Mittwoch, Juli 8, 2020

Fußball als Produkt: Wenn die letzte Maske fällt

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Julius Eid
Julius Eid
Redakteur

Der Fußball entwickelt sich immer mehr zum herzlosen Produkt. Zwar war dies auch vorher schon in Teilen bekannt, doch unserem Redakteur Julius Eid fällt es nun schwerer denn je darüber hinwegzusehen.

Die Liebe zum Spiel

Ich liebe Fußball. Das mag pathetisch klingen, aber es stimmt. Als Vierjähriger habe ich angefangen selber zu spielen und seitdem gab es wirklich wenig Tage, an denen ich nicht auf irgendeine Weise an das runde Leder dachte. Wenn ich mich mit Freunden auf dem Sportplatz traf spielte ich, dass ich Nedved wäre. Beckham, Del Pierro, Riquelme. Nicht nur der Amateurbereich, sondern auch der Profifußball hatte mich früh in seinen Bann gezogen und hat mich nie wieder losgelassen. Mittlerweile schreibe und rede ich täglich über Fußball, immer in einem Zeit-Geld-Verhältnis, welches eigentlich nicht zu vertreten ist. Die Spieltage an sich, das Lesen von zahlreichen Berichten, die Pressekonferenzen etc. noch nicht einmal mitgezählt. Das begründet sich in einem leidenschaftlichen Verhältnis zum “Volkssport”.

Ich bin ein emotionaler Fan und Zuschauer. Auch wenn ich dies im Rahmen von Podcasts und Artikeln beiseite schiebe, bin ich das im Kern immer gewesen und für zumindest 90 Minuten am Wochenende hat sich mein Gefühlsleben in den letzten 20 Jahren nicht wirklich verändert. Ich juble, fluche, bange. Gerne auch lautstark. Das alles funktioniert vor allem immer noch für mich, weil ich die immer deutlicher werdenden Tendenzen der letzten Jahre final doch immer von mir Wegschieben konnte. Die fortschreitende Kommerzialisierung, die immer höher werdenden Gehälter der Stars und das rar werden von Spielern denen man wirklich abnimmt, dass sie sich einem Verein auch nur zu zehn Prozent so verbunden fühlen wie man es selber tut. Das alles ist mir bewusst, aber es gab immer einen Weg den Selbstbetrug aufrecht zu erhalten. In dem jetzigen Moment habe ich erstmals Angst, dass ich diese Magie nicht mehr spüren werde.

Der Fußball ist ein Produkt

Denn meine Weigerung, die offensichtliche Entwicklung des Profifußballs in Richtung einer hyperkapitalistischen Maschinerie ohne Herz, zu akzeptieren ist nicht einer Naivität geschuldet. Es ist eine wohlüberlebte Weigerung, ein gezielter Selbstbetrug. Nur dieser ermöglicht es, noch diese kindliche Aufregung zu spüren, das Gefühl zu haben hier mehr als nur ein weiteres Unterhaltungsprogramm zu sehen. Bis jetzt gelang es mir überraschend gut, die meisten Punkte von mir fernzuhalten wenn der Anpfiff ertönte. Doch die Entwicklungen der letzten Wochen haben, wie in so vielen Teilen der Gesellschaft, auch im Fußball gnadenlos offengelegt, wie die Situation wirklich ist. Als Christian Seifert auf der Pressekonferenz der DFL von dem “vielleicht ersten Moment” sprach, in dem man offen sagen müsse, dass man letztendlich ein Produkt herstelle, ist die letzte Maske gefallen.

(Photo by Andreas Schlichter/Getty Images for DFB)

Irgendwie hatte man sich es dann ja doch anders eingeredet. Klar, die Beträge die im Zusammenhang mit TV-Rechten, Gehältern, Ablösen fallen, werden immer absurder. Aber es sind immer noch Vereine, sportliche Erfolge, die Freude der Fans, das hat immer noch einen Stellenwert in diesem Geschäft. Nur ist halt mehr Geld da. Diese Illusion ist nicht mehr haltbar. Der Selbstbetrug hat wohl zu gut funktioniert. Heruntergedampft auf einen einzigen Punkt für den der Profibereich des Fußballs steht kommt mir nur noch das Wort: “Produkt” in den Sinn. Mit aller Macht klammerte ich mich erfolgreich an mein romantisiertes Bild, doch dies wurde mir nun erstmals entrissen. Geisterspiele? Notwendig. Es geht um Einnahmen. Absagen der Spieltage, die sich zumindest an schon bestehenden, behördlichen Vorgaben orientieren? Lieber hält man sich eine Hintertür offen.

Die Hoffnung auf den nächsten Anpfiff

All diese Erkenntnisse sind natürlich beileibe nicht neu. Doch in einer solchen Klarheit, in einer solchen Dringlichkeit lagen nie zuvor alle Puzzleteile auf dem Tisch. Setzt man diese zusammen, dann bleibt nicht mehr viel was man lieben kann. Und so fühle ich mich im Moment, wie man sich eben fühlt wenn man schlussendlich begreift, dass die Liebe erkaltet ist, dass sich der Geliebte verändert hat. Die entstandene Distanz ist auf einmal greifbar.

Ich möchte nicht ausschließen, dass mich die Liebe doch noch wieder packen kann. Nein, ich hoffe sogar darauf. Wie man eben darauf hofft, dass in der alten Flamme noch immer diese tollen Eigenschaften schlummern wegen denen man sich verliebt hat. Ich hoffe, dass sich mit dem nächsten Anpfiff wie gewohnt alles Ärgerliche in den Hintergrund schiebt und mich der Fußball so ergreifen kann, wie er es bis jetzt immer geschafft hat. Doch bis zum nächsten Anpfiff werden wir wohl noch etwas warten müssen.

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Julius Eid

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