80. Minute im Mestalla, es steht 4:0, und Hansi Flick nimmt Pedri vom Feld. Herein kommt ein Stürmer, der vor einer Woche unterschrieben hat und dessen letzte anderthalb Jahre aus Reha bestanden. Zehn Minuten, ein Torschuss, Endstand 5:0. So sieht ein Debüt aus, das nichts entscheiden musste.
Zehn Millionen, drei Jahre, ein Kreuzband
Gabriel Jesus ist am Deadline Day von Arsenal nach Barcelona gewechselt, für rund zehn Millionen Euro plus Boni, mit Vertrag bis 2029. Für einen 29-jährigen Brasilianer mit Titeln bei Manchester City und der englischen Meisterschaft mit Arsenal im Gepäck ist das ein Preis, der eine Vorgeschichte erzählt: 2025 riss ihm das Kreuzband, seither hat er kaum regelmäßig gespielt. In seinen Arsenal-Jahren stehen 32 Tore in 123 Pflichtspielen – ordentlich, aber weit unter dem, was die 45 Millionen Pfund Ablöse von 2022 versprochen hatten.
Sportdirektor Deco hat also nicht einen Mittelstürmer gekauft. Er hat eine Option gekauft. Bei zehn Millionen ist das vertretbar. Bei einer Verletzungsakte dieser Größe ist es trotzdem eine Wette.
Was Barcelona verloren hat – und warum es nicht auffällt
Denn im Sturmzentrum ist tatsächlich ein Loch entstanden. Robert Lewandowski und Ferran Torres haben den Klub im Sommer verlassen, zwei etatmäßige Neuner auf einmal. Wer daraus einen Krisenbefund basteln will, sollte allerdings kurz in die Tabelle schauen.
Barcelona hat die ersten vier Ligaspiele allesamt gewonnen: 5:0 in Elche, 2:0 gegen Athletic, 5:2 gegen Rayo Vallecano, 5:0 in Valencia. Siebzehn eigene Tore, zwei Gegentore. Der spanische Meister trifft im Moment aus jeder Lage, ohne dass ein klassischer Mittelstürmer beteiligt sein müsste. Flicks Angriff funktioniert über Bewegung, nicht über eine Anspielstation.
Man kann das als Argument gegen den Transfer lesen. Man kann es auch als Grund dafür lesen, warum Barcelona ihn sich leisten konnte: Jesus muss nichts retten. Er muss nur bis Januar gesund werden.
Flicks deutscher Draht
Für 90PLUS-Leser hat der Kader ohnehin einen vertrauten Klang. Zweiter Sommerzugang der Katalanen war Karim Adeyemi, der Borussia Dortmund nach vier Jahren für rund 22 Millionen Euro plus Boni verließ und bis 2031 unterschrieb. Adeyemi hat öffentlich gesagt, Flick sei der Grund für den Wechsel gewesen – jener Trainer, der ihm als Bundestrainer sein erstes A-Länderspiel gegeben hatte. Davor war bereits Anthony Gordon für kolportierte 70 Millionen aus Newcastle gekommen.
Barcelona hat diesen Sommer viel Geld für Flügel ausgegeben und zehn Millionen für die Mitte. Das ist keine Nachlässigkeit. Das ist die Beschreibung dessen, wie diese Mannschaft spielt.
Der Spieler weiß es selbst
Jesus hat sich nach dem Spiel gegenüber den Klubmedien betont vorsichtig geäußert. Körperlich fühle er sich gut, aber die Spielpraxis fehle ihm noch; je mehr Minuten er bekomme, desto besser werde es. Über das Debüt und den Sieg freue er sich sehr. Dazu ein Satz, der in Katalonien gut ankommen wird: Er liebe den Fußball und er liebe Barcelona, so wolle er spielen.
Ehrlicher kann man die eigene Lage kaum beschreiben. Es ist die Sprache eines Spielers, der weiß, dass er sich nach oben arbeiten muss und dass ihm niemand etwas schenkt.
Am Mittwoch beginnt der Ernstfall
Am Mittwoch empfängt Barcelona Feyenoord zum Auftakt der Champions-League-Ligaphase, am Sonntag geht es nach Levante. Vier Wettbewerbe, ein Kader mit Tempo an den Flügeln und ohne gelernte Spitze – irgendwann im Herbst kommt der Abend, an dem das nicht reicht, an dem eine tiefstehende Mannschaft den Raum zumacht und jemand gebraucht wird, der im Sechzehner steht und ihn ausfüllt.
Für genau diesen Abend ist Gabriel Jesus geholt worden. Ob er dann fit ist, weiß niemand, auch er nicht. Zehn Minuten beim 5:0 beantworten die Frage jedenfalls nicht – sie stellen sie erst.
Der Klub selbst hat den Zweifel übrigens nie bestritten: Nach Sky-Informationen hält der Jesus-Transfer Barcelona nicht davon ab, weiter an Julián Álvarez zu arbeiten. Wer sich eine Option kauft, denkt eben schon an die nächste. Ausführlich nachlesen lässt sich der Fall bei Goal.

