EURO 2020 | England: Southgates Meisterstück

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Spotlight | Am Dienstag feierte England mit dem 2:0-Sieg über Deutschland den Einzug ins Viertelfinale der Europameisterschaft. Für alle Engländer war es mehr als nur ein Sieg, fast schon eine Erlösung. Eine Erlösung, die den Three Lions eine große Chance bietet. Es liegt an ihnen, sie diesmal auch zu nutzen.

Deutschland und Elfmeterschießen: Southgate besiegt die Dämonen der Vergangenheit

Mit dem Schlusspfiff ballte Gareth Southgate (50) die Fäuste und jubelte, wenngleich auch nur kurz. England hatte soeben erstmals seit dem 30. Juli 1966 Deutschland in einem großen Turnier bezwungen. Die Stadionregie in Wembley zögerte keine Sekunde, sofort die „Three Lions“ aufzulegen.

 

 

Und auch die Experten der BBC um Gary Lineker (60) und Rio Ferdinand (42) legten ausnahmsweise ihre journalistische Neutralität ab und ließen sich von der Atmosphäre in Wembley anstecken. Man konnte genau sehen, wieviel dieser Sieg jedem der Anwesenden bedeutete. Die beiden Halbfinalniederlagen im Elfmeterschießen 1990 und 1996, das nicht gegebene Tor von Frank Lampard (43) 2010 zum 2:2 in Bloemfontein, weswegen England letztlich 1:4 unterlag. Das alles schien sich in diesem Moment in Luft aufzulösen.

Binnen drei Jahren ist es der Mannschaft unter Gareth Southgate gelungen, zwei der englischen Dämonen der Vergangenheit zu bezwingen. Zuerst durch ein erfolgreiches Elfmeterschießen gegen Kolumbien bei der Weltmeisterschaft in Russland – und jetzt mit dem Sieg gegen Deutschland.

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England wie Real Madrid: Mit gespiegeltem System zum Erfolg

Der Schlüssel zum Erfolg war, dass Southgate seit der WM sowohl im 3-4-3/3-4-2-1, als auch 4-2-3-1 hat spielen lassen. Dadurch war es für die Mannschaft einfach, zwischen den beiden Systemen zu wechseln. Gegen Deutschland galt es, Joachim Löws (61) 3-4-2-1 zu spiegeln und vor allem die Kreise des gegen Portugal überragenden Robin Gosens (26) einzuschränken. Durch die extrem offensiven Außenverteidiger Nélson Semedo (27) und Raphael Guerreiro (27) konnte die DFB-Elf Gosens auf der linken Seite immer wieder isolieren. Auf diese Art und Weise fielen drei der vier Tore, wie auch der frühe Abseitstreffer von Atalantas linkem Wingback.

Wie das funktioniert, hat Zinedine Zidane (49) bereits in der Champions League demonstiert. 4:1 gewann Real Madrid gegen Atalanta nach Hin- und Rückspiel. Dabei fiel auf, dass Gosens von Lucas Vázquez (30) gegen den Ball in Manndeckung genommen wurde, während Fede Valverde (22) dessen Läufe in die Tiefe verhinderte. Die drei Innenverteidiger Raphael Varane (28), Sergio Ramos (35) und Nacho (31) rückten immer wieder nach vorne, um Atalantas Angreifer in Schach zu halten. Gegen Deutschland nahm Kieran Trippier (30) die Rolle von Vázquez ein und Bukayo Saka (19) Valverdes.

Vorne wurde Raheem Sterling (26) mit allen Freiheiten ausgestattet, um bei Ballgewinn direkte Läufe in die Tiefe anzubieten. Im Gegenzug ließ sich Harry Kane (27) tiefer fallen, sodass er seine spielerischen Fähigkeiten besser zur Geltung bringen konnte. Zudem machten Trippier und Saka in Ballbesitz das Spielfeld so breit wie möglich. Dadurch war Gosens defensiv gebunden und musste auf seine Tiefenläufe verzichten.

Grealishs Einwechslung als Schüssel zum Erfolg für England

Soweit das taktische Grundgerüst. Nun galt es noch, Deutschlands große Schwachstelle, die rechte Defensivseite mit Mats Hummels (32) und Matthias Ginter (27) konsequent abzuklopfen Auch Joshua Kimmich (26) sah man an, dass er zwar ein guter Rechtsverteidiger in einer Viererkette ist, ihm aber die Erfahrung fehlt, um die Rolle als Wingback zur Genüge auszufüllen. Von den sieben Gegentreffern, die Deutschland während des Turniers kassierte, fielen fünf über die rechte Seite.

