Fanpanel zu Real vs. Atlético: „Real Madrids Erfolgsserie ist auf einem dünnen Fundament gebaut“

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In La Liga steht das Derbi Madrileño auf dem Programm: Real Madrid empfängt Atlético Madrid. Damit treffen nicht nur zwei ewige Stadtrivalen aufeinander, sondern auch die beiden vergangenen spanischen Meister. 

Im Vorfeld der Partie haben wir mit Real-Experte Nils Kern (realtotal.de) und mit Atlético-Experte Bastian Quednau (u.a. barcawelt.de) über die Ausgangslage und wichtigsten Themen rund um die beiden Mannschaften gesprochen.

„Atlético hat tatsächlich einiges verloren“

90PLUS: Was erwartet ihr euch im Derbi Madrileño vom jeweiligen Kontrahenten?

Nils Kern: Atlético hat tatsächlich einiges verloren, was sie sonst auszeichnete: Ihre verlorene Heimschwäche wird Real Madrid nicht ausnutzen können, aber vielleicht, dass die „Rojiblancos“ in LaLiga schon vier Standard-Gegentore kassierten. Denn da ist Real Madrid durchaus variabel: Aus dem Kombinationsspiel, nach Kontern oder langen Bällen oder nach Ecken und Freistößen können die Königlichen gefährlich sein. Ich erwarte jedoch keinen offenen Schlagabtausch, dafür muss sich Atlético erstmal defensiv neu orientieren aufgrund einiger Ausfälle. Real wird erneut mit Top-Elf den Ball haben, die Gäste auf Konter lauern. Und dadurch vermutlich auch im vierten Derby in Folge bei Real ohne eigenen Treffer bleiben. Ein 0:0 wäre für Atleti aktuell kein Rückschlag.

Bastian Quednau: Real Madrid ist wirklich ein Phänomen. Seit Jahren spekulieren wird darüber, dass ihr Kader zu alt, ihre Spieler zu satt seien, und dennoch sind sie Jahr für Jahr oben dabei. Natürlich kann man dabei argumentieren, dass sie ihre Partien nicht immer dominieren oder in ihnen nicht durchgehend überzeugen. Aber sie gewinnen sie, und das ist es, worauf es am Ende ankommt.

Mit Karim Benezma und Vinícius Jr. hat Real außerdem nicht nur das beste Sturm-Duo La Ligas, sondern auch eines der besten in Europa im Kader, das gegnerischen Defensiven das Leben schwer macht. Diese offensive Klasse, gepaart mit der Erfahrung der Mannschaft, dem Heimvorteil im Bernabéu sowie dem Wissen, mit einem Sieg dem aktuellen Meister auf 13 Punkte enteilen zu können, macht es mir schwer, Atlético am Sonntag allzu große Siegchancen auszurechnen.

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„Es ist der Mensch Ancelotti, der den Königlichen zu altem wie neuem Glanz verholfen hat“

90PLUS: Nils, über die Entscheidung, Carlo Ancelotti als „alten neuen“ Trainer zu installieren, war bei weitem nicht jeder glücklich in Madrid. Viele Skeptiker sehen sich jedoch positiv überrascht. Wie beurteilst du die bisherige Entwicklung unter dem Italiener, auch in taktischer Hinsicht?

NK: Weil man sich mit Conte nicht einigen konnte, Allegri nicht wollte und Nagelsmann und Pochettino vergeben waren, konnte man Ancelotti durchaus als Plan B oder C bezeichnen. Und trotzdem zeigt sich, wie wichtig es ist, Klub, Liga, Sprache und manche Spieler schon zu kennen. Reals Kader hat 2020/21 noch lange um den Titel gekämpft, brauchte nur eine neue Aufpolierung, da hat Ancelotti mit seiner Art absolut das Feuer neu entfacht.

Auch wenn noch lange nicht alles perfekt läuft, offensiv wie defensiv gibt es aktuell wenig zu kritisieren. Ancelotti versprach auf seiner Präsentation „offensiven und spektakulären“ Fußball, und auch wenn immer mal glückliche oder minimalistische Siege eingefahren werden, sind durchschnittlich 2,27 Tore und 0,77 Gegentore sehr gute Werte. Taktisch hat er gar nicht viel verändert, lässt meist die gleichen spielen, er hält sogar bewusst auch während eines Spiels am 433-System fest. Es ist der Mensch Ancelotti, der den Königlichen zu altem wie neuem Glanz verholfen hat.

90PLUS: Neun Siege in Folge, zwölf Spiele ungeschlagen – auch wenn nicht sämtliche Auftritte restlos perfekt waren: es läuft rund für Real Madrid! Dass man beim Thema Meisterschaft mehr als ein Wörtchen mitreden wird, steht ob des Punktevorsprungs völlig außer Frage. Doch wie stehen die Chancen, auch in der Champions League wieder ins oberste Regalfach zu greifen? Wo siehst du Real im Vergleich zu Bayern, Manchester City und Chelsea?

