Spanien 2008-2012: Vier Jahre Perfektion

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Spotlight | Selten hat eine Nationalmannschaft den Fußball so dominiert, wie Spanien zwischen 2008 und 2012. Dabei spielten sie nahezu Fußball in Perfektion, weil ein Trainer einen Geistesblitz hatte – und ein zweiter ihn zu veredeln wusste.

Spanien: Die ewig titellosen?

Man sagt immer, das beste kommt zum Schluss. So auch bei einer der erfolgreichsten Ären, die der Fußball bis jetzt miterlebt hat: der der Spanier. Im EM-Finale 2012 besiegten sie Italien 4:0. Es war aber nicht nur das Ergebnis, das dieses Finale so beeindruckend machte, es war vor allem der Aufritt. Jeder der vier Treffer fiel wie am Reißbrett entworfen. Die Pässe in die Tiefe mit chirurgischer Präzision, die Abschlüsse: unhaltbar.

Der große Favorit, er hatte sich einmal mehr durchgesetzt. Wobei das mit der Favoritenrolle bei Spanien nicht immer so war. Bis 2008 stand für die Furia Roja lediglich ein großer Titel zu Buche: die EM 1964. Die fand aber auch in Spanien statt – und mit lediglich vier Mannschaften.  Außer den Spaniern selbst waren noch Dänemark, Ungarn und die Sowjetunion dabei.

 

 

Über die Jahre spielte Spanien immer wieder einen gefälligen Fußball, aber es fehlte das gewisse Etwas, das Besondere, das andere Mannschaften hatten – und sie eben nicht. So wie bei der WM 2006. Im Achtelfinale gegen Frankreich brachte den Spaniern ein verwandelter Foulelfmeter von David Villa die Führung. Doch noch vor der Pause glich ein 23-jähriges Toptalent namens Franck Ribéry aus, bevor Patrick Vieira und Zinedine Zidane in den letzten sieben Minuten dafür sorgten, dass die Spanier einmal mehr leer ausgingen.

Die Liebe der Fans zu ihrer Nationalmannschaft war über die Jahre merklich abgekühlt. Lieber konzentrierte man sich auf seinen Klub. Wir haben diesen einen EM-Titel – und in näherer Zukunft wird da auch nichts mehr dazukommen, so der allgemeine Konsens.

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Aragonés sorgt für die Trendwende in Spanien

Der Mann, der genau das ändern wollte: José Luis Aragonés Suárez Martínez. Seine größten Zeiten als Stürmer hatte er bei Atlético Madrid. Im Finale des Europapokals der Landesmeister 1974 brachte Aragonés seine Mannschaft gegen den FC Bayern in der 114. Minute per Freistoß in Führung. Sekunden vor Schluss glich Hans-Georg „Katsche“ Schwarzenbeck aber noch aus und die Münchener gewannen das Wiederholungsspiel dank Doppelpacks von Gerd Müller und Uli Hoeneß 4:0. Mit anderen Worten: Aragonés war – wie die Nationalmannschaft selbst – durchaus leidgeprüft.

Und er hatte nichts zu verlieren. Entgegen des Trends, den Griechenland 2004 und Italien 2006 mit ihrem körperlichen Defensivfußball setzten, wollte Aragonés den Ball haben – und kreierte ein Mittelfeld aus Xavi, Andrés Iniesta und David Silva. Vorne sorgte Aragonés für einen Paukenschlag, indem er ausgerechnet Raúl zuhause ließ und stattdessen einen jungen Stürmer des FC Valencia nominierte: David Villa. Sein Rezept ging auf. Das Mittelfeld tickte wie ein Schweizer Uhrwerk, der zweikampfstarke Marcos Senna hielt ihnen den Rücken frei – und Villa erzielte beim 4:1 gegen Russland gleich mal drei Tore.

Erlösung gegen Deutschland: Spaniens erster großer Titel seit 44 Jahren

In genau diesem Rhythmus ging es weiter: Nach einem Last-Minute-Sieg gegen Schweden sicherte man mit einem 2:1 gegen Titelverteidiger Griechenland locker den Einzug ins Viertelfinale. Bis 2016 nahmen nur 16 Mannschaften an einer EM teil, ein Achtelfinale war daher nicht vonnöten. In der Runde der letzten Acht wartete ausgerechnet Italien, das bis dahin gegen Spanien in einem Pflichtspiel noch nie verloren hatte. Bis dahin. Nach 120 torlosen Minuten parierte Iker Casillas zweimal, Gigi Buffon einmal – und der Italien-Fluch war ein ehemaliger. Spanien gewann 4:2 im Elfmeterschießen.

