61 Tore für Bayern, zwölf für England, dazu Meisterschaft, Pokal und der Goldene Schuh. Harry Kane hat eine Saison gespielt, wie sie im europäischen Fußball seit Messi keiner mehr gespielt hat. Und trotzdem ist er in vielen Prognosen nicht der Favorit.
Was am Dienstag passiert
France Football veröffentlicht am 8. September die Shortlists für sämtliche Kategorien, 30 Namen bei den Männern. Vergeben wird der Preis am 26. Oktober – zum 70. Jubiläum ausnahmsweise nicht in Paris, sondern in London, zu Ehren des ersten Preisträgers Stanley Matthews. Gewertet wird die Zeit vom 1. August 2025 bis zum 31. Juli 2026. Abgestimmt wird von einer internationalen Jury aus Journalisten, je ein Vertreter pro Land aus den Top 100 der FIFA-Weltrangliste.
Die Zahl, die außer Messi keiner hat
Kanes Saisonbilanz für Klub und Nationalmannschaft steht bei 73 Toren. Unter Spielern aus den fünf großen europäischen Ligen hat das in einer Spielzeit nur einer überboten: Lionel Messi mit 82 Treffern für Barcelona und Argentinien in der Saison 2011/12.
Die Namen darunter machen deutlich, in welcher Gegend man sich hier bewegt.
- Lionel Messi — 82 (2011/12)
- Harry Kane — 73 (2025/26)
- Gerd Müller — 72 (1972/73)
- Cristiano Ronaldo — 66 (2011/12 und 2014/15)
- Ronaldo Nazário — 66 (1996/97)
- Erling Haaland — 64 (2022/23)
- Luis Suárez — 64 (2015/16)
Wer in dieser Liste zwischen Messi und Gerd Müller steht, hat kein Argumentationsproblem. Er hat ein Kalenderproblem.
Die Regel, an der Kane hängt
Der Kollege Karim Malim hat das bei Goal sauber herausgearbeitet: Seit 1956 belohnt dieser Preis nicht den besten Spieler, sondern den besten Spieler eines großen Turniers. In den vergangenen 19 Ausgaben ging der Ballon d’Or nur viermal an jemanden, der im selben Jahr weder Champions League noch WM, EM oder Copa América gewonnen hatte – dreimal an Messi, einmal an Ronaldo. Beides sind keine Präzedenzfälle, sondern Ausnahmen für Spieler mit eigener Umlaufbahn.
Und genau hier steht Kane vor der Tür. Bayern gewann Meisterschaft und Pokal, national also alles. In der Champions League war im Halbfinale gegen Paris Schluss – gegen den späteren Sieger. Mit England wurde er WM-Dritter. Das ist eine sehr gute Saison. Es ist keine Titelsaison im Sinne dieser Jury.
Die Liste derer, denen es genauso ging, ist lang und prominent: Wesley Sneijder gewann 2010 das Triple und stand im WM-Finale. Franck Ribéry führte Bayern 2013 durchs Triple. Mohamed Salah spielte 2017/18 eine Rekordsaison. Keiner von ihnen bekam den Preis.
Wo die Prognosen ihn sehen
Und jetzt wird es interessant, weil sich die Vorhersagen genau an der Frage spalten, um die es geht. Wer auf Zahlen schaut, hat Kane vorn. Wer auf Titel schaut, hat Rodri vorn – den Weltmeister, der beim Turnier zum besten Spieler gewählt wurde und den Ballon d’Or bereits gewonnen hat. In den redaktionellen Ranglisten der vergangenen Tage taucht Rodri häufiger an erster Stelle auf als Kane.
| Kandidat | Saison 2025/26 | Titel im Wertungszeitraum | Das Argument |
|---|---|---|---|
| Harry Kane Bayern / England |
61 Klubtore in 51 Spielen, 73 mit Nationalteam, Goldener Schuh | Meisterschaft, DFB-Pokal, WM-Dritter | Historische Torquote, aber kein großer Titel |
| Rodri Man City / Spanien |
Taktgeber im spanischen Zentrum | Weltmeister, bester Spieler der WM | Erfüllt die Regel perfekt |
| Lamine Yamal Barcelona / Spanien |
24 Tore, 18 Vorlagen | Weltmeister, La-Liga-Titel | Mit 19 Jahren zwei Endspielsiege in EM und WM |
| Kylian Mbappé Real Madrid / Frankreich |
42 Tore in 44 Spielen, WM-Torschützenkönig | keine | Beste Einzelzahlen ohne jeden Titel |
| Lionel Messi Inter Miami / Argentinien |
acht WM-Tore mit 39 Jahren | WM-Finale | Erzählung schlägt Statistik – manchmal |
Dazu kommen Namen, die auf jeder Shortlist zu erwarten sind: Erling Haaland, Ousmane Dembélé, Jude Bellingham, Declan Rice, Michael Olise. Die Frage ist also nicht, ob Kane nominiert wird. Die Frage ist, ob eine Jury, die seit Jahrzehnten Turniersieger belohnt, ausgerechnet diesmal einen Torrekord höher gewichtet.
Was für ihn spricht
Zwei Dinge, und sie sind nicht klein. Erstens ist die Konkurrenz zersplittert: Spanien stellt mit Rodri und Yamal zwei Kandidaten, die sich gegenseitig Stimmen abnehmen können. Mbappé hat die zweitbesten Zahlen und nichts gewonnen. Messi ist 39. Keiner der Rivalen vereint Zahlen und Titel so, wie es Modrić 2018 oder Cannavaro 2006 taten.
Zweitens hat die Jury dieses Jahr weniger Stimmberechtigte, was nach Darstellung der Organisatoren die Bewertung stärker auf individuelle Leistung lenken soll. Ob das so funktioniert, weiß niemand. Aber es ist die einzige strukturelle Veränderung, die in Kanes Richtung zeigt.
Zwischen Rekordhalter und Preisträger liegt kein Meter Rasen
Gewinnt er, wäre Kane der fünfte englische Preisträger nach Matthews, Bobby Charlton, Kevin Keegan und Michael Owen – und der erste Spieler eines deutschen Klubs seit Matthias Sammer 1996. Gewinnt er nicht, bleibt es dabei, dass er in seiner ganzen Laufbahn nie besser als Zehnter platziert war, bei einer Torbilanz, für die andere in den Hall of Fames stehen.
Die Wahrheit über diesen Preis ist unbequem und seit siebzig Jahren dieselbe: Er misst nicht, wie gut jemand Fußball gespielt hat, sondern in welchem Sommer er gut Fußball gespielt hat. Kane hat seinen Sommer gehabt. Er hat ihn nur mit Platz drei beendet.

