Vier Lehren aus der Europameisterschaft 2021

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Spotlight | Die UEFA EURO 2020 ist vorbei. Italien ist Europameister. In diesen Zeiten, in denen sich viele Menschen eine Rückkehr zur Normalität wünschen, war diese Europameisterschaft eine willkommene Gelegenheit das Leben nach Corona zu üben. Doch diese EM war eine Zäsur und hat viele Verwerfungen des modernen Event-Fußballs deutlicher denn je zu Tage treten lassen. Die Schlüsse, die sich aus diesem paneuropäischen Turnier ziehen lassen, verheißen nichts Gutes. Was bedeutet dieses Turnier für den Fußball? Vier Lehren aus der EM. 

1) The Show must go on

Blicken wir zurück auf den Sommer 2020. In Europa entspannten sich die Infektionszahlen fast überall, an der im März getroffenen Entscheidung die Europameisterschaft zu verschieben wurde, angesichts fehlender Impfstoffe, dennoch festgehalten. Eine nachvollziehbare und kluge Maßnahme, schließlich wäre es geradezu fatal, wenn zigtausende, alkoholbedingt sich teilweise an der Grenze der Zurechnungsfähigkeit befindliche Fans, quer durch den Kontinent reisten und dabei helfen würden die Erfolge im Kampf gegen die Pandemie zunichte zu machen.

Nun, ein Jahr später, ist von der damaligen Vernunft nichts mehr übrig. Impfstoffe sind zwar reichlich verfügbar, Virusmutationen jedoch auch. Mehr als 2500 Infektionen führt die EU auf die EM zurück. Nach dem Finale dürften es einige mehr sein. Auch in Deutschland gibt es Neuinfektionen, die mit den Partien in München in Verbindung gebracht werden. UEFA und Regierungen öffneten nicht nur die Stadien den Fans, sondern auch die noch vor einem Jahr geschlossenen Infektionsschleusen.

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Foto: JohnxPatrickxFletcher/IMAGO

An der paneuropäischen EM in Pandemiezeiten festzuhalten, die dänischen Spieler vor ein Ultimatum zu stellen, kurz nachdem sie erleben mussten, wie ihr Teamkollege mit dem Tod rang, das alles sind Offenbarungseide für die UEFA. Die Gesundheit hat sich dem Spektakel unterzuordnen. Mit dieser Haltung steht der Verband nicht alleine da. Tausende Tote werfen einen blutigen Schatten auf die kommende Weltmeisterschaft in Katar. Und auch wenn die UEFA nicht die FIFA ist, erwartet wohl niemand ernsthaft, dass sich hier ein Umdenken einstellen wird. Vermutlich wirkt die Pandemie-Erfahrung eher bestärkend: „Seht ihr? Solange der Ball rund ist und das Spiel 90 Minuten dauert, können wir uns alles erlauben.“

2) Niemand kann mehr wegsehen

Trotz des ganzen Wahnsinns: Wir haben trotzdem zugeguckt. Wir konnten nicht anders, die Verheißung voller Stadien war zu verlockend. Wir haben gegen Portugal gejubelt, gegen Ungarn gebangt und die Engländer verflucht. Millionen haben das Endspiel verfolgt. Wegsehen ging nicht.

Die logische Konsequenz aus unserem Verhalten ist, dass wir nicht mehr von uns behauptet können, nichts gewusst zu haben. Wir haben gesehen, wie sich die UEFA gegen die Regenbogen-Initiative aus München gesträubt hat. Wie offen rechtsextreme Fan-Gruppierungen sich im ungarischen Block breit machten und es schafften, die Außenwirkung eines ganzen Landes zu beschädigen. Die Verfehlungen dieser Art des Fußballs, sie sind nicht mehr zu ignorieren. Da helfen auch Beteuerungen, dass man keinen Zusammenhang zwischen Neuinfektionen und Spielen erkennen könnte oder noch nie einen Sklaven in Katar gesehen habe. Diese Äußerungen und die Umstände dieses Turnier, sind schon jetzt digital konserviert. Eine ganz spezielle Art des Video-Schiedsrichters.

3) Menschenrechte sind verhandelbar

Wer zahlt eigentlich für dieses Schauspiel? Sind es die Fans, die die Tickets kaufen? Die Spieler, die ihre Gesundheit angesichts der immer höher werdenden Belastung aufs Spiel setzen? Die Sponsoren, deren Geld man eigentlich immer gewillt ist anzunehmen, solange die Botschaften bloß nicht zu politisch werden? Oder wird die Rechnung am Ende sogar geteilt?

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Fest steht, der moderne Event-Fußball hat ein Glaubwürdigkeitsproblem. Deutsche Vereine und neuerdings auch der DFB gehen zweifelhafte Deals mit Firmen aus Ländern mit zweifelhafter Menschenrechtslage ein und auch wenn die Spieler ein authentisches Signal setzen wollen, wird das marketingtechnisch ausgeschlachtet. Was bleibt sind Einzelaktionen von Spielern, die wahrscheinlich gar nicht mit den entsprechenden Verbänden abgesprochen wurden oder so spontan sind, dass man damit man das Risiko vor einen Karren gespannt zu werden, von vorne herein ausschließt.

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Foto: IMAGO

Doch diese Spieler sitzen nicht an den Konferenztischen, an denen über die Zukunft des Sports verhandelt wird. Sie dürfen ihn spielen, wir dürfen ihn gucken. Wie, wann und wo er stattfindet, das entscheiden andere und meist entscheiden sie zugunsten dessen, der die größte Show verspricht und am besten noch bereit ist dafür am meisten zu zahlen.

4) Die Stars sind die Fans

Wenn alles so deutlich vor uns lag, wir alles genau wussten, warum haben wir es dann trotzdem getan und haben bei der EM eingeschaltet? Man stelle sich die Frage, ob dieses Turnier die gleiche Wirkung gehabt hätte, wenn die Stadien leer gewesen und die Gesänge vom Band gekommen wären. Es ist paradox, durch die vergangenen Geisterspiele wurde der Fußball auf seinen vermeintlichen Kern reduziert: 22 Spieler und ein Ball. Der moderne Event-Fußball spielt allerdings nach eigenen Regeln. Es geht dabei nicht um Bolzplatzgekicke bis es dunkel wird, sondern um eine Show, ein Erlebnis. Die Geheimzutat hier: Fans.

Man darf deshalb nicht den Fehler machen, angesichts der Lage des Spiels in Passivität zu verfallen. Fußball wird wahrscheinlich nie sterben. Einen Ball oder eine Dose, zwei Jacken, die als Pfosten fungieren, und das Spiel lebt.

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Foto: xFabioxFerrari/lLaPressex/IMAGO

Das Produkt, was uns UEFA, FIFA und einige Klubs verkaufen wollen, braucht viel mehr: Stadien, wollen gebaut und gefüllt, Stars angehimmelt und Trikots getragen werden. Jeder Fan hat es selbst in der Hand, ob er oder sie weiter zum Spektakel beitragen will. Ob die eigenen moralischen Bedenken für ein Top-Spiel 90 Minuten lang vergessen werden sollen und welche Form des Fußballs man eigentlich unterstützen will. Das kann glücklicherweise jeder selbst für sich entscheiden, muss es aber auch. Denn am Ende dieses Turniers und in Erwartung von Katar 2022, kann niemand mehr sagen, dass man von nichts gewusst hätte.

Niklas Döbler

Foto: Insidefoto/andreaxstaccioli/IMAGO

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