Ein Bundestrainer, ein Berater, ein Verband – und ein Ehrenpräsident, der „Übernahme“ ruft. Seit dem 15. August ist Jürgen Klopp im Amt, und die lauteste Debatte dreht sich bisher nicht um Kader oder System, sondern um den Mann, der laut Klopp gar nicht über Fußball reden soll.
Die Ausgangslage: ein Paket, das keiner aufschnüren wollte
Bernd Neuendorf hat es bei der Vorstellung in Frankfurt selbst gesagt: Klopp und Marc Kosicke seien „nur im Paket“ zu haben gewesen. Der DFB-Präsident sicherte dem 55-jährigen Kasseler „jeden Zugang“ im Verband zu, bis hinauf in sein eigenes Büro – als „externer Mitarbeiter“, nicht als Angestellter. In der offiziellen DFB-Mitteilung zu Klopps Verpflichtung tauchte Kosickes Name nicht auf. Erst auf Nachfrage wurde die Konstruktion erklärt.
Das ist der Kern des Problems. Nicht, dass Klopp einen Vertrauten mitbringt – das tun Trainer seit Jahrzehnten. Sondern dass eine Rolle geschaffen wurde, die es vorher nicht gab, mit einem Zugang, den es vorher nicht gab, für jemanden, der zwei Jahrzehnte lang die Karrieren von mehr als 30 Trainern verhandelt hat. Titel: „Co-Trainer für Strategie, Entwicklung und Innovation“. Klopp selbst nannte den Mann, den er seit 20 Jahren kennt, in bestimmten Bereichen den Besten, den er je getroffen habe.
Hoeneß‘ Wort vom „Friendly Takeover“
Uli Hoeneß hat die Skepsis in einen Satz gepackt, der hängen bleibt: „Klopp und Co. haben den DFB übernommen, und das halte ich für falsch.“ Der Bayern-Ehrenpräsident spricht von einem „friendly takeover“ – einer freundlichen Übernahme, wie man sie aus der Wirtschaft kennt, wenn ein Unternehmen mit Zustimmung des Vorstands geschluckt wird.
Die Metapher ist boshaft, aber nicht dumm. Sie beschreibt eine Struktur, in der der Cheftrainer seinen strategischen Kopf mitbringt, dieser Kopf Zugang zu allen Ebenen bekommt, und ab 1. Januar 2027 mit Per Mertesacker ein neuer Geschäftsführer Sport übernimmt, der die Nachfolge von Andreas Rettig antritt. Wer in diesem Gefüge welche Entscheidung trifft, ist von außen schwer zu erkennen. Neuendorf beteuert, die Entscheidungen fielen weiterhin in den Gremien. Das mag stimmen. Die Frage ist, wer die Vorlagen für diese Gremien schreibt.

Klopps Antwort: gelassen bis desinteressiert
Am Rande des Bundesliga-Auftakts in München reagierte Klopp bei Sky auf die Hoeneß-Kritik in einer Mischung aus Verständnis und Achselzucken. Es sei ihm egal, er verstehe die Skepsis, die Leute beurteilten Dinge, bevor irgendetwas passiert sei. Und dann der Satz, der als Wette zu lesen ist: In einem Jahr werde niemand mehr über Kosickes Rolle diskutieren, weil dann der Einfluss erkennbar sein werde.
Klopp erinnerte außerdem daran, was ihm vor seiner Verpflichtung alle zugerufen hätten: Es reiche nicht, nur den Trainer zu wechseln. Jetzt wechsle er nicht nur den Trainer – und nun heiße es, das hätte man auch nicht machen müssen. Man kann das als rhetorischen Trick lesen. Man kann es auch als treffende Beschreibung eines Landes lesen, das nach dem Achtelfinal-Aus gegen Paraguay den Umbruch forderte und jetzt vor dem Umbruch erschrickt.
Kosickes eigene Verteidigung: „Alles außer Fußball“
Am Wochenende hat Kosicke in der Frankfurter Rundschau erstmals ausführlich selbst gesprochen. Seine Rolle beschreibt er mit einem Kürzel, das Klopp ihm augenzwinkernd verpasst habe: AAF – „Alles außer Fußball“. Er werde bei Länderspielen nicht neben Klopp auf der Bank sitzen, aus sportlichen Belangen halte er sich heraus. Seine Aufgabe sei der Blick von außen: auf Abläufe, auf die Markenidentität, auf die Rahmenbedingungen für das Trainerteam. Eine Übernahme sei das nicht, es gehe darum, „die richtigen Dinge zu tun“.
Zur Interessenkonflikt-Frage sagte er, an der Agentur projectFIVE halte er seit eineinhalb Jahren keine Anteile mehr; die Agentur Projekt b leite er weiter, konzentriere sich aber ausschließlich auf den DFB. Das ist eine Nuance, die man festhalten sollte: Im Juli hieß es noch, Kosicke werde am 14. August komplett aus dem Beratergeschäft aussteigen. Jetzt ist es ein „ausschließlich konzentrieren“. Der Unterschied ist klein. Für die Frage, ob Vereinsbosse dem Mann trauen, der bis vor Kurzem ihre Trainer vertreten hat, ist er nicht klein.
Das Muster, das sich wiederholt
Der DFB hat seit 2018 zwei Bundestrainer verschlissen, einen Sportdirektor als Feuerwehrmann installiert und nun einen Geschäftsführer Sport nominiert, der erst in vier Monaten anfängt. Ein Verband in dieser Verfassung holt sich keinen Trainer, er holt sich eine Struktur – und die Struktur heißt in diesem Fall Klopp plus Kosicke plus drei Assistenten. Wer das „Übernahme“ nennt, hat den Ablauf korrekt beschrieben. Wer es kritisiert, muss erklären, welche Alternative der DFB im Juli hatte.
Die Skeptiker haben trotzdem einen Punkt, und er liegt nicht bei Kosickes Person, sondern beim Verband: Ein Zugang „bis hoch ins Büro des Präsidenten“ für einen Externen ist eine Vertrauensvorschuss-Konstruktion. Sie funktioniert, solange Klopp Erfolg hat. Am 24. September gegen die Niederlande beginnt die Nations League. Ab dann wird die Frage nach Kosickes Rolle nicht mehr in Interviews beantwortet.
Übernahme oder Rettung – die Antwort liegt auf dem Platz
Hoeneß hat recht, wenn er sagt, dass der DFB sich einer Trainerfirma ausgeliefert hat. Klopp hat recht, wenn er sagt, dass genau das gefordert wurde. Beide werden im Herbst erfahren, wer von ihnen den besseren Wettschein hält. Ein Verband, der sich selbst nicht mehr reformieren kann, muss sich reformieren lassen – die Rechnung dafür kommt nur, wenn es schiefgeht.
Häufige Fragen
Welche Rolle hat Marc Kosicke beim DFB?
Kosicke trägt den Titel „Co-Trainer für Strategie, Entwicklung und Innovation“. Er ist kein DFB-Angestellter, sondern externer Mitarbeiter mit Zugang zu allen Verbandsebenen. Sportliche Entscheidungen will er nach eigener Aussage nicht treffen und bei Länderspielen nicht auf der Bank sitzen.
Was genau hat Uli Hoeneß kritisiert?
Hoeneß bezeichnete die Konstruktion als „friendly takeover“ und erklärte, Klopp und sein Umfeld hätten den DFB übernommen, was er für falsch halte. Er stellte infrage, was die Einbindung eines Beraters in dieser Form bezwecken solle.
Wie hat Klopp reagiert?
Klopp erklärte bei Sky, die Kritik komme bei ihm nicht an, er verstehe sie aber. Kosicke sei in bestimmten Bereichen der Beste, den er je getroffen habe. In einem Jahr werde niemand mehr über die Rolle diskutieren.
Hat Kosicke noch Interessenkonflikte als Berater?
Nach eigenen Angaben hält er seit eineinhalb Jahren keine Anteile mehr an projectFIVE. Die Agentur Projekt b führt er weiter, konzentriert sich aber ausschließlich auf die DFB-Beratung. Frühere Berichte hatten einen kompletten Ausstieg zum 14. August angekündigt.
Wann steht das erste Klopp-Länderspiel an?
Klopp nominiert am 17. September seinen ersten Kader. Die Nations League startet am 24. September gegen die Niederlande, es folgen Griechenland (27.9. und 4.10.) und Serbien (1.10.).