Bildquelle: imago

Das Halbfinale hielt erneut Russland bereit. Und nach den Erfahrungen der Vorrunde waren die Russen diesmal besonders vorsichtig. Aber nach 50 torlosen Minuten brach es über sie herein: Xavi, Dani Güiza, David Silva. Bitteschön, dankeschön, nächster. Das war in diesem Fall Deutschland, bei denen ein frisches Duo aus Joachim Löw und Hansi Flick das er Turnier absolvierte.

Die werden doch nicht etwa? Was? Ausgerechnet wir? Aber diese Mannschaft gewinnt doch keine Titel! Kurz und schmerzlos: In der 33. Minute beging Philipp Lahm den vermutlich einzigen Stellungsfehler seiner Karriere, den Fernando Torres zum entscheidenden 1:0 nutzte. Spanien war nicht nur besser, sondern klar besser und verdient Europameister.

Del Bosque und Guardiola formen Spaniens Dynastie

Vielleicht war es auch ein wenig Genugtuung für Luis Aragonés. Jetzt, 34 Jahre nach jenem verlorenen Finale mit Atlético Madrid, hatte er endlich seinen Triumph gegen eine deutsche Mannschaft. Anlass genug, sich mit mittlerweile 70 Jahren zurückzuziehen und das Ruder an jemanden weiterzugeben, der nachweislich auch große Titel gewinnen kann: Vicente Del Bosque, seines Zeichens Champions-League-Sieger mit Real Madrid 2000 und 2002.

Aber es war nicht nur Spanien, das einen neuen Trainer, sondern vor allem der FC Barcelona. Die Katalanen gewannen 2006 noch unter Frank Rijkaard die Champions League. Doch die Jahre danach verliefen eher dünn. 2007 verlor man den Titel knapp an Real Madrid – 2008 sogar deutlich. Zehn Punkte Rückstand auf den Tabellenzweiten Villarreal und deren 18 auf Real Madrid in Tateinheit mit einem 1:4 im Bernabéu bedeuteten das Aus für Rijkaard. Sein Nachfolger: Pep Guardiola.

Und der setzte noch stärker auf das, was Aragonés bereits angerissen hatte: Ronaldinho, Deco oder Lilian Thuran wurde freundlich die Tür gezeigt. Für sie übernahmen Gerard Piqué, Sergio Busquets, Pedro – natürlich auch Xavi und Iniesta. Und auch ein gewisser Lionel Messi wurde vom Toptalent zum unverzichtbaren Puzzleteil.

Das griff Del Bosque auf, ersetzte Marcos Senna durch Busquets und ließ Andrés Iniesta sowie David Silva in den offensiven Halbräumen wirbeln, sodass auch Xabi Alonso noch in dieser Mannschaft noch Platz hatte. Und jetzt viel Spaß beim Ballerobern.

WM 2010: Spaniens Sternstunde

Auf dem Platz war diese Mannschaft kaum zu schlagen. Also, musste die Entscheidung an der Seitenlinie fallen. Und dort traf Del Bosque zum ersten Spiel der WM 2010 auf jemanden, der ihm zehn Jahre zuvor noch die ein oder andere große Schlacht geboten hat: Ottmar Hitzfeld, seines Zeichens nun Schweizer Nationaltrainer. Der 1:0-Sieg des FC Bayern im Bernabéu 2001 ist legendär, so legendär, dass ihn Hitzfeld einfach mal wiederholte. Doch diesmal hieß der Siegtorschütze nicht Giovane Élber, sondern Gelson Fernandes.

Also, alles wieder auf Anfang? Naja, war schön so lange es gedauert hat, immerhin haben wir jetzt zwei große Ti..

…nicht mit dieser Mannschaft. David Villa drehte auf, schoss Spanien praktisch im Alleingang ins Halbfinale. Dort wartete wieder einmal Deutschland. Doch diesmal war es eine runderneuerte DFB-Elf, unter anderem mit Manuel Neuer, Jérôme Boateng, Mesut Özil oder Thomas Müller. Und sie hatte für ordentlich Wirbel gesorgt indem sie zuerst England (4:1) und dann auch noch Argentinien (4:0) auseinanderschraubte. Doch diesmal wurden sie auseinandergeschraubt. Das spanische Mittelfeld machte mit Per Mertesacker und Arne Friedrich wonach es ihm beliebte. Allein ein Tor wollte nicht fallen. Alles deutete auf eine Verlängerung hin, bis Carles Puyol in der 73. Minute seine Lockenpracht in einen Xavi-Eckball hielt. Spanien einszunullte sich seinen Weg ins Finale, das wie ausging? Richtig! Einen Stellungsfehler in der niederländischen Abwehr nutzte Andrés Iniesta zu einem technisch perfekten Volley.

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Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass Spanien den von Johan Cruyff entwickelten und dessen Musterschüler Pep Guardiola perfektionierten Voetbal Totaal dazu nutzte, die Niederlande zu besiegen.