NK: Real Madrids aktuelle Erfolgsserie ist auf einem dünnen Fundament gebaut oder anders gesagt: auf einer dünnen Personaldecke. Ancelotti hat seinen Stamm aus zwölf, 13 Feldspielern und rotiert weder in großen noch in „kleinen“ Spielen, und wenn, dann nur minimal. Sollte sich durch die Belastung ein Stammspieler wie Alaba, Modric oder Vinícius verletzen, hätte man ein Problem. Daher wäre ich noch vorsichtig mit einer Prognose. Die Meisterschaft ist absolut möglich, aber was Bayern, Liverpool und City nicht nur an Geschwindigkeit und Präzision, sondern durch ihre Trainer auch an Variabilität und Flexibilität auf den Platz bringen – da weiß Ancelotti selten zu überraschen.

Nichtsdestotrotz kündigte Ancelotti letztens selbstverständlich an, man könne mit diesen Teams mithalten. Und natürlich kann an diesen speziellen CL-Abenden Real Madrid jeden schlagen, aber wie viel besser Chelsea im vergangenen Halbfinale war, das hat Eindruck in Madrid hinterlassen. Da ist man in Madrid schon sehr froh, dass es zu Platz eins reichte, auch wenn unter den Gruppenzweiten ausgerechnet Reals „Kryptonit“ Tuchel wartet. Trotzdem sollte Real unter den fünf Favoriten genannt werden.



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Atlético „agiert teilweise schrecklich ideenlos“

90PLUS: Bastian, Atlético wirkt bei weitem nicht mehr so gefestigt wie das in der vergangenen Meistersaison über weite Strecken der Fall war. Gegen kleinere Mannschaften lässt man immer wieder Punkte liegen, die Defensive ist anfälliger und der Rückstand auf Spitzenreiter Real liegt mittlerweile bei zehn Zählern. Woran hakt es bei den „Rojiblancos“?

BQ: Zum einen schaffen es die Mannen von Diego Simeone nicht, ihre offensive Qualität konstant abzurufen. Rein von den Namen her dürfte Atlético die beste Sturmabteilung in La Liga haben. Allzuoft sieht man davon jedoch nichts, die Offensive agiert teilweise erschreckend ideenlos. Nicht selten braucht es dann auch mal ein glückliches Tor wie gegen Porto, um Atlético auf die Siegerstraße zu bringen.

Ein weiterer Punkt ist die mangelnde Konzentration sowie unnötige Fehler in der Defensive zu Ende der Partie hin. Startete man mit vielen Last-Minute-Toren in die Saison, wendete sich das Blatt hier zuletzt. Sowohl gegen den FC Valencia (92. und 96. Minute) und die UD Levante (90. Minute) als auch gegen den AC Mailand (87. Minute) kassierte man späte Gegentore, die jeweils zu Punktverlusten führten.

Atlético-Fans kann immerhin Hoffnung geben, dass man es mit oftmals mäßigen Leistungen dennoch geschafft hat, momentan auf Platz fünf in der Tabelle zu stehen. Sollte die Offensive erst einmal richtig klicken und die Defensive sicherer stehen, ist das Potenzial dieser Mannschaft riesig. Ob es – diese hypothetische Leistungssteigerung mal vorausgesetzt – dennoch für die Meisterschaft reichen könnte, wird sich wohl an diesem Sonntag entscheiden. Denn wenn Real seinen Vorsprung auf die Rojiblancos weiter ausbauen sollte, dürfte dieser Rückstand selbst für das beste Atlético-Team zu groß sein.

Real Madrid oder Atlético Madrid? Die Prognosen zum Derbi Madrileño

NK: Atlético hat möglicherweise den breiteren Kader, Real Madrids Stammspieler sind aber die besseren und funktionieren aktuell zudem besser als Einheit. Diese Qualität und Form werden sich am Ende durchsetzen auch dank des ersten Derbys vor Fans seit Februar 2020. Real Madrid gewinnt knapp, aber am Ende kontrolliert mit 1:0.

BQ: Man muss kein Prophet sein, um eine intensiv geführte Partie vorauszusagen. Ebensowenig wird es kaum überraschen, dass Atlético im Bernabéu zunächst einmal den passiveren Part übernehmen wird. Ob die Defensive dabei lange die Null halten kann, ist jedoch fraglich. Mit José María Giménez fällt der Abwehrchef erneut aus. Dazu werden auch die beiden nominellen Rechtsverteidiger Kieran Trippier und Sime Vrsaljko nicht zur Verfügung stehen. Auch hinter dem Einsatz von Luis Suárez steht noch ein Fragezeichen.

Die letzten Auftritte in Liga und Königsklasse sprechen so gar nicht für Atlético, und dennoch ist es gerade das, was mir etwas Mut für das Derbi macht. Auch wenn es eine abgedroschene Phrase ist, aber die Colchoneros sind dann am besten, wenn ihnen niemand etwas zutraut. Dies zusammen mit dem emotionalen Erfolgserlebnis aus Porto könnte durchaus zu einem guten Auftritt beim großen Stadtrivalen führen. Wenngleich ich mit einem engeren Spiel rechne, als es die Leistungen beider Teams zuletzt haben vermuten lassen, denke ich doch, dass Real sich am Ende knapp durchsetzen und somit bereits eine kleine Vorentscheidung im Meisterschaftsrennen fallen wird.

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Michael Bojkov

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