Bildquelle: imago

Hier machte sich die Einwechslung von Jack Grealish (25) bezahlt. Seine enge Ballführung und Kreativität war wie gemacht, um in der Wunde zu bohren. Gleichzeitig gab er England auch den offensiven Punch, der ihnen in der ersten Halbzeit noch abging. Um Grealish in die Show zu bringen, war schnelles, aber auch risikoreiches Passspiel von großer Bedeutung. Kyle Walker (31) setzte Sterling ein, obwohl er mit Kieran Trippier rechts noch eine sichere Option hatte. Auch Sterling entschied sich für den Pass in die Tiefe auf Harry Kane, obwohl rechts noch immer Trippier stand. So kam der Ball zu Grealish und ab dort war der Treffer eigentlich nicht mehr zu verhindern. Luke Shaw (25) machte den Lauf in die Tiefe und flankte sofort in die Mitte, Sterling musste nur noch abstauben.

Durch den Treffer und die Stimmung in Wembley bekam England noch mehr Zutrauen ins eigene Spiel, beim Fehler von Sterling vielleicht ein bisschen zu viel. Aber auch hier reagierte England defensiv so hervorragend, wie es in der Situation möglich war. Walker drängte Thomas Müller (31) mit seinem irrsinnigen Tempo nach rechts ab und zwang ihn zu einem leicht überhasteten Abschluss aus gut 19 Metern. Auch Jordan Pickford (27) kam aus seinem Tor, um den Winkel noch enger zu machen.

Das 2:0 war im Grunde genommen eine Kopie des ersten Treffers, diesmal mit anderen Rollen. Shaw schickte Grealish steil, dessen butterweiche Flanke köpfte Harry Kane zu seinem ersten EM-Tor unter den Querbalken.

„It’s coming home“? – Englands große Chance

Dieses Ergebnis brachte England sicher ins Ziel. Der Rest war Party. „It’s coming home, it’s coming home, it’s coming, football’s coming home!“

Man muss England zugutehalten, dass der Turnierbaum sie auf dieser Mission nicht zwingend benachteiligt. Am Samstag treffen sie in Rom auf die Ukraine, die beim 2:1 gegen Schweden Überstunden absolvieren musste. Danach wartet entweder Tschechien oder Dänemark. Zudem treffen mit Italien und Belgien die beiden bisher besten Mannschaften des Turniers aufeinander, der Sieger spielt im Halbfinale gegen die Schweiz oder Spanien.

Aber genau hier liegt auch die Gefahr. Denn von all diesen Gegnern auf dem Weg ins Finale wird ihnen keiner mehr den Gefallen tun, so mitzuspielen, wie es die DFB-Elf tat. Zumeist müssen die Three Lions selbst eine Defensive entknoten. Genau damit taten sie sich gegen Kroatien und Schottland teilweise sehr schwer. Dazu kommt der Druck, den dieses Ergebnis mit sich bringt. Ein Aus gegen jene Mannschaften nachdem man zuvor Deutschland besiegt hat, würde sich wie eine neue Version von Island 2016 anfühlen. Allerdings weniger als Blamage, sondern mehr wie eine verpasste Chance.

Portugal ist ausgeschieden, die Niederlande ist ausgeschieden, Frankreich auch – und für Deutschlands K.O. hat England persönlich gesorgt. Dazu kommen mögliche Personal- und Trainerwechsel bis zur WM im Winter 2022. Die Chance ist jetzt, man hat das Finale im eigenen Wohnzimmer. Es liegt an England selbst, sie auch zu nutzen. Dann hätte die Mannschaft unter Gareth Southgate auch den dritten großen Dämon der Vergangenheit besiegt: die Titellosigkeit.

Copyright: Mike Egerton/imago

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Victor Catalina

 

Victor Catalina

Mit Hitzfelds Bayern aufgewachsen, in Dortmund studiert und Sheffield das eigene Handwerk perfektioniert. Für 90PLUS immer bestens über die Vergangenheit und Gegenwart des europäischen Fußballs sowie seine Statistiken informiert.

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