EM 2021: Danny Ward – Vom Bankdrücker zum Nationalhelden?

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Spotlight │ Am Samstag trifft Wales im Achtelfinale der EM 2021 auf Dänemark. In einer Gruppe mit Italien, der Schweiz und der Türkei konnten sich die Drachen etwas überraschend als Gruppenzweiter durchsetzen. Ein Grund fürs Weiterkommen ist die extrem starke Leistung ihres Keepers, Danny Ward. Und das, obwohl Ward in seinem Verein Leicester City nur der Ersatzmann ist. Ein Porträt!

Ausbildung von Danny Ward in der Heimat

Danny Ward (28) wurde am 22.06.1993 in Wrexham im Nordosten von Wales geboren. Wrexham ist seit vielen Jahren dafür bekannt, eine für eine 65.000-Einwohner-Stadt ansehnliche Zahl an Profifußballern hervorzubringen. So wurden neben Ward auch Harry Wilson (24, Liverpool FC), Neco Williams (20, Liverpool FC) sowie Tom Lawrence (27, Derby County) allesamt hier geboren. Grund für die hohe Dichte an guten Fußballern ist vor allem die Nähe zu den nordenglischen Großstädten Liverpool und Manchester. All die genannten Spieler gingen in jungen Jahren zu einem der großen vier Vereine.

 

Ward entschied sich für den Liverpool FC, zum Zeitpunkt seines Wechsels war er 19 Jahre alt. Zuvor spielte er in seiner Heimatstadt. In Liverpool angekommen, durchlief der Torhüter den klassischen Ausbildungsweg in England mit der ein oder anderen Leihe, gerne auch nur halbjahresweise. In der Rückrunde 2014/15 spielte er in Morecambe in der vierten englischen Liga, die darauffolgende Hinrunde in der schottischen Beletage beim Aberdeen FC. Den Durchbruch im Profifußball erlebte der 1,91 Meter große Ward dann 2016/17. Zu Huddersfield Town ausgeliehen hatte er als Stammkeeper entscheidenden Anteil am sensationellen Aufstieg der Terriers. In den Aufstiegsspielen avancierte er gleich zweimal zum Helden im Elfmeterschießen, indem er im Halbfinale gegen Sheffield Wednesday (5:4) zwei und im Finale gegen den Reading FC (4:3) einen Elfmeter hielt.

Photo: David Klein / Imago

Keine echte Chance in Liverpool, für viel Geld nach Leicester

In der nachfolgenden Saison gab ihm Jürgen Klopp (54) die Chance, sich in Liverpool durchzusetzen. Ob es diese jedoch wirklich gab, darüber lässt sich trefflich streiten. In der Premier League saß Ward nur einmal überhaupt auf der Bank, im EFL-Cup durfte er einmal ran. Ansonsten hatte er das Nachsehen gegen Loris Karius (27) und Simon Mignolet (33), auch wenn viele Fans immer wieder einen Einsatz von Ward forderten. Wie Klopp Ward einschätzte, kann man unter anderem auch der Aussage des Trainers, Ward sei „der beste dritte Keeper der Welt“, entnehmen.

Und so war das Kapitel Liverpool für den Waliser 2018 erneut beendet, diesmal endgültig. Leicester City sicherte sich für 14 Millionen Euro seine Dienste. An dieser Summe sieht man, was die Foxes – im Gegensatz zu Liverpool – von Ward hielten. Da es in diesem Sommer immer wieder Abwanderungsgerüchte um Kasper Schmeichel (34) gab, dachten viele Experten, Ward solle der Nachfolger des Dänen werden. Doch es kam anders, Schmeichel blieb und Ward ist seither der Ersatzmann in Leicester. Allzu viele Einsätze kamen daher in den letzten drei Jahren nicht zusammen, in der Liga stand Ward keine Minute auf dem Feld, in den beiden Pokalen und der Europa League waren es insgesamt 14 Spiele.

Der perfekte Keeper für die Insel, aber fehlt der Wille?

Darf Ward dann mal ran, sieht man ziemlich schnell, was er kann und was nicht. Der 27-Jährige ist ein klassischer britischer Keeper, vergleichbar etwa mit einem Nick Pope (29) vom Burnley FC. Die Stärken des Walisers liegen vor allem bei dem Abfangen von Flanken, Reflexen auf der Linie und im Eins-gegen-Eins. Dazu kommt, wie bereits angedeutet, eine Stärke beim Parieren von Elfmetern, zuletzt wieder gezeigt im Freundschaftsspiel Wales gegen Frankreich (0:3), als er gegen Karim Benzema (33) halten konnte. Die Schwächen von Ward sind ganz klar im Spiel mit dem Ball zu finden. Fußballerisch ist sein Spiel mehr als durchwachsen, in den Spielaufbau kann man Ward nur sehr bedingt einbauen. Das sieht man auch bei der Europameisterschaft. Nur vier Keeper stehen tiefer, nur bei einem anderen Torwart sind die Pässe im Schnitt länger.

Photo: Imago

Der Vergleich mit Pope zeigt, dass Ward durchaus in der Lage wäre, bei einer Mannschaft aus der unteren Tabellenhälfte Stammspieler in der Premier League zu sein. Warum er diesen Schritt nie gegangen ist, liegt vor allem an seiner Mentalität. Ward ist niemand, der auf Biegen und Brechen spielen will, er genießt das Leben außerhalb des Platzes, ordnet nicht alles dem Fußball unter. Auch ist er dafür bekannt, gerne mal das ein oder andere Kilogramm zu viel mit sich herumzutragen. Würde er die nötige Professionalität zeigen, wäre er ein richtig starker Keeper, wie man aktuell sieht.

EM nicht als Sprungbrett

Ein weiteres Indiz dafür, dass es nicht in Wards Interesse liegt, nochmals Stammtorwart in der Premier League zu sein, ist auch, dass er Mitte April dieses Jahrs seinen ursprünglich bis 2022 laufenden Vertrag in Leicester bis 2025 verlängert hat. Hätte er den Anspruch auf mehr als die Backup-Position, hätte er die Europameisterschaft genutzt, sich ins Schaufenster für andere Vereine zu stellen. Mit nur noch einem Jahr Vertrag wäre es eine gute Möglichkeit gewesen, mit dem nun noch vier Jahre laufenden Arbeitspapier wird ein Wechsel ungleich schwerer.

Von der Leistung her hätte Ward das Turnier absolut als Sprungbrett nutzen können. In den drei Spielen kassierte er lediglich zwei Treffer, parierte 13 Schüsse, der zweitbeste Wert im Turnier. Die Fangquote (87,5%) wird nur von den beiden Torhütern übertroffen, die noch gänzlich ohne Gegentor sind, nämlich Jordan Pickford (27, England) und Gianluigi Donnarumma (22, Italien). Dass der xG-Wert der Schüsse auf sein Tor aktuell bei 3,8 liegt zeigt, dass auch einige durchaus gute Chancen vereitelt wurden. Dazu kamen gegen die Schweiz (1:1) noch zwei sehr starke Paraden dabei, die aufgrund von Abseitspositionen nicht in der Statistik auftauchen.

Photo: Nick Potts / Imago

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Lukas Heigl

Liebhaber des britischen Fußballs: Von Brighton über Reading und Wimbledon bis nach Inverness. Ist mehr für Spiele der dritten englischen Liga als für den Classico zu begeistern. Durch das Kommentatoren-Duo Galler/Menuge auch am französischen Fußball interessiert

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