England: Darum ist Southgate für die Final-Pleite verantwortlich

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Durch einen verschossenen Elfmeter wurde Gareth Southgate 1996 der Sündenbock der Fußballnation England. Es war überzogen. 2021 trägt er die Verantwortung für das erneute Scheitern der englischen Nationalmannschaft. Ein Kommentar.

Es ist schon hart. Gleich zwei Mal das Schicksal einer ganzen fußballbegeisterten Nation auf dem Rücken tragen. 1996 und 2021. Nie kam England dem ersten internationalen Titel seit 1966 näher. Beide Male wurde den Three Lions im Elfmeterschießen das Herz gebrochen. Beide Male war der Schauplatz Wembley. Und beide Male machte Gareth Southgate der sehnlichst erwarteten Rückkehr des Fußballs einen Strich durch die Rechnung. Von wegen „football’s coming home“.

1996 war es der Verteidiger Southgate, der im Halbfinale gegen Deutschland den entscheidenden Elfmeter vergab und zum Gesicht des englischen Scheiterns wurde. Es ist ein beliebtes Narrativ. Ausgelutscht und überzogen. Denn es war ein einziger Strafstoß. Ein Moment der Schwäche, in dem die Nerven eines damals 25-jährigen Mannes versagten. Es war ein folgenschwerer Grund für das verlorene Halbfinale, aber nur einer von vielen.

Seit Sonntag steht fest, dass aus den ursprünglichen „30 years of hurt“ nun mindestens 56 Jahre werden. Dieses Mal stand Southgate als Trainer im Vordergrund. Mit entschlossener Miene, so wie bei seinem Anlauf 1996, marschierte Southgate mit England in das Finale der Euro 2020. Wieder scheiterte er im Abschluss. Dieses Mal ist er hauptverantwortlich.

England mit Southgate: Die Ergebnisse gaben ihm recht

Schon vor dem Turnier, ja sogar während der Gruppenphase sorgte Southgates Stil auf der Insel für Skepsis. So vorsichtig und pragmatisch war der Fußball, den er mit der wohl talentiertesten englischen Generation an Offensivspielern spielen ließ. Doch die Ergebnisse gaben ihm recht. Der Finaleinzug, so unspektakulär er auch war und so sehr der strittige Elfmeter gegen Dänemark half, er war unter dem Strich verdient.

Im Finale, dem wichtigsten aller Spiele, blieb das Resultat und somit das einzige Argument, das seinen Ansatz legitimierte, allerdings aus. Weil Southgate Mut und Flexibilität fehlten. England ging nach zwei Minuten in Führung. Doch anstatt den in Halbzeit eins sichtlich verwundeten Italienern den Todesstoß zu verpassen, beorderte er seine Löwen entgegen ihres angriffslustigen Naturells zurück in den Käfig.

Tatenlos sahen sie mit an, wie die Italiener ihre Wunden leckten. Regelrecht überfordert wirkten Trainer und Team, als Gegnertrainer Roberto Mancini im zweiten Durchgang taktisch umstellte. Der Ausgleich war nur eine Frage der Zeit. Die Passivität wurde bestraft. Und dennoch blieb sie Southgates bevorzugtes Mittel. Italien wurde kaum gefordert. Immerhin, wahrscheinlich eher trotzdem, hielt das englische Bollwerk dicht.

Southgate hatte das provoziert, was alle vor Angst verstummten Fans im Wembley Stadium und vor den Fernsehern unbedingt vermeiden wollten: das Elfmeterschießen. Die historische Schwäche dieser Fußballnation.

Southgate sollte es besser wissen

Die wahre Absurdität des Abends folgte jedoch erst. Mit Marcus Rashford und Jadon Sancho wechselte Southgate in der 119. Minute zwei junge Spieler ein, die bei diesem Turnier kaum Spielpraxis sammeln konnten. Kalt und ohne Selbstbewusstsein sollten sie nun im Finale der EM plötzlich die wichtigsten Schüsse ihrer Karriere verwandeln. Das Resultat war vorhersehbar. An Rang fünf, und damit der letzten regulären Position, folgte ein Teenager, Bukayo Saka. Nachdem seine beiden Vorschützen vergaben, lag die Hoffnung einer ganzen Nation also auf den fragilen Schultern eines 19-Jährigen. Das war nicht nur naiv, das was grobfahrlässig. Sowohl für die Mannschaft als auch den Spieler. Der Ausgang ist bekannt.

Im Anschluss sagte Southgate, dass er anhand von Trainingseindrücken die Schützen bestimmte. Aber sollte nicht gerade er am besten wissen, dass der Druck in solch einem Moment der entscheidende Faktor ist und selbst den talentiertesten Spieler der Welt für eine Minute in einen Amateurkicker mit zwei linken Füßen verwandeln kann? In diesem Moment zählt die Erfahrung eines Jordan Henderson. Doch der routinierte Kapitän eines Champions-League-Siegers wurde nach Einwechslung für jenen Rashford wieder ausgewechselt. Oder die Coolness eines Jack Grealish. Doch der Techniker mit der lässig-arroganten Ausstrahlung wurde eigenen Aussagen zufolge übergangen.

In einem einzigen Moment an den Nerven zu scheitern, das ist menschlich und kann passieren. Doch wie Southgate seine jungen Spieler regelrecht zum Scheitern verurteilte, ist unverantwortlich. Darum sind es weder Rashford, Sancho noch Saka, die das Gesicht des englischen Scheiterns in diesem Finale darstellen sollten. Es ist Gareth Southgate.

von Chris McCarthy

Photo: David Klein Sportimage/Imago

Chris McCarthy

Gründer und der Mann für die Insel. Bei Chris dreht sich alles um die Premier League. Wengerball im Herzen, Kick and Rush in den Genen.

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