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90PLUS » WM-Doping-Bilanz: Die Entwarnung, die die FIFA nicht gibt
Fußball NewsWM 2026

WM-Doping-Bilanz: Die Entwarnung, die die FIFA nicht gibt

Fritz Pecker
31.07.26, 08:46
Fritz Pecker
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Slavko Vincic
Foto: Getty Images

1.933 Tests. Mehr als 3.100 Proben. 14 nationale Anti-Doping-Agenturen auf vier Kontinenten. Die FIFA hat am Dienstag ihre Doping-Bilanz zur WM 2026 vorgelegt – und dabei ausgerechnet die eine Zahl ausgelassen, auf die es ankommt.

Viele Zahlen, ein fehlender Satz

Die Mitteilung aus Zürich liest sich wie ein Leistungsnachweis. 1.250 Kontrollen in den sechs Monaten vor dem Turnier, 416 In-Competition-Tests nach Spielen, weitere 267 unangekündigte Kontrollen während des Turniers. Über 1.000 Blutproben allein in der Vorbereitungsphase. Alle Proben durch die Athlete Passport Management Unit gelaufen, besetzt mit unabhängigen Experten. Carlos Lopez, Senior Anti-Doping Manager der FIFA, ordnet das Programm dem Schutz des sauberen Wettbewerbs zu.

Was in der Mitteilung nicht steht: dass keine der Proben auffällig war.

Das ist bemerkenswert, weil die FIFA genau diesen Satz in der Vergangenheit sehr wohl gesagt hat – und zwar prominent. 2018 vermeldete der Verband nach dem Turnier in Russland ausdrücklich, es habe aus über 3.000 Kontrollen keine positiven Ergebnisse gegeben. 2014 in Brasilien trat der damalige Chefmediziner Jiri Dvorak vor die Presse und erklärte, man habe weder vor noch während des Turniers verbotene Substanzen gefunden. Zwei Turniere, zwei klare Ansagen. Diesmal: eine Zahlenreihe und der Hinweis, ein ausführlicher Report folge im Lauf des Jahres.

Der Vergleich, den die FIFA nicht anstellt

Dass es sich um das umfangreichste Testprogramm der WM-Geschichte handele, wird gern behauptet. Es hält der Rechnung nicht stand.

Turnier Teams Spieler (max.) Proben gesamt Proben je Spieler
Brasilien 2014 32 736 rund 1.000 Kontrollen ca. 1,4
Russland 2018 32 736 rund 3.390 ca. 4,6
Nordamerika 2026 48 bis zu 1.248 über 3.100 ca. 2,5

In absoluten Zahlen liegt 2026 also etwa auf dem Niveau von 2018 – bei 50 Prozent mehr Teilnehmern. Pro Kopf wurde in Russland rund doppelt so engmaschig kontrolliert wie jetzt in den USA, Kanada und Mexiko. Wer 48 Mannschaften einlädt und das Probenaufkommen nicht mitwachsen lässt, hat kein Rekordprogramm aufgelegt. Er hat ein bestehendes Programm auf ein größeres Feld verteilt.

Ein Vorbehalt gehört dazu: Die FIFA zählt inzwischen anders. 1.933 „Tests“ stehen über 3.100 „Proben“ gegenüber, weil eine Kontrolle Blut und Urin zugleich umfassen kann. 2018 wurden beide Begriffe noch weitgehend deckungsgleich verwendet. Die Probenzahl ist die belastbarere Vergleichsgröße – und sie fällt für 2026 nicht schmeichelhaft aus.

Acht Tunesier, ein Steak und die Grenze bei 5 Nanogramm

Es gibt einen zweiten Grund, warum aus Zürich kein Freispruch kommt. Anfang Juli berichtete zunächst die Daily Mail, bei mindestens acht tunesischen Spielern seien während des Turniers Spuren von Clenbuterol gefunden worden. Das Team war in Monterrey stationiert. Ermittler richteten den Blick schnell auf ein lokales Restaurant und auf kontaminiertes Rindfleisch – Clenbuterol wird in der mexikanischen Viehhaltung illegal als Masthilfe eingesetzt.

Entscheidend ist eine Feinheit im Regelwerk. Nach der WADA-Technical-Letter-23-Regelung von 2022 gilt ein Clenbuterol-Nachweis unter 5 Nanogramm pro Milliliter als „atypischer Befund“, nicht als Regelverstoß. Die Fälle laufen dann als Sachverhaltsaufklärung, nicht als Verfahren. Sanktionen gelten laut mehreren Berichten als unwahrscheinlich, die Klubs der betroffenen Spieler wurden routinemäßig informiert. Der Präzedenzfall liegt im selben Land: Bei der U17-WM 2011 in Mexiko wiesen 109 von 208 getesteten Spielern Clenbuterol-Spuren auf. Gesperrt wurde niemand.

Genau deshalb geht die Formel „alle Proben negativ“ in zwei Richtungen daneben. Acht Proben waren nicht negativ. Und keine dieser acht ist ein Dopingfall. Beides gleichzeitig – das ist der reale Stand, und er lässt sich nicht in eine Schlagzeile pressen.

Was ein Testprogramm überhaupt beweisen kann

Die Frage ist nicht, ob die FIFA schlampig getestet hat. Danach sieht es nicht aus. Die Frage ist, was ein negatives Ergebnis in der Praxis aussagt.

Anti-Doping im Fußball arbeitet mit einem strukturellen Nachteil: Die riskanteste Phase ist nicht das Turnier, sondern die Vorbereitung davor – und die findet über 48 Verbände verteilt in Ländern mit sehr unterschiedlichen Kontrollstandards statt. Dass die FIFA 1.250 Kontrollen in die sechs Monate vor dem Anpfiff gelegt hat, ist die richtige Priorität. Ob 1.250 Kontrollen für rund 1.250 potenzielle Turnierspieler reichen, ist eine andere Sache. Rechnerisch ist das eine Kontrolle pro Kopf in einem halben Jahr.

Der biologische Athletenpass fängt einen Teil davon auf, weil er Abweichungen über die Zeit sichtbar macht statt Momentaufnahmen zu bewerten. Und eingelagerte Proben lassen sich Jahre später mit besseren Methoden neu analysieren. Beides ist gute Arbeit. Beides ist aber auch das Eingeständnis, dass die Kontrolle von heute die Substanz von heute nicht zwingend findet.

Sauber – oder bloß unauffällig?

Die WM 2026 hat keinen Dopingskandal produziert. Das ist eine gute Nachricht, und sie verdient, so gesagt zu werden. Nur ist sie eben nicht dasselbe wie die Entwarnung, die man aus der Zürcher Mitteilung herauslesen möchte: Die FIFA hat Aufwand dokumentiert, nicht Ergebnisse. Der Report, der beides zusammenbringt, kommt später im Jahr – und erst dann lässt sich seriös bilanzieren.

Bis dahin gilt der unbequeme Satz, den jede Anti-Doping-Behörde kennt und keine gern ausspricht: Wer nichts findet, hat nicht bewiesen, dass nichts da war. Er hat bewiesen, dass er gesucht hat.

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