Deutschland Nachspielzeit - Die 90PLUS Kolumne

FC Bayern | Hummels zum BVB – 2 Fehler auf einen Streich?

15. Juni 2019
Chris McCarthy

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FC Bayern | Hummels zum BVB – 2 Fehler auf einen Streich?

Nachspielzeit | Übereinstimmenden Medienberichten zufolge steht Mats Hummels vor einer Rückkehr zu Borussia Dortmund. Der FC Bayern droht mit diesem Transfer gleich zwei Fehler auf einen Streich zu begehen…

Verzichtbar?

Keine vier Monate nachdem Bundestrainer Joachim Löw sich dazu entschied, fortan ohne Mats Hummels (30) zu planen, ist man beim FC Bayern scheinbar zu einem ähnlichen Entschluss gekommen. Trainer Niko Kovac soll laut der Bild-Zeitung einem Verkauf des Innenverteidigers an Borussia Dortmund zugestimmt haben. Der Grund dafür soll vor allem der steigende Konkurrenzkampf in der Abwehrzentrale des amtierenden Meisters sein.

In Nicklas Süle (23) verfügen die Bayern über den wohl hoffnungsvollsten Innenverteidiger des Landes. Mit Rekordeinkauf Lucas Hernández (23; 80 Millionen Euro; Atlético) und Benjamin Pavard (23; 35 Millionen Euro, VfB Stuttgart) wurden zudem zwei weitere Abwehrspieler geholt, die mittelfristig für die Zentrale vorgesehen sind.

Sollte man sich also tatsächlich von Hummels trennen, so scheint man an der Säbener Straße der Ansicht zu sein, dass der 30-jährige verzichtbar geworden ist. Doch dieser Entschluss ist zweifelhaft.

(Photo by Alexander Hassenstein/Bongarts/Getty Images)

Bestes Fußballeralter trotz schwindender Athletik

Im letzten Jahr hat sich die sportliche Kritik an Hummels gehäuft. Hinsichtlich seiner Athletik ist diese auch durchaus angebracht. Schnelligkeit und Mobilität haben altersbedingt zweifelsohne nachgelassen. Belege dafür gab es in den vergangenen zwölf Monaten zu Genüge. Doch das bedeutet noch lange nicht, dass sich das Komplettpaket Hummels auf einem absteigenden Ast befindet.

Die These, dass man mit 30 Jahren im besten Fußballeralter sei, mag in Zeiten der stetig steigenden Leistungswerte junger Athleten allmählich überholt sein. Bei Spielern wie Mats Hummels trifft sie allerdings zu. Er ist ein Spieler, der all die mentalen Voraussetzungen mitbringt, um seine schwindende Athletik durch Spielintelligenz, Stellungsspiel und Routine zu kompensieren. Das sind Eigenschaften, die bei den meisten Innenverteidigern erst mit der Erfahrung aus sechs bis acht Jahren auf dem höchsten Level vollends entwickelt sind.

Hinzu kommt, dass der technisch versierte Defensivspieler in Sachen Übersicht, Pass- und Aufbauspiel noch immer zu den besten Innenverteidigern der Welt gehört. In der abgelaufenen Saison, als das Spiel des FC Bayern oftmals zu statisch war, war es vor allem Mats Hummels, der die entscheidenden Akzente setzte und dem kränkelnden Aufbau auf die Beine half.

Auch Hummels musste und muss sich daran gewöhnen, dass sein körperliches Leistungsvermögen nicht mehr auf dem Stand eines 20-jährigen ist. Dass er zumindest auf dem Weg ist, das zu kompensieren, deutete er eindrucksvoll in der Rückrunde an. Im Kalenderjahr 2019 war Hummels dank seiner Konstanz und seines spielerischen Einflusses wohl mit der beste Akteur der Münchner.

FC Bayern – Personeller Engpass?

Der FC Bayern würde sich mit einem Verkauf nicht nur qualitativ verschlechtern, sondern auch quantitativ. Laut Sportbild ist nämlich kein Ersatz für Hummels vorgesehen.

