EM 2021 | Niederlande: Ein Aus mit Ansage

Niederlande EM 2021
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Spotlight | Die Niederlande hatte nach drei Siegen in der Gruppe bei der EM 2021 und mit dem vermeintlich leichteren Teil des Turnierbaumes vor der Brust einiges vor. Doch die Europameisterschaft endete für die „Elftal“ schon im Achtelfinale. 

  • Niederlande: Wenig zu sehen vom Schwung aus der Gruppe
  • Die Probleme deuteten sich bereits an
  • De Boer vor Entlassung – Neustart erwünscht

EM 2021: Die Niederlande beantwortet offene Fragen nicht

Vor der EM 2021 galt Frankreich als der große Favorit. Auch Belgien, Portugal, England, Spanien und Italien trauten Experten einiges zu. Eine Auswahl, die nicht genannt wurde, war die der Niederlande. Die Mannschaft ist nicht schlecht, da waren sich alle einig. Doch vor dem Turnier drängten sich einige offene Fragen auf. Die Gruppenphase mit drei Siegen und der besten Offensive des Turniers lieferte nur wenige Antworten. Denn Österreich, Nordmazedonien und die Ukraine waren nicht die Gradmesser, die andere große Nationen schon früh zu bespielen hatten.

Im Achtelfinale wartete mit Tschechien erneut ein vermeintlich schlagbarer Gegner auf Oranje. Doch die Reise für die Elftal ist schon jetzt vorbei, der Traum von einem erneuten großen Titel nach dem Triumph bei der Europameisterschaft 1988 ist ausgeträumt. Mit 0:2 unterlag die Niederlande am Sonntag einer unangenehm spielenden tschechischen Auswahl. Und wer die Gruppenphase beider Teams aufmerksam verfolgt hat, den wird das gar nicht so sehr überrascht haben.

Niederlande: Tore kaschieren Unstimmigkeiten

Schon der Auftakt in die Europameisterschaft verlief für die Niederlande nicht ganz ideal. Gegen die Ukraine gab es einen 3:2-Erfolg, aber dabei funktionierte nicht alles. Bondscoach Frank de Boer (51) setzte auf eine 5-3-2-Formation mit hochstehenden und anschiebenden Außenverteidigern. Eine Abkehr des typischen 4-3-3 wird in den Niederlanden per sé schon sehr kritisch gesehen. Dass diese Mannschaft auch in dieser Formation Qualitäten hat, zeigte sich in manchen Phasen. Memphis Depay (27) als Initiator in der Offensive funktionierte sehr gut, Frenkie de Jong (24) dominierte das Mittelfeld und Georginio Wijnaldum (30) erhielt Freiheiten, die er für dynamische Vorstöße in das letzte Drittel nutzen konnte.

Niederlande EM 2021

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Die Elftal spielte zuweilen gefällig nach vorne, ließ die Ukrainer aber häufig in gefährliche Räume kommen. Zunächst nutzen die Osteuropäer dies nicht, aber in der Phase, in der die Ukraine einen 0:2-Rückstand aufholte, fand die Niederlande keinen Zugriff. Solche Spielphasen gab es auch gegen Österreich und gegen Nordmazedonien. Doch diese Gegner nutzten das zu selten. Vor allem gegen Österreich war auffällig, wie häufig es dem Gegner erlaubt wurde, im Zentrum vor dem Strafraum zu agieren. Die letzte Konsequenz fehlte allerdings, die Niederlande wurde nicht bestraft. Kurzum: Die guten Ansätze und vielen Tore in der Gruppenphase kaschierten Probleme, die nicht ausgenutzt werden konnten.

Die Ergebnisse stimmten also. Doch die Kritiker warfen Trainer de Boer trotzdem vor, dass dieser Weg nicht zum Erfolg führen kann. Wout Weghorst (28), ein Spieler, der gerne von zwei offensiven Außenspielern mit Flanken gefüttert wird, musste sich und sein Spiel umstellen. Die Folge: Die Einbindung gelang trotz eines Tores in der Gruppenphase nicht. Weghorst wirkte zuweilen wie ein Fremdkörper, der nicht am Kombinationsspiel teilnehmen konnte, gleichzeitig auch nicht in die Situationen kam, die ihn stark machen. Mit Donyell Malen (22, PSV) wirkte die Niederlande im Spiel nach vorne unberechenbarer und gefährlicher.