2012: Spaniens Passmaschine holt den dritten Titel in Folge

Inzwischen hatten sich die Spanier – ja, jene Mannschaft, der man einst nachsagte, sie würde nie wieder etwas gewinnen – eine amtliche Dynastie aufgebaut. Die Schlüsselspieler des FC Barcelona holten darüber hinaus noch zwei Champions-League-Titel, 2009 und 2011. Der Fußball, den sie spielten: nahezu perfekt. Wer also sollte diese Mannschaft stoppen? Höhere Mächte. Zumindest sah es in der Saison 2011/12 genau danach aus. David Villa brach sich das Schienbein und wurde nicht rechtzeitig zur EM 2012 fit. Und auf einmal hatte Spanien ein amtliches Problem. Denn Fernando Torres ging nach seinem Wechsel zu Chelsea das Selbstvertrauen komplett abhanden, Fernando Llorente war nur als Backup eingeplant. Die Lösung hieß Cesc Fàbregas. Schon in Barcelona bot ihn Pep Guardiola als falsche Neun auf. Das übernahm Del Bosque, impfte Torres noch etwas Selbstsicherheit ein – und Spanien qualifizierte sich einmal mehr souverän für das Viertelfinale.

Dort wartete Frankreich auf sie. Franck Ribéry war zwar noch da, Zidane und Vieira aber nicht mehr, Spanien warf einmal mehr die Passmaschine an, ein Doppelpack von Xabi Alonso machte letztlich den Unterschied. Frankreich hatte nicht wirklich eine Chance und war mit dem 0:2 noch gut bedient. Also, Halbfinale gegen Portugal. Es entwickelte sich ein 120-minütiges Abtasten, Tore fielen keine. Also, musste einmal mehr Iker Casillas den Unterschied machen. Das tat er auch, hielt zweimal, Bruno Alves nagelte die Kugel an den Querbalken und Fàbregas machte mit dem 4:2 das Finale klar.

0:7, 1:4, 1:5 – Der Untergang des Tiqui-Taca

Und dort schließt sich der Kreis. Spanien gewann 4:0, Tiqui-Taca war auf seinem Höhepunkt angekommen. Und von dort aus ging es – nach drei Titeln in vier Jahren – diesmal wirklich zurück zu den Anfängen. Pep Guardiola verließ Barcelona, mit einem halbfitten Lionel Messi trafen sie im Champions-League-Halbfinale auf den FC Bayern – und bekamen von Jupp Heynckes‘ Mannschaft eine 180-minütige Vorführung verpasst. 0:7.“Ich brauche keine Tipps von Pep Guardiola, ich habe viele Jahre in Spanien trainiert und weiß wie man sie schlägt, so Heynckes vor dem 4:0 im Hinspiel, angesprochen auf seinen Nachfolger. Einen Tag später kegelte Robert Lewandowski Real Madrid eigenhändig aus dem Wettbewerb. Zwei Hinspiele, Bundesliga 8, La Liga 1. Wie das Finale 2012 gingen auch diese Ergebnisse wie ein Urknall durch ganz Europa.

Es war klar, dass sich die Spanier etwas einfallen lassen müssen, wollten sie ihre Dominanz weiterhin aufrechterhalten. Im Eröffnungsspiel der WM 2014 gab es eine Neuauflage des Finals 2010 gegen die Niederlande. Auch diesmal gingen die Spanier wieder in Führung. Doch ein artistischer Flugkopfball von Robin van Persie ließ alle Dämme brechen. Fünfmal durfte Louis van Gaal an der Seitenlinie jubeln. Spanien war gegen Chile nun unter Zugzwang. Doch die alten Helden waren merklich in die Jahre gekommen, ihnen fehlten Schnelligkeit und Spritzigkeit. Chile gewann verdient 2:0. Das Vorrundenaus für Spanien war damit besiegelt. Und damit auch das Ende einer der glorreichsten Epochen des Weltfußballs.

Zwar startete Vicente Del Bosque bei der EM 2016 noch einen allerletzten Anlauf. Im Achtelfinale war gegen Antonio Conte und seine ausgekochten Italiener wieder einmal früh Schluss. So nahm auch der Architekt der beiden großen Erfolge 2010 und 2012 seinen Hut. Und Spanien muss nach einer weiteren verkorksten WM 2018 inklusive Aus im Elfmeterschießen gegen Gastgeber Russland weiter auf den nächsten großen Erfolg warten. Beim letzten Mal hat es sich durchaus gelohnt.

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Victor Catalina

 

 

Victor Catalina

Mit Hitzfelds Bayern aufgewachsen, in Dortmund studiert und Sheffield das eigene Handwerk perfektioniert. Für 90PLUS immer bestens über die Vergangenheit und Gegenwart des europäischen Fußballs sowie seine Statistiken informiert.

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