EM 2021 | Wie Gareth Southgate England hoffen lässt

Englands Nationaltrainer Gareth Southgate lässt England jubeln
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Spotlight | Durch das 2:0 über Deutschland schaffte England etwas Historisches und sorgte für grenzenlose Euphorie. Ausschlaggebend war der Mut von Nationaltrainer Gareth Southgate. 

Als der Schlusspfiff am Dienstagabend im Wembley-Stadium ertönte, blickte Englands Nationaltrainer Gareth Southgate kurz in den Himmel und ballte die Fäuste. Er wirkte erleichtert. Ebenso wie die 40.000 Zuschauer auf den Rängen, die die größte englische Kulisse seit 15 Monaten in ein Meer von jubelnden Armen verwandelten.

Es war nicht irgendein Sieg der Three Lions. Das 2:0 war der erste Sieg über Deutschland bei einem K.O.-Spiel eines Turniers seit der Weltmeisterschaft 1966 – der letzte Titel der Engländer. Oft hatten sie es versucht, immer wieder sind sie gescheitert. „Wir wissen, was das Land durchgemacht hat und den Leuten heute so einen Tag und so eine Vorstellung zu geben, ist wirklich besonders“, sagte er bei der BBC.

 

England: Southgate trotzt der Kritik

Besonders an der Vorstellung war, dass sie alles andere als besonders schien. Schon wieder. Denn anders als von vielen Kritikern und ungeduldigen Fans gefordert, hielt Southgate auch im Achtelfinale gegen Deutschland an seiner übervorsichtigen Herangehensweise fest. Das sorgte in England für Zweifel, ebenso wie einige personelle Entscheidungen.

Jadon Sancho, einer der gefährlichsten und bald teuersten Spieler der Welt, drückte gegen Deutschland erneut 90 Minuten die Bank. Dort saßen zur Empörung vieler weitere herausragende Offensivspieler wie Phil Foden, Jack Grealish oder Mason Mount. Southgate dagegen vertraute in die übernatürliche Ballsicherheit und Reife des 19-jährigen Bukayo Saka. Gegen Tschechien hatte er sich einen Platz verdient.

Darüber hinaus kehrte der Nationalcoach zu einer Dreierkette zurück, ein Ansatz, mit der er 2018 für Stabilität sorgte und die zuvor so zahnlosen und unsicheren Three Lions überraschend über eine einfache Route in das Halbfinale der WM führte.

Seitdem haben sich die individuelle Qualität der Mannschaft und der Anspruch der Engländer allerdings deutlich verändert. Auf der Insel erwartet man angriffslustigeren Fußball, der die hohe Klasse der Offensivspieler zum Ausdruck bringt.

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Mit Pragmatismus zum Erfolg

In einem Turnier ist das allerdings nebensächlich. Das machten die talentierten aber pragmatischen Mannschaften von Portugal 2016 und Frankreich 2018 vor. Und so ließ sich Southgate auch gegen Deutschland nicht von seinem Plan nicht abbringen.

Mit der Dreierkette wollte er das System der DFB-Elf spiegeln und dadurch ihre größte Waffe, die offensiven Außenverteidiger, neutralisieren. „Wenn qualitativ ähnliche Spieler einen taktischen Vorteil erhalten, ist das ein echtes Problem“, sagte Southgate und betonte: „Darum änderten wir das System. Nicht um abzuwarten, sondern um ihre Wingbacks aggressiv anzugehen und sicher zu stellen, dass wir sie auf dem ganzen Feld unter Druck setzen können.“

Der Matchplan ging auf. Organisiert vom hervorragenden Harry Maguire, ließen die bissigen Engländer, bis auf einen Moment der Genialität von Kai Havertz, der Timo Werner in den Strafraum schickte, und einen Gegenangriff nach Fehlpass Raheem Sterlings keine nennenswerten Chancen zu. Timo Werner scheiterte am starken Jordan Pickford, Thomas Müller an seinen Nerven.

Nur einer der beiden hätte besser zielen müssen, dann würde es diesen Artikel nicht geben. Denn in der Offensive setzte Southgate abermals auf viel Kontrolle, wenig Risiko und hohe Effizienz vor dem Tor. Getreu dem Motto „better safe than sorry“, mit dem sich die Three Lions aus 2:0 Toren sieben Punkte in der Gruppe erspielten, resultierten daraus kaum Toraktionen. Geduldig warteten die Engländer gegen Deutschland auf ihren Moment. In der 76. Minute war es dann soweit. Nach drei Kurzpässen am Strafraumrand landete der Ball bei Außenverteidiger Luke Shaw, dessen flache Hereingabe von Raheem Sterling zum 1:0 verwertet wurde. Ein Angriff. So simpel, so effizient und ganz nach Southgates Vorstellung. Kane, bislang eine Enttäuschung bei dem Turnier, machte mit seinem späten 2:0 alles klar und zahlte das Vertrauen des Trainers zurück.

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Southgate hält dem Druck stand

„Wenn wir mit dem System und den Spielern das Spiel nicht gewinnen, sind wir tot“, sagte Southgate nach dem Spiel in Anlehnung an seine kritisch beäugten Entscheidungen. „Du brauchst bei deine Überzeugungen Courage.“

Diese bewies der Nationaltrainer am Dienstag. An jenem Ort, an dem er vor 25 Jahren im Halbfinale gegen Deutschland vom Elfmeter Punkt antrat, lastete erneut der Druck einer ganzen Nation auf sein Schultern. 1996 versetzte der ehemalige Verteidiger durch seinen Fehlschuss das Land ins Tal der Tränen. 2021 sorgte sein Mut für grenzenlosen Jubel und Hoffnung. Sein Mut, trotz großen Drucks unspektakulär zu sein.

Lautstark sangen diese Fans im Wembley Stadium „Football’s coming home“. Selten war die Überzeugung in ihren Stimmen so groß wie am Dienstag. Nach der großen, einst unüberwindbaren Hürde Deutschland wartet die Ukraine im Viertelfinale, im Halbfinale käme Dänemark oder Tschechien. Ein machbarer Weg, der die Fans nun vom ersten Titel seit 1966 träumen lässt.

Auch in der Kabine feierten die Spieler. „Ich musste mal wieder der Spielverderber sein und sagen: Das ist toll, aber das bedeutet nichts, wenn wir am Samstag verlieren“, mahnte Southgate. Sie wären „Trottel“, wenn sie sich von Turnierbaum und Euphorie hinreißen lassen würden. Denn auch wenn es sich am Dienstag anders anfühlte, am Ende war es tatsächlich nur ein Sieg. Und zwar ein knapper obendrein.

Chris McCarthy

Photo: xIanxStephenx /Imago

Chris McCarthy

Gründer und der Mann für die Insel. Bei Chris dreht sich alles um die Premier League. Wengerball im Herzen, Kick and Rush in den Genen.

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