Stars der EM: Oliver Bierhoff schreibt mit Golden Goal Fußballgeschichte

Bierhoff (DFB) mit EM-Pokal
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Spotlight | 1996 sorgte Oliver Bierhoff mit dem ersten Golden Goal der Fußballgeschichte für reichlich Freude bei allen deutschen Fans. Mit seinen beiden Treffern im Finale avancierte der Stürmer zum Matchwinner und schoss Deutschland zum EM-Triumph. 

Oliver Bierhoff schreibt Fußballgeschichte

EM-Finale 1996, Wembley-Stadium in London, 21 Uhr Ortszeit. Soeben hat Oliver Bierhoff (53) mit seinem Treffer zum 2:1 Fußballgeschichte geschrieben. „Bierhoff, ganz nah beim ihm ist Kadlec“, tönte damals die Stimme von Kommentator Béla Réthy (64) aus den Fernsehgeräten Deutschlands. „Bierhoff kann sich durchsetzen, Koooubaaa, uuund… Deutschland ist Europameister!“ Der Siegtreffer war zeitgleich auch das allererste Golden Goal der Fußballgeschichte.

 

Fast auf den Tag genau 25 Jahre ist dieses Ereignis mittlerweile her. Doch die Erinnerungen daran sind immer noch präsent. „Ich habe noch im Bild, wie der Ball so langsam ins Tor kullert“, erinnert sich Bierhoff im Podcast Phrasenmäher. „Wie Stefan Kuntz noch hinterherläuft, nach dem Motto: Ist das jetzt ein Tor oder nicht?“, ergänzte er. In der Tat erwartet man bei einem so geschichtsträchtigen Treffer mehr Spektakel. Tatsächlich war das entscheidende Tor jedoch mehr Slapstick als gehobene Fußballkunst.

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Nach einem langen Ball von Thomas Helmer (56) gewinnt Bierhoff zunächst das Kopfballduell kurz vor dem Sechzehner. Seinen weitergeleiteten Ball spielt Jürgen Klinsmann (56) von rechts wieder hoch zurück in den Strafraum. Dort nimmt Bierhoff den Ball in halblinker Position mit dem Rücken zum Tor der Tschechen an, dreht sich nach links und schließt mit seinem schwachen linken Fuß ab. Sein satter Schuss wird noch von einem tschechischen Bein leicht abgefälscht. Torhüter Petr Kouba (52) bekommt zwar die Hände an den Ball, sieht aber dennoch sehr unglücklich aus. Das Spielgerät fliegt gegen den rechten Innenpfosten und kullert von dort über die Linie.

Bierhoff: „Der Mann mit dem Näschen“

„Das macht mich natürlich unglaublich stolz“, betonte Bierhoff. „Als Stürmer reinzukommen, beide Tore zu machen, in so einem wichtigen Finale für dein Land, in einem so tollen Stadion. Das war schon irgendwie toll und ein ganz besonderer Moment“, konstatierte er in einem Rückblick des NDR. Seine beiden Treffer im Endspiel der EM ’96 waren die einzigen Turniertore Bierhoffs. In der 69. Minute eingewechselt sorgte er vier Minuten später mit seinem zweiten Ballkontakt zunächst für den Ausgleich, ehe er in der Verlängerung erneut zuschlug. Von Kommentator Réthy wurde er in der Folge liebevoll „der Mann mit dem Näschen“ genannt.

Klinsmann, Hässler, Bierhoff (DFB) jubeln nach dem Golden Goal

Photo by Imago

Vor seinem Ausgleich wusste Bierhoff, dass die deutsche Auswahl das Spiel noch gewinnen würde. „Ich wusste zwar nicht wie, aber ich war mir irgendwie sicher“, erklärte er heute. Neben dem Triumph ist Bierhoff vor allem die Stimmung und Kulisse in Erinnerung geblieben. „Das war schon zum Halbfinale beeindruckend“, erklärte Bierhoff. Im eben jenen Halbfinale setzte sich die DFB-Elf erst im Elfmeterschießen gegen Gastgeber England durch.

Bierhoff saß über die gesamte Spielzeit auf der Bank. Ebenso wie bereits im Viertelfinale gegen Kroatien. „Natürlich hatte ich vorher ja auch ein paar Tage Frust, weil ich nicht zum Einsatz kam“, offenbarte Bierhoff nun. Zuvor kam er lediglich auf zwei Einsätze in der Gruppenphase gegen Finalgegner Tschechien und Russland.

Ernüchterndes Turnier für Bierhoff, bis zum Finale

„Ich habe mir gedacht, es könnte mehr Unterstützung und mehr Vertrauen vonseiten des Trainers kommen“, erklärte Bierhoff in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen.  „Selbst als so viele Spieler verletzt waren, war ich ja noch da und dazu gesund und fit. Ich habe das manchmal schon wie eine Ohrfeige empfunden“, offenbarte er. „Gegen Kroatien lässt er den Fredi Bobic spielen, weil er sagt, der hat eine kroatische Mutter und versteht die anderen Jungs ein bisschen“, fügte Bierhoff hinzu. Und auch gegen die Italiener im letzten Gruppenspiel soll Vogts seinen Stürmer außen vor gelassen haben. Mit der Begründung „Die kennen dich. Da ist man sprachlos“, so Bierhoff.

Oliver Bierhoff (DFB) im Training

Photo by Imago

Im Halbfinale traf die DFB-Elf auf die körperlich starken Engländer. „Als vielleicht auch Kopfballstärke gefragt war, hat er nur mit Kuntz als einziger Spitze gespielt“, führte der heutige DFB-Manager weiter aus. „Das war der letzte Stoß ins Herz, da habe ich mir gesagt, jetzt kommt gar nichts mehr.“

Bode für Bierhoffs Karrierenhöheflug verantwortlich

Zum Zeitpunkt seiner Einwechslung im Endspiel hatte Nationaltrainer Berti Vogts (74) nicht viele offensive Optionen auf der Bank. Seine beiden besten Stürmer Klinsmann und Stefan Kuntz (58) blieben bis dato glücklos. Bierhoff war bei dem Spielstand von 1:0 für Tschechien die einzig logische Wahl. Zur Halbzeit brachte Vogts bereits Marco Bode (51) für den verletzten Dieter Eilts (56). Eben jener Bode besteht noch heute darauf, dass sein Teamkollege das Golden Goal und seine Karriere ihm zu verdanken hat. Alles natürlich mit einem Augenzwinkern.

„Wir haben über die Geschichte schon tausendmal gelacht“, erklärte Bode. „Ich hab ihm gesagt: dreh dich andersrum“, ergänzte er. Offensichtlich schien Bierhoff seinen Teamkameraden gehört zu haben, denn genau das tat er. „In der Position war immer mein Ziel und mein Gedanke mich rechts zu drehen“, erläuterte Bierhoff die Situation. „Und Marco Bode stand irgendwo hinter mir und hat geschrien: hier rum, hier rum.“ Der Rest ist Geschichte.

Bierhoff (DFB) erzielt Golden Goal gegen Tschechien

Photo: Mary Evans Allstar Richard Sellers / Imago

Die angesprochene Karriere legte Oliver Bierhoff tatsächlich eigentlich erst nach der Europameisterschaft 1996 hin. Zum Zeitpunkt des Turniers schnürte der damals 28-Jährige die Schuhe für Udinese Calcio. Nach einer starken Saison 1997/1998, mit 27 Treffern Torschützenkönig der Serie A, verpflichtete die AC Milan Bierhoff für 12,5 Millionen Euro. Eine, für damalige Verhältnisse, beträchtliche Summe, die der Stürmer in der Folge allerdings auch zurückzahlte.

In seiner ersten Saison mit den Mailändern holte Bierhoff direkt den Scudetto und steuerte 31 Scorerpunkte in 34 Partien bei (19 Treffer, 12 Vorlagen). Nach seiner starken Saison 97/98 wird er in Deutschland zum Fußballer des Jahres gewählt und befindet sich auf dem Höhepunkt seines Schaffens. „Das Golden Goal“, offenbarte Bierhoff, „hat mein Leben verändert. Erst danach bin ich in Deutschland richtig wahrgenommen worden.“

Bierhoff und Co.: „Football’s coming home“

Die Bilder nach dem EM-Triumph sind wohl ebenso legendär wie das Golden Goal selbst. Sepp Maier (77), von 1988 bis 2004 Torwarttrainer der DFB-Elf, schnappte sich in den Katakomben eine Videokamera und filmte fleißig mit. Unter anderem sitzt ein Fredi Bobic (49) mit Champagner-Flasche in der Hand auf dem Beckenrand des oft zitierten Eisbads. Neben ihm Oliver Bierhoff, Zigarette in der einen und eine Dose Bier in der anderen Hand, der Oberkörper entblößt. Dazwischen der Vorlagengeber zum Ausgleich, Christian Ziege (49), ein handelsüblicher deutscher Touristenhut halb ins Gesicht gerutscht und ebenfalls Zigarette und Bier in den Händen. Gemeinsam mit seinen Kollegen schmettert Bierhoff den Klassiker „It’s coming home, it’s coming home, it’s coming, football’s is coming home“.

Photo by Imago

Sarom Siebenhaar

Die Oranje-Connection entfachte seine Leidenschaft für den HSV. Durch zahlreiche Tiefen schmecken die vereinzelten Höhen umso süßer. Schätzt attraktiven Offensivfußball genauso wie kämpferische Höchstleistungen. Internationaler Top-Fußball findet sich nicht nur in den Big Five. Seit 2021 bei 90PLUS.

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