Fußball-Studie: Welche Rolle spielt Glück in der Meisterschaft?

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Spotlight | Am 10. März 2019 kam es beim Spiel Bayer Leverkusen gegen Hannover 96 zu einer kuriosen Szene. Leverkusen führte 2:0, als Genki Haraguchi (30) die Chance zum Anschlusstreffer erhielt. 14 Meter frei vorm leeren Tor stehend musste er den Ball nur noch einschieben. Doch das dichte Schneegestöber machte dem heutigen Union-Berlin-Spieler einen Strich durch die Rechnung. Wenige Zentimeter vor der Torlinie versagte das Spielgerät den Hannoveranern den Dienst und blieb einfach liegen.

Was wäre wenn?

Jeder Fußballfan weiß ähnliche Geschichten zu erzählen. Spiele, die angeblich nur durch puren Dusel entschieden wurde. Unverdiente Niederlagen, glückliche Siege und dramatische Wendungen bilden die Zutaten für launiges Geschichtenerzählen in der heimischen Fußballkneipe. Aber stimmt es wirklich, dass man erst kein Glück hatte, bis dann auch noch Pech dazu kam?

Eine jüngst erschienene Studie widmet sich der Frage, welche Rolle Glück bei Team-Performance und Tabellenposition in Europas Top-Ligen (England, Spanien, Italien, Frankreich, Deutschland) spielt. Sie verglichen dazu die obersten und untersten sechs endplatzierten Mannschaften in den Spielzeiten 2014/15 bis 2020/2021.

Expected Goals: Wie misst man den Zufall?

Um Glück überhaupt erst messen zu können, mussten die Autoren den Zufall irgendwie quantifizieren. Sie nutzen dazu unter anderem die Differenz zwischen geschossenen und erwarteten (expected GoalsxG) Toren. Gibt es hier einen positiven Unterschied, erzielen Mannschaften mehr Tore, als eigentlich statistisch erwartet. Bei einem negativen Wert ist das Gegenteil der Fall: Mannschaften schießen weniger Tore, als sie eigentlich müssten. Die Forscher zogen außerdem noch die kassierten und erwarteten kassierten Tore mit ein und berechneten so die jeweilige Tordifferenz, die sie dann wieder voneinander subtrahierten (Reale Tordifferenz – erwarteter Tordifferenz). Mannschaften, die hier einen positiven Wert aufweisen, haben also eine bessere Tordifferenz als erwartet.

(Photo by Matthias Hangst/Getty Images)

Expected goals sind grob gesagt ein Wert, der die Wahrscheinlichkeit angibt, aus einer bestimmten Position heraus zu treffen. Je nach Modell wird dabei nicht nur die Position des Spielers, sondern auch die der Gegenspieler, die Art des Schusses und andere Variablen miteinbezogen. Wichtig zu erwähnen ist allerdings, dass der xG-Wert eines Schusses nicht die individuelle Qualität eines Spielers berücksichtigt. Das heißt, dass, bei gleicher Situation, ein Kreisligaspieler laut xG die gleiche Chance zu treffen hat, wie ein Bundesligaprofi. Differenzen zwischen realen und erwarteten Toren lässt sich also nicht nur auf Glück zurückführen, sondern werden von vielen anderen Faktoren beeinflusst.

Expected Points

Um dieses Problem zu lösen zogen die Autoren der Studie einen weiteren Wert heran: die erwarteten Punkte. Die berechnen sich nicht, in dem man einfach die expected goals vergleicht, sondern aus einer Wahrscheinlichkeitsverteilung über Sieg, Niederlage oder Unentschieden. Sind die Chancen hier bei 40, 10 und 60% angesetzt, dann hat ein Team einen erwarteten Punktwert von 0.4 * 3 + 0.1 * 1 und 0.6 * 0 = 1.3.

Die Logik der Studie war nun, dass wenn sich zwei aufeinanderfolgenden Ränge statistisch signifikant in den erwarteten Punkten, aber nicht in der erwarteten Tordifferenz unterscheiden, Glück, im Sinne von nicht gemessenen, zufälligen Ereignissen, im Spiel gewesen sein muss. Gäbe es aber auch einen statistischen Effekt der Tordifferenz, also der realen Leistung, dann kann es sein, dass der Unterschied in den Punkten darauf zurückzuführen ist. Der Leistungsunterschied selbst kann ja auch durch individuelle Klasse entstehen, muss also nicht zwangsläufig etwas mit Glück, also vorteilhaftem Zufall, zu tun haben.

Ergebnisse: Braucht es Glück für den Titel?

Die Ergebnisse zeigen zunächst, dass sowohl Leistungs-, als auch Punktdifferenz in Abhängigkeit der Position ungleich verteilt sind und zwar für alle Ligen und alle Saisons. Höher platzierte Mannschaften haben also eine bessere Tordifferenz und mehr Punkte, als eigentlich erwartet.

Genauere Analysen zeigten allerdings, dass dieser Unterschied nicht für Vergleiche von zwei aufeinander folgenden Rängen gilt. Einzige Ausnahme blieb der Unterschied von Platz 2 und 3. Das bedeutete, dass zwar Position 1 und 2 im Vergleich zu Plätzen 3-6 klar überperformt haben, aber dass diese Überperformance nicht den Unterschied zwischen Platz 1 und 2 erklären kann. Gleiches gilt auch für die unteren sechs Plätze der Ligen.

(Photo by Lars Baron/Getty Images)

Wenn es Unterschiede zwischen den Rängen gab, dann waren diese außerdem immer auf einen Unterschied in beiden Variablen, Tordifferenz und Punktdifferenz zurückzuführen. Das heißt, dass es keinen eindeutig zu identifizierenden Einfluss des Glücks in der Platzierung der Mannschaften gab.

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Fazit: Glück oder Können?

Je nachdem, wie liberal man die Ergebnisse interpretiert, kann man vereinzelte Hinweise auf einen kleinen Glücks-Faktor finden. Alles in allem muss aber gesagt, werden, dass auch wenn Glück eine Rolle im Fußball spielen kann, es keine Meisterschaften entscheidet. Glück ist per Definition zufällig verteilt, das heißt, dass bei jedem neuen glücklichen Last-Minute-Ausgleichstreffer die Wahrscheinlichkeit sinkt, dass wir es hier mit reinem Glück zu tun haben, sondern vielmehr mit Konstanz in der Leistung, die nicht auf reinen Zufall zurückzuführen sind. Selbst wenn einzelne und entscheidende Spiele glücklich gewonnen werden konnten, nivellieren sich diese Effekte im Verlauf der ganzen Saison.

Die Autoren der Studie geben auch zu bedenken, dass sich Glück oft nicht von individueller Qualität unterscheiden lässt. Es mag eindeutige Situationen, wie die bei Haraguchi geben, aber wenn ein Torwart genau richtig steht um einen Ball abzufangen, hat er dann Glück gehabt oder einfach nur individuelle Klasse gezeigt? Die Rolle von Glück in manchen legendären Spielen bleibt willkommenes Thema für leidenschaftliche Diskussionen. Doch für die Entscheidung, wer am Ende Meister wird oder absteigt, spielt es keine Rolle. Hier zählt nur konstant gute oder schlechte Leistung.

„Immer Glück ist Können“, brachte es Hermann Gerland einst präzise auf den Punkt. Es scheint, als würde dieser Spruch auf ewig gelten.

Niklas Döbler

(Photo by Stuart Franklin/Getty Images)

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