Jérôme Boateng (30), ein Spieler, der anders als Hummels sehr von seiner Athletik lebt, hat erheblich mit seiner Form zu kämpfen und wirkte zuletzt teilnahmslos. Der zweite Ex-Nationalspieler der Bayern gilt ebenfalls als Verkaufskandidat. Benjamin Pavard und Lucas Hernández, zwei zweifelsohne hoch veranlagte Neuzugänge, sollen die Lücke(n) schließen. Aber auch sie müssen erst die Anpassung an eine fremde Mannschaft, im Falle des Letzteren sogar an eine fremde Liga und ein fremdes Land meistern. Darüber hinaus stellen die beiden Franzosen zugleich die ersten Alternativen für die Außenverteidigerpositionen dar.

Mit Nicklas Süle, Benjamin Pavard, Lucas Hernández, Joshua Kimmich, David Alaba und einem anfälligen Defensivallrounder in Javi Martinez ist der FC Bayern nominell wohl kaum adäquat besetzt, um neben der Meisterschaft und dem Pokal auch in der Champions League ein ernstes Wörtchen mitreden zu können.

(Photo CHRISTOF STACHE/AFP/Getty Images)

Entscheidendes Puzzleteil für Dortmund

Betrachtet man sich all die Stärken, die Mats Hummels mit 30 Jahren mitbringt, so fällt schnell auf, dass sie sich genau mit den Defiziten der (Hinter-)Mannschaft Borussia Dortmunds decken.

Während der BVB zweifelsohne über vielversprechende Innenverteidiger verfügt, waren Stabilität, Routine und Erfahrung 2018/2019 durchaus ein Manko. Manuel Akanji (23), Abdou Diallo (23), Dan-Axel Zagadou (20) und Newcomer Leonardo Balerdi (20) sind aufgrund ihres Alters gerade erst dabei, sich die oben angesprochenen Eigenschaften, die Hummels heute auszeichnen, anzueignen.

Der BVB würde nicht nur Hummels Qualitäten erhalten, sondern einen Abwehrchef, der durch Organisationstalent, Routine und Führungsqualitäten seine talentierten Nebenmänner auf einen neues Level hieven könnte. Darüber hinaus steht Dortmund eine unglaublich facettenreiche Auswahl an Innenverteidigern mit verschiedenen Stärken zur Verfügung. Man könnte den natürlichen Kostanz-Problemen seiner jungen Abwehrspieler vorbeugen. Gleichzeit würde ein intensiver Konkurrenzkampf um den Platz an Hummels Seite entstehen.

44 Gegentore kassierten die Schwarzgelben abgelaufene Saison. Das sind fünfzehn mehr als der Drittplatzierte aus Leipzig und zwölf mehr als der FC Bayern. Bei lediglich zwei Punkten Rückstand auf den Meister waren sowohl die Defensive als auch die fehlenden Erfahrung des damals drittjüngsten Kaders ein entscheidender Nachteil im Titelkampf 2018/2019.

Mats Hummels könnte ein entscheidendes Puzzleteil für den BVB werden, eben weil er diese Probleme adressieren würde, ob als Spieler selbst oder durch seinen Einfluss auf Abwehr und Kader.

(Photo by Dean Mouhtaropoulos/Bongarts/Getty Images)

Zwei Fehler auf einen Streich?

Selbst wenn man nicht der Ansicht ist, dass Mats Hummels noch immer zu den besten Innenverteidigern der Bundesliga gehört, ist der personelle Engpass, der den Münchnern droht, sowie der Verlust seiner Erfahrung nicht von der Hand zu weisen. Das könnte der erste Fehler sein. Ob es einer wird und wie folgenschwer er wird, hängt von der Integration der Neuzugänge, dem Verletzungspech und dem Reifeprozess des plötzlich sehr jungen Abwehrverbunds ab.

Der größere Fehler könnte allerdings der Verkauf an einen direkten Konkurrenten darstellen. Sollte sich Hummels nämlich wirklich als das fehlende Puzzleteil für den BVB entpuppen, so hätte der auffällig selbstsichere Rekordmeister gleich zwei Fehler auf einen Streich begangen.

Chris McCarthy

(Main Photo by Sascha Steinbach/Bongarts/Getty Images)

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