Es nicht so weit kommen lassen: Depressive Symptome im Fußball

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Spotlight | Fußball lebt von Emotionen. Zwischen Freude und maßloser Enttäuschung liegen oft nur wenige Minuten. Sobald der Anpfiff ertönt scheint alles vergessen und das Schicksal der Welt auf dem Rücken der Spieler:innen zu liegen. Der Druck entsprechende Leistungen zu zeigen ist enorm. So enorm, dass manche darunter zu zerbrechen drohen. Um diese Spieler:innen nicht alleine zu lassen muss das Thema dringend von allen Beteiligten anerkannt und thematisiert werden. Es braucht einen wissenschaftlich fundierten Diskurs.

In einer jüngst erschienen systematischen Übersichtsarbeit tragen die Autoren um den portugiesischen Sportwissenschaftler Hugo Sarmento Erkenntnisse zu depressiven Symptomen und Burnout bei Fußballspieler:innen zusammen. Insgesamt werten sie 18 verschiedene Studien aus, die sich allesamt auf den Amateur- oder Profibereich und Frauen und Männer bezogen. Gezeichnet wird ein komplexes Bild, komplexer Symptome in einem komplexen Umfeld.

Depression hat viele Gesichter

Da wäre zum einen die Vielseitigkeit einer depressiven Erkrankung. Symptome können viele Formen von Antriebslosigkeit, bis allgemeine Traurigkeit und Änderungen im Schlafverhalten sein. So gut wie jeder Mensch kennt Phasen im Leben, in denen manche dieser Symptome zeigt. Doch Symptome alleine ergeben noch keine Diagnose. Dafür müssen sich die Anzeichen über einen gewissen Zeitraum in einer gewissen Stärke zeigen. Das ändert natürlich nichts an der negativen Erfahrung eines solchen Zustands, macht gleichzeitig die Rolle von Präventionsprogrammen und rechtzeitigen Interventionen deutlich. Es ist wichtig, es vom Symptom gar nicht erst zur Diagnose kommen zu lassen. Die Übersichtsarbeit deutet in die Richtung, dass manche Interventionen hier gegensteuern können, aber auch, dass Fußballspieler:innen vermehrt depressive Symptome aufweisen, als die Allgemeinbevölkerung.

Die Gründe dafür sind vielfältig. Manche Studien weisen auf die Rolle von Verletzungen, Konflikten oder medialem Druck hin, andere diskutieren, dass selbst die Position auf der ein Spieler spielt entscheidend sein kann. Gleichzeitig gibt es viele unterschiedliche psychologische Fragebögen und andere Verfahren, mit denen man depressive Symptome messen kann. Diese Vielfalt ergibt aber mitunter ein ganz anderes Bild. Und wenn man jetzt noch bedenkt, dass sich die Symptome geschlechts- und kontextspezifisch unterschiedlich äußern können, ist die Verwirrung perfekt.

(Photo by VIRGINIE LEFOUR/BELGA MAG/AFP via Getty Images)

Noch ist unklar, wie genau eine Depression entsteht. Es gibt viele Modelle und Ansätze, jede mit Vor- und Nachteilen. Genereller Konsens ist aber, dass nicht nur individuelle Faktoren, sondern auch externe Faktoren eine Rolle spielen. Oft liegt eine generelle Vulnerabilität vor, die dann von äußeren Umständen getriggert wird. Das müssen gar keine großen Tragödien sein, sondern können auch die Häufung von kleinen belastenden „Nadelstichen“ sein oder ständiger Leistungsdruck. Wie und was als Belastung erlebt wird, ist extrem individuell.

Das macht Depressionen so tückisch und es so wichtig offen darüber zu sprechen, was genau jemanden, wie mitnimmt. Erforderlich hierfür ist eine generelle Wertschätzung. Man darf nicht zwischen „rechtmäßiger“ und „unrechtmäßiger“ Belastung unterscheiden. Für die individuelle Spieler:in ist das unwichtig. Im Gegenteil, wenn die betroffene Person massiv unter etwas leidet, was man eigentlich als „normal“ bezeichnen würde, zeigt das nur, dass hier ein erhöhtes Risiko und besondere Aufmerksamkeit von Nöten ist.

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Depression ist nicht selbstverschuldet

Spätestens seit dem Suizid von Robert Enke im Jahr 2010 ist die deutsche Öffentlichkeit sensibilisiert dafür, zu was eine Depression führen kann. Trotzdem kommt es immer wieder zu Aussagen, dass Profisportler:innen sich nicht so anstellen und mit dem Druck umzugehen sollten. Solche Meinungen sind fatal. Wer Fußball auf einem hohen Niveau spielen möchte, sieht sich natürlich Druck ausgesetzt. Der Umgang damit, trotzdem konstant Leistungen zu zeigen, ist entscheidend für den Verlauf der weiteren Karriere.

Impliziert man aber, dass jede Spieler:in selbst für ihr seelisches Heil verantwortlich wäre, dann missachtet man die komplexe Beziehung und Gleichwertigkeit zwischen psychischer und physischer Gesundheit. Niemand würde einer Spieler:in vorwerfen, dass ihr Kreuzband gerissen ist. Niemand einem Torwart ankreiden, dass er sich beim Sturz den Arm gebrochen hat. Das sind Risiken, die Spieler:innen auf sich nehmen und die natürlich auch zum Spiel dazugehören, aber die sich eben auch teilweise der Beeinflussbarkeit entziehen.

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(Photo by Daniel BELOUMOU OLOMO / AFP) (Photo by DANIEL BELOUMOU OLOMO/AFP via Getty Images)

Der Idee, dass man seine Psyche bewusst steuern könnte, es nur auf „mentale Stärke“ in der geistigen Gesundheit ankäme, liegt ein antiquiertes Verständnis menschlichen Erlebens und Verhaltens zugrunde. Man kann sicher Vorkehrungen treffen und Risikofaktoren beseitigen. Dazu gehört aber nicht, das Thema zu tabuisieren und zu stigmatisieren, sondern offen darüber zu sprechen und allen Betroffenen zuzuhören.

Wichtig ist auch eine generelle Sensibilität für das Thema Burnout herzustellen. Die Beziehung zwischen Burnout und Depressionen sind immer noch nicht vollständig verstanden. Fest steht aber, dass die psychologische Erschöpfungssymptomatik einen enormeren Risikofaktor für eine spätere Depression sein kann. Mit immer mehr Wettbewerben und mehr Spielen fällt es Spieler:innen mitunter schwer abzuschalten und eine Distanz zu ihrem Beruf aufzubauen. Nicht nur physische, sondern auch psychische Erschöpfung kann eine Folge sein. Fußballspieler:innen haben auch ein Leben abseits des Platzes und müssen es irgendwie mit dem enormen Druck auf dem Platz und den ständigen Reisestress in Einklang bringen.

Alle sind gefragt

Die Rolle, die das soziale Umfeld spielt, ist enorm wichtig. Das betrifft allen voran die Trainer:innen. Sie sind es, die das Verhalten der Spieler:innen tagtäglich genau betrachten und auf etwaige Leistungsschwankungen professionell reagieren müssen. Man kann aber auch sagen, dass das gesamte Team eines Vereins stärker für das Thema depressiver Symptomatik geschult werden sollte. Physiotherapeut:innen, angesichts der Rolle, die Verletzungen spielen. Mitspieler:innen, die jemanden vielleicht etwas privater kennenlernen, als das Trainerteam. Berater:innen, wenn es drum geht einen Karriereplan aufzustellen und den Ausstieg aus dem Sport zu moderieren. Es gilt aber auch, die Fans darauf aufmerksam zu machen, dass da unten auf dem Platz immer noch 22 Menschen stehen, die auf Belastungen ganz unterschiedlich reagieren können.

Wissenschaftliche Arbeiten sind dabei ein wichtiger Baustein, der dabei hilft, relevantes Wissen bereitzustellen. Es umzusetzen obliegt Trainer:innen, Funktionär:innen und Fans. Fußball mag von Emotionen leben, aber die Emotionen dürfen nicht so sein, dass man wegen des Fußballs nicht mehr leben will.

Informationen und Hilfsangebote zum Thema Depressionen findest du hier: https://www.deutsche-depressionshilfe.de/start

Bei Suizidgedanken: 0800 1110111

Niklas Döbler

(Photo by George Wood/Getty Images)

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