Sevilla. José Mourinho hat in seiner Karriere für fast alles eine Erklärung gefunden. Schiedsrichter, Spielpläne, Verletzungen, Journalisten. Am Freitagabend in der Cartuja fand er keine. „Manchmal verliert man und weiß nicht, warum“, sagte er nach dem 0:1 seiner Madrilenen bei Betis Sevilla. „Ich kann keine Rechtfertigung finden, weil die Mannschaft in allen Bereichen sehr gut gespielt hat.“ Es war die erste Niederlage seit seiner Rückkehr an die Seitenlinie von Real Madrid – und die erste, bei der der Trainer keine Antwort hatte.
Das ist bemerkenswert bei einem Mann, dessen Fußball auf Kontrolle gebaut ist. Und es ist der Punkt, an dem man genauer hinschauen muss. Nicht, weil Real schlecht gespielt hätte. Sondern weil eine Mannschaft mit einem Expected-Goals-Wert von 3,16 und acht Schüssen aufs Tor ohne einen einzigen Treffer nach Hause fährt. Das ist kein Zufall mehr. Das ist ein Muster, das sich seit Saisonbeginn andeutet und in Sevilla zum ersten Mal Punkte gekostet hat.
Was passiert ist
Real dominierte die erste Halbzeit fast nach Belieben. Kylian Mbappé scheiterte früh aus kurzer Distanz an Álvaro Valles und traf wenig später den Pfosten, Federico Valverde vergab einen Kopfball aus wenigen Metern, Mbappé scheiterte kurz vor der Pause gleich doppelt, Jude Bellingham per Kopf am Torwart, und Dean Huijsen setzte einen Kopfball an die Latte. Sechs Großchancen, null Tore.
Nach der Pause wurde Betis mutiger, und in der 81. Minute passierte, was in solchen Spielen passiert: Nach einer Ecke parierte Thibaut Courtois einen Kopfball noch stark, den Abpraller drückte der eingewechselte Troy Parrott über die Linie – sein erstes Tor für Betis. Dann das Finale: Mbappé traf mit einer verrutschten Flanke die Latte, Sommerzugang Carlos Espí erzielte per Fallrückzieher den vermeintlichen Ausgleich, doch der Videoassistent erkannte Abseits in der Entstehung. Und in der vierten Minute der Nachspielzeit, nach einem Foul von Natan an Vinícius Júnior, trat Mbappé zum Elfmeter an – und scheiterte an Valles.
Riss eins: Ein Elfmeter ist kein Einzelfall
Real reklamierte, Marc Bartra sei beim Strafstoß zu früh in den Strafraum gelaufen und habe den Ball nach der Parade geklärt – der Elfmeter hätte wiederholt werden müssen. Vertretbar. Aber die Diskussion verdeckt, dass Mbappé vom Punkt kein Vertrauensträger ist. Der Fehlschuss reiht sich ein in eine Serie, die Beobachter seit seiner Ankunft in Madrid begleitet: vergeben gegen Liverpool in der Champions League, vergeben in Bilbao, jetzt Sevilla. Ein Spieler dieser Klasse, der in entscheidenden Momenten vom Punkt unsicher wird, ist für eine Mannschaft, die enge Spiele über Standards entscheiden will, ein strukturelles Problem – kein Pech.
Riss zwei: Die drei Siege waren knapper, als die Tabelle sagt
Zehn Tore, zwei Gegentore, drei Siege – so las sich Reals Start. Aber schon der Sieg bei Espanyol kam erst durch einen späten Treffer von Espí zustande, einem Spieler, der laut Mourinho zehn bis fünfzehn Minuten bekommt. Wer in der Frühphase der Saison auf Joker und Nachspielzeit angewiesen ist, hat ein Effizienzproblem, das gute Tabellenplätze verdecken. In Sevilla kam der späte Ausgleich wieder – diesmal stand der Torschütze im Abseits. Die Methode war dieselbe, das Ergebnis nicht.
Riss drei: Der Trainer als Erklärungsmaschine, die stockt
Mourinho hat nach dem Spiel nichts kritisiert. Nicht die Mannschaft, nicht einzelne Spieler, nicht einmal den Schiedsrichter – „ich habe die Szenen nicht gesehen“. Das kann man als Größe lesen. Man kann es aber auch als das lesen, was es ist: Ein Trainer, der seinen Job seit Wochen mit der Botschaft macht, alles sei unter Kontrolle, sitzt vor einer Niederlage, für die sein Modell keine Kategorie hat. „Wir haben es verdient, klar zu gewinnen – aber Verdienst bringt keine Punkte.“ Das ist ein Satz, der bei Real Madrid nicht lange trägt. Vorgänger Álvaro Arbeloa hat das erlebt.
Zur Einordnung: Es ist das erste Mal seit der Saison 2014/15, dass Real eines seiner ersten vier Ligaspiele verliert. Die Skeptiker, die vor dem Spiel sagten, Mourinhos Mannschaft habe noch keinen echten Test gehabt, haben ihre Antwort bekommen. Der erste echte Test ging verloren.
Was jetzt kommt
Der Kalender wird nicht freundlicher. Am Dienstag startet Real im Bernabéu gegen Inter Mailand in die Champions League, danach folgen Rayo, Elche und das Derby bei Atlético. Barcelona kann am Sonntag in Valencia an der Tabellenspitze davonziehen. Drei Wochen, in denen sich zeigt, ob Sevilla ein Betriebsunfall war oder der erste Abend, an dem die Rechnung nicht aufging.
Mourinho kündigte an, das Spiel am Samstag noch einmal anzuschauen – vielleicht ändere er dann seine Meinung. Es wäre das erste Mal in dieser Saison, dass er eine ändern müsste.