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Tschechien findet den Schlüssel

Das erkannte de Boer und reagierte gegen Tschechien. Malen ersetzte Weghorst. Doch die Tschechen ließen den Stürmer nicht zur Entfaltung kommen, abgesehen von einer Großchance kurz vor dem 0:1, als der Spieler der PSV seine Geschwindigkeit ideal ausspielen konnte. Tschechien hatte die Gruppenphase der Niederlande formidabel analysiert. Der entscheidende Faktor bei der Analyse: Das fußballerische Naturell der Tschechen ist, ideal ausgeführt, genau das, was die Niederlande vor Probleme stellen kann. Jaroslav Šilhavý (59) gab seiner Mannschaft mit auf den Weg, dass sie extrem diszipliniert spielen muss. Die physischen Voraussetzungen, um dem Favoriten in Zweikämpfen Paroli zu bieten, waren ohnehin vorhanden. Tschechien öffnete wenige Räume, ließ Wijnaldum, der nur zehn erfolgreiche Pässe im ganzen Spiel (!) spielte, nicht nach vorne stoßen und die schnellen Angreifer nicht hinter die Kette kommen.

Die Folge: Frenkie de Jong dirigierte, hatte aber nur selten die Möglichkeit, mit seinem kreativen Passspiel Raumgewinne zu erzeugen. Die Bewegung im offensiven Bereich fehlte und genau hier wurde es für die Niederlande problematisch. Denzel Dumfries (25) und Patrick van Aanholt (30) mussten als Außenverteidiger noch mehr nach vorne machen, gleichzeitig aber auch die Nadelstiche der Tschechen absichern. Und das war der zweite Teil der siegbringenden Strategie. Tschechien dachte offensiv. Nach Ballgewinn ging der Blick nach vorne. Die Laufwege waren einstudiert, Patrik Schick (25) war ein beliebtes Ziel. Und damit zwang Tschechien die Niederlande förmlich zur Balance, ohne zu viel selbst zu riskieren.

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Natürlich war der Fehler von Mathijs de Ligt (25), der nach einem Handspiel die rote Karte sah, am Ende mit ausschlaggebend. Doch Tschechien veränderte das eigene Spiel in Überzahl kaum und war vorher schon ebenbürtig. Frank de Boer fiel keine Lösung ein, wie er seiner Mannschaft den Zugriff auf diesen Gegner ermöglichen konnte. Dass dann auch noch in Unterzahl die Möglichkeit fehlte, mit einem offensiven Wechsel nur leicht in das Risiko zu gehen, spielte ebenfalls eine Rolle.

Neustart für Oranje nach der EM 2021

Das Turnier endete also mit einer Niederlage gegen Tschechien. Schon im Achtelfinale. Für die Elftal ist das eine Enttäuschung und die Kritiker von Frank de Boer sehen sich bestätigt. Ein Aus des Nationaltrainers ist gut vorstellbar. Ein Neustart muss her. Mit Spielern wie Virgil van Dijk (29), der das Turnier verletzungsbedingt verpasste. Mit der Einbindung zahlreicher talentierter junger Spieler wie Teun Koopmeiners (23) oder Myron Boadu (22). Und mit einer Rückkehr zu dem System, das viele Spieler in den Niederlanden schon in frühen Jugendzeiten lernen. Welcher Trainer der richtige Mann für diesen Job ist, bleibt abzuwarten. Dass de Boer noch eine weitere Chance erhält, ist nach jetzigem Stand jedenfalls unrealistisch. Eine weitere Enttäuschung wie bei der EM 2021 will die Niederlande bei den kommenden Turnieren in jedem Fall verhindern.

 

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Manuel Behlert

Vom Spitzenfußball bis zum 17-jährigen Nachwuchstalent aus Dänemark: Manu interessiert sich für alle Facetten im Weltfußball. Seit 2017 im 90PLUS-Team. Lässt sich vor allem von sehenswertem Offensivfußball begeistern.

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