufeinander. Vor 4.000 Zuschauern fand das Spiel in einem Cricket Stadion statt.

Auf der schottischen Seite stehen ausschließlich Spieler eines Vereins, des Queen’s Park FC, auf dem Feld, während die englische Mannschaft aus Spielern von neun Vereinen besteht. Das lag nicht etwa daran, dass der Queen’s Park FC ein derart guter Verein war, sondern vielmehr daran, dass es in England bereits mehr als hundert Vereine gab, in Schottland lediglich zehn. Auch dass der für die Aufstellung verantwortliche Kapitän Robert Gardner – Trainer gab es damals noch nicht – beim Queen’s Park FA spielte, war sicherlich ein Grund für die einseitige Auswahl.

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Das Spiel endete 0:0. Es war jedoch ein 0:0 der besseren Sorte. Aufgrund ihrer Eingespieltheit waren die Schotten in der ersten Halbzeit die bessere Mannschaft, in Halbzeit zwei dominierte England, ein Tor gelang jedoch keiner der beiden Mannschaften.

Regelmäßige Duelle außerhalb der großen Turniere

Seit dieser Zeit trafen die beiden Nationen regelmäßig aufeinander. Bis 1989 traf man sich jährlich – die Jahre der beiden Weltkriege ausgeklammert – im Frühjahr zu einem Freundschaftsspiel. Auch wenn es in diesen Spielen sportlich um nichts ging, brachten sie einige bemerkenswerte Ergebnisse hervor. 1928 bezwangen die Schotten den großen Nachbarn im Wembley Stadion in London mit 5:1, die Mannschaft bekam daraufhin den Spitznamen „Wembley Wizards“. 1961 revanchierten sich die Engländer, indem sie ihrerseits mit 9:3 gewannen. 1967 bezwangen die „Bravehearts“ den amtierenden Weltmeister mit 3:2. England war zu diesem Zeitpunkt wettbewerbsübergreifend 19 Spiele ungeschlagen, die Niederlage kam einer Schmach gleich.

Photo: Pressefoto Baumann / Imago

Auch danach fanden die meisten Begegnungen im Zuge von Test- und Qualifikationsspielen statt. Lediglich bei der EM 1996 duellierte man sich bei einem Turnier, England gewann mit 2:0 durch Tore von Alan Shearer und Paul Gascoigne. Zuletzt standen sich die Mannschaften in der Qualifikation für die Weltmeisterschaft 2018 gegenüber. England gewann das Hinspiel in Wembley mit 3:0 – Daniel Sturridge, Adam Lallana und Gary Cahill trafen.

Im Rückspiel im heimischen Hampden Park rangen die Schotten dem großen Nachbarn in einer turbulenten Partie ein 2:2 ab. Alex Oxlade-Chamberlain traf zur Gästeführung. Leigh Griffiths drehte die Partie in kürzester Zeit, indem er zwei Freistöße aus nahezu identischer Position verwandelte. Als sich die schottischen Fans bereits als die sicheren Sieger fühlten, erzielte Harry Kane mit der letzten Aktion des Spiels den Ausgleich.

Photo: Vagelis Georgariou / Imago

Insgesamt ist die Bilanz der beiden Nationen in bisher 106 absolvierten Partien überraschend knapp. England konnte 45 Spiele gewinnen, Schottland 38. 23 Partien endeten Unentschieden.

Politische Lage heizt die Stimmung weiter an

Was dieses Duell noch einmal brisanter macht ist die aktuelle politische Situation. Die beiden Länder sind Nachbarn, in der Geschichte kam es immer wieder zu Kriegen zwischen den Völkern. Nicht umsonst wird in der schottischen Hymne „Flower of Scottland“ der Kampf William Wallaces‘ und Robert the Bruce gegen die englischen Invasoren um König Edward II., vielen wohl bekannt aus dem Film „Braveheart“, besungen. In der heutigen Zeit gibt es keine Kriege mehr, die Rivalität hat sich auf stattdessen unter anderem auf den Fußballplatz verlagert.

EM 2021: Alle Gruppen und Ergebnisse

Inzwischen bilden Schottland und England außerhalb mancher Sportarten zusammen mit Nordirland und Wales ein gemeinsames Land, das Vereinigte Königreich. Ein nicht gerade kleiner Teil der Schotten möchte sich jedoch von der Krone und der Vorherrschaft Englands lösen. Ein erstes Referendum 2014 scheiterte knapp, nach dem Wahlsieg der SNP um Regierungschefin Nicola Sturgeon will man einen neuen Anlauf wagen. Wie sinnvoll eine Spaltung für das auf finanzielle Hilfe angewiesene Schottland nach dem Brexit wäre sei dahin gestellt. In jedem Fall dürfte diese Thematik vor allem neben dem Platz noch einmal mehr Würze ins Spiel bringen.

Rollen klar verteilt?

Doch nun zur entscheidenden Frage: Was wird uns auf dem Feld erwarten? England wird wie im ersten Spiel gegen Kroatien vor heimischer Kulisse versuchen, von Beginn an Druck auf den Gegner aufzubauen. Die Schotten hingegen werden aus einer kompakten Fünferkette eher abwartend spielen. Die Rollen dürften also klar verteilt sein. War man vor einigen Jahren noch ausschließlich über den Kampf erfolgreich, sind die Schotten inzwischen aber durchaus eine Nation vieler guter Fußballer. Scott McTominay, Kieran Tierney oder Kapitän Andrew Robertson sind Stammspieler bei absoluten Topmannschaften, auch einige andere Spieler bekommen in der Premier League viele Einsätze. Die Engländer dürften also gewarnt sein.

Photo: Vagelis Georgariou / Imago

Lukas Heigl

Liebhaber des britischen Fußballs: Von Brighton über Reading und Wimbledon bis nach Inverness. Ist mehr für Spiele der dritten englischen Liga als für den Classico zu begeistern. Durch das Kommentatoren-Duo Galler/Menuge auch am französischen Fußball interessiert